
Was ist mit
Viktor Pelewin passiert,
fragt sich Sophie Pinkham. Pelevin war einst eine
auch international gefeierte Stimme der russischen Postsowjetliteratur. In Russland selbst ist er immer noch erfolgreich - allerdings mehren sich die Stimmen, die ihm
politischen Opportunismus vorwerfen. Zum Putin-Propagandisten ist er zwar nicht geworden, aber er hat sich doch einem intellektuellen Klima angepasst, das jegliches politische Engagement vermeidet - besonders, wenn es um Kritik am russischen Krieg in der Ukraine geht. Das past zu Pelewins Stil, meint Pinkham: "Seine langjährige
Kultivierung von Mehrdeutigkeit und Ironie sowie sein öffentliches Schweigen haben Pelevin gut auf sein neues literarisches Umfeld vorbereitet. Er hat weder den Krieg verurteilt noch Unterstützung dafür geäußert. In seinen Werken des letzten Jahrzehnts können Leser sowohl pro- als auch anti-Kreml-Positionen finden. Ein Teil der Schwierigkeit, seine Ansichten zu deuten, liegt darin, dass Pelewin sich von Geschichten, die in einer erkennbaren Version Russlands spielen, abgewandt hat. Stattdessen behandeln seine jährlich erscheinenden Romane aktuelle Themen, und zwar oft solche, die den Westen ebenso betreffen wie Russland. Mehrere Werke spielen auf die Ukraine, internationale Politik, Gefangenenlager und Geheimpolizei an, leisten jedoch
niemals explizite Kritik an Putin oder seiner Politik. 'Love for Three Zuckerbrins' (2014) war eine dystopische Fantasie, die die sozialen Medien, die Maidan-Proteste in der Ukraine und das Videospiel 'Angry Birds' behandelte. 'Methuselah's Lamp, or the Last Battle of the Chekists and Masons' (2016) handelte von Identitätspolitik, Transatlantikern und russischen Nationalisten und nahm alle drei aufs Korn. 'Secret Views of Mount Fuji' (2018) war eine Parodie auf die #MeToo-Bewegung. In 'KGBT+' (2022), Pelevins 19. Roman, der zum zweiterfolgreichsten russischen Roman des Jahres wurde, überwachen und inhaftieren sowohl russische Nationalisten als auch westliche Liberale grundlos Menschen: Der Protagonist wählt das Pseudonym 'KGBT+', um beide Seiten anzusprechen. Doch die Vorstellung, dass die beiden Lager einander opponieren, ist nur eine Kulisse: In Wahrheit leben Mitglieder der Eliten beider politischen Lager gemeinsam als
unsterbliche,
körperlose Gehirne in einer Lagerhalle und verdienen Geld, wenn ihre Anhänger aufeinanderprallen."
"Self Care" fasst in
China Fuß,
lernen wir von Chang Che, der
Li Jianxiong vorstellt, einen ehemaligen Marketingspezialisten, der heute eine kleine Firma leitet, die
Kurse in psychischer Gesundheit anbietet. Damit trifft er den Nerv der Zeit: Viele seiner Landsleute glauben nicht mehr daran, dass sie in der chinesischen Version des kapitalistischen Hamsterrads ihr Glück finden können. Und da politische Partizipation ausgeschlossen ist, flüchten sie nach innen. "Ich war überrascht, wie viele der Aktivitäten (die Lis Firma anbietet) Kinderspielen und Icebreakern in Unternehmen ähnelten, die im Westen wohl kaum verlockender gewesen wären als ein Yoga-Kurs. Im vergangenen Herbst nahm ich an einer dramatherapeutischen Sitzung teil, in der der Kursleiter uns durch eine
Reihe von Spielen führte: Fangen, Reise nach Jerusalem und Bohnenbeutelwerfen - und das alles, während wir Tiere imitieren mussten. Li, das ehemalige Tech-Wunderkind,
blökte wie ein Schaf und knurrte wie ein Wolf. Obwohl einige jüngere Teilnehmer zugaben, dass auch sie enttäuscht waren, berichteten viele andere Heartify-Kunden, insbesondere die älteren, von nahezu spirituellen Erleuchtungen. Im
Tanzkurs erzählte mir Li, dass 'sehr wenige Chinesen jemals etwas Ähnliches gemacht haben, um wirklich in Kontakt mit ihrem Körper zu kommen'. Während viele von Lis Klienten mit einer gewissen Vorsicht und Abwehrhaltung zu seinen Kursen kommen, scheinen sie dennoch bereit zu sein, ihre Vorbehalte beim kleinsten Anstoß abzulegen. Sie suchen nicht nach Raffinesse, sondern nach etwas Alltäglicherem: der Möglichkeit, ihre gesellschaftlichen Rollen - ob als Kollege, Mutter oder ältere Schwester - hinter sich zu lassen und einfach, ungeniert,
sie selbst sein zu dürfen."