Magazinrundschau - Archiv

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354 Presseschau-Absätze - Seite 23 von 36

Magazinrundschau vom 21.02.2017 - HVG

Immer mehr Rumänen - vor allem aus der Mittelschicht wandern ins Ausland ab, erzählt die in Siebenbürgen lebende ungarische Journalistin Boróka Parászka vor dem Hintergrund der anhaltenden Massendemonstrationen gegen die rumänische Regierung. "Unweit von den Großstädten fängt das ländliche Rumänien an: Hoffnungslosigkeit und Verödung. Dort leben die Unsichtbaren, die Armen, die Ungebildeten und Alten. Die Demonstranten in den Großstädten halten sie für Wähler der korrupten Regierung - und beschimpfen sie. (...) Es wird kaum Abhilfe geben, denn das eigentliche Problem erhielt nie einen exakten Namen: meistens wird es pauschal als Korruption beschrieben. Ein gnadenloser Kampf mit zunehmenden nationalistischen, antidemokratischen und stigmatisierenden Episoden, eine Reihe von Abrechnungen. Heute jedoch läuft noch das Fest der Demokratie. Wir sollen uns darüber freuen, solange es noch erlaubt ist."
Stichwörter: Rumänien, Mittelschicht, Hvg

Magazinrundschau vom 14.02.2017 - HVG

Auf unterschiedliche negative Auswirkungen der schrumpfenden Zeitschriftenlandschaft in Ungarn macht der Publizist Gábor Juhász aufmerksam: "Aus dem schnellen Schrumpfen der ungarischen Zeitschriftenwelt folgt nicht nur, dass die Zahl der Orte für Publizistik abnimmt und der Raum für öffentliche Debatten enger wird, sondern auch, dass bei einem Teil der Intellektuellen der materielle Hintergrund zusammenbricht. Für Schriftsteller, Dichter oder Gesellschaftswissenschaftler dienten bisher Redakteur-Vergütung oder Autorenhonorare als seriöse Einkommensergänzungen. Doch Zeitschriften können diese nicht mehr erwirtschaften. Manche, wie der Chefredakteur von Filmwelt, Gusztáv Schubert, versuchen aus Prinzip dagegen anzukämpfen, denn "in der Marktwirtschaft muss für die erledigte Arbeit gezahlt werden. Es ist bekannt, dass viele Schriftsteller und Kritiker bereit sind auch ohne Vergütung zu arbeiten und diese galante Geste ist durchaus verständlich. Doch langfristig ist es selbstgefährdend, denn es wird zum Niedergang der ungarischen Intellektuellen führen."

Magazinrundschau vom 31.01.2017 - HVG

Neben Paris und Los Angeles, kandidiert Budapest für die Austragung der XXXIII. Olympischen Sommerspiele. Gegenwärtig sammelt eine frisch gegründete, olympiakritische Organisation Unterschriften für eine Volksentscheidung über die Austragung in Budapest. Regierung und Medien ignorierten den Protest, bis ein Gericht jetzt die Unterschriftensammlung genehmigte. Seit einer Woche werden nun die Gründer der Organisation in den regierungsnahen Medien angegriffen. Ein führender Publizist bezeichnete die Unterzeichner in einer Fernsehsendung als "Landesverräter". András Hont von HVG verteidigt die Unterschriftensammler: "Eigentlich möchte ich, dass mein Land ein "cooles, trendy, sexy und fancy" Weltereignis, wie die Olympischen Spiele ausrichtet. (...) Eines, das die Gesellschaft wirklich bewegt und nicht nur monumentale, doch schnell verwesende Mahnmale aus Beton herstellt. Dafür gibt es jedoch keine Chance. Nicht nur, weil die Zuständigen klebrige Finger haben, sondern auch weil ihr Geschmack fragwürdig ist und damit würden die Olympischen Spiele unsere derzeitigen entsetzlichen kulturellen Zustände wohl konservieren, ökonomisch würden sie das Land in eine aussichtslose Lage bringen. Und so will ich das Ganze halt doch nicht. (...) Aber es kann ernsthaft gefragt werden, welches Verhalten einem in seiner Bedeutung ausgedehnten Begriff wie 'Landesverrat' am ehesten entspricht: Eines, das zur Abwehr eines angenommenen Schadens arbeitet und Risiken eingeht, oder die Unterstützung einer Politik, die mit einem Federstrich unsere besten Denker und Künstler aus der Nation tilgt, die Anerkennung unserer besten Schriftsteller verweigert, NGOs als ausländische Agenten bezeichnet und ganzen Generationen den Zugang zu grundlegendem Wissen versperrt, dafür aber niveaulose Kneipenraufer füttert und auszeichnet."
Stichwörter: Ungarn, Olympische Spiele, Ngos, Hvg, Ngo

Magazinrundschau vom 17.01.2017 - HVG

Nach 25 Jahren wird der slowakisch-ungarische Verlag Kalligram mit bisherigem Sitz in Bratislava aufgeteilt. Unter anderem war es ein Anliegen des Verlags die slowakische und die ungarische Literatur in der jeweils anderen Öffentlichkeit vorzustellen. So veröffentlichte Kalligram in dieser Zeit um die hundert Werke der zeitgenössischen ungarischen Literatur in der Slowakei. Der Chefredakteur und Eigentümer des nunmehr ungarischen Teils des Verlags, Sándor Mészáros erklärt die Teilung: "Der Verlag startete mit dem ernsten Vorsatz: Grenzen sind nicht interessant, fokussiert wird es auf die zeitgenössische slowakisch-ungarische Literatur. Die ungarisch-sprachige Kalligram macht weiter, der slowakische Teil wird sich dagegen verändern. (...) Referenz für die slowakische zeitgenössische Literatur war immer die tschechische Literatur. Doch durch unsere Veröffentlichungen wurde die slowakische Literatur auch von der ungarischen inspiriert. Esterházys 'Harmonia Caelestis' und noch mehr Lajos Grendel, dessen gesamtes Lebenswerk auf Slowakisch zugänglich ist und der fruchtbar zum Heraustreten der slowakischen Prosa aus der großrealistischen Tradition beitrug. Umgekehrt gilt diese Wirkung weniger, denn bei uns wurden nur wenige slowakische Schriftsteller bekannt. Grundsätzlich ging die Interesse an den Geist von 'Zwischen-Europa' zurück. Der ungarische Leser schaut auf angelsächsische und deutsche Bestsellerautoren. Seine Kenntnisse der polnischen, tschechischen, rumänischen, serbischen, slowenischen und slowakischen Literaturen sind lückenhaft bis sporadisch."

Magazinrundschau vom 24.01.2017 - HVG

Die aus Siebenbürgen stammende Dichterin und Schriftstellerin Anna T. Szabó (die mit dem ebenfalls aus Siebenbürgen stammenden Schriftsteller György Dragomán verheiratet ist) denkt im Gespräch mit Zsuzsa Mátraházi u.a. über Heimat und Identität nach, nicht ohne auf die gegenwärtigen Entwicklungen Bezug zu nehmen: "Gegenwärtig ist es Mode zu sagen, was die Nation ist und was nach Albert Wass zum Beispiel ungarisch; mir wird allerdings Kosztolányi etwas anderes sagen und auch ihn kann ich nicht ohne Kritik annehmen. Heimat zeigt sich für mich in der Sprache und in der Kultur. Ich habe mein Geburtsland verlassen, doch dessen 'Name und Blume' kenne ich weiterhin. (...) Mein Idealbild ist das mehrsprachige, tolerante, die Religionsfreiheit anerkennende Siebenbürgen. Es ist allerdings immer schwieriger, in der Mitte zu bleiben."

Magazinrundschau vom 13.12.2016 - HVG

Der Politologe Zoltán Lakner (41) wurde zum neuen stellvertretenden Chefredakteur der Wochenzeitschrift 168 óra (168 Stunden - Politik, Wirtschaft, Kultur) berufen. Lakner gibt zum 1. Januar 2017 seinen Posten als Hochschullehrer auf, mit seinen Beratertätigkeiten hörte er bereits während des laufenden Jahres auf. Über seine Pläne mit dem Blatt aber auch über die Lage der Opposition sprach er mit János Dobszay: "Seit Jahrzehnten lese und schätze ich das Blatt und seit Längerem war ich externer Autor. Über eigene Erfahrungen kann ich aber nur in der letzten Zeit reden: ich möchte, dass in 168 óra verstärkt die Meinung der 20-30-40-Jährigen, Fremdsprachen sprechenden, die Welt kennenden und verantwortlich denkenden, linken Intellektuellen erscheint, die bisher nur selten sichtbar wurden. (...) Aus dem Sieg von Trump zogen viele den Schluss, dass die political correctness entsorgt werden müsse. Das ist aber nicht wahr. Sicherlich bedarf es eines neuen Narrativs, doch die Linke sollte stolz darauf sein, dass sie die Gesellschaft nicht durch Angstmache überzeugen will, sondern mit Ideen frei von Aggressivität und Voluntarismus."

Magazinrundschau vom 15.11.2016 - HVG

Ungarn erinnerte das ganze Jahr über an die Revolution von 1956, die im November desselben Jahres von sowjetischen Truppen niedergeschlagen worden war. Die Feierlichkeiten sind noch nicht ganz zu Ende, doch der Historiker Péter Konok attackiert bereits sehr sarkastisch die vereinnahmende Geschichtspolitik der Regierung Orban: "Die Monopolisierung der Geschichtsschreibung (oder auch ihre Privatisierung) sichert die rückwirkende Beherrschung der Fakten durch Wille und Vorstellung, dramatischer ausgedrückt: den Tod der Geschichte oder wenigstens ihr Ende, ihren Abschluss. Und zwar durch jenes unendlich ahistorische Weltbild, nach dem jedes Ereignis der Vergangenheit lediglich ein Markstein auf dem Weg zur glorreichen Gegenwart sei. Die linear-schematische, teleologische Geschichtsschreibung kennt keine Nebenstraßen, keinen Kreisverkehr, keine Sackgassen, nicht einmal eine schäbige Abstellspur. Alle Wege sind Einbahnstraßen … Die wahre Geschichte der Revolutionen kann uns jedoch lehren - wenn wir aufmerksam sind -, dass nichts ewig ist … Dass die immer wieder verordneten grandiosen Beerdigungen vergeblich sind: die Revolution (eigentlich: die Geschichte) ist nicht gewillt, sich als dankbare Leiche ein für alle Mal in ihr Grab zu legen."

Magazinrundschau vom 08.11.2016 - HVG

Der Philosoph Gáspár Miklós Tamás kritisiert die geringe öffentliche Reaktion auf die Schließung der größten ungarischen Tageszeitung Népszabadság, verbunden mit dem Verkauf von mehreren bedeutenden regionalen Tageszeitungen an regierungsnahen Investoren. Zum Tag der Niederschlagung der Revolution von 1956 (4. November) ruft er zum öffentlichen Trauern auf - Trauern um Népszabadság und um die Pressefreiheit: "Der formelle Pluralismus gibt dem Auftreten des kritischen Denkens wenigstens eine Chance, welche die schwachen, isolierten, ausgelieferten und unterworfenen Privatpersonen symbolisch vereint und damit für wahre demokratische Politik Gelegenheit und Ort bietet. Diese Chance wird durch den jetzigen Angriff auf die Presse unmöglich gemacht, was nichts anderes ist als ein Staatsstreich. (...) Der liberale Konsens der westlichen Presse ist wohl erdrückend - doch weil er meistens wahr ist, wird dort auch Sondermeinungen Platz geboten, die Ungarn weniger aufgrund der Zensur als aus tief empfundenen weltanschaulichen Gründen nicht einmal erreichen. Die starke Abneigung gegenüber dem abstrakten Denken macht die ungarische 'Gemeinbildung' sofort erkennbar: die Begrifflichkeit erweckt Empörung, die Idee Gelächter. Doch nicht nur für die Revolte sondern auch für die einfache Empörung bedarf es Vertiefung und Konzentration. Egal wie unberührt Sie alle sind, auch Sie sind Verlierer, wenn die Pressefreiheit stirbt. Bitte trauern Sie."

Magazinrundschau vom 01.11.2016 - HVG

Der Ökonom János Kornai kommt in einer neuen Studie zu dem Ergebnis, dass Ungarn inzwischen eine Autokratie ist. Gleichzeitig lehnt er den von Fareed Zakaria eingeführten und vom aktuellen ungarischen Ministerpräsidenten aufgegriffenen Begriff der "illiberalen Demokratie" als paradox ab. Zoltán Farkas sprach mit Kornai über seine Studie. "Wenn sich herausstellt, dass die gegenwärtige Macht friedlich und zivilisiert abgewählt werden kann, dann lag ich wohl falsch. Ich bin kein Wahrsager, doch in Ungarn hat die Macht alles, um nicht abgewählt werden zu können, und dabei wird es bleiben. Um Missverständnisse zu vermeiden: Ich will nicht jene entmutigen, die für eine Veränderung kämpfen. Wer Werte der Demokratie verteidigt, sollte sein Verhalten nicht davon abhängig machen, wie hoch die Chance auf Veränderung ist."

Magazinrundschau vom 25.10.2016 - HVG

Der Historiker und Direktor des 56er Instituts János M. Rainer zeichnet anlässlich des sechzigsten Jahrestages des Aufstandes von 1956 in Budapest (23. Oktober) die Stellung der Revolution in der gegenwärtigen Erinnerungspolitik nach: "2010 änderte nichts am konservativen Ansatz, dass die neuere ungarische Geschichte unterbrochen ist. Die Zeit zwischen 1944-1990, manchmal bis 2010 ist herausgeschnitten und bedarf keiner Interpretation, die ungarische Gesellschaft hatte sie einfach nur erleiden müssen. 1956 ist in diesem dunklen Loch höchstens eine aufleuchtende Fackel. (...) In dieser Konstruktion ist ein kommunistischer Märtyrer wie Imre Nagy ein Störfaktor. Nach 2010 spielt 1956 in der Erinnerungspolitik - trotz Anschein, Spektakel und Prestigeinvestitionen - keine besondere Rolle mehr. Mit der plebejischen, sozialistischen und demokratischen Revolution ist trotz vereinfachender These der antikommunistischen Rebellion nicht mehr viel anzufangen. Der Gegner liegt besiegt am Boden (...). Die Kluft zwischen der einseitigen Erinnerungspolitik und dem kommunikativen Gedächtnis ist heute vielleicht nicht so groß wie während der Kádár-Ära, doch sie besteht weiterhin und für ihre Überbrückung gibt es heute, 60 Jahre nach der Revolution kaum Hoffnung."