Magazinrundschau - Archiv

Gazeta Wyborcza

171 Presseschau-Absätze - Seite 12 von 18

Magazinrundschau vom 03.01.2006 - Gazeta Wyborcza

Im zweiten Teil seiner Artikelserie über Arbeitsmigranten in Europa, schreibt der polnisch-schwedische Publizist Maciej Zaremba diesmal über den berühmten Konflikt zwischen schwedischen Gewerkschaftlern und lettischen "Billigarbeitern" im Dezember 2004. "Als jemand, der von der anderen Seite kommt, kann ich verstehen, dass es für die Letten nicht um den Kampf um gleiche Arbeitsbedingungen, sondern um ein weiteres Kapitel in der Geschichte der schwedischen Überheblichkeit geht. Die schwedischen Gewerkschaften müssen auf ihre Interessen achten - nur sollten sie nicht verlangen, dass sich die armen Letten mit den reichen Schweden solidarisieren."

Außerdem zwei Stimmen zur "Geschichtspolitik": den Historiker Henryk Samsonowicz erinnert die Geschichte an ein "Kostümdepot, in dem viele verschiedene Verkleidungen aufbewahrt werden. Und man zückt immer das, was gerade gebraucht wird. Denn die Geschichte ist zu wichtig, als dass die Politiker sie den Historikern überlassen könnten". Und Adam Krzeminski ärgert sich darüber, dass in der Buchreihe "Europa bauen" Luciano Canforas "Kurze Geschichte der Demokratie" erschienen ist - ein Werk, in dem Stalin bejubelt und die "Solidarnosc" mit keinem Wort erwähnt wird. "Umso größere Anerkennung verdient der C.H. Beck Verlag, der Canforas Publikation nicht in die deutschsprachige Edition aufnehmen will, mit dem Hinweis auf die drastischen Defizite bezüglich Mittelosteuropas und die Bagatellisierung des Stalinismus".

Magazinrundschau vom 27.12.2005 - Gazeta Wyborcza

"Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst des polnischen Klempners" beginnt der polnisch-schwedische Publizist und Historiker Maciej Zaremba seinen Artikel über Arbeitsmigrationen im heutigen Europa - von den Schweden, die in Norwegen arbeiten, über die Letten und Polen, die in Schweden ihre Arbeitskraft anbieten, bis zu den Ukrainern, die von Polen ungeliebte Jobs übernehmen. "150 Jahre nach dem 'Kommunistischen Manifest' ist der Arbeiter wieder ein Schreckgespenst. Diesmal schwenkt er nicht die Fahne und will keine Systeme umstürzen - er will nur arbeiten. Und das ist das Erschreckende daran." Von den schwedischen Gewerkschaftlern, die gegen lettische Konkurrenz protestieren, bis zum britischen Europaminister ("Oh, we love the Polish plumber!") - alle haben sich mit dem Problem auseinanderzusetzen. "750 Zloty für einen Kiewer Professor und 40 mal mehr für einen schwedischen Warenverlader in Norwegen - der Unterschied hat nichts mit dem Wert der Arbeit zu tun, sondern mit Geschichte, Grenzen und künstlichen Währungskursen". Der Artikel war im November Teil einer Serie im schwedischen Dagens Nyheter.

Die polnische Gesellschaft verabschiedet sich langsam vom Mythos der Homogenität und muss sich mühsam mit der Existenz von Minderheiten anfreunden, so der Tenor eines Interviews mit der Menschenrechtlerin und Publizistin Halina Bortnowska. "Einerseits gibt es in der Gesellschaft die Tendenz, die Vielfalt zu begrüßen, sich Europa und zur Welt zu öffnen. Andererseits sehen viele die Nähe der Welt als Bedrohung und möchten die Grenzen der eigenen Gemeinschaft dicht machen." Mit der neuen, konservativen Regierung scheinen die Letzteren Oberhand zu gewinnen, was sich als erstes in einem Demonstrationsverbot für Schwulen ausdrückte.
Stichwörter: Norwegen, Tenor, Arbeitsmigration

Magazinrundschau vom 20.12.2005 - Gazeta Wyborcza

Die Literaturkritikerin und führende Feministin Polens, Kinga Dunin (mehr), überlegt, was es bedeutet, dass schwul-lesbische Literatur - vor allem Michal Witkowskis lautes Buch "Lubiewo" (ein Fragment hier) - in Polen gerade in Mode kommt. Witkowskis Helden sind Tunten, die ihre sexuellen Bedürfnisse in Hinterhöfen und öffentlichen Toiletten befriedigen. Für Dunin eine passende Metapher für die Analyse der gesellschaftlichen Wahrnehmung der Andersartigkeit: "In gewissem Sinne blieb das Coming Out noch aus, und die Schwulen und Lesben stecken weiterhin in dieser Toilette - nur ist sie jetzt größer, besser ausgestattet und liberaler. Mann kann dort Menschen mit verschiedenen Präferenzen begegnen und eine nette Zeit miteinander verbringen. Die Passanten schauen kurz durchs Fenster, immer noch etwas verwundert, dafür schmeißen sie nur noch selten mit Steinen." Das Interesse an schwul-lesbischen Themen und die Mode für solche Literatur zeuge also von einer gewissen Akzeptanz, was eine positive Tendenz darstellt, so Dunin.

Bibliothekare gehören zur bedrohten Spezies auf Kuba, berichtet die Publizistin Anna Bikont. Es geht vor allem um unabhängige Bibliotheken, die zum Beispiel Werke osteuropäischer Dissidenten wie Vaclav Havel oder Adam Michnik aber auch "Harry Potter" in Umlauf bringen. "Seit Castro verkündet hat, dass es auf Kuba keine verbotenen Bücher gibt, sondern nur zu wenig Geld, um sie zu kaufen, organisieren die Kubaner eigene Büchersammlungen - mit Unterstützung der Kubaner in Miami und vieler europäischer Institutionen. Viele Bücherspenden werden schon unterwegs 'verhaftet', die Polizei drangsaliert die Empfänger. Von den 75 Oppositionellen, die Castro im Frühjahr 2003 verhaften ließ, waren 16 Besitzer privater unabhängiger Bibliotheken." Auch die polnische Reporterin und ihre italienische Kollegin wurde beim Schreiben des Artikels verhaftet und ausgewiesen.

Magazinrundschau vom 13.12.2005 - Gazeta Wyborcza

In Polen wird gerade über die Freiheit der Kunst gestritten. Anlass ist das Stück "Wilgefortis", das am Theater Wierszalin aufgeführt werden sollte. In dem Stück geht es um eine Prinzessin, die gegen ihren Willen verheiratet werden soll. Sie betet zu Gott, dass er ihr einen Bart wachsen lässt, der tut ihr den Gefallen. Zur Strafe wird sie gekreuzigt. Dieses Bild - der gekreuzigte Jesus als Frau mit Bart und nackten Brüsten - hat die nationalkatholische "Liga der Polnischen Familien" so in Rage versetzt, dass sie mit Protesten einen Aufführungsstopp durchsetzen konnte. Für Regisseur Piotr Tomaszuk ist das schlicht Zensur: "Das Theater ist, ähnlich wie die Galerie, ein gesonderter Raum, in dem Fiktion regiert. Wenn jemand das in Frage stellt, weil er glaubt, dass der Künstler kein Recht hat, in diesem Raum frei zu denken, heißt das, dass die Zensur zurück kommt."

Magazinrundschau vom 06.12.2005 - Gazeta Wyborcza

Einer der größten Bestseller Spaniens in den letzten Jahre, "Soldaten von Salamis", wurde jetzt ins Polnische übersetzt. Der Autor Javier Cercas spricht im Interview über den spanischen Umgang mit der geteilten Geschichte und die neu entbrannte Diskussion über den Bürgerkrieg 1936-39. "Wir brauchen Distanz. Vielleicht wird sie uns, der Enkelgeneration, gelingen. Mein Buch handelt nicht vom Bürgerkrieg. Es geht um einen Vertreter meiner Generation, der sich vor diesem Thema geekelt hat und jetzt plötzlich die Wahrheit erfahren will. Jorge Semprun sprach zum Jahrestag des Kriegsendes davon, dass bald die Generation der Zeugen aussterben wird. Wer wird sie ersetzen? Die Schriftsteller. Literatur geht weiter als die Geschichte - sie benutzt die Fakten, um weiter zu gehen und über die moralische Wahrheit zu sprechen."

Seit Geena Davis in einer amerikanischen Serie ("Commander in Chief") die Präsidentin der Vereinigten Staaten spielt, fragen sich immer mehr Menschen, ob diese Vision schon bald Realität werden könnte - zumal Hillary Clinton und Condoleezza Rice als ernsthafte Kandidatinnen gehandelt werden. "Kann eine populäre Serie dazu beitragen? Ja", meint Marcin Gadzinski, "schließlich bezieht ein Viertel der jungen Wähler ihr politisches Wissen aus dem Fernsehen." Auch Organisationen wie "The White House Project" seien ein Indikator dafür, dass die Frauen es ernst meinen.

Magazinrundschau vom 22.11.2005 - Gazeta Wyborcza

Vor einem Jahr begann mit den Massenprotesten in Kiew, nach der gefälschten Präsidentenwahl, die sogenannte Orange Revolution in der Ukraine. In ihrer Wochenendausgabe blickt die polnische Gazeta Wyborcza zwei Mal zurück. "Pluralismus, Redefreiheit, das Entstehen unabhängiger Medien und das Recht, seine Meinung frei äußern zu dürfen - das sind die größten Errungenschaften der Revolution. Aber man möchte mehr, und man möchte es schneller", fasst Marcin Wojciechowski die momentane Gefühlslage der Ukraine zusammen. Er unterstreicht auch, dass selbst jene, die von den bisherigen Veränderungen enttäuscht sind, geeint hinter dem von Präsident Juschtschenko vorgegebenen Ziel stehen: dem Weg in die EU.

Auch für Wiatscheslaw Briuchowietzki, Rektor einer Kiewer Universität und einer der Anführer der Pro-Juschtschenko-Partei "Unsere Ukraine", hat sich die Revolution gelohnt. "Dank der Ereignisse vor einem Jahr sind die Ukrainer zu einer politischen Nation geworden - sie haben ihr Schicksal in ihre Hände genommen!" Das Problem sieht Briuchowietzki vor allem darin, dass die Hoffnungen der Ukrainer unmöglich in diesem Jahr realisiert werden konnten.
Stichwörter: Pluralismus, Redefreiheit

Magazinrundschau vom 08.11.2005 - Gazeta Wyborcza

Piotr Buras erklärt den Polen, warum der Wahlsieg der nationalkonservativen PiS in Deutschland so heftige Reaktionen hervorgerufen hat: "Das deutsche Lebensgefühl ist weitgehend linksliberal beeinflusst, was auch erklärt, warum der Konservatismus der PiS, der stark gegen Homosuexuelle gerichtet ist, solche Empörung hervorruft. Antiliberale, euroskeptische und deutschlandfeindliche Äußerungen kommen in Deutschland überhaupt nicht gut an. Ein weiterer Grund sind die zwei grundverschiedenen Definitionen von Konservatismus in beiden Ländern - einerseits der bürgerliche deutsche, andererseits der ländlich-katholische der Kaczynskis."

Über verschiedene Auslegungen von "Modernität" diskutiert Adam Leszczynski mit dem berühmten Soziologen Schmuel Eisenstadt, der letztens den Doktor honoris causa in seiner Geburtsstadt Warschau erhielt. "Jede Gesellschaft wählt ihre eigene Modernität - auch der Kommunismus war ein solches Projekt. Und der islamische Fundamentalismus - wissen Sie, dass das Wort 'Fundamentalismus' an der Wiege der Modernität entstand, in den USA? Die Islamisten sind die heutigen Jakobiner, die die Tradition für ihre Zwecke benutzen."

Magazinrundschau vom 01.11.2005 - Gazeta Wyborcza

Der Publizist Adam Krzeminski analysiert die Glaubenskrise in Deutschland. "Nach dem Seelsorger und Poeten aus Polen wurde ein trockener Intellektueller aus Deutschland Papst. Diese Reihenfolge wirkt fast wie ein Zeichen vor dem Hintergrund des 40. Jahrestages des Briefes der polnischen Bischöfe an die deutschen 'Wir vergeben und bitten um Vergebung'. Aber ein wahrer Dialog zwischen den Christen aus beiden Ländern scheint erschwert angesichts der völlig unterschiedlichen religiösen Wirklichkeit in Deutschland und Polen". Krzeminski merkt auch an, dass entgegen der Befürchtungen mancher Pessimisten der Glaube in Deutschland noch nicht am Ende ist - der Geist des Christentums sei aber eher an Kirchentagen als in Kirchen gegenwärtig.

Weiteres: Jaroslaw Mikolajewski schreibt über zwei Bücher: eine Edition der Briefe des Dichters Zbigniew Herbert an den Schriftsteller und Übersetzer Stanislaw Baranczak und "Anteny", den neuen Gedichtband von Adam Zagajewski: "Ich las beide Bücher parallel und hatte das Gefühl, in einem Zimmer zu sein, dessen Fenster auf zwei unterschiedliche Welten zeigen. Die Zimmerbewohner haben ihre eigenen Bräuche und Meinungen, aber es eint sie der Blick auf das Leben als etwas, das ohne das Wort schutzlos ist."

Magazinrundschau vom 18.10.2005 - Gazeta Wyborcza

Bartosz T. Wilenski analysiert das "Phänomen Merkel" und versucht, ihre Chancen als erste Kanzlerin einzuschätzen: "Ob sie es schafft, hängt davon ab, ob sie die sozialdemokratischen Minister für sich gewinnen kann. Wenn die großen Parteien keine gemeinsame Sprache finden und ihre Debatten öffentlich austragen, sind Merkels Chancen gleich Null. Das Scheitern einer Großen Koalition und neue Bundestagswahlen würden die wirtschaftlichen Probleme Deutschlands noch verstärken. Und sie wären Angela Merkels politisches Ende."

Außerdem: Lodz wird trendy! Immer mehr Künstler pilgern in die einstige Textilmetropole, wo ganze Viertel im Stile des Industrialismus des 19. Jahrhunderts erhalten sind. "Die alten Fabrikgebäude erwachen zu neuem Leben. Noch kann man das Phänomen nicht mit der Revitalisierung alter Hafenviertel in London oder Rotterdam vergleichen. Man darf aber hoffen, dass diese neue Mode eine nachhaltige Tendenz aufweist", schreibt Malgorzata Ludwisiak.

Magazinrundschau vom 11.10.2005 - Gazeta Wyborcza

Über das Verhältnis der Weißrussen zu Europa macht sich Waclaw Radziwinowicz Gedanken - am Rande seiner Erwägungen zu den Chancen des Präsidentschaftskandidaten der Anti-Lukaschenko-Opposition. "Der Westen, Europa, zieht die Weißrussen an, aber sie haben Angst vor Veränderungen. In Minsk, Grodna oder sogar dem kleinen Wolkowysk heißt jede zweite Firma 'Euro' oder 'West'. Andererseits sehen sie aber die Demokratie und den freien Markt in ihrer östlichen Dimension - sie sehen russisches Fernsehen, reisen nach Russland, und können sich davon überzeugen, dass freier Markt die Vorherrschaft von zwielichtigen Oligarchen bedeutet."

Im Interview erklärt der französische Publizist Guy Sorman, warum die Vorstellung einiger europäischer Linken und Jeremy Rifkins, Europa könnte ein erfolgreiches Alternativmodell zum angelsächsischen Liberalismus darstellen, falsch sind: "Das wird unter anderem deshalb nicht passieren, weil Europa nicht mit einer Stimme spricht und ein Identitätsproblem hat. Wenn Europa in der globalen Konkurrenz bestehen will, muss es den Schritt Richtung Föderation wagen. Ich glaube, es wird diesen Schritt tun."