Magazinrundschau - Archiv

De Groene Amsterdammer

11 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 2

Magazinrundschau vom 05.06.2007 - Groene Amsterdammer

Die Niederländer sind Vorreiter bei der Sterbehilfe, seit fünf Jahren gibt es dort ein "Euthanasie-Gesetz", ist aktive Sterbehilfe legal. Zu Recht, erklärt der Psychiater und Sterbehilfe-Befürworter Boudewijn Chabot im Interview: "Die meisten Menschen assoziieren einen 'guten Tod' mit dem Dahinscheiden am Ende eines langen Lebens, gewaltlos und im Familienkreis." Folge man dieser Definition, sagt Chabot, verhelfe Sterbehilfe zu einem "guten Tod": "Zudem wächst in den letzten Jahren bei vielen der Wunsch, so lange wie möglich bei Bewusstsein zu bleiben. Und das erreicht man entweder, indem man den 'sozialen Tod' so lang wie möglich hinauszögert, was zum Beispiel in der Palliativmedizin geschieht, oder indem man den 'biologischen Tod' beschleunigt, eben durch die (Auto)-Sterbehilfe. Die Menschen wollen nicht tage- oder wochenlang ohne Bewusstsein und völlig wehrlos, unter Verlust ihrer Würde, zu ihren Vorfahren geschickt werden."

Außerdem: Janneke Koelewijn porträtiert Patricia Highsmith, der im Magazin ein ganzes Special gewidmet ist, und enthüllt die intime Passion der Autorin zu Schnecken. "Als sie von England nach Frankreich zog, so berichtet ihr Biograph Wilson, schmuggelte sie ihre 'pet snails? (die in Frankreich nicht eingeführt werden duften) 'unter ihren Brüsten ins Land'. Das glaube ich gern, doch die Biologin in mir fragt sich: Haben die Schnecken die ganze Zeit totenstill unter ihren Brüsten geschlummert? Sie bewegen sich träge - aber sie bewegen sich."

Magazinrundschau vom 01.05.2007 - Groene Amsterdammer

Yves Desmet, Chef der preisgekrönten belgischen Tageszeitung De Morgen, legt im Interview seine niederländischen Nachbarn auf die Couch. "Ihr altes Überlegenheitsgefühl ist angeknackst. Seither tritt die andere Seite der niederländischen Psyche, ihr Selbstbewusstsein, zum Vorschein." Holland, vor dem Schicksalsjahr 2002 so offen und tolerant, habe sich in ein Land der rauen Debatten verwandelt, ein Land wo, so Desmet, "alles gedacht und gesagt werden muss". Doch sei der Unterschied kleiner als es auf den ersten Blick erscheine: "Das hat etwas mit dem Fundamentalismus zu tun, der über den protestantischen Glauben in der niederländischen Volksseele genetisch verankert sind. Wenn die Niederländer beschließen, das toleranteste Land der Welt zu sein, nun, dann sind sie das. Und wenn sie beschließen, dass es damit genug ist - dann ist es aber auch wirklich genug."
Stichwörter: Holland

Magazinrundschau vom 24.04.2007 - Groene Amsterdammer

Hubert Smeets rät Russlands Premier Putin, sich Frankreich zum Vorbild zu nehmen: "Die Verhaftung Kasparows zeigt, wie die Macht Putins schwindet. Denn für Kasparow gilt, was der französische Präsident Charles de Gaulle einst über Jean-Paul Sartre sagte: 'Einen Voltaire sperrt man nicht ein'. Nachdem Kasparow nun zu einem Symbol befördert wurde, hört der Ärger für den Kreml nicht auf. Auch an den Universitäten brodelt es. In der Lomonossow-Universität Moskau stehen sich Studenten und Dekanat gegenüber. Den Studenten der sozialwissenschaftlichen Fakultät zufolge wurde die Universität in eine Kaserne umgebaut, man versuche über Kameras und Passierscheine alle Bewegungen zu kontrollieren. Das Mensa-Essen sei überdies viel zu teuer, seitdem die Kantine privatisiert und durch den Sohn des Dekans übernommen wurde. Und das Curriculum habe mit den Anforderungen des 21. Jahrhunderts nichts mehr zu tun. 'Wir wollen doch nur, dass diese Fakultät mehr ist als eine Schule für Lehrlinge', erklärt ein Student."
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Magazinrundschau vom 03.04.2007 - Groene Amsterdammer

"Unausgegoren" nennt der Arabist Hans Jansen im Interview zum zweiten Teil seiner vieldiskutierten Mohammed-Biografie die Kulturkritik junger Moslems. "Ich sprach letztens mit zwei Salafis, jungen Islam-Dogmatikern, und sie klangen sehr verständig. Es gibt da nur ein Problem: Sie haben keine Lösungen. Ihrer Kritik an Dingen, die mit Sexualität zu tun haben, an der Übersexualisierung der Werbung, kann ich nur zustimmen. Aber Frauen und Männer zu steinigen hilft nicht weiter. Die zunehmende Kommerzialisierung unseres Sozialwesens, auch das ist sicher zu kritisieren. Die Rente aber gleich ganz abzuschaffen, hilft ebenfalls nicht. In dieser Hinsicht sehe ich mich in der Nachfolge von Karel van het Reve. Auch die Kommunisten kritisierten die kapitalistischen Gesellschaft sicher zu Recht, doch sie hatten keine Lösungen. Das ist bei radikalen Moslems ebenso."

Magazinrundschau vom 27.03.2007 - Groene Amsterdammer

Nun hat auch Holland seine Gangsterrapper. Kees de Koning, langjähriger Kenner der niederländischen Musikszene und Chef des Hiphop-Labels "Top Notch", beschreibt im Interview das Milieu, dem die neuen Stars des "Nederhop" entstammen: "Fahren Sie mal raus in den Westen oder Südosten von Dordrecht, oder nehmen sie die Randbezirke einer beliebigen großen oder mittelgroßen Stadt - überall dort ist viel Elend. Denken sie an die vielen Armenküchen dort. Den Medien scheint nicht bewusst zu sein, dass fast zwanzig Prozent der Niederländer unterhalb der Armutsgrenze leben. Ein Rapper wie Kempi ist in so einer Welt aufgewachsen, saß darüber hinaus mehrere Jahre im Gefängnis. In seiner Musik beschreibt so jemand schlicht sein Leben, wird jedoch als Möchtegern-Gangster wahrgenommen, der Ghetto spielt."
Stichwörter: Hiphop, Holland

Magazinrundschau vom 20.02.2007 - Groene Amsterdammer

Jetzt haben also auch die Soziologen den "Polder-Dschihad" entdeckt. Aart Brouwer sichtet eine Flut aktueller Fachliteratur zum Thema "Islamistische Jugend in Holland" und ist nicht sehr beeindruckt. "Die Soziologie schießt immer noch zu kurz bei der Klärung des 'Wendepunkts', an dem ein junger Mann oder eine junge Frau zu Terroristen werden." Viel besser treffe das die Literatur und dort vor allem "der deutsche Essayist Hans Magnus Enzensberger. Seine Abhandlung 'Der radikale Verlierer' (englische Version) beginnt dort, wo die Soziologie aufhört: Bei der Psychologie des Einzelgängers, der sich in der Gesellschaft ebenso wie im Leben als 'Verlierer' wahrnimmt. Eine umherwandelnde Bombe, die jederzeit aus einem willkürlichen Grund hochgehen kann: Eine Demütigung, eine enttäuschte Liebe, eine Entlassung. Die Ideologie steht dabei an letzter Stelle." Viel wichtiger sei der sexuelle Aspekt, dem auch der Schriftsteller Ian Buruma "eine prominente Rolle in der Biografie jedes Radikalen" einräumt. "Ein Beispiel hierfür bietet Mohammed Bouyeri, der Mörder von Theo van Gogh, den es wurmte, das er bei den niederländischen Mädchen nicht landen konnte und der 'austickte', als er erfuhr, dass seine Schwester einen Freund hatte."

Magazinrundschau vom 30.01.2007 - Groene Amsterdammer

Die niederländischen Truppen im afghanischen Uruzgan haben das Glück scheinbar gepachtet, meint Joeri Bloom (auch im Weblog). "Die Kanadier nennen die Holländer 'Lucky Dutch' und die Australier tauften sie 'Dutch Angels'. Die Niederlande haben seit Beginn der Uruzgan-Mission nur vier Tote zu beklagen. Einen durch Selbstmord, drei bei Flugunfällen." Die Kanadier dagegen verloren 45 und die Briten 46 Soldaten - allein seit März starben 18 Briten und 80 wurden verwundet nach Hause geflogen. Traumatische Situationen erleben aber auch die "lucky Dutch": "Der Soldat hob seinen linken Arm. 'Hier ging die Kugel rein' sagte er. Dann deutete er auf seine rechte Seite, 'und hier ging sie wieder raus.' Da war ein Riesenloch in seiner Seite. Er half britischen Kollegen beim Aufbau einer Blutbank in der afghanischen Provinz Helmand und beschrieb M.A.S.H.-artige Szenen mit Helikoptern, die die Verwundeten ausfliegen. 'Wir wurden zusammengetrommelt, als wieder einmal ein Selbstmordanschlag stattfand', erzählte er. 'Die britischen Ärzte kamen einfach nicht mehr nach.' Das war Ende Dezember - letzte Woche floss dann auch holländisches Blut."
Stichwörter: Australien

Magazinrundschau vom 16.01.2007 - Groene Amsterdammer

Würden wir uns mit der Türkei ein trojanisches Pferd in die EU holen? "Diese Angst ist großer Unsinn", sagt der britische Historiker Michael Burleigh (mehr) im Interview. "Die Türkei ist in militärischer Hinsicht unglaublich wichtig, sie ist schon seit langem ein Brückenkopf der Nato. Im Gegensatz zu den Niederlanden oder Belgien gehört die Türkei zu den wenigen europäischen Staaten, die in der Lage wären, einen Krieg zu führen. Würde die Türkei Mitglied der EU, wäre das eine wichtige symbolische Botschaft für die restliche islamische Welt. Es wäre ein kosmopolitisches Signal - ich bevorzuge den altmodischen Begriff kosmopolitisch anstelle von multikulturell - an die Gruppen in diesen Ländern, die mit dem Westen sympathisieren." Auf diese Menschen setzt Burleigh, denn "die liberalen, gebildeten Kreise, die Sie überall in Istanbul, Kairo und den anderen Großstädten finden, sind unsere natürlichen Verbündeten. Es gibt eine große, kosmopolitische Bourgeoisie und es gibt viele gute Schriftsteller, denen wir die Hand reichen sollten. Einen Krieg der Ideen, einen Wettstreit um die Sympathie der Bevölkerung - und das ist es natürlich - können wir nicht allein mit militärischen Mitteln gewinnen."
Stichwörter: Belgien, Nato, Islamische Welt

Magazinrundschau vom 24.10.2006 - Groene Amsterdammer

Hubert Smeets nennt die Vorstellung des "Haager Kanons" (hier auch auf Englisch), ein in den Niederlanden langdiskutierter Leitfaden zur Geschichte des Landes, "die erste gute Nachricht der Woche". Der Auftrag für die Kommission, "im Vergangenen eine nationale Identität für die Zukunft zu finden, und mehr noch das überspannte Klima, in welchem die Kommission nur ein halbes Jahr nach der Ermordung Theo van Goghs beauftragt wurde, ließ befürchten, dass es ein echter Bergaufkampf werden würde, die Flagge der korrekten Geschichtsschreibung hoch zu halten. Die Furcht war unbegründet. Der hundert Seiten umfassende Kanon gibt eine punktgenaue Antwort auf die alte Frage: 'Was ist Geschichte?'"

"Die letzten elf Jahre nach dem Krieg wurden verspielt" erregt sich die Ärztin, Schriftstellerin und Tito-Enkelin Svetlana Broz in einem ausführlichen Interview mit Marte Kaan über die Ergebnisse der Wahlen in Bosnien-Herzegowina. Broz sieht ihr Land als Bauernopfer im Machtpoker der internationalen Gemeinschaft: "Ich vergleiche das gern mit der Lage Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. Dort verbot die internationale Gemeinschaft die Nationalsozialistische Partei. In Bosnien-Herzegowina dagegen blieben die nationalistischen Parteien an der Macht, zwar unter anderem Namen, jedoch mit den gleichen Gesichtern wie vor dem Bosnienkrieg. Es gibt hier zu viele Politiker, die von der internationalen Gemeinschaft umworben werden und die zeitgleich in Den Haag oder vor einem anderen Tribunal erscheinen müssen. Und das kann nur Zweierlei bedeuten: Entweder lernt die internationale Gemeinschaft nur sehr langsam, oder sie profitiert von einer permanenten Instabilität in dieser Region."

Magazinrundschau vom 22.08.2006 - Groene Amsterdammer

"Farsi gilt nach Englisch und Mandarin mittlerweile als drittbeliebteste Sprache im Netz, die Zahl iranischer Weblogs wird auf über Hunderttausend geschätzt", berichtet Marte Kaan. Aber das das iranische Web ist nicht "worldwide" und wer sich dort unbedacht äußert, lebt gefährlich. Kaan zitiert den Internetaktivisten Jaadi: "In den letzten Jahren wurden nicht nur mehrere Weblogger verhaftet und sogar gefoltert, sie bauen auch immer schärfere Filter ein. Wenn man beispielsweise im Iran 'Frauen' bei Google eintippt, erscheint 'access denied'. Grund für die Zensur ist nicht nur die Angst vor der Frauenbewegung, sondern auch die Absicht, 'unsittliche' Websites zu blockieren. Das geht soweit, dass beispielsweise die Website der University of Virginia aus dem Iran heraus nicht zu erreichen ist."
Stichwörter: Weblogs, Frauenbewegung