Magazinrundschau - Archiv

Harper's Magazine

66 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 7

Magazinrundschau vom 30.03.2026 - Harper's Magazine

Wie konservativer Klimaschutz aussieht, zumindest in den USA, kann Gaby Del Valle in einem Sommercamp der American Conservation Coalition (ACC) in Tennessee beobachten. 2017 vom konservativen Politiker Benji Backer gegründet, ist die ACC "zu einem nationalen Netzwerk mit fast einhundert Ortsgruppen herangewachsen, inklusive Lobbyabteilung, mehreren Dutzend festangestellten Mitarbeitern, einem Budget von fünf Millionen Dollar und engen Verbindungen zum Weißen Haus." Besonders viel für den Umweltschutz hat die Gruppe seit Trumps Präsidentschaft allerdings nicht bewirkt, meint Del Valle, das könnte mit einer etwas eigenen Idee von Klimaschutz zu tun haben: "Sie vermittelt ihren Mitgliedern die Vision eines amerikanischen Überflusses aus eigener Kraft. 'Ein konservativer Ansatz beim Energiesparen' ist nur die eine Hälfte ihres Programms; die andere Hälfte widmet sich der Förderung der US-amerikanischen 'Energiedominanz' durch beschleunigte Genehmigungsverfahren für neue Energieinfrastruktur und einer umfassenden Strategie, die fossile Brennstoffe nicht benachteiligt. Führungskräfte von Öl-, Atom- und Geothermieunternehmen hielten drei der neun Hauptvorträge auf dem ACC-Gipfel (...) Was das Projekt der ACC auszeichnet, ist eine Art romantischer Nationalismus, der die Pracht der amerikanischen Landschaft und die von ihr symbolisierten moralischen Werte hervorhebt." Das "Zukunftsbild des ACC scheint stark von der Vergangenheit geprägt: traditionelle amerikanische Familien genießen die Natur, jagen, fischen und campen wie ihre Vorfahren - auf einem Land, das so schön ist wie eh und je."

Außerdem: Daniel Brook schildert in einer Reportage 38 Tage ICE in New Orleans als Geschichte einer Besatzung.
Stichwörter: Klimaschutz, USA, Trump, Donald

Magazinrundschau vom 24.02.2026 - Harper's Magazine

Ein wahres Gruselkabinett: Sam Kriss schaut sich in der AI-infizierten Tech-Szene der Gegenwart um und porträtiert eine Reihe von Gestalten, die in dieser Welt auf die eine oder andere Art erfolgreich sind - oft nicht so sehr aufgrund herausragender Kenntnisse oder Fähigkeiten, sondern wegen einer Eigenschaft, die derzeit das A und O der Branche ist: Handlungmacht. Kriss fasst das Ethos der schönen neuen Welt folgendermaßen zusammen: "Individuelle Intelligenz wird nichts mehr bedeuten, sobald wir übermenschliche KI haben. Dann wird der Unterschied zwischen einem obszön talentierten Giga-Nerd und einem gewöhnlichen, Sixpack-trinkenden Trottel ungefähr so bedeutsam sein wie der Unterschied zwischen zwei beliebigen Ameisen. Wenn das, was du tust, irgendetwas mit der menschlichen Fähigkeit zu Vernunft, Reflexion, Einsicht, Kreativität oder Denken zu tun hat, wirst du nur noch Fleisch für die Coltan-Minen sein. Die Zukunft wird Menschen gehören, die eine ganz bestimmte Kombination aus Persönlichkeitsmerkmalen und psychosexuellen Neurosen besitzen. Eine KI mag schneller programmieren können als du, aber es gibt einen Vorteil, den Menschen noch haben. Er heißt Handlungsmacht - oder: besonders agentisch sein. Hoch agentische Menschen sind solche, die einfach handeln. Sie warten nicht schüchtern auf Erlaubnis oder Konsens; sie walzen wie Bulldozer alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellt. Wenn sie etwas sehen, das sich in der Welt verändern ließe, schreiben sie keine lange Kritik - sie verändern es. KIs sind nicht in der Lage, auf jene unangenehmen Kindheitserfahrungen zuzugreifen, die einem diesen Hunger verleihen. Handlungsmacht ist heute die wertvollste Ressource im Silicon Valley. In Tech-Vorstellungsgesprächen werden Bewerber häufig gefragt, ob sie 'mimetisch' oder 'agentisch' seien. Du willst nicht 'mimetisch' sagen. Einst zog San Francisco Ausreißer, Künstler und Freaks an; heute ist es ein gewaltiger Magnet für hoch agentische junge Männer."

Einen - zumindest auf den ersten Blick - ganz anderen Plan verfolgen die Tech-Industriellen, denen sich Maddy Crowell widmet. Crowell besucht die Industriemesse Reindustrialize 2.0, deren Organisatoren eine Revitalisierung der amerikanischen Wirtschaft das Wort reden - allerdings geht es ihnen nicht darum, klassische Blue-Collar-Jobs ins Land zurück zu holen: "Die Tech-Industriellen haben einen anderen Plan, um Amerika zu retten. Ihrer Ansicht nach brauchen wir eine fortschrittliche Fertigungsindustrie. Viel zu lange, so sagen sie, hätten Tech-Ingenieure mit immateriellen Dingen herumgespielt: Software, Blockchain, Krypto, KI. Währenddessen produziert China, die größte Industriemacht der Welt, rund fünfundachtzigtausend Autos pro Tag; die Vereinigten Staaten schaffen kaum ein Drittel dieser Zahl. Das Silicon Valley quillt über von Start-ups, doch zu wenige ihrer Produkte sind greifbar und konkret. Die Tech-Industriellen glauben, dass Amerika moderne Rechenkapazitäten auf die industrielle Produktion anwenden muss. Ihrer Meinung nach ist die Technologie zu weit in den unsichtbaren Bereich der Bits oder in die digitale Cloud abgedriftet. Sie haben genug vom Küsten-Ethos 'Tech um des Tech willen'. Und sie haben einige sehr einflussreiche Unterstützer in den neu verbündeten Welten von Tech und amerikanischer Politik gewonnen, darunter den Vizepräsidenten und den Verteidigungsminister. 'Der Westen hielt einst sein eigenes Schicksal fest in der Hand', heißt es im Leitbild der New Industrial Corporation. 'Wir alle spüren es. Ein Superzyklus kommt ächzend zum Stillstand. … Die bekannte Weltordnung gerät aus den Fugen. Das 'Ende der Geschichte' geht zu Ende.'" Crowell freilich ist skeptisch: "Die ständigen Beschwörungen des goldenen Zeitalters der Nachkriegszeit wurden allmählich ermüdend. Es ist nachvollziehbar, dass eine Konferenz zur Reindustrialisierung an die industrielle Glanzzeit des Landes erinnert, doch es ist keineswegs klar, welche langfristigen landesweiten Folgen das tech-industrielle Versprechen haben wird. Trotz des erklärten Ziels der Konferenz, junge Unternehmer mit Risikokapitalgebern von den Küsten zusammenzubringen, schien 'mit China konkurrieren' zu bedeuten, möglichst viele traditionelle Arbeitsplätze in der Fertigung wegzuautomatisieren."

Magazinrundschau vom 03.02.2026 - Harper's Magazine

An einer Übung in praktischer Psychogeographie versucht sich Hari Kunzru. Unter Verweis auf die Situationistische Internationale sowie andere, ältere Autoren wie William Blake, die den Mysterien der britischen Metropole auf der Spur waren und vor okkulten Praktiken nicht zurückschreckten, sucht er nach einem anderen London. Herausgekommen ist ein dichter, assoziationsreicher literarischer Text: "Nur wenige Minuten von St. Mary Woolnoth entfernt liegt der Leadenhall Market, eine malerische überdachte Passage mit kleinen Imbissen und Pubs, die vor allem von Angestellten der City besucht werden. Eine hochviktorianische Zuckergussarchitektur aus Glas und Eisen, beliebt bei Filmemachern, die ein wenig historisches Kolorit suchen. Geht man hindurch, erlebt man einen plötzlichen und extremen Übergang - ein lehrbuchhaftes Beispiel für die situationistische 'Aufteilung einer Stadt in Zonen unterschiedlicher psychischer Atmosphäre'. Das benachbarte Lloyd's-Gebäude ist das Zentrum einer ganz anderen Art von Markt: des globalen Versicherungsgeschäfts. Der gewaltige Turm wirkt wie einem Prog-Rock-Albumcover entsprungen, ein postmoderner Stahlgott, mit außen anliegenden Rohren und Leitungen. Vom Leadenhall Market zu Lloyd's zu gehen fühlt sich an wie eine besonders brutale Form der Zeitreise, als wäre man eine Figur aus einem Roman von H. G. Wells, die in die Zukunft geschleudert wird - nur dass es sich um eine glattpolierte Science-Fiction-Fantasie der Siebzigerjahre handelt. Das Lloyd's-Gebäude ist ein starkes Argument für Alan Moores Behauptung, dass das Imaginäre die Grundlage der physischen Welt sei. Die Ingenieure der City of London scheinen sich in einer kollektiven Halluzination befunden und aus dem Nichts die kapitalistische Zukunft erschaffen zu haben. Gegenwärtig widmen sie sich der Finanzierung (und Versicherung und Risikoberechnung) gigantischer Rechenzentren und Marsraketen - Schnittstellen von zerlesenen Science-Fiction-Taschenbüchern und der realen Welt."

Magazinrundschau vom 25.11.2025 - Harper's Magazine

Wird es bald in jedem Haushalt einen Roboter geben, der alle lästigen Aufgaben vom Geschirrspülen bis zum Wäschefalten übernehmen wird? Das Unternehmen 1X Technologies, geführt vom norwegischen Robotikexperten Bernt Børnich, präsentierte letztes Jahr den Prototyp eines "humanoiden Roboters für Zuhause", berichtet James Vincent. Zu einem Interview war das Unternehmen dann doch nicht bereit, lesen wir, überhaupt lernt Vincent, der die führenden amerikanischen Roboterhersteller besucht hat, dass Haushaltsroboter tatsächlich eine der am schwierigsten zu produzierenden Maschinen sind: zu komplexe Vorgänge, zu viel Risiko. Anders sieht es aber in der Industrie aus und hier kommt, mit Blick auf China, eine politische Komponente hinzu: "Eine Dokumentenanalyse von Reuters im Mai ergab, dass die chinesische Regierung im Vorjahr über 20 Milliarden US-Dollar für den Sektor bereitgestellt hatte. Die staatlichen Beschaffungen von humanoiden Robotern und zugehöriger Technologie stiegen um das 45-Fache. Das Entwicklungstempo ist rasant. Videos von chinesischen Robotern, die Kampfsport und Akrobatik vorführen, sind in den sozialen Medien weit verbreitet, und die chinesische Robotikindustrie hat eine Reihe von Großveranstaltungen organisiert, um ihre Fortschritte zu präsentieren. Im April fand in Hangzhou das erste Roboter-Kickboxturnier statt (...) Natürlich gelten die gleichen technologischen Herausforderungen, denen Humanoide in den Vereinigten Staaten gegenüberstehen, auch in China, obwohl diese Überlegungen zunehmend von geopolitischen Aspekten überschattet werden. Laut George Chowdhury, Robotikanalyst bei ABI Research, gibt es in Regierung und Industrie eine wachsende Gruppe von Menschen, die sich von dem Hype um Humanoide haben mitreißen lassen und glauben, dass die Weltwirtschaft von demjenigen dominiert werden wird, der das Problem als Erster löst. 'Wenn China seine eigene Arbeitskraft drucken kann, dann hat man wirtschaftlich gesehen ein Problem, oder?', sagt er. 'Das wird fast zu einer existenziellen Frage. In den Köpfen einiger Leute eskaliert das meiner Meinung nach fast zu einem Kalten Krieg.'"

Hier ein paar Eindrücke von der Roboter-Olympiade in Bejing im August 2025: 

Magazinrundschau vom 22.07.2025 - Harper's Magazine

Der amerikanische Schriftsteller Michael W. Clune denkt über verschiedene Aspekte der digitalen Gesichtserkennung nach. Durch KI wird diese immer präziser - die Vorstellung von unserem Gesicht als einer Landschaft unterschiedlicher Emotionen und individueller Ausdrücke wird dadurch völlig umgeworfen. Am eigenen Leib erlebte Clune das, als er wegen Drogenbesitzes verhaftet und fotografiert wurde: "Welchen Gesichtsausdruck die Kamera auch immer einfing - benommen, blicklos auf weite Flächen in grau-weißer Gefängnisfarbe blinzelnd - er war nicht beabsichtigt. Vielleicht war es in gewisser Weise das authentischste Bild meines Gesichts, das je aufgenommen wurde. Das Justizsystem war jedenfalls nicht daran interessiert, mich zum Lächeln zu bringen. Dieses Foto diente lediglich zu Identifikationszwecken (...) Das ist die Wahrheit, die im Begriff 'Faceprint' steckt. Er ist wie ein Daumenabdruck: ein Muster, das für eine Person einzigartig ist, die Spur, die jemand in jedem Raum hinterlässt, den er durchquert. Sich ein Bild des eigenen Gesichts als irgendwie analog zu seinem Daumenabdruck vorzustellen, führt zu ernsthaftem Schwindelgefühl. Schauen Sie sich Ihren Daumen an. Und jetzt schauen Sie sich Ihr Gesicht im Spiegel an. Stellen Sie sich vor, Ihr Hals würde in einem riesigen Daumen enden. Um zu verstehen, wie das eigene Gesicht so neutral, objektiv und ausdruckslos wie der eigene Daumen werden kann, muss man den entscheidenden Unterschied zwischen dem Regime der Gesichtserkennung und dem Regime der alltäglichen, ausdrucksstarken Gesichtskontrolle begreifen."

Magazinrundschau vom 24.06.2025 - Harper's Magazine

Einige der loyalsten Verbündeten Israels leben im Pazifik, lernen wir von Pete McKenzie. Das zeigte sich als die Uno angesichts der israelischen Bombardierung Gazas einen Waffenstillstand forderte: "Außer Israel selbst, den Vereinigten Staaten und einigen anderen Mitgliedstaaten wie Ungarn lehnten nur Fidschi, Nauru, Tonga, die Marshallinseln, Mikronesien und Papua-Neuguinea den Vorschlag ab." Tatsächlich glauben viele Bewohner der Inseln, dass sie der "Verlorene Stamm Israels" seien. Einige glauben sogar, die Israelis seien der Verlorene Stamm Fidschis. McKenzie will der Sache auf den Grund gehen. Seine Reportage ist interessant, aber auch etwas herablassend: "Ich hatte erwartet, nur eine bunt zusammengewürfelte Ansammlung von Gaunern und Exzentrikern vorzufinden, wie sie so oft in der abgelegenen Südsee Fuß fassen. Stattdessen fand ich zu meiner Überraschung eine Fabel, die von Gesetzgebern und Premierministern vertreten wird". McKenzie erzählt dann die Geschichte der Entdeckung der Salomon Inseln durch den spanischen Adligen Álvaro de Mendaña de Neira, der einen Kontinent "voller Gold und voller Heiden" zu finden hoffte, genauer: "das Land Ophir, aus dem König Salomo der Bibel zufolge seine legendären Reichtümer bezog. Er fand nichts, außer feindselige Einheimische und kehrte zurück. Der Name Salomon blieb jedoch haften und die Missionare, die später kamen, inspirierten weitere Geschichte über das biblische Erbe. "In der Zwischenzeit geriet die Inselgruppe bei Außenstehenden weitgehend in Vergessenheit - bis zum Zweiten Weltkrieg, als ihre Nähe zu Australien sie strategisch unentbehrlich machte und die japanische Besetzung und die amerikanische Invasion von Guadalcanal, der größten der Salomonen, zur Folge hatte. Als der Krieg zu Ende war, ging die Welt wieder weiter. Doch die Bewohner der Salomonen blieben mit einem ausgeprägten Gefühl für ihre eigene Bedeutung zurück, das sich mit den Erzählungen über ihre ophirische Abstammung deckte: Wenn man den Mythen Glauben schenken durfte, waren sie kein übersehenes Volk am Rande der Welt, sondern wichtige Akteure in einer jahrtausendealten religiösen Sage. Für viele erwies sich dieses Gefühl der Zentralität als unwiderstehlich."

Der Dichter, Essayist und Schmetterlingskundler Lewis Hyde denkt mit dem Geologen Charles Lyell und Charles Darwin über das Mysterium der "tiefen Zeit" nach, die in Jahrtausenden und -millionen rechnet. "Die Aussage, dass die Anden fünfundzwanzig Millionen Jahre brauchten, um sich zu erheben, oder dass der Granit in den kalifornischen Transverse Ranges mehr als sechsundsechzig Millionen Jahre alt ist, impliziert, dass wir die Zeit im Griff haben, dass wir sie sozusagen domestiziert haben, dass wir sie in das Haus der Wissenschaft geholt haben und sie uns vertraut und nicht fremd geworden ist. Aber weder eine Tabelle mit den Äonen, Epochen und Zeiträumen der Geologie noch eine Infinitesimalrechnung können das Gefühl der Ehrfurcht vor der geologischen Zeit beseitigen. Darwin hat dieses Gefühl, soweit ich sehen kann, nie verloren. In 'Origin' sagt er kurz vor seiner Analyse des Wealds, dass all diese geologischen Wunder seinen Geist beeindrucken 'wie das vergebliche Bemühen, sich mit der Idee der Ewigkeit auseinanderzusetzen', und als er mit seinem Experiment der Periodisierung fertig ist, kehrt er sofort zu seinem Gefühl des Staunens zurück: 'Welche unendliche Zahl von Generationen, die der Verstand nicht fassen kann, muss in der langen Rolle der Jahre aufeinander gefolgt sein!' Etwas von dieser geologischen Ehrfurcht hat sich nun zu meiner kindlichen Begeisterung für Schmetterlinge gesellt. Denn es gibt fossile Lepidoptera [Schmetterlinge]. In Colorado wurden in der Green River Formation mindestens vier Exemplare aus dem Eozän vor achtundvierzig Millionen Jahren und in der nahe gelegenen Florissant Formation ein Dutzend Arten dreizehn Millionen Jahre später gefunden. Eine solche klar datierte Periodisierung mag leichter zu begreifen sein als 'die Idee der Ewigkeit', aber selbst dann sollte sie das anfängliche Wunder unberührt lassen, dass Schmetterlinge existieren und überleben, ein Beweis dafür, was die Natur aus dem Leben machen kann, wenn sie die Chance hat, mit blühenden Pflanzen, Sonnenlicht und Luft zu spielen."
Stichwörter: Hyde, Lewis

Magazinrundschau vom 27.05.2025 - Harper's Magazine

Der norwegische Autor Karl Ove Knausgard ist an sich kein technikaffiner Mensch, gibt er in Harper's zu verstehen, er musste Mitte Fünfzig werden, um zu begreifen, dass sich das Gefühl der Entfremdung vom Konkreten, um dem Kern der Sache nahezukommen, nicht nur in der Literatur findet, sondern beispielsweise auch im Wunder der Neurochirurgie: "Ich stand in einem Operationssaal in Albanien, in einen Kasack, eine Maske und eine OP-Haube gekleidet, und starrte durch ein Mikroskop direkt in ein lebendiges Hirn. Ich war dort, um über den britischen Chirurgen und Autor Henry Marsh zu schreiben. Sein Team hatte am Tag zuvor ein reichlich großes rundes Loch in den Schädel einer jungen Frau gesägt. Nun hoben sie das Schädelstück ab wie einen Deckel und entfernten die Fäden aus der Hirnhaut, sodass Marsh mit seiner Arbeit beginnen konnte. Er identifizierte den Tumor und begann, ihn mit einem staubsaugerähnlichen Gerät zu entfernen. Der Tumor befand sich im visuellen Cortex und sorgte dafür, dass die Patientin Dinge sah, die gar nicht da waren. Einen brennenden Garten, den sie gesehen hatte - real für sie, aber für niemanden sonst. (…) Ich werde nie vergessen, was ich an dem Tag unter dem Mikroskop sah. Ich sah Berge und Täler und Flüsse aus Blut. Ich sah Höhlen und Canyons, Gruben und Schluchten. Es war wie eine Landschaft auf einem anderen Planeten weit weg im Universum, bekannt und fremd zugleich. Ich konnte einfach nicht begreifen, dass all ihre Gedanken dort in dieser Landschaft beheimatet waren. All ihre Fantasien, Probleme, Beziehungen, alles, was sie wusste, erinnerte, in der Schule gelernt hatte. (...) Draußen waren die Straßen Tiranas in das Licht der schweren Spätsommer-Sonne getaucht. Alles, was ich sah, war schärfer und intensiver. Alles war physisch. Das Gras, die Gedanken, das Blut, die Sonne, die Seele. Selbst das Mysterium war physisch greifbar. War es nicht das, worum es im Christentum ging, dass Gott Fleisch und Blut ist? Das Gefühl von der Materialität der Welt habe ich seitdem nicht mehr losgelassen."

Magazinrundschau vom 25.02.2025 - Harper's Magazine

Anders als Quinn Slobodian in der New York Review glaubt Andrew Cockburn nicht daran, dass DOGE am Status quo viel ändern wird. Insbesondere verweist er darauf, dass nicht nur Trump selbst in seiner ersten Amtszeit, sondern auch eine lange Reihe früherer Präsidenten beider Parteien mit dem Versprechen angetreten sind, Bürokratie abzubauen. Gelungen ist es bisher keinem einzigen. Und das hat Gründe: "Das zentrale Problem besteht darin, dass niemand außerhalb der Bürokratie ihre inneren Abläufe auf operativer Ebene verstehen kann. Die Handbücher der Regierungsbehörden enthalten komplexe Richtlinien und Verfahren, die in ihrer Gesamtheit ein einschüchterndes Dickicht an Regeln darstellen - Regelwerke, die die Bürokratie nutzen kann, um ihr Handeln oder auch ihre Untätigkeit zu rechtfertigen. Es ist schwer vorstellbar, wie Außenstehende, so ideologisch überzeugt sie auch sein mögen, sich durch diese verborgenen Pfade navigieren könnten. Das 'Alternative Personnel System Operating Procedures Manual' des Handelsministeriums beispielsweise umfasst 105 Seiten. Das Ministerium für Innere Sicherheit widmet acht Seiten den Vorschriften zur korrekten Verwendung des offiziellen Briefkopfs der Behörde. Tief verborgen auf der Website des Gesundheitsministeriums findet sich die 15-seitige Richtlinie 'Human Subject Regulations Decision Charts: 2018 Requirements'. Das Amt für öffentliches und indigenes Wohnungswesen im Ministerium für Wohnungsbau und Stadtentwicklung hat ein 13-seitiges Dokument erstellt, das die 'Verfahren für das Bargeldmanagement und den Abschluss von Fördermitteln für das Programm 'Gutschein für Notunterkünfte'  sowie ergänzende Informationen' abdeckt." Was also wird passieren? "Ein ehemaliger einflussreicher Regierungsbeamter, der anonym bleiben will, um nicht den Zorn der Administration auf sich zu ziehen, gibt eine vernichtende Prognose für die Aussichten von DOGE ab: 'Sie werden zwei oder drei Maßnahmen ergreifen, von denen sie glauben, dass sie alle Probleme lösen - und die dann vor Gericht gekippt werden', sagte mir der Beamte nach der Bekanntgabe von Musks Ernennung. 'Ich nehme an, das erste, was sie versuchen werden, ist eine Art Einstellungsstopp. Nach drei Monaten werden sie merken, dass die Behörden begonnen haben, Wege zu finden, diesen zu umgehen. Dann werden sie versuchen, das zu unterbinden - und es wird ihnen nicht gelingen. Anschließend werden sie versuchen, die Leute dazu zu zwingen, fünf Tage die Woche ins Büro zu kommen. Das wird schwierig, weil viele dieser Behörden gar keine Büroräume mehr für diese Leute haben. Ich denke, es wird ein Problem nach dem anderen geben, und nach vier Jahren ist die Zahl der Mitarbeiter um zwei Prozent gesunken - vielleicht.'"

Magazinrundschau vom 20.01.2025 - Harper's Magazine

Was wäre die Welt der Literatur ohne Briefe? Die Schriftstellerin Cynthia Ozick erklärt in einem Essay ihre große Liebe zum Brief und versenkt sich dabei in die unterschiedlichsten Korrespondenzen. So zitiert sie einen Brief des jungen Henry James, der die Schriftstellerin Mary Ann Evans alias George Eliot bei einem ihrer Empfänge besuchte. Aufgrund ihrer offenen Beziehung zum Schriftsteller George Henry Lewes galt sie als gesellschaftliche Außenseitern. Henry James, der mit 26 Jahren zu denen gehörte, die sich Mrs. Lewes nähern durften, beschrieb sie in einem Brief an seinen Vater: "'Zunächst einmal ist sie herrlich hässlich - köstlich abscheulich. Sie hat eine niedrige Stirn, stumpfe graue Augen, eine riesige Hängenase, einen riesigen Mund voller unregelmäßiger Zähne und ein Kinn und einen Kieferknochen (...) In dieser gewaltigen Hässlichkeit steckt eine mächtige Schönheit (...) Ja, siehe, ich bin buchstäblich verliebt in diesen großen Blaustrumpf mit dem Pferdegesicht (...) eine bewundernswerte Physiognomie - ein entzückender Ausdruck, eine Stimme, weich und voll wie die eines beratenden Engels - eine Mischung aus Scharfsinn und Süße - ein deutlicher Hinweis auf eine große zugrunde liegende Welt der Zurückhaltung, des Wissens, des Stolzes und der Macht.'" Die "Verzückung", kommentiert Ozick, "geht immer weiter, Satz für Satz ausgeschmückt. In all dem lauert eine eigenartige und sehr öffentliche Ironie: siehe, ich bin buchstäblich verliebt, im Widerspruch zu 'Ich vermute, die Gesellschaft hat Recht'. George Eliot, die Sibylle der Sonntagsempfänge, war zugleich ein Musterbeispiel für ernsthafte Sensibilität und eine gesellschaftliche Paria. Ihre ozeanischen Briefe sind dennoch Inkarnationen oder, nennen wir sie, Manifeste von Anstand und Ehre, außerordentlich aufmerksam, unfehlbar mitfühlend, abgestimmt auf die individuelle Integrität jedes Briefschreibers. Das zeitgenössische Ohr, das an Misstrauen gegenüber Aufrichtigkeit gewöhnt ist, wird vergeblich auf die zynische oder abweisende Nachricht warten; aber wenn es Widerstand gibt, wird sie ihn sauber wegschneiden."

Magazinrundschau vom 26.11.2024 - Harper's Magazine

Ist Kunst endgültig tot? Dean Kissick ist ein Kritiker und Kurator. Seine große Erinnerung an die Kunst ist die an die Kunst von vorgestern, als der "Hurrikan" und Kurator Hans Ulrich Obrist, dessen Assistent Kissick einst war, durch die Welt raste und der Kunst einen Overkill an Connectivity bescherte, aber dann kam ein Bruch, den Kissick auf die Documenta 14 von 2017 datiert. Es folgte eine Repolitisierung der Kunst durch eine "unerwarteter Menge albanischer Maler des sozialistischen Realismus" und vor allem die Invasion des Indigenen, von denen man die Zauberformel für alle Übel der Gegenwart ersehnte. "Die Zelebrierung der Identität in solch traditionellen Stilen ist inhaltlich fortschrittlich, aber in der Form konservativ", schreibt Kissick, der noch nicht mal auf die totale moralische Katastrophe der Documenta 15 zu sprechen kommt und damit auch die Hälfte der Wahrheit schuldig bleibt - nämlich dass der Postkolonialismus auch in der Kunst womöglich nur ein anderer Name für Antisemitismus ist. Seine Sicht der Dinge: "Vor einem halben Jahrhundert beklagte Tom Wolfe auf diesen Seiten, dass mit der zunehmenden Abstraktion und Entobjektivierung der modernen Kunst und den strengen Interpretationsvorgaben der führenden Kritiker das Werk in seiner Erscheinung der Theorie untergeordnet werde, die es zu erklären vorgab. In den folgenden Jahrzehnten begannen Kritiker, Künstler und Kuratoren gleichermaßen, zeitgenössische Kunstwerke in Beziehung zu mehr oder weniger jedem Untergenre der zeitgenössischen Philosophie zu setzen - Dekonstruktion, Poststrukturalismus, spekulativer Realismus, Akzelerationismus, Pataphysik, Psychogeografie. Nun, da sich die Bandbreite der Kunst dramatisch verengt hat, haben sich auch die theoretischen Rahmen, die zu ihrer Interpretation verwendet werden, verengt, und die Beschreibungen der Werke werden von der Sprache der dekolonialen oder queeren Theorie dominiert." Und das Ergebnis? "Wir belügen uns gegenseitig und uns selbst, dass all diese langweiligen Arbeiten inspirierend seien, dass sie einen Einfluss darauf hätten, wie sich Meinungen bilden und Herzen gewonnen werden, aber das stimmt natürlich nicht. Es interessiert niemanden, und das ist auch der Grund, warum sich die Ausstellungen so leblos anfühlen."