
Ein wahres Gruselkabinett: Sam Kriss
schaut sich in der
AI-infizierten Tech-Szene der Gegenwart um und porträtiert eine Reihe von Gestalten, die in dieser Welt auf die eine oder andere Art erfolgreich sind - oft nicht so sehr aufgrund herausragender Kenntnisse oder Fähigkeiten, sondern wegen einer Eigenschaft, die derzeit das A und O der Branche ist:
Handlungmacht. Kriss fasst das Ethos der schönen neuen Welt folgendermaßen zusammen: "Individuelle Intelligenz wird nichts mehr bedeuten, sobald wir
übermenschliche KI haben. Dann wird der Unterschied zwischen einem obszön talentierten Giga-Nerd und einem gewöhnlichen, Sixpack-trinkenden Trottel ungefähr so bedeutsam sein wie der Unterschied zwischen zwei beliebigen Ameisen. Wenn das, was du tust, irgendetwas mit der menschlichen Fähigkeit zu Vernunft, Reflexion, Einsicht, Kreativität oder Denken zu tun hat, wirst du nur noch
Fleisch für die Coltan-Minen sein. Die Zukunft wird Menschen gehören, die eine ganz bestimmte Kombination aus Persönlichkeitsmerkmalen und psychosexuellen Neurosen besitzen. Eine KI mag schneller programmieren können als du, aber es gibt einen Vorteil, den Menschen noch haben. Er heißt Handlungsmacht - oder:
besonders agentisch sein. Hoch agentische Menschen sind solche, die einfach handeln. Sie warten nicht schüchtern auf Erlaubnis oder Konsens; sie walzen wie Bulldozer alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellt. Wenn sie etwas sehen, das sich in der Welt verändern ließe, schreiben sie keine lange Kritik - sie verändern es. KIs sind nicht in der Lage, auf jene
unangenehmen Kindheitserfahrungen zuzugreifen, die einem diesen Hunger verleihen. Handlungsmacht ist heute die wertvollste Ressource im Silicon Valley. In Tech-Vorstellungsgesprächen werden Bewerber häufig gefragt, ob sie 'mimetisch' oder 'agentisch' seien. Du willst nicht 'mimetisch' sagen. Einst zog San Francisco Ausreißer, Künstler und Freaks an; heute ist es ein gewaltiger Magnet für hoch agentische junge Männer."
Einen - zumindest auf den ersten Blick - ganz anderen Plan verfolgen die
Tech-Industriellen, denen sich Maddy Crowell widmet. Crowell
besucht die Industriemesse Reindustrialize 2.0, deren Organisatoren eine Revitalisierung der amerikanischen Wirtschaft das Wort reden - allerdings geht es ihnen nicht darum, klassische Blue-Collar-Jobs ins Land zurück zu holen: "Die Tech-Industriellen haben einen anderen Plan, um Amerika zu retten. Ihrer Ansicht nach brauchen wir eine
fortschrittliche Fertigungsindustrie. Viel zu lange, so sagen sie, hätten Tech-Ingenieure mit immateriellen Dingen herumgespielt: Software, Blockchain, Krypto, KI. Währenddessen produziert China, die größte Industriemacht der Welt, rund fünfundachtzigtausend Autos pro Tag; die Vereinigten Staaten schaffen kaum ein Drittel dieser Zahl. Das Silicon Valley quillt über von Start-ups, doch zu wenige ihrer Produkte sind
greifbar und konkret. Die Tech-Industriellen glauben, dass Amerika moderne Rechenkapazitäten auf die industrielle Produktion anwenden muss. Ihrer Meinung nach ist die Technologie zu weit in den unsichtbaren Bereich der Bits oder in die digitale Cloud abgedriftet. Sie haben genug vom Küsten-Ethos 'Tech um des Tech willen'. Und sie haben einige sehr einflussreiche Unterstützer in den neu verbündeten Welten von Tech und amerikanischer Politik gewonnen, darunter den Vizepräsidenten und den Verteidigungsminister. 'Der Westen hielt einst sein eigenes Schicksal fest in der Hand', heißt es im Leitbild der New Industrial Corporation. 'Wir alle spüren es. Ein Superzyklus kommt
ächzend zum Stillstand. … Die bekannte Weltordnung gerät aus den Fugen. Das 'Ende der Geschichte' geht zu Ende.'" Crowell freilich ist skeptisch: "Die ständigen Beschwörungen des goldenen Zeitalters der Nachkriegszeit wurden allmählich ermüdend. Es ist nachvollziehbar, dass eine Konferenz zur Reindustrialisierung an die
industrielle Glanzzeit des Landes erinnert, doch es ist keineswegs klar, welche langfristigen landesweiten Folgen das tech-industrielle Versprechen haben wird. Trotz des erklärten Ziels der Konferenz, junge Unternehmer mit Risikokapitalgebern von den Küsten zusammenzubringen, schien 'mit China konkurrieren' zu bedeuten, möglichst viele traditionelle Arbeitsplätze in der Fertigung wegzuautomatisieren."