
Der
chilenische Autor Benjamín Labatut unternimmt einen Parforce-Ritt nicht nur durch die lange, (mindestens) im 19. Jahrhundert wurzelnde
Geschichte der Künstlichen Intelligenz, sondern parallel dazu auch durch die Kulturgeschichte der menschlichen Furcht, sich durch die eigenen Erfindungen
mit Gott selbst anzulegen. Beides lässt er in Warnungen vor einer allmächtigen KI kulminieren, deren zentralste Kassandra
Geoffrey Hinton ist, ein Apokalyptiker, der - ausgerechnet - KI entschieden mit auf den Weg brachte. Das liest sich mitunter wie Fantasy und Science Fiction - auch deshalb, weil das Hintergrundrauschen des Textes die Mythologie von
Frank Herberts "Dune"-Saga bildet: "Hinton scheint sich davor zu fürchten, was wir sehen könnten, wenn die Glut des 'Altars des Feuers' am Ende des Opfers erlischt und die
scharfe Kälte der Wesen, die wir heraufbeschworen haben, in unsere Knochen zu sickern beginnt. Sind wir wirklich dabei, uns selbst überflüssig zu machen? Wird die Menschheit aussterben - nicht wegen der Art und Weise, wie wir mit unserer Umwelt umgehen, auch nicht wegen eines massiven, gedankenlosen Felsens, den die Schwerkraft auf uns schleudert, sondern als Folge unseres eigenen irrationalen Bedürfnisses, alles zu wissen, was man wissen kann? Die vermeintliche KI-Apokalypse unterscheidet sich vom
Atompilz-
Horror eines Atomkriegs und von den Verwüstungen durch Waldbrände, Dürren und Überschwemmungen, die alltäglich werden, weil sie aus etwas erwächst, das wir seit Beginn der Zivilisation immer als positiv angesehen haben und zentral für das, was uns zu Menschen macht: Vernunft, Intelligenz, Logik und die Fähigkeit, die Probleme, Rätsel und Übel zu lösen, die selbst die glücklichsten Menschen mit alltäglichem Leid belasten. Aber wenn wir uns den Weg zur Apotheose bahnen, wenn wir es wagen, in die
Fußstapfen der vedischen Götter zu treten, die es geschafft haben, dem Tod zu entkommen, könnten wir ein Licht auf Dinge werfen, die im Dunkeln bleiben sollten. ... In den kommenden Jahren, in denen die mit KI bewaffneten Menschen die Welt immer schneller, seltsamer und chaotischer machen, sollten wir alles in unserer Macht Stehende tun, um
zu verhindern, dass diese Systeme den wenigen, die sie bauen können,
immer mehr Macht verleihen. Aber wir sollten auch eine Warnung Herberts berücksichtigen, das zentrale Gebot, das er im Herzen des wichtigsten religiösen Textes der zukünftigen Menschheit verankert hat, eine Regel, die uns davor bewahren soll, den Produkten unserer Vernunft unterworfen zu werden und uns vor dem Gott der Logik und seinen vielen furchterregenden Nachkommen zu verneigen: 'Du sollst keine Maschine
nach dem Bilde des menschlichen Geistes machen.'"