Magazinrundschau - Archiv

The Guardian

442 Presseschau-Absätze - Seite 3 von 45

Magazinrundschau vom 01.04.2025 - Guardian

Samanth Subramanian rollt die Produktions- und Rezeptionsgeschichte einer Fernsehserie auf, die in Dänemark im Jahr 2022 nicht nur das TV-Publikum, sondern auch die Politik in Atem hielt. "The Black Swan" war eine Versteckte-Kamera-Sendung, die zeigte, wie Amira Smajic, eine vermeintlich kriminelle Anwältin, mit zahlreichen Klienten - Mitglieder von Bikergangs, Geschäftsleute, andere Anwälte - diverse Verbrechen besprach (mehr in der SZ). Warum schlug die von Regisseur Mads Brügger kreierte Sendung derart hohe Wellen? "'Die Dänen sind komplett davon überzeugt, dass es in Dänemark keine Korruption gibt, und sie glauben auch an die Idee, dass Dänemark das 'Ende des Weges' ist', sagt Brügger und bezieht sich dabei auf die Vorstellung des Politikwissenschaftlers Francis Fukuyama, dass 'das Erreichen von Dänemark' das Ziel jeder modernen Demokratie sei. ''The Black Swan' hat diese Illusion platzen lassen', so Brügger. 'Es war Dänemarks 'Red-Pill-Moment''. (...) 'Uns wird schon in jungen Jahren beigebracht, dass man das System nicht betrügt, weil man damit allen Menschen schadet', sagt Ane Cortzen, eine Fernsehmoderatorin und Schwester Brüggers. 'Steuerbetrug ist eines der schwerwiegendsten Verbrechen, die man begehen kann.' Kalle Johannes Rose, außerordentlicher Professor an der Copenhagen Business School, erklärt: 'Die meisten dänischen Skandale haben mit dem Staat zu tun - öffentliche Gesundheitsversorgung, öffentliche Banken, öffentliches irgendetwas. Die Menschen wollen sicher sein, dass ihre hohen Steuern richtig ausgegeben werden. Wenn sie dem System nicht vertrauen, zahlen sie ihre Steuern nicht, und dann fällt das ganze System wie ein Kartenhaus in sich zusammen.' 'The Black Swan' forderte die Zuschauer dazu auf, über ihren schlimmsten Albtraum nachzudenken: Was passiert, wenn all das, was nicht nur das reibungslose Funktionieren ihres geliebten Wohlfahrtsstaates ermöglicht, sondern auch das Wesentliche dessen ausmacht, was Dänen stolz macht, Dänen zu sein, kollabiert." Freilich sind auch Zweifel angebracht, ob bei der Produktion von "The Black Swan" alles mit rechten Dingen zuging, wie Subramanian im Anschluss bemerkt. Smajic, die in der Vergangenheit tatsächlich in kriminelle Geschäfte verwickelt war, spielte möglicherweise nicht durchgängig mit offenen Karten, und Brüggers Methoden sind medienethisch durchaus bedenklich.

Magazinrundschau vom 25.03.2025 - Guardian

Joshua Leifer beschäftigt sich mit dem politischen Erbe Meir Kahanes, eines rechtsextremen Rabbis, der 1971 aus den USA nach Israel zog und zum Zugpferd einer radikalen Bewegung wurde, die unter anderem die Vertreibung aller Palästinenser aus Israel und den besetzten Gebieten forderte. Derartige ethnische Säuberungen waren für ihn eine "religiöse Verpflichtung (...): Die Anwesenheit von Nicht-Juden, so argumentierte er, verunreinige das Heilige Land und verzögere die Erlösung. Er stellte die Vertreibungen auch als eine demografische Notwendigkeit dar: Ohne solche Maßnahmen, darauf bestand er, gäbe es keine Möglichkeit, eine jüdische Mehrheit zu garantieren. Die Idee des Bevölkerungstransfers war dem zionistischen Denken nicht fremd. Jabotinskys Revisionisten hatten sie zeitweise befürwortet; Ben-Gurion hatte sie mit den britischen Mandatsbehörden besprochen. Doch nach der Gründung Israels, die zur Vertreibung und Flucht von etwa 700.000 Palästinensern führte - was die Palästinenser die Nakba, also Katastrophe, nennen -, war die Idee in der Öffentlichkeit kaum noch präsent. In den 1950er Jahren galt sie nicht mehr als politisch tragfähige Position. Kahane durchbrach dieses Tabu. Seine Sichtweise und insbesondere die religiöse Sprache, in der er sie formulierte, waren 'wohl beispiellos in der zionistischen Geschichte', schreibt Shaul Magid, ein führender Gelehrter des Judentums, in seiner jüngsten Studie über Kahanes Denken, sie 'gingen selbst über die maximalistischsten Revisionisten hinaus'." Kahanes eigene politische Karriere in Israel war nicht sehr erfolgreich. Heute jedoch ist der Kahanist Itamar Ben Gvir israelischer Minister für die Nationale Sicherheit Israels und versucht dessen Pläne umzusetzen.

Magazinrundschau vom 18.03.2025 - Guardian

Ghaith Abdul-Ahad porträtiert zwei junge Syrer, Mustafa und Ashraf, die aufgrund polizeilichen beziehungsweise ökonomischen Drucks dem Regime Assads als Soldaten gedient hatten. Beide Männer stehen nach dem Machtwechsel in ihrer Heimat vor dem Nichts. Ganz besonders Ashraf, der der Minderheit der Alawiten angehört: "Zu Hause in seinem Dorf war die Armut, die Ashraf einst dazu getrieben hatte, der Armee beizutreten, überall um ihn herum sichtbar - in dem kleinen Wohnzimmer mit dem kahlen Betonboden, in dem alten, abgetragenen Mantel seines Vaters, in dem groben Tabak, den alle rauchten. Mit der Auflösung der Armee und der Sicherheitskräfte und der Entlassung von Zehntausenden Regierungsangestellten - viele von ihnen Alawiten - machte sich in Ashrafs Gemeinschaft ein wachsendes Gefühl der Verfolgung breit. Er fühlte sich doppelt verraten: einmal von dem Regime, dem er gedient hatte, und dann, als es fiel, von den Rebellen. Er und andere Offiziere hatten gehofft, dass ihre Entscheidung, nicht gegen die Aufständischen zu kämpfen, von den neuen Machthabern in Damaskus belohnt werden würde. Stattdessen wurden sie aus ihren Ämtern entlassen und lebten nun in ständiger Angst vor Vergeltung. Zunächst hatten es die Rebellen - zumindest in den großen Städten - geschafft, großflächige Racheakte an ehemaligen Regimetreuen zu verhindern. Anfangs, so erzählte Ashraf, waren Kämpfer der neuen Machthaber in sein Dorf gekommen und hatten eine Versammlung mit den Ältesten abgehalten, in der sie versicherten, dass die Ordnung gewahrt bleibe. Doch in vielen ländlichen Gegenden, besonders dort, wo sunnitische und alawitische Dörfer nebeneinander existierten, waren Dutzende alawitische Männer entführt worden. Einige waren kurzerhand hingerichtet worden, andere verschwanden spurlos. 'Ich habe', sagte Ashraf, 'nicht mehr vor dem Regime Angst, sondern vor Banden, die über das Land ziehen, und vor Menschen, die nach Rache rufen.'" Das war freilich noch vor den islamistischen Massakern an alawitischen Zivilisten Anfang März, auf die Abdul-Ahad am Ende des Texts ebenfalls eingeht.
Stichwörter: Syrien, Alawiten, Damaskus

Magazinrundschau vom 11.03.2025 - Guardian

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Sophie Elmhirst gratuliert der australischen Autorin Helen Garner zum Achtzigsten. In ihrer Heimat wird sie seit fünfzig Jahren verehrt und gefeiert, berühmt wurde sie mit ihrem Roman "Monkey Grip", in dem es darum geht, wie sie in den 1970er Jahren mit ihrer Tochter in Kommunenhäusern in Melbourne lebte.  Sie ist so beliebt, "dass ihr Verleger kürzlich ihre Einkaufsliste - Äpfel, Birnen, Sardinen, Alufolie - auf seinem Blog veröffentlichte, weil er so oft von Lesern gehört hatte, sie würden alles lesen, was sie schrieb." International ist sie längst nicht so erfolgreich - ob sich das auf ihre alten Tage noch ändern wird? Im März werden jedenfalls in Großbritannien und den USA ihre Tagebücher unter dem Titel "How to End a Story" in einem 830-seitigen Band veröffentlicht, der zwei Jahrzehnte, von 1978 bis 1998, abdeckt - und dessen Lektüre Elmhirst nur empfehlen kann: "Das Tagebuchschreiben schärfte Garners prägnanten Stil und ihre schonungslose Selbstprüfung. Es hat auch ihren Blick geschult. Er schweift weit umher, obwohl er selten auf große Ereignisse fällt. Als sie nachsah, was sie im Jahr 1975 über den Zusammenbruch der australischen Regierung, der als die größte Verfassungskrise in der Geschichte des Landes gilt, geschrieben hatte, fand sie keinen einzigen Eintrag. Stattdessen ist es das Alltägliche und Besondere, das Garners Aufmerksamkeit erregt: die große Scham, wenn ihr eine Freundin sagt, dass ihr ein Hemd nicht steht, die tiefe Trauer, wenn ein Kind das Haus verlässt, der 'große weiche Klumpen Scheiße', den ihr Enkel auf ihrem Klavierhocker abgelegt hat. Der Gesamteindruck ist von kompromissloser Ehrlichkeit geprägt. Niemand wird verschont, am allerwenigsten sie selbst. Allerdings kann man Garners Version von sich selbst nicht immer trauen. Sie kann sich selbst verunglimpfen bis hin zum Masochismus. In den Tagebüchern schimpft sie über ihre Faulheit, über die Tatsache, dass sie nie eine große Schriftstellerin sein wird, über ihre Grenzen als Mutter und Ehefrau. Ihr Aussehen beschreibt sie mal als 'gestärkt', mal als 'struppig': 'Frauen wie ich laufen so schnell, wie sie können, mit dem Ziel, ein verschwommener Fleck zu werden. Als ich sie fragte, wie sie sich jetzt mit ihrem Körper fühle, krähte sie: 'Oh, es ist eine verdammte Horrorshow!'"

Magazinrundschau vom 11.02.2025 - Guardian

Andrew Liu kontrastiert die wirtschaftspolitischen Prioritäten Donald Trumps und Xi Jinpings. Wo Trump die amerikanische Vormachtstellung mit Strafzöllen zu erhalten hofft, setzt Xi nach wie vor in erster Linie auf Chinas Exportstärke. Der Ursprung der Differenzen liegt Jahrzente zurück, argumentiert Liu: "Wie das Trump'sche lässt sich auch Xi Jinpings wirtschaftliches Weltbild mit prägenden Erfahrungen in den 1980er Jahren erklären. Die politischen Karrieren beider Männer wurden durch den rasanten globalen Aufstieg Japans und der Asien-Pazifik-Region geprägt. Für Xi folgte daraus die Hinwendung zum Export von Konsumgütern über den Pazifik. In Küstenstädten wie Shenzhen und Xiamen positionierten sich Beamte als Erben der wirtschaftlichen 'Wunder' Asiens nach dem Zweiten Weltkrieg. In Diskussionen verwiesen sie auf die Beispiele Hongkongs und Taiwans, doch diesen lag stets die wegweisende Erfahrung Japans zugrunde. Für Trump hingegen verkörpert Japan eine prägende Begegnung mit bedrohlichem ausländischem Kapital, einem nationalen Handelsdefizit und dem Niedergang der amerikanischen Industrie. Er setzte frühzeitig auf eine nationale Reaktion gegen die wirtschaftliche Konkurrenz aus dem Pazifikraum - gegen eine Entwicklung, die sich ironischerweise aus den eigenen Nachkriegsallianzen der USA herausgebildet hatte." Eine Kollision der beiden Strategien scheint unvermeidlich: "Sollten sich die aktuellen Entwicklungen fortsetzen, erleben wir eine Clash wirtschaftlicher Kursrichtungen, die vor 40 Jahren in Gang gesetzt wurden: Xi Jinpings Festhalten an einer exportgetriebenen Industrialisierung trifft auf Trumps jahrzehntelange Fixierung auf protektionistische Zölle. Diese Widersprüche bilden das Spielfeld, auf dem sich ein Großteil der Welt nun bewegt. Irgend jemand wird nachgeben müssen, doch eine einfache Lösung scheint kaum vorstellbar. Früher oder später werden selbst die lautesten Kritiker Trumps einräumen müssen, dass seine Ideen - im Zusammenspiel mit denen Xi Jinpings - den Beginn einer neuen wirtschaftlichen Epoche markieren."

Magazinrundschau vom 14.01.2025 - Guardian

Was ist mit Viktor Pelewin passiert, fragt sich Sophie Pinkham. Pelevin war einst eine auch international gefeierte Stimme der russischen Postsowjetliteratur. In Russland selbst ist er immer noch erfolgreich - allerdings mehren sich die Stimmen, die ihm politischen Opportunismus vorwerfen. Zum Putin-Propagandisten ist er zwar nicht geworden, aber er hat sich doch einem intellektuellen Klima angepasst, das jegliches politische Engagement vermeidet - besonders, wenn es um Kritik am russischen Krieg in der Ukraine geht. Das past zu Pelewins Stil, meint Pinkham: "Seine langjährige Kultivierung von Mehrdeutigkeit und Ironie sowie sein öffentliches Schweigen haben Pelevin gut auf sein neues literarisches Umfeld vorbereitet. Er hat weder den Krieg verurteilt noch Unterstützung dafür geäußert. In seinen Werken des letzten Jahrzehnts können Leser sowohl pro- als auch anti-Kreml-Positionen finden. Ein Teil der Schwierigkeit, seine Ansichten zu deuten, liegt darin, dass Pelewin sich von Geschichten, die in einer erkennbaren Version Russlands spielen, abgewandt hat. Stattdessen behandeln seine jährlich erscheinenden Romane aktuelle Themen, und zwar oft solche, die den Westen ebenso betreffen wie Russland. Mehrere Werke spielen auf die Ukraine, internationale Politik, Gefangenenlager und Geheimpolizei an, leisten jedoch niemals explizite Kritik an Putin oder seiner Politik. 'Love for Three Zuckerbrins' (2014) war eine dystopische Fantasie, die die sozialen Medien, die Maidan-Proteste in der Ukraine und das Videospiel 'Angry Birds' behandelte. 'Methuselah's Lamp, or the Last Battle of the Chekists and Masons' (2016) handelte von Identitätspolitik, Transatlantikern und russischen Nationalisten und nahm alle drei aufs Korn. 'Secret Views of Mount Fuji' (2018) war eine Parodie auf die #MeToo-Bewegung. In 'KGBT+' (2022), Pelevins 19. Roman, der zum zweiterfolgreichsten russischen Roman des Jahres wurde, überwachen und inhaftieren sowohl russische Nationalisten als auch westliche Liberale grundlos Menschen: Der Protagonist wählt das Pseudonym 'KGBT+', um beide Seiten anzusprechen. Doch die Vorstellung, dass die beiden Lager einander opponieren, ist nur eine Kulisse: In Wahrheit leben Mitglieder der Eliten beider politischen Lager gemeinsam als unsterbliche, körperlose Gehirne in einer Lagerhalle und verdienen Geld, wenn ihre Anhänger aufeinanderprallen."

"Self Care" fasst in China Fuß, lernen wir von Chang Che, der Li Jianxiong vorstellt, einen ehemaligen Marketingspezialisten, der heute eine kleine Firma leitet, die Kurse in psychischer Gesundheit anbietet. Damit trifft er den Nerv der Zeit: Viele seiner Landsleute glauben nicht mehr daran, dass sie in der chinesischen Version des kapitalistischen Hamsterrads ihr Glück finden können. Und da politische Partizipation ausgeschlossen ist, flüchten sie nach innen. "Ich war überrascht, wie viele der Aktivitäten (die Lis Firma anbietet) Kinderspielen und Icebreakern in Unternehmen ähnelten, die im Westen wohl kaum verlockender gewesen wären als ein Yoga-Kurs. Im vergangenen Herbst nahm ich an einer dramatherapeutischen Sitzung teil, in der der Kursleiter uns durch eine Reihe von Spielen führte: Fangen, Reise nach Jerusalem und Bohnenbeutelwerfen - und das alles, während wir Tiere imitieren mussten. Li, das ehemalige Tech-Wunderkind, blökte wie ein Schaf und knurrte wie ein Wolf. Obwohl einige jüngere Teilnehmer zugaben, dass auch sie enttäuscht waren, berichteten viele andere Heartify-Kunden, insbesondere die älteren, von nahezu spirituellen Erleuchtungen. Im Tanzkurs erzählte mir Li, dass 'sehr wenige Chinesen jemals etwas Ähnliches gemacht haben, um wirklich in Kontakt mit ihrem Körper zu kommen'. Während viele von Lis Klienten mit einer gewissen Vorsicht und Abwehrhaltung zu seinen Kursen kommen, scheinen sie dennoch bereit zu sein, ihre Vorbehalte beim kleinsten Anstoß abzulegen. Sie suchen nicht nach Raffinesse, sondern nach etwas Alltäglicherem: der Möglichkeit, ihre gesellschaftlichen Rollen - ob als Kollege, Mutter oder ältere Schwester - hinter sich zu lassen und einfach, ungeniert, sie selbst sein zu dürfen."

Magazinrundschau vom 10.12.2024 - Guardian

Wie wird man heutzutage heilig gesprochen? Linda Kinstler beschäftigt sich mit dieser Frage anlässlich der - inzwischen weitgehend erfolgreich abgeschlossenen - Bemühungen, den im Alter von 15 Jahren verstorbenen Italiener Carlo Acutis zum ersten Millenial unter den kanonisierten Heiligen zu machen. Der Weg dahin war nicht nur in diesem Fall lang und aufwändig: "Um eine Heiligsprechung voran zu treiben, muss man ähnlich verfahren wie bei der Organisation einer politischen Kampagne. Unterstützer eines potenziellen Heiligen, die oft eine 'Bruderschaft' oder 'Vereinigung' bilden, haben die Aufgabe, die Geschichte und die Tugenden des Kandidaten bekannt zu machen. In Rom muss ein Postulator, der in etwa die Rolle eines Kampagnenmanagers übernimmt, die Unterlagen des Kandidaten beim zuständigen Dikasterium zur Genehmigung einreichen. Seine Aufgabe ist es, den Fall durch die Bürokratie des Dikasteriums zu leiten, die Kosten im Blick zu behalten und Berichte über potenzielle Wunder zu sammeln. Für den Acutis-Prozess wurde ein erfahrener Postulator namens Nicola Gori ernannt. In seinem Buch über das Leben Acutis' argumentiert Gori, dass dessen Geschichte 'einen Weg weist, das Abstumpfen des Gewissens zu vermeiden, das so typisch für unsere moderne Zeit ist'. Heiligkeit ist nicht billig. Die Unterstützer jedes Prozesses müssen die Kosten für die Untersuchung und Dokumentation des Lebens ihres Kandidaten tragen, was in der Regel die Beauftragung von Experten aus den Bereichen Geschichte, Medizin und Theologie erfordert. Öffentlichkeitsarbeit ist ebenfalls notwendig. Pater Maurice J. Nutt, ein Redemptoristenpriester in den USA, schätzte, dass er eine Million Dollar aufbringen müsste, um den Prozess Thea Bowmans, einer afroamerikanischen Nonne, die 1990 verstarb, voranzutreiben. 'Man muss für alles bezahlen - die Stühle auf dem Petersplatz, die Messe, die Kardinäle, die eingeflogen werden', sagte er mir."

Magazinrundschau vom 03.12.2024 - Guardian

Alex Cuadros rekonstruiert die Vorgeschichte eines spektakulären Kriminalfalls und anschließenden Rechtsstreits in Brasilien. Die Geschichte dreht sich um den indigenen Cinta Larga Stamm im Amazonasbecken und dessen Versuche, vom Fund von Diamanten in ihrem Stammesgebiet zu profitieren. Freilich kam es immer wieder zu Konflikten mit den mehrheitlich weißen Diamantensuchern, die auch mit den Gewalterfahrungen der Indigenen von Seiten der Weißen zu tun hatten. Im Jahr 2004 wurden 29 Diamantensucher von indigenen Wachleuten getötet - als Hauptverantwortlicher für das Massaker galt lange Nacoça Pio, ein Stammeschef, obwohl er nachweislich versucht hatte, Gewalt zu verhindern. Insgesamt beschreibt Cuadros den Fall als eine Akkumulation kultureller Missverständnisse: "Jeder Außenstehende schien eine Vorstellung davon zu haben, was die Cinta Larga sein sollten, obwohl Pio und die anderen seiner Generation diese Fragen für sich selbst kaum klären konnten. Sein Freund Tataré brachte das Dilemma folgendermaßen zum Ausdruck: 'Ich weiß nicht, ob ich weiß bin, ob ich Indigener bin ... ich weiß nicht, was ich bin.' So sehr sie sich auch nach den Dingen des weißen Mannes sehnten, fühlten sie sich in den Städten der Weißen nie zu Hause, nie so wohl wie beim Baden im Roosevelt-Fluss. So viel sie auch mit den Weißen Handel trieben, verstanden sie nie wirklich, wie die Gedanken der Weißen funktionierten - wie ein Leben eine individuelle Zeitlinie sein konnte, in der die Zukunft logisch aus den eigenen Handlungen, Fehlern und Investitionen hervorging, losgelöst vom Schicksal der eigenen Familie, des eigenen Stammes. Ähnlich verhielt es sich mit dem Verständnis von Geld: Es war wie das Erlernen der Sprache der Weißen - die Grammatik fühlte sich nie ganz natürlich an."

Tess McClure beschäftigt sich mit der Frage, was mit Landstrichen passiert, die aufgrund von Landflucht und Bevölkerungsschwund nicht mehr von Menschen besiedelt sind. Holt sich die Natur diese Orte zurück, wie es die populäre Imagination will? Nein, oder jedenfalls nicht so, wie wir uns das in romantischen Träumen ausmalen. Oftmals werden solche Orte nicht von einer reich aufblühenden Planzen- und Tierwelt übernommen, sondern von schädlichen Monokulturen. Überhaupt gilt es, lernt McClure, die Rolle zu überdenken, die Menschen hinsichtlich biologischer Diversität spielen: "In ihrem Buch 'Nature's Ghosts' schreibt Sophie Yeo über Forschungsergebnisse, die darauf hinweisen, dass in Europa Heuwiesen, die für Tierfutter kultiviert wurden, erfolgreicher darin waren, eine Vielzahl von Arten zu bewahren, als Wiesen, die explizit für Biodiversität angelegt wurden. Rückblickend auf das frühe Holozän, beginnend vor 11.700 Jahren, haben Forscher festgestellt, dass es ungefähr gleich wahrscheinlich ist, dass menschliche Präsenz Biodiversität damals erhöht hat wie dass sie sie verringert hat. Allerdings haben nicht alle vom Menschen geschaffenen Landschaften denselben Wert. Eine gepflasterte Wohnsiedlung mit Kunstrasen ist etwas anderes als ein Dorf mit vielfältigen Gemüse- und Blumengärten. Eine traditionelle Heuwiese unterscheidet sich radikal von einer pestizidgetränkten Sojabohnenplantage. Gleichwohl finden Wissenschaftler weiterhin Hinweise darauf, dass die alte Vorstellung vom Menschen als Gegenspieler der Natur falsch ist und dass Visionen von blühenden, menschenfreien Umgebungen eher imaginär als real sind. 'Die Menschen stellen sich die Natur immer noch als eine Art unberührten Ort vor, der vor den Menschen gerettet werden muss', so der amerikanische Umweltwissenschaftler Erle Ellis. 'Das ist definitiv ein Missverständnis.'"

Magazinrundschau vom 19.11.2024 - Guardian

Jessica T Mathews warnt vor einem erneuten atomaren Wettrüsten - das möglicherweise bereits begonnen hat. Zumindest zeigen weder Russland noch China noch die USA derzeit die geringste Bereitschaft, alte Atomwaffensperrverträge zu verlängern oder neue zu beschließen. Ein Blick zurück offenbart, meint Mathews, weshalb es unbedingt notwendig ist, jetzt aktiv zu werden. Denn strategische Pläne aus der Zeit des Kalten Kriegs sind Zeugnisse eines durch und durch irrationalen Denkens: "Die Absurdität des antizipierten Krieges zeigt sich nicht nur in seiner Vorbereitung - sie hat auch operationelle Äquivalenzen. Der USAF-General Charles Boyd, ein Kampfpilot, hatte zeitweise eine Stellung inne, die verlangte, dass der er im Falle eines Krieges in Europa eine Nuklearwaffe abwerfen sollte. Er und seine Mitpiloten erhielten jeweils eine Augenklappe, die mit Blei ausgekleidet war, und wurden angewiesen, sie kurz vor dem Abwurf ihrer Bombe aufzusetzen. In der Höhe, in der ihre Flugzeuge flogen, würde das ungeschützte Auge vom Blitz der Explosion geblendet werden. Sie könnten dann die Klappe abnehmen und mithilfe des anderen Auges weiterfliegen. Der Verlust der Sicht auf einem Auge war keine großes Sache, da die Piloten keinen Zweifel daran hatten, dass es sich um eine Einwegmission handelte: Es würde in einem von nuklearem Krieg verwüsteten Westeuropa keinen Ort geben, um mit dem Flugzeug zu landen."

Magazinrundschau vom 29.10.2024 - Guardian

Das Ergebnis der Volksabstimmung in der Republik Moldau zum EU-Beitritt des Landes ist entsetzlich für die europäische Seite, meint der Wirtschaftsjournalist Wolfgang Münchau. Zwar ging es an den Urnen noch gar nicht um den Beitritt, sondern lediglich um eine Verfassungsänderung, die eine Abstimmung über einen solchen möglich machen würde, und es setzte sich die proeuropäische Seite durch - aber nur hauchdünn, mit 50,4 gegen 39,6 der Stimmen. Proeuropäischer Rückenwind sieht anders aus. Das hat Gründe, erläutert Münchau: "Es ist für Russland viel einfacher, sich in die Angelegenheiten eines anderen Landes einzumischen, wenn dessen Bevölkerung in Teilen Russisch spricht. Die moldauischen Behörden behaupten, dass Russland 15 Millionen Euro an 130.000 Menschen gezahlt habe, um sie zu bestechen, im Referendum mit 'Nein' zu stimmen. Das sind etwas mehr als 100 Euro pro Person. In einem armen Land wie der Republik Moldau ist das für viele Menschen viel Geld. Die Hürden für eine russische Einflussnahme sind sehr niedrig, und das wird auch so bleiben. In seinem Enthusiasmus für die Erweiterung neigt die EU dazu, ihre eigene Beliebtheit zu überschätzen. Die Erweiterung ist die einzige erkennbare Säule der geopolitischen Strategie Europas, aber die Union hat kaum die Möglichkeit, die Ereignisse zu kontrollieren. Die EU unterschätzt möglicherweise auch den Widerstand bestehender Mitglieder, sobald die Kosten der Erweiterung in wirtschaftlich verarmte Regionen klar werden. Bisher hat nur Viktor Orbán damit gedroht, eine EU-Mitgliedschaft der Ukraine zu blockieren. Er wird eines Tages nicht mehr im Amt sein. Stärker werden sich, vermute ich, Polen und andere Nettoempfänger gegen neue Mitgliedschaften wehren. Polen ist mit Abstand der größte Nettoempfänger, ein Status, den es als Preis für die EU-Erweiterung aufgeben müsste."

Kermit Pattison berichtet staunend über die Forschung der Molekularpaläonthologin Alexandra Morton-Hayward, die eine große Sammlung teils viele Jahrhunderte alter menschlicher Gehirne anlegt - und dazu forscht, unter welchen Umständen dieses Organ so lange erhalten bleiben kann. Unter anderem interessiert sich Morton-Hayward für chemische Auffälligkeiten ihrer Proben: "Tatsächlich sind konservierte Gehirne voller Eisen - in manchen Fällen bestehen sie zu 25 Prozent aus diesem Element. Es sind eisenhaltige Mineralien, die antike Gehirne gelb, schwarz, orange oder rot färben. In lebenden Gehirnen unterstützt Eisen wichtige Funktionen wie die Atmung und den Elektronentransport. Eisen kann jedoch auch gefährlich sein, da es sich mit dem Alter ansammelt und ein Phänomen namens oxidativer Schaden fördert. Oxidativer Schaden wird mit dem Altern sowie mit neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson und anderen Gehirnpathologien in Verbindung gebracht. Tatsächlich legt Morton-Haywards Arbeit nahe, dass oxidativer Stress im Leben einen Prozess in Gang setzen kann, der nach dem Tod weitergeht - insbesondere unter bestimmten Bedingungen wie sauerstoffarmen, wassergefüllten Begräbnisstätten. Sie ist beeindruckt von der Tatsache, dass viele konservierte Gehirne von Menschen stammen, deren Leben elend endete - in Massengräbern, bei traumatischen Todesfällen, in Armenhäusern und Anstalten."