Magazinrundschau

Ein träumerischer Ton

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
22.10.2024. Harper's besucht den Schwindler Noah Musingku, der sich zum König von Bougainville ernannt hat. Die polnische Essayistin Małgorzata Gorczyńska denkt mit einem Gedicht von Tomasz Różycki über Zentraleuropa nach. Himal empfiehlt Payal Kapadias Film "All We Imagine as Light": Schön wie ein kubistisches Gemälde. Die New York Times erzählt von den Tech-Milliardären, die unbedingt Trump wieder ins Präsidentenamt hieven wollen. In Revue Prostor erzählt die tschechische Lyrikerin Anna Štičková, was es heute bedeutet, queer und jüdisch zu sein. Der New Yorker sucht mit Atossa Araxia Abrahamian die unsichtbaren Staaten der Reichen.

Words without Borders (USA), 22.10.2024

In einem wunderbaren Text denkt die polnische Essayistin Małgorzata Gorczyńska über ein Gedicht von Tomasz Różycki nach, "Clay", also "Lehm", das mit den Worten beginnt: "When will we begin to read like Westerners? / From mud and boredom, from spit and fear of enemies, / from bones pulled out of sand and stolen quicklime we've fastened a golem. Nothing's / enough for him - ..." Gorczyńska fand es in englischer Übersetzung in der New York Review of Books, während sie jetzt darüber nachdenkt, ist sie in Prag. Und an jedem Ort stellt sich neu die Frage, wer ist dieses "wir"? "In einem Souvenirladen kaufe ich eine kleine Tonfigur. Als ich sie in meine Manteltasche stecke, werde ich an Kunderas Idee erinnert, dass das Schicksal des jüdischen Volkes, das ständig von der Vernichtung bedroht ist und sich der großen Geschichte beharrlich widersetzt, die Essenz und das Symbol für das Schicksal Mitteleuropas ist. Aber ich bin auch ein wenig besorgt darüber, ob dieses Symbol, das immer noch starke Emotionen hervorruft, aber in gewisser Weise anachronistisch ist, letztlich zu unserem Golem geworden ist - denn, wie Hannah Arendt bereits geschrieben hat, ist die Ausgrenzung des jüdischen Volkes zu einem historischen Präzedenzfall für weitere Ausgrenzungen geworden, und wir können darüber diskutieren, wer der Jude unserer Zeit ist: Ein Flüchtling aus dem Donbass? Ein Junge aus Afrika, der sich durch einen Elektrozaun an der polnisch-weißrussischen Grenze zwängt? Ein palästinensisches Kind? Ein illegaler Einwanderer aus Mexiko? Und was meine ich hier überhaupt mit 'unser'? Ich würde gerne tiefer darüber nachdenken, aber ich werde von einer vielsprachigen Menschenmenge mitgerissen, die in den Hradschin einbiegt. An der Karlsbrücke bleibe ich stehen, um das riesige blau-gelbe Transparent mit der Aufschrift HANDS OFF UKRAINE, PUTIN! über dem Eingang der barocken St. Salvátor-Kirche zu fotografieren. Ich habe den Eindruck, dass diese Inschrift wie ein biblischer Vers für immer in der Stadt verankert sein wird. Am Malostranské-Platz fährt die Straßenbahn ein, die mich zur Buchmesse bringen wird. Der ukrainische Dichter und Romancier Serhiy Zhadan ist der Hauptredner des heutigen Tages. Schon beim Betreten der Messe bin ich beeindruckt von der Atmosphäre, die von guter Energie und Optimismus geprägt ist, was zweifellos auf die vielen jungen Menschen zurückzuführen ist, die sich an Zhadans Bücher klammern, meist Kriegsflüchtlinge. Was erwarten sie? Warum sind sie gekommen? Sie sprechen über aktuelle Themen, über die neue Realität in der Ukraine, über die erzwungene Verlagerung der Kultur in die sozialen Medien, über die Herausforderungen für Aktivisten, über Verstärkung für diejenigen, die kämpfen. Aber jemand aus dem Publikum wirft auch die Frage auf, ob es in Zeiten des Krieges möglich ist, Raum für das Lesen zu schaffen. Lächelnd antwortet Zhadan, dass er zwei Bücher mitgenommen habe, eines von seinem Lieblingsschriftsteller Bruno Schulz und - keineswegs wegen Prag - Kafkas Tagebücher. Ich lächle auch: Nein, wir lesen immer noch nicht wie die Westler..."

Himal (Nepal), 22.10.2024

Szene aus Payal Kapadias "All We Imagine as Light"


Payal Kapadia gewann mit ihrem Film "All We Imagine as Light" in diesem Jahr den Großen Preis der Jury in Cannes. Hauptfiguren sind zwei Krankenschwestern, Prabha und Anu, die in einem Hospital in Mumbai arbeiten. Anna M M Vetticad hat den Film für Himal gesehen und empfiehlt ihn wärmstens: "Wenn man sich einen Film ansieht, der in einer der hektischsten und verkehrsreichsten Städte der Welt spielt, ist das Letzte, was man erwartet, Ruhe. Doch das ist es, was 'All We Imagine as Light' ist: ruhig. Obwohl die Handlung von den seelischen Turbulenzen der Figuren geprägt ist, verleiht Kapadia ihrem Werk bewusst einen träumerischen Ton, der ihr Markenzeichen sein könnte... Kapadia erreicht diesen tranceartigen Effekt mit Hilfe ihres Tonteams und den zarten Klängen der Filmmusik - komponiert von dem in Mumbai lebenden Musiker Dhritiman Das, auch bekannt als Topshe -, die über die von der kontemplativen Kameraarbeit Ranabir Das' geprägten Szenen weht. (Übrigens sind die Dases Brüder.) Während eines Großteils des Films hören wir die Figuren, aber wir sehen sie nicht sprechen. Wenn sie ihren Text sagen, stehen sie manchmal mit dem Rücken zum Publikum, manchmal außerhalb des Bildes. Die Kamera ruht nicht oft auf ihren Gesichtern, um uns zu zeigen, wie sie ihre Lippen bewegen. Infolgedessen ist ein großer Teil der gesprochenen Zeilen ein stimmungsvolles Voice-over. Hinzu kommen dokumentarisch anmutende Passagen mit einer Reihe von scheinbar realen Personen, die in einer Vielzahl von indischen Sprachen über Mumbai sinnieren, aber nicht auf der Leinwand erscheinen. Der kumulative Effekt ist eine filmische Version eines kubistischen Gemäldes."
Archiv: Himal

Harper's Magazine (USA), 01.11.2024

Bougainville ist ein Archipel, das kulturell und sprachlich den Salomon-Inseln näher steht als Papua-Neuguinea, zu dem es dank der europäischen Kolonialherren gehört. Seit langem kämpft Bougainville um seine Unabhängigkeit - in einem Krieg, den es erstaunlicherweise gewonnen hat. Bis 2027 soll Papua-Neuguinea nun die Unabhängigkeit der Inselprovinz garantieren. Aber wer regiert dann? Derzeit stehen sich zwei Parteien gegenüber: Die Autonome Regierung Bougainvilles (ABG) und der selbsternannte König Noah Musingku, ein Betrüger, der mit seiner Ponzi-Masche namens U-Vistract Millionen von Dollar eingesammelt und damit viele Anhänger gewonnen hat. Und dann gibt es noch Panguna, eine kolossale Kupfer- und Goldmine im Tagebau, die seit dem Krieg zwar still gelegt ist, aber immer noch eine der größten der Welt ist. Sean Williams erzählt in seiner Reportage vom blutigen Unabhängigkeitskampf der Bougainvilleans - und er hat es nach langem Warten geschafft, bei Musingku zur Audienz vorgelassen zu werden, diesem Bernie Madoff der Südsee: "Er erzählte mir, dass U-Vistract bis zur Schließung durch Papua-Neuguinea 930.000 Kunden hatte. Seitdem habe jedoch 'jeder investiert', sagte er und lachte. 'Sogar der ABG-Präsident hat investiert.' (Ein Sprecher bestritt dies.) Behauptungen, U-Vistract sei ein Schneeballsystem oder eine Sekte, seien einfach aus Unwissenheit entstanden. 'Ich bin bereit, einfach den Auslöser zu betätigen', sagte er. 'Wenn wir loslegen, wird uns nichts mehr aufhalten.' Namoli, der sich zu uns gesellt hatte, nickte zustimmend. Karrenna hängte sein Handy an ein Stativ und filmte die Szene. 'Geld löst alle Probleme', zwitscherte er. So glücklich hatte er auf der ganzen Reise noch nie ausgesehen. Ich deutete auf die Stapel bougainvilleanischer Kinas: Man hatte mir erzählt, dass Musingku Gold aus Panguna stiehlt, sagte ich. 'Wir brauchen es nicht auszugraben', antwortete er. Bougainville selbst ist das Reservat. 'Wir brauchen es nicht zu stören.' ... Am nächsten Morgen fuhren wir zurück nach Arawa. Im Land Cruiser saß ich neben einem Mann mittleren Alters namens Thomas, der behauptete, er arbeite für den König und bearbeite Kalkulationstabellen für Investitionen in U-Vistract. Er war besorgt darüber, dass Musingku das System nicht mit Visa oder Mastercard verknüpft hatte, so dass die Bougainviller ihr Geld nicht abheben konnten. Er fügte verärgert hinzu, dass der König Gold gestohlen habe. '[Unabhängigkeitskämpfer] Francis Ona gab ihm Gold in Zweihundert-Liter-Fässern', sagte er. 'Etwa vier Fässer. Dann hat er es nach Australien geschmuggelt. Er ist ein verdammter Millionär, Noah Musingku.'" Bis jetzt hat U-Vistract für die meisten Investoren noch keinen Cent abgeworfen. Warum gibt es keinen Aufstand? Musingkus Schulfreund Tanis weiß wieso: "Wieso hat noch nie einer der geprellten U-Vistract-Investoren versucht, ihn zu töten?, habe ich gefragt. Menschen sind in Bougainville für weit weniger gestorben. 'Ihn zu töten würde bedeuten, dass sie niemals bezahlt werden,' so Tanis. 'Ihn am Leben zu lassen, lässt die Hoffnung am Leben.'"

Weiteres: Lauren Oyler berichtet vom Parteitag der Republikaner. Außerdem hat Harper's eine Geschichte aus der Ausgabe vom Oktober 1851 freigeschaltet. Sie handelt von einem Wal und wurde von einem gewissen Herman Melville geschrieben.

HVG (Ungarn), 17.10.2024

Der Leiter des Lehrstuhls für Medien und Kommunikation an der Universität ELTE in Budapest, Gábor Polyák, nahm vor kurzem auf Einladung des PEN Ukraine an einer Solidaritätsreise in die Ukraine teil. Leicht war das nicht, erzählt er in HVG: "In der Ukraine Ungar zu sein, ist ein schreckliches Gefühl. Wir tragen ein Land in uns, das alles in seiner Macht stehende tut, um den Aggressor zu unterstützen. Das ist eine Schande, auch wenn die Mittel unseres Landes glücklicherweise begrenzt sind. (…) In einigen Gesprächen wurde die Frage aufgeworfen, ob die Ukrainer glauben, dass alle Russen für die Aggression verantwortlich sind, oder ob die Schuld nur bei Putin und seinen Anhängern liegt. Die Antwort ist immer dieselbe: Die Aggression ist die Schuld aller Russen, weil alle Russen dafür verantwortlich sind, dass Putin an der Macht ist. Die unmoralische Anbiederung von Orbán und Szijjártó, die neueste Bezeichnung für ihre 'wirtschaftliche Neutralität', ist also die Schande aller Ungarn. Auch wenn viele von uns vor Scham am liebsten schreien würden."
Archiv: HVG
Stichwörter: Ungarn, Ukrainekrieg, Ukraine

New Lines Magazine (USA), 21.10.2024

Nour Idriss schildert die Schwierigkeiten, denen sich syrische Youtuber in ihrem Land ausgesetzt sehen. Zum Beispiel Hosam Wattar, der unter dem Namen Abu Bakri Alltagsbeobachtungen und Sketche postet, betreibt eigentlich eine Apotheke in Aleppo. Als der Bürgerkrieg die Stadt traf, begann Wattar mit schwarzhumorigen Facebook-Posts das Geschehen zu kommentieren und als die Reaktionen immer zahlreicher wurden, begann er Youtube-Videos zu drehen. Die Hürden bei der Realisierung sind gewaltig, so Idriss. Politisch dürfen die Inhalte auf keinen Fall sein, weil sie sonst von der Regierung geblockt werden. Gleichzeitig haben die Youtuber Schwierigkeiten mit den amerikanischen Sanktionen, denn AdSense, die Werbeplattform von Google, ist in Syrien nicht verfügbar, erklärt Idriss, was bedeutet, dass YouTube-Videos, unabhängig von ihrer Herkunft, nicht mit Anzeigen monetarisiert werden, wenn sie in Syrien angesehen werden - somit verdienen die Urheber weniger Geld. Aber auch ganz alltägliche Phänomene können Wattar seine Arbeit erschweren, wie zum Beispiel fehlender Strom: "In einem Video hat Wattar das Problem in einem komischen Sketch festgehalten, der ein Vorstellungsgespräch im Elektrizitätswerk bei Kerzenlicht zeigt. 'Mein Sohn, das Gute an dem Job ist, dass er sehr entspannt ist, weil es immer einen Stromausfall gibt', sagt der Interviewer zum Bewerber. 'Das Schlechte ist, dass jeder dich beschimpft.' Die meisten Haushalte in Aleppo haben nicht mehr als vier Stunden Strom pro Tag. Wenn der Strom ausfällt, sagen die Leute oft: 'Das 'Ampere' wird jeden Moment losgehen. 'Ampere' bezieht sich auf den elektrischen Stro, den diejenigen, die über die Mittel verfügen, unabhängig vom staatlichen Stromnetz beziehen können. 'Ampere'-Verkäufer betreiben kraftstoffbetriebene Motoren, die Strom erzeugen, der für etwa 3 bis 6 Dollar pro Woche und 'Ampere' erhältlich ist, eine beträchtliche Summe in einem Land, in dem der durchschnittliche Arbeiter nur 20 Dollar im Monat verdient. Es gibt auch die umweltfreundlicheren Solarmodule, die mittlerweile fast jedes Dach in Aleppo bedecken. Wattar nutzt beides in seinem Haus, wobei sein 'Ampere'-Abonnement von 16 Uhr bis Mitternacht läuft. 'Zwei 'Ampere' reichen aus, um den Kühlschrank, den Router, den Fernseher und eine Glühbirne mit Strom zu versorgen', sagt Wattar."

Szene aus "The Settlers" von Felipe Gálvez


Tim Brinkhoff empfiehlt Felipe Gálvez' Film "Die Siedler" (im Moment auf der Plattform "mubi" zu sehen), der den Genozid am indigenen Volk der Selk'nam thematisiert, das bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts große Teile von Feuerland bewohnte. Ende des 19. Jahrhunderts siedelten sich Goldsucher und Schafzüchter auf der Isla Grande an, was zu Zusammenstößen mit den Selk'nam führte. Wohlhabende Landwirte wie Jose Menendez heuerten in der Folge bewaffnete Männer an, die die Indigenen jagen sollten. Gálvez Film folgt nun drei dieser Männer, die jeweils historische Vorbilder haben. "Das Wenige, was wir über ihre Hintergrundgeschichten erfahren, zeigt, dass es sich hier nicht um ansonsten gute Menschen handelt, die durch die Versuchungen eines gesetzlosen Terrains verdorben wurden, wie sie in vielen Kolonialgeschichten (denken Sie an Joseph Conrads 'Herz der Finsternis') dargestellt werden. Im Gegenteil, es handelt sich um Menschen, die schon lange vor Beginn der Geschichte korrumpiert wurden und an die Grenze kamen, um einen Ort zu suchen, an dem sie ihren dunkelsten Wünschen nachgehen konnten, ohne rechtliche Konsequenzen befürchten zu müssen."

Meduza (Lettland), 17.10.2024

Für ukrainische Journalisten wird die Arbeit in der Ukraine immer schwieriger, weil die staatlichen Stellen eine kritische Berichterstattung verhindern wollen, erfährt Elizaveta Antonova für Meduza von mehreren ukrainischen Journalisten (hier der vollständige Artikel auf Russisch und hier die gekürzte englische Version). Diese Entwicklung verdeutlicht das Projekt "United News Telethon": "Am zweiten Tag des russischen Einmarsches in der Ukraine erließ Präsident Zelensky ein Dekret zur Schaffung eines 'United News Telethon', um 'der russischen Propaganda entgegenzuwirken'. Seitdem beteiligen sich sechs der wichtigsten Fernsehsender des Landes an einer einzigen Sendung, die rund um die Uhr läuft, wobei jeder Sender seine eigenen Inhalte produziert und in einem zugewiesenen Zeitfenster ausstrahlt. In den ersten Monaten des Krieges erfüllte der Telethon seinen Zweck und half, die pro-russische Desinformation zu bekämpfen, so die unabhängige ukrainische Journalistin, die mit Meduza sprach. In der Zwischenzeit, so sagte sie, half die gemeinsame Sendung den Ukrainern, sich an das Kriegsleben zu gewöhnen, und auch die Reporter passten sich an. (...) In dieser Zeit wurden die Mitglieder der Fraktion der 'Diener des Volkes' des Präsidenten 505 Mal zu einem Fernsehauftritt eingeladen - doppelt so oft wie die Mitglieder aller anderen Parlamentsfraktionen zusammen (die 'Diener des Volkes' haben 233 der 401 Sitze in der Werchowna Rada, während die größte Oppositionspartei, die 'Europäische Solidarität', 27 Sitze hat). 'Vor dem Hintergrund eines zwei Jahre andauernden Krieges ist die parlamentarische Gästepolitik zu einer Informationsdiktatur der Behörden verkommen. Und das ist keine Übertreibung', schrieb Detector Media. 'Die Situation ist geradezu beängstigend.' (...) 'Ich möchte nicht, dass das russische Publikum denkt, in der Ukraine herrsche totale Zensur und in Russland nicht. Das ist nicht der Fall. Offensichtlich ist die Situation in Russland viel schlimmer', sagte eine unabhängige ukrainische Journalistin. Sie fuhr fort: 'Gibt es eine Zensur in der Ukraine? Ja, die gibt es. Versucht das Präsidialamt, den Medienraum noch mehr zu kontrollieren? Natürlich tut es das! Aber es kann es nicht, trotz seiner besten Bemühungen. Sonst wären nicht Dutzende von Untersuchungen und kritischen Artikeln, auch über sie, erschienen.'"
Archiv: Meduza
Stichwörter: Ukraine, Zensur, Meduza

New York Times (USA), 20.10.2024

Sie sind genial, aber sie sind leider auch böse. Sie haben mit Paypal oder Tesla die Welt verändert, und nun schicken sie sich an, den apokalyptischen Clown Donald Trump ein zweites Mal ins Amt zu hieven. Eine Reportergruppe der Times erzählt, wie Tech-Milliardäre um Peter Thiel und Elon Musk zu den wichtigsten Geldgebern der Republikanischen Partei wurden. "Musk war einer der letzten, der eine entschieden reaktionäre Wende vollzog. Seit seiner Zeit bei PayPal hat er sich in Bereiche begeben, die über 'Tech' im Sinne des Silicon Valley hinausgehen, und ist zu einem modernen Industriellen in der Tradition von Henry Ford geworden. Doch seine Verbindungen zur Tech-Industrie und ihren Trump-freundlichen Mogulen sind nach wie vor eng. Er war in den letzten Jahren auf seinem eigenen Trip und wurde durch eine Kombination verschiedener Faktoren nach rechts gedrückt. Es begann mit den von ihm als 'faschistisch' bezeichneten Covid-Lockdowns in Kalifornien, die ihn zur vorübergehenden Schließung seiner Tesla-Werke zwangen, und setzte sich mit seiner Empörung über Bidens Entscheidung fort, ihn von einem Treffen über Elektrofahrzeuge im Weißen Haus auszuschließen. Im Jahr 2021 zog er von Kalifornien nach Texas und umgab sich mit einem eher konservativen sozialen Umfeld. Seine reaktionäre Wut wurde auch durch die Entscheidung eines seiner Kinder, das Geschlecht zu wechseln, geschürt; später sagte er, er sei 'ausgetrickst' worden, um eine geschlechtsangleichende Betreuung für sie zu genehmigen."
Archiv: New York Times

Elet es Irodalom (Ungarn), 22.10.2024

Der Rechtsanwalt und Publizist Gábor Gadó analysiert die neuen Begriffe, mit denen die Regierung den öffentlichen Diskurs bestimmen will: "Der Ministerpräsident hat verstanden, dass die Fidesz-geführte Koalition mit den Stimmen eines 'national-christlichen Ungarn' nur dann rechnen kann, wenn sie die Fremdenfeindlichkeit und die geschlossene Doktrin des 'patriotischen Egoismus' am Leben hält und gleichzeitig auf die kategorische Ablehnung einer pluralen Gesellschaft besteht. (...) Selbst im 'Kreuzfeuer' des von Manfred Weber geführten Angriffs verkündet der Fidesz hartnäckig sein Programm der religiösen und ethnischen Ausgrenzung. All dies geht unweigerlich mit Verzerrungen, Halbwahrheiten und Unwahrheiten einher. Der Fidesz-Vorsitzende muss aber auch darauf achten, den Bankrott des Landes während der 'Kriegsjahre' zu vermeiden. Die ausbleibenden EU-Milliarden mussten anderweitig beschafft werden. Schon allein deshalb, weil das wirtschaftliche Rückgrat der Macht ständig Subventionen benötigt und die Bereicherung der Oligarchen in der Regel mit öffentlichen Geldern finanziert wird. So kamen die Banken der chinesischen Staatspartei ins Spiel, die sich gewissenhaft bereit erklärten, die ungarische 'Staatspartei' zu finanzieren und im Gegenzug erhebliche Geschäftsgewinne erzielen. (…) Um all dies im Inland einzuführen, erforderte eine erfolgreiche Marketingkampagne mit neuen Bluffs und Lügen. So entstanden die Begriffe 'Blockbildung', 'wirtschaftliche Neutralität' und 'kalter Krieg im Handel' - Phrasen, mit denen die Regierung nicht die EU-Entscheidungsträger, sondern die ungarische Wählerschaft überzeugen will."

Revue Prostor (Tschechien), 07.10.2024

Im Kulturmagazin Prostor schreibt die tschechische Lyrikerin und Dozentin Anna Štičková darüber, was es nach dem 7. Oktober vergangenen Jahres bedeutet, gleichzeitig jüdisch und queer zu sein. Verschiedenen Minderheitengruppen anzugehören, sei nie unkompliziert, doch das vergangene Jahr sei anders gewesen als alles, was sie zuvor gekannt habe. "Ich fühle mich wie im Exil, einer völlig neuen Situation, und ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll. (…) Einige meiner Freundschafts- und Unterstützungsnetze sind im letzten Jahr auseinandergefallen. Hinzu kommt, dass viele feministische und queere Kollektive und Orte, die mir ein selbstverständliches, nahes Umfeld waren, auf einmal nicht mehr freundlich sind. Aus einer Minderheit ausgeschlossen zu werden, weil man einer anderen Minderheit angehört, ist für mich eine bizarre neue Erfahrung." Ihre ganze Identität sei dadurch in Frage gestellt. "Noch vor einem Jahr habe ich mich ohne zu zögern als radikale linke Feministin bezeichnet. Ich ging davon aus, der Antisemitismus als Bestandteil linken Denkens sei längst Vergangenheit (…). Wie sehr habe ich mich doch getäuscht." In den ersten Tagen nach dem 7. Oktober war Štičková besonders betroffen "von dem ohrenbetäubenden Schweigen der feministischen Kollektive in Tschechien und im Ausland, die die sexuelle Gewalt gegen israelische Mädchen und Frauen nicht verurteilten." Sie habe alle möglichen Plattformen von Organisationen durchsucht, die sich gegen sexuelle Gewalt engagieren, doch "selbst auf den Seiten meiner nicht-jüdischen feministischen Freundinnen war nichts zu finden, was auf Solidarität schließen ließ."
Archiv: Revue Prostor

La vie des idees (Frankreich), 01.10.2024

Der Politologe Stéphane François und der Historiker Adrien Nonjon liefern ein nützliches und ausführliches, wenn auch nicht gerade grundstürzendes Porträt über Alexander Dugin. Erstaunlich nahe stehe der international bestens vernetzte Rechtsextreme zu Putin, auch wenn die beiden Autoren wie alle Experten betonen, dass er nicht nicht Putins "Rasputin" sei. Um so nützlicher womöglich für beide Seiten ihre weitgehende ideologische Übereinstimmung, vor allem beim Thema Ukraine: "Im Einklang mit seiner imperialen geopolitischen Doktrin bestreitet Dugin die Unabhängigkeit der Ukraine. Dafür gibt es zwei Hauptgründe: Erstens, weil die Ukraine in seinen Augen eine wichtige geografische und strategische Komponente Eurasiens darstellt...; zweitens, weil er der Ansicht ist, dass sie historisch zum imperialen Russland gehört, worin er sich mit der Putinschen Sichtweise deckt. Seiner Meinung nach sollte die Ukraine daher natürlich in der russischen Welt verbleiben. Seit den 2000er Jahren hat er seine Positionen immer weiter verschärft und ist beispielsweise der Ansicht, dass die 'Orange Revolution' von 2004 den Wechsel Kiews ins atlantische Lager bedeutete. Seitdem stellt die Ukraine eine Bedrohung für Russland dar, die es zu neutralisieren gilt. Als Reaktion darauf befürwortete er die Schaffung eines von Moskau abhängigen 'Neurussland' (Novorossia) in der Ostukraine. Auch hier stimmen Dugins geopolitische Vorstellungen mit denen Putins überein. Daher ist es nur folgerichtig, dass er die Invasion der Ukraine am 24. Februar 2022 entschieden unterstützt."

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Über die Ideologie des "Eurasianismus", die Dugin in der Tradition anderer rechtsextremer russischer Autoren entwickelt hat, sei immer wieder Charles Clovers faszinierende Studie "Black Wind, White Snow" empfohlen.

New Yorker (USA), 28.10.2024

David D. Kirkpatrick hat versucht herauszufinden, wie groß die Gefahr ist, dass die Präsidentschaftswahl in Amerika von ausländischen Geheimdiensten beeinflusst wird - durch "Hacks und Lecks, Bots und Trolle, versteckte Zahlungen und gezielte Angriffsanzeigen". Besonders aktiv sind auf diesem Gebiet vor allem Russland (pro Trump) und der Iran (pro Harris). Abwehren soll diese Versuche das Foreign Malign Influence Center, dessen Arbeit nicht gerade leichter wird, wenn ihm ausgerechnet Mitglieder der Parteien, die es beschützen soll, misstrauen. Noch brisanter wird die Sache durch die Tatsache, dass diese Wahl "von Zehntausenden von Stimmen in einer Handvoll Staaten abhängen könnte. Nahezu jeder unerlaubte Vorteil könnte über den Ausgang der Wahl entscheiden (und das Ergebnis in Frage stellen), was das Rennen zu einer erstklassigen Gelegenheit für ausländische Einmischung macht. Tatsächlich sagen Geheimdienstmitarbeiter und Analysten von Technologieunternehmen, dass mehr ausländische Spione als je zuvor in dieses Spiel einsteigen. Clint Watts, der Leiter des Threat Analysis Center von Microsoft, sagte mir, dass der Erfolg des Kremls im Jahr 2016 'fast jede autoritäre Nation davon überzeugt hat, dass sie in dieses Spiel einsteigen muss'. Und die größten Akteure, Russland und der Iran, arbeiten noch intensiver an der Wahlbeeinflussung als 2016 oder 2020. Doch die Warnungen der Regierung vor ausländischen Machenschaften werden häufig durch die Versuche sowohl der Demokraten als auch der Republikaner untergraben, diese Informationen als Waffe einzusetzen. Im Jahr 2024 haben die Demokraten darüber gewettert, dass Wladimir Putin Trump 'anfeuert', während die Republikaner darauf bestanden haben, dass die von Biden ernannten Geheimdienstmitarbeiter die Pläne des Irans, Trump zu besiegen - einschließlich der Planung seiner Ermordung - herunterspielen..."

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Gideon Lewis-Kraus liest mit einigem Interesse "The Hidden Globe: How Wealth Hacks the World", ein Buch der Journalistin Atossa Araxia Abrahamian, die darin jene unsichtbare Territorien beschreibt, in denen die Reichen und Mächtigen zu Hause sind. Geschaffen werden sie von Nationalstaaten, die Teile ihrer Souveränität verkaufen: "Abrahamian erklärt zum Beispiel, wie ein zwielichtiger Kunsthändler einen bestehenden Schweizer Freihafen in ein Lagerhaus umwidmete - einen gesicherten, klimatisierten Bunker, in dem Werke gelagert werden, die auf den Britischen Jungferninseln an in Zypern registrierte Firmen verkauft wurden. Sobald diese Gemälde und Skulpturen von ihrem Objektstatus befreit sind, fungieren sie als Token für den unauffindbaren Austausch zwischen oligarchischen Spekulanten. An anderer Stelle beschreibt Abrahamian detailliert, wie Dubai ein vollständig paralleles Rechtssystem einführte, das als 'Court-in-a-Box'-Produkt vermarktet wird: 'Seine Gesetze kamen von anderswo. Genauso wie seine Richter. Und seine Kläger. Und seine Angeklagten. Das Ergebnis war ein Staat im Staat im Staat'... Die Figuren, die Abrahamian porträtiert, spiegeln häufig ihre eigene Vorliebe für Dislokation wider. Ihre Eltern, die im Iran aufgewachsen sind, sind russischer und armenischer Abstammung; sie selbst ist in Kanada geboren und in Genf aufgewachsen, spricht vier Sprachen und besitzt drei Pässe. Das Genf ihrer Kindheit - wo jeder von woanders kam und die Regeln frei zu sein schienen - bereitete ihr Unbehagen: 'Als Teenager beobachtete ich, wie die Kinder von Diplomaten die funktionale Immunität genossen, die mit dem Posten ihrer Eltern einherging, indem sie einfach davonliefen, wenn die Polizei sie bei Geschwindigkeitsübertretungen oder beim Haschischrauchen im Dunkeln erwischte. Ein weiterer Vorteil war das zollfreie Einkaufen; wenn man als Ausländer in eine bestimmte Beschäftigungskategorie fällt, ist die Welt dein Flughafen'."
Archiv: New Yorker

Guardian (UK), 22.10.2024

Ist Japan ein Paradies für Minimalisten? Ja und nein, meint der in Japan lebende Matt Alt, der eine Kulturgeschichte des japanischen - und auch westlichen - Verhältnisses zur materiellen Kultur in Zeiten des Konsumkapitalismus entwirft. Zu weiten Teilen handelt es sich um eine Geschichte der Missverständnisse: "Millionen Menschen weltweit wenden sich an japanische Gurus, wenn sie versuchen, ihre Küchen, Kleiderschränke und Lebensräume von allem überflüssigen Kram zu befreien. Bücher wie Marie Kondos 'The Life-Changing Magic of Tidying Up: The Japanese Art of Decluttering and Organizing' (2011) und Fumio Sasakis 'Goodbye, Things: The New Japanese Minimalism' (2015) stellen Unordnung als ernsthafte Bedrohung für die psychische Gesundheit und spirituelle Entwicklung dar. Sie wurden in den USA und anderen Ländern zu riesigen Erfolgen. Während sich die Welt Japan zuwendet, um aufzuräumen, sollte man jedoch nicht vergessen, dass diese Bücher ursprünglich für japanische Leser geschrieben wurden; sie waren nicht für die Welt außerhalb Japans gedacht. Wenn Japan wirklich ein minimalistisches Paradies wäre, warum bräuchte es dann überhaupt Kondo und Sasaki?"

Shaun Walker berichtet über seine Recherchen zu Pablo González, geboren Pavel Rubtsov, einen mutmaßlichen russischen Spion, der 2022 in Polen festgenommen und 2024, bevor die Anklage gegen ihn konkretisiert wurde, im Zuge eines Gefangenenaustauschs nach Moskau überstellt wurde. Viele Details der Geschichte sind nach wie vor unklar - González scheint als Journalist für linke Medien aus Krisenregionen berichtet zu haben und dabei unter anderem mit russischen Oppositionellen in Kontakt gekommen zu sein. Erstaunlich ist unter anderem, dass er in seinem Umfeld lange Zeit keinen Verdacht erregte: "González erzählte seinen neuen russischen Freunden, dass er verheiratet sei und Kinder habe, aber dass die Beziehung zu seiner Frau schon lange zerbrochen sei und sie jetzt eher Freunde seien. Obwohl er erwähnte, dass er russische Wurzeln habe, behauptete er, seit seiner Kindheit nicht mehr in Russland gewesen zu sein und bat sogar seine russischen Oppositionskontakte um Rat, wie er ein Visum bekommen könne. Hätten sie seine journalistische Arbeit gegoogelt, hätten sie Artikel gefunden, die er aus Moskau für Gara geschrieben hatte. Sie hätten auch seine Auftritte auf dem Kreml-nahen Sender Russia Today entdeckt: in einem davon beschuldigte er die pro-westliche ukrainische Regierung, eine spanische Zeitung für positive Berichterstattung bezahlt zu haben. Aber niemand führte background checks durch. 'Er war in diesem Kreis von oppositionellen Journalisten und Aktivisten', sagt Pavel Elizarov, ein politischer Aktivist. 'Wir müssen nicht über Putins Politik diskutieren, weil wir alle wissen, dass wir auf derselben Seite stehen.'"
Archiv: Guardian