
"Was wir jetzt erleben, ist eine
Entthronung Europas, eine kulturelle Entkolonialisierung",
erklärt im Interview der Reporter
Ryszard Kapuscinski. Nach der politischen Entkolonialisierung
Mitte des 20. Jahrhunderts und einer missglückten wirtschaftlichen, führe die kulturelle Entkolonialisierung zu einem neuen
Selbstbewusstsein der ehemals kolonialisierten Länder. Einerseits reklamieren Inder oder Vietnamesen das Recht, sich in Europa wie zu Hause zu fühlen, so wie einst die Europäer sich in Indien oder Vietnam zu Hause fühlten, andererseits ging die
Wortführerschaft in vielen dieser Länder an eine neue
Mittelklasse, die nicht mehr in Europa oder Amerika ausgebildet wurde - ein Prozess, den der Westen verschlafen hat und dessen Konsequenz u.a. der
Terrorismus ist, so Kapuscinski. "Wir müssen da durch und dabei versuchen, schmerzliche Nebeneffekte
wie den Terrorismus zu minimalisieren. Aber es lässt sich nicht aufhalten, wir dürfen nicht so tun, als ob nichts passiert ist. Es stehen große
Veränderungen bevor. Die Welt hat solche Veränderungen noch nie durchgemacht, und deshalb muss nach neuen
Lösungen gesucht werden, die nicht auf bisherigen Erfahrungen basieren können. Die Welt kann nur weiter existieren, wenn wir uns verständigen. Es gibt keinen anderen
Ausweg, es gibt einfach keinen anderen!"
Eine
Debatte zur Lage in Weißrussland liefern sich
Miroslaw Czech und
Jerzy Chmielewski. In den letzten zwei Wochen wurde eine größere Anzahl der Sprecher der polnischen Minderheit in Weißrussland verhaftet. Lukaschenko wirft ihnen vor, quasi als Stroßtrupp der EU eine orange Revolution anzetteln zu wollen. Dazu meint Czech im
Interview: "Warschau darf nicht schweigen, wenn die Rechte der
polnischen Minderheit verletzt werden, aber Lukaschenkos
Regime kann das propagandistisch nutzen, als westliche Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Landes. Deshalb sollte man alles tun, um das Problem nicht als bilateralen Konflikt, sondern als Verletzung elemanterer
Menschenrechte darzustellen. Wir müssen den
Weißrussen klar machen, dass es auch um ihre Rechte geht. Dazu sollte man Vertreter der polnischen Minderheit in Weißrussland und der weißrussischen in Polen zusammenbringen -
Solidarität der Minderheiten gegen die Diktatur!". Chmielewski, selbst Vertreter der weißrussischen Minderheit in Polen,
warnt: "Wir bedauern die Situation, haben aber keinen Einfluss auf sie. Polen sollte
vorsichtiger werden in seinen Aussagen, damit die Weißrussen nicht das Gefühl haben, vom westlichen Nachbarn
belehrt zu werden. Ich hoffe nur, dass der aktuelle Konflikt
nicht zu Teilung und Feindschaft führt - wir müssen uns einfach besser kennenlernen und verstehen."