Magazinrundschau - Archiv

Gazeta Wyborcza

171 Presseschau-Absätze - Seite 13 von 18

Magazinrundschau vom 04.10.2005 - Gazeta Wyborcza

Soli Özel, Professor für Internationale Beziehungen an der Bilgi Universität in Istanbul, ist sich sicher: "Auch wenn kein vernünftiger Mensch in der Türkei heute sagen würde, dass wir zum EU-Beitritt bereit sind, werden wir uns schnell ändern und rechtzeitig bereit dafür sein." Im Interview erklärt Özel auch, wie die Beitrittsperspektive die Veränderungen im Land beschleunigt hat: "Es gab einen inneren Druck in Richtung Veränderung des Systems, ähnlich wie in Polen mit der 'Solidarnosc'. So gesehen war dann die EU-Perspektive unser Gorbatschow - der Impuls von außen, der die Reformen erst möglich gemacht hat." Er warnt auch: "Die EU und die Türkei haben ein gemeinsames Interesse an der Integration. Wenn dieser Prozess unterbrochen werden würde, würde niemand profitieren und die Folgen könnten katastrophal sein."

Für eine menschenfreundlichere, linke Version der Globalisierung plädiert der amerikanische Politologe Benjamin R. Barber. "Sowohl in Europa als auch in den USA ist der Niedergang der demokratischen Linken auf das Demokratiedeifizit der harten, globalisierten Realität zurückzuführen. Die Linke ist nicht im Stande, eine demokratische Antwort auf die Globalisierung zu formulieren. Die vorhandene Alternative: Xenophobie und Protektionismus oder Ungleichheit und Ultraliberalismus, liefert nicht die Antwort."

Magazinrundschau vom 27.09.2005 - Gazeta Wyborcza

Timothy Garton Ash ist sich sicher: "Das Ergebnis der Wahlen in Deutschland - wenn man es überhaupt ein Ergebnis nennen darf - wird bei der Bekämpfung der wirtschaftlichen Stagnation und der Massenarbeitslosigkeit nicht helfen. Das Beste wäre jetzt, wenn Horst Köhler das Parlament wieder auflöste - zwar gehen dadurch sechs Monate verloren, aber jede denkbare Koalition würde noch mehr Zeit verlieren." Für Garton Ash zeigt das Wahlergebnis in Deutschland noch einmal, dass der deutsch-französische Motor zum europäischen Bremser geworden ist: "Nein und non sind der deutsch-französische Refrain von heute. Aber: keine Zeit für 'Schadenfreude'. Wir Mit-Europäer brauchen ihre Gesundung genau so wie sie sie brauchen."

Weitere Artikel: Aleksandra Klich und Michal Smolorz schreiben einen Nachruf auf den Übersetzer Henryk Bereska, der in Ostdeutschland polnische Literatur salonfähig gemacht hat, vergleichbar mit Karl Dedecius im Westen. "Er lebte zwischen den Welten. Zwischen Deutschland und Polen, aber noch mehr zwischen Ostdeutschland, wo er jahrelang unweit der Mauer lebte, und dem Westen. Er schien immer zufrieden, dabei war er in der Wirklichkeit tief traurig", erinnert sich eine Freundin. Und Marcin Wojciechowski erinnert an den kürzlich verstorbenen russischen Journalisten Jegor Jakowlew. Er initiierte die Debatten über die Gulags, über die Fehler Stalins im Zweiten Weltkrieg und darüber, wer die polnischen Offiziere in Katyn wirklich ermordet hat.

Magazinrundschau vom 20.09.2005 - Gazeta Wyborcza

Eigentlich ist es egal, wie die Wahlen in Deutschland ausgehen, denn "das Problem sind die Menschen", findet die Publizistin Danuta Zagrodzka. "Die Wirtschaft ist nicht das Hauptproblem - ihr geht es relativ gut. Das Problem ist die Gesellschaft, die alle Schuld auf den Kanzler abwälzt. Er hat mit seiner inkonsequenten Politik dazu beigetragen, dass die Deutschen nicht begriffen haben, was die Zeiten von ihnen verlangen". Auch das oft zitierte schwedische Beispiel wird Deutschland bei seinen Reformen wenig hilfreich sein, meint Zagrodzka. "Die Deutschen sind nicht so gehorsam wie die Schweden, es wird kaum zum Durchbruch kommen".

Abgedruckt werden Auszüge des Buchs "Familienbande. Die Politisierung Europas" des Zeit-Redakteurs Gunter Hofmann. Er plädiert dafür, Polen als wichtigen Partner in Europa ernst zu nehmen und in das Projekt der Normalisierung und Europäisierung Deutschlands einzubinden. Allerdings: "In Deutschland hat man Polen noch nicht entdeckt, nicht als gleichberechtigt anerkannt. Erst wenn diese Asymmetrie endet, wird man davon sprechen können, dass die deutsch-polnischen Beziehungen so weit sind wie die deutsch-französischen."

Magazinrundschau vom 13.09.2005 - Gazeta Wyborcza

Adam Michnik fürchtet die Macht der verblendeten Massen - wohl angesichts der hitzigen polnischen Diskussion um die Fehler des Systems nach 1989 und die Forderungen nach einer "moralischen Revolution". In einem großen Essay zeichnet er Beispiele aus der Geschichte nach, bei denen nationalistisch und antisemitisch aufgeputschte Massen das Leben aufrichtiger Menschen ruinierten - sei es die Dreyfus-Affäre in Frankreich und die Hetze gegen Zola, sei es die Hass-Kampagne gegen den ersten polnischen Präsidenten Gabriel Narutowicz, der 1922 kurz nach seiner Wahl von einem Künstler erschossen wurde. "Es ist schwer, sehr schwer, gegen die massive Aggression der Massen stand zu halten. Und es ist sehr schwer gegen die niederträchtige, antidemokratische Argumentation anzureden, die beim Gesindel gut ankommt. Aber man muss Widerstand leisten, auch wenn es bedeuten sollte, sich mit einer verlorenen Sache zu solidarisieren. Das hat ein polnischer Demokrat im 20. Jahrhundert gelernt."

Die Orange Revolution ist noch nicht am Ende! - zeigt sich der ukrainische Philosoph Myroslaw Popowytsch im Interview überzeugt: "Bildlich gesprochen: Juschtschenko umgab sich mit Brüdern, Schwestern und Cousins, die die Teilnahme an der Revolution verband. Das reichte aber nicht aus, um effektiv den Staat zu reformieren. Auf längere Sicht ist die heutige Krise ein Schritt in Richtung Normalität auf der ukrainischen politischen Szene".

Ja, ich bin enttäuscht - kommentiert gleichzeitig der Schriftsteller Jurij Andruchowytsch. "Die Teilungen musste früher oder später kommen, aber es regt mich auf, wie es passiert. Wir empfinden es als persönliche Niederlage."

Jaroslaw Kurski spricht mit dem ersten, demokratisch gewählten Premierminister Polens Tadeusz Mazowiecki über seine Freundschaft mit Lech Walesa, die 1990 in die Brüche ging und jetzt wieder ersteht, über den heute missverstandenen Umbruch von 1989, über den Großen August 1980, über die soziale Marktwirtschaft und die Macht der Umfragen. "Ich hoffe, in Polen gibt es noch genug Menschen, die an eine 'Überzeugungsdemokratie' glauben, und sich in den Teufelskreis des Populismus nicht begeben werden. Das ist auch Pragmatismus, nur auf länger angelegt."

Magazinrundschau vom 06.09.2005 - Gazeta Wyborcza

Europas irrationale Angst vor gentechnisch veränderten Lebensmitteln führt dazu, dass die EU auf eigenen Wunsch zum ihrem Abnehmer, nicht aber zum Produzenten geworden ist. "Ein negativer Einfluss auf den Menschen ist bisher nicht nachgewiesen worden", schreibt in der polnischen Zeitung Slawomir Zagorski, "aber die Aktivität verschiedener NGO in Europa, die bei den Bürgern Angst vor genmodifizierter Nahrung geschürt haben, führte zum Moratorium, das bis 2004 galt. Im Gegensatz zu den USA gab es in Europa niemanden, der die Verbraucher ehrlich über die Vor- und Nachteile aufgeklärt hätte. In der Konsequenz bleibt die EU weit hinter der Entwicklung der Biotechnologie zurück. Wenn es Europa aber wirklich um die Gesundheit der Bürger geht, darf man dieser Entwicklung nicht den Rücken zukehren."

Angelika Kuzniak erinnert an den 1989 verstorbenen Schriftsteller Thomas Bernhard. "Er schrieb so, als ob er gleich ersticken sollte, er würgte die Worte und Sätze aus sich hervor. Seine Bücher sind wie Notizen eines Menschen, der gleich aus dem Fenster springt, zuvor aber noch der Welt ins Gesicht spucken will."

Magazinrundschau vom 30.08.2005 - Gazeta Wyborcza

"... nie wieder war Polen ein so sympathisches Land und die Menschen so frei, gleich und brüderlich". Adam Michnik, einer der wichtigsten Dissidenten und heute Chefredakteur der Gazeta Wyborcza, will seine Erinnerungen an diese glorreiche Revolution nicht von aktuellen politischen Auseinandersetzungen trüben lassen, er ist aber doch verbittert darüber, wie heute die letzten 16 Jahre der Transformation vielerorts durch den Dreck gezogen werden: "Verletzt, frustriert, besudelt - so werden wir den 25. Jahrestag der August-Revolution begehen".

"Lech Walesa, ein großer Mann, ein ewiger Kämpfer, fühlt sich eingeengt in der Demokratie. Er ist Opfer des eigenen Erfolgs geworden. Seine Legende geriet ins Wanken, weil er seit 25 Jahren an seine Unfehlbarkeit glaubt", schreibt Lech Walesas früherer Mitarbeiter und Anhänger Jaroslaw Kurski. "Lech könnte heute ein polnischer Nelson Mandela sein, wenn er aufhören würde zu glauben, er hätte alles am besten gemacht, er wäre vollkommen und unfehlbar."

Weitere Artikel: Der Historiker Robert Traba von der Initiative "Borussia" hat ein Buch über das frühere Ostpreußen geschrieben und die schwierigen Fragen der Identität thematisiert: "Hier ist unser Haus, ein Ort für alle: Polen, Ukrainer und Deutsche. Wir schaffen hier eine neue europäische Kulturlandschaft, die früher deutsch beziehungsweise preußisch war und heute polnisch ist. Die Einwohner der Region sollten dies verstehen und in diesem Bewusstsein leben."

Magazinrundschau vom 16.08.2005 - Gazeta Wyborcza

In Polen sorgen politische Konflikte mit den östlichen Nachbarn in letzter Zeit für viel Aufregung. In Russland wurden innerhalb einer Woche fünf polnische Diplomaten auf offener Straße verprügelt und in Weißrussland wird die polnische Minderheit drangsaliert. Die Rolle von Präsident Aleksander Lukaschenko, 'dem letztem Diktator Europas' ist dabei hinlänglich bekannt. Dass eine Rivalität um den postsowjetischen Primat zwischen Lukaschenko und Putin ebenfalls dahinter steckt, vermutet Waclaw Radziwinowicz. "Diese Rivalität wird Putin nicht zwangsläufig gewinnen. Unter anderem weil sich Lukaschenko einfach viel mehr erlauben kann, und weil Russland den kleinen Nachbarn braucht. Nachdem Putin Georgien, die Ukraine und Moldavien verloren hat, muss er händeringend etwas 'wiedergewinnen', und dass auch noch schnell, vor den Präsidentschaftswahlen 2008."

Waclaw Bartczak sieht in Russland wiederum eine immer stärkere Hinwendung zur glorreichen Vergangenheit und zur Formulierung einer 'Sonderwegsthese'. "Das Gefühl, dass wir anders sind als der Westen, begleitet die Russen seit je her. Jetzt formulieren die Traditionalisten eine neue politische Theorie. Einerseits beinhaltet sie glaubwürdige Diagnosen - wie die zivilisatorische Spezifik Russlands und den Einfluss von Geografie und Klima. Andererseits sind die Vorschläge der Traditionalisten Teil einer nebulösen Utopie, die zu einer Modernisierung des Landes nicht beitragen kann. Indem sie der politischen Utopie folgen, beweisen sie, dass ihr Optimismus eher der Vergangenheit als der Zukunft gilt", schreibt Bartczak.

Magazinrundschau vom 09.08.2005 - Gazeta Wyborcza

"Was wir jetzt erleben, ist eine Entthronung Europas, eine kulturelle Entkolonialisierung", erklärt im Interview der Reporter Ryszard Kapuscinski. Nach der politischen Entkolonialisierung Mitte des 20. Jahrhunderts und einer missglückten wirtschaftlichen, führe die kulturelle Entkolonialisierung zu einem neuen Selbstbewusstsein der ehemals kolonialisierten Länder. Einerseits reklamieren Inder oder Vietnamesen das Recht, sich in Europa wie zu Hause zu fühlen, so wie einst die Europäer sich in Indien oder Vietnam zu Hause fühlten, andererseits ging die Wortführerschaft in vielen dieser Länder an eine neue Mittelklasse, die nicht mehr in Europa oder Amerika ausgebildet wurde - ein Prozess, den der Westen verschlafen hat und dessen Konsequenz u.a. der Terrorismus ist, so Kapuscinski. "Wir müssen da durch und dabei versuchen, schmerzliche Nebeneffekte wie den Terrorismus zu minimalisieren. Aber es lässt sich nicht aufhalten, wir dürfen nicht so tun, als ob nichts passiert ist. Es stehen große Veränderungen bevor. Die Welt hat solche Veränderungen noch nie durchgemacht, und deshalb muss nach neuen Lösungen gesucht werden, die nicht auf bisherigen Erfahrungen basieren können. Die Welt kann nur weiter existieren, wenn wir uns verständigen. Es gibt keinen anderen Ausweg, es gibt einfach keinen anderen!"

Eine Debatte zur Lage in Weißrussland liefern sich Miroslaw Czech und Jerzy Chmielewski. In den letzten zwei Wochen wurde eine größere Anzahl der Sprecher der polnischen Minderheit in Weißrussland verhaftet. Lukaschenko wirft ihnen vor, quasi als Stroßtrupp der EU eine orange Revolution anzetteln zu wollen. Dazu meint Czech im Interview: "Warschau darf nicht schweigen, wenn die Rechte der polnischen Minderheit verletzt werden, aber Lukaschenkos Regime kann das propagandistisch nutzen, als westliche Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Landes. Deshalb sollte man alles tun, um das Problem nicht als bilateralen Konflikt, sondern als Verletzung elemanterer Menschenrechte darzustellen. Wir müssen den Weißrussen klar machen, dass es auch um ihre Rechte geht. Dazu sollte man Vertreter der polnischen Minderheit in Weißrussland und der weißrussischen in Polen zusammenbringen - Solidarität der Minderheiten gegen die Diktatur!". Chmielewski, selbst Vertreter der weißrussischen Minderheit in Polen, warnt: "Wir bedauern die Situation, haben aber keinen Einfluss auf sie. Polen sollte vorsichtiger werden in seinen Aussagen, damit die Weißrussen nicht das Gefühl haben, vom westlichen Nachbarn belehrt zu werden. Ich hoffe nur, dass der aktuelle Konflikt nicht zu Teilung und Feindschaft führt - wir müssen uns einfach besser kennenlernen und verstehen."

Magazinrundschau vom 02.08.2005 - Gazeta Wyborcza

Wojciech Pieciak blickt zurück auf sieben Jahre Rot-Grün in Deutschland, benennt die wichtigsten Probleme in der Außenpolitik: den Bruch mit den USA, das egoistische Bündnis mit Frankreich und die Männerfreundschaft mit Putin, die sich über alle politischen Zweifel in Europa hinweg setzt, und wagt eine Vorschau auf das, was ab Herbst zu erwarten ist: "Wenn die neue deutsche Regierung ihre Außenpolitik in diesen drei Bereichen ändern will, läge das nicht nur im Interesse Amerikas und der EU, sondern auch Polens. Es müssen keine revolutionären Veränderungen sein, und es geht auch nicht darum, dass Deutschland von heute auf morgen Soldaten in den Irak schickt. Aber schon eine Änderung des Stils und der Sprache, wie sie in den Äußerungen der Christdemokraten und Liberalen hörbar ist, würde viel bedeuten. Dass die Beziehungen zwischen Deutschland und Polen in den letzten Jahren auf dem schlechtesten Stand seit 1989 waren, lag nicht nur an bilateralen Verstimmungen (vor allem historischer Art), sondern an grundlegenden Unterschieden in den Ansichten über den Irak, die USA und Russland."

"Wenn in Deutschland eine christdemokratische Regierung entsteht, und in Frankreich Sarkozy Präsident wird, kann eine Abkehr vom sozialen Europa beginnen. Es gibt zwar keine Rückkehr zum liberalen Europa, aber wir können auf Abbau einiger die Wirtschaftsentwicklung hemmenden Regulierungen hoffen", prognostiziert wiederum der Wirtschaftsexperte Jacek Rostowski im Interview. "In Polens Interesse liegt, dass ein Europa des Marktes gewinnt, auch weil wir uns viele sozialstaatliche Lösungen nicht leisten können, die zumal schon in anderen Ländern zur Stagnation geführt haben. Deshalb kann das Scheitern der EU-Verfassung eine Chance sein, da sie, entgegen der in Frankreich verbreiteten Meinung, ein soziales Europa fortschrieb."
Stichwörter: Irak, Regulierung

Magazinrundschau vom 19.07.2005 - Gazeta Wyborcza

"Wir versuchen das Verhalten und die Denkweise der Terroristen zu sehr zu rationalisieren", meint der französische Islam-Kenner Olivier Roy im Interview mit der polnischen Tageszeitung. "Klar, jetzt berufen sie sich auf die Besatzung des Iraks, um ihre Angriffe zu legitimieren und die Unterstützung unter Muslimen zu gewinnen ... Aber die Terroristen wollen keine Rache an uns nehmen, und wollen uns auch nicht dafür bestrafen, was wir sind. Ihre Aggression richtet sich dagegen, dass sie werden, wie wir sind. Sie leben im Westen, im Käfig der westlichen Werte und Rechte, mit denen sie sich nicht identifizieren. Wir haben es hier seit einem Vierteljahrhundert mit einem revolutionären Chaos zu tun, einem Generationskonflikt in der muslimischen Welt. Es ist auch eine Globalisierung des Islams." Nebenbei beruhigt Roy seine polnischen Gesprächspartner: "Mit allem Respekt für Warschau - Ihre Stadt ist nicht so prominent, dass sich ein Anschlag dort lohnen würde."