Magazinrundschau - Archiv

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354 Presseschau-Absätze - Seite 26 von 36

Magazinrundschau vom 21.04.2015 - HVG

Der Theaterregisseur und Hochschullehrer Tamás Ascher, bis zum letzten Jahr Rektor der Budapester Universität für Theater- und Filmkunst (SZFE), feierte kürzlich seinen sechsundsechzigsten Geburtstag. Im Gespräch mit Rita Szentgyörgyi klagt er über die immer erdrückenderen Bruchlinien entlang der politischen Lager in der ungarischen Theaterlandschaft: "Dass Lügen, Halbwahrheiten und Beschuldigungen zu großen Theorien aufgebaut werden, ist unerträglich. Dahinter steckt nichts als Unersättlichkeit, Raumbesetzungsbedürfnis und Verletztheit. Ähnliche Situationen erlebte ich auch vor der Wende. Damals wurden Künstlergemeinschaften, die den Servilismus ablehnten, unter dem Vorwand gepeinigt, den Sozialismus zu verteidigen. Heute ist es die Nation. Damals beschuldigte man mich, den Westen nachzuäffen oder einfach, ein Liberaler zu sein. Die Freiheit als wichtigster Referenzpunkt war in der Kádár-Ära genauso ein rotes Tuch wie heute.
Stichwörter: Ascher, Tamas, Hvg, SZFE, Filmkunst

Magazinrundschau vom 07.04.2015 - HVG

"Kitömött barbár" (Der ausgestopfter Barbar, Kalligram, Budapest 2014. 452 Seiten, eine deutsche Übersetzung ist in Arbeit), der neue Roman des Altphilologen und Romanciers Gergely Péterfy wurde letzte Woche als bestes ungarisches Buch des Jahres 2014 mit dem unabhängigen Aegon-Preis für Literatur ausgezeichnet. Im Mittelpunkt der Handlung steht die Freundschaft zwischen dem ungarischen Schriftsteller und Poeten Ferenc Kazinczy und dem "Hofmohren" Angelo Soliman im Wien des 18. Jahrhunderts. Das Werk thematisiert Fremdenfeindlichkeit und das Patriarchat - und ist damit auch im heutigen Ungarn von einiger Aktualität. Im Gespräch mit Zsuzsa Mátraházy erklärt Péterfy, warum es damit hoffentlich bald vorbei ist: "Vor zehn Jahren, als ich anfing die Welt des Soliman-Buchs zu erfinden, zeichneten sich Feudalismus und autoritäre Herrschaft mit ihren Machtsystemen lediglich als historische Kulissen ab. Als ich das Buch beendete, tobte bereits der politische Wahnsinn unserer Tage und so kann es aus einer aktualisierenden Perspektive gelesen werden. Ich habe nichts gegen so eine Leseart, hoffe aber, dass die Aktualität des Buches so schnell wie möglich vergeht. (...) Ich bin trotz allem optimistisch. Ich sehe ein System, das unter der eigenen Last zusammenbricht."

Magazinrundschau vom 03.02.2015 - HVG

Auch Victor Orban hat sich nach dem Massaker bei Charlie Hebdo zu Wort gemeldet: Da sehe man, dass "Einwanderung aus wirtschaftlichen Gründen Europa schadet, sie brachte nur Probleme und Gefahren für den europäischen Menschen". Angesicht der geringen Einwanderungszahlen in Ungarn und der bröckelnden Umfragewerte versucht Orban offenbar, mit solchen Aussagen Wählerstimmen zu sammeln, meint István Riba. ""Wir wollen keine bedeutende Minderheit mit abweichenden kulturellen Eigenschaften und Hintergründen bei uns sehen, Ungarn wollen wir als Ungarn erhalten", sagte er in Paris. Das kam überraschend, weil nicht die geringste Chance besteht, dass eine "bedeutende Minderheit" im Lande auftaucht. In Ungarn lebt heute eine kaum messbare Zahl von Einwanderern, deren kultureller Hintergrund nicht europäisch oder gar ungarisch wäre. Die große Mehrheit der aus wirtschaftlichen Gründen nach Ungarn emigrierten Einwanderer stammt von den ungarischen Minderheiten aus den Nachbarländern. Es geht lediglich um Wählerstimmen, denn trotz fehlender Zuwanderung lehnt dreiviertel der ungarischen Gesellschaft Emigranten ab. Bisher schielte nur die Jobbik-Partei darauf, doch die Worte des Ministerpräsidenten bedeuten, dass er die öffentliche Diskussion über die Einwanderungspolitik mit der Rhetorik der Rechtsextremen formt."

Magazinrundschau vom 06.01.2015 - HVG

Der Schriftsteller Péter Esterházy erklärt in einem Essay das moralische Ende der gegenwärtigen Regierung. Er nimmt dabei zwar auch Bezug auf die jüngsten Skandale - offensichtliche Korruptionsfälle, teure Armanduhren, Luxusreisen und Immobilienerwerb von Regierungsangehörigen - misst diesen allerdings wenig Bedeutung zu: "Neureiches Protzen ist eine Bagatelle. Kádár prahlte kaum, aus seinem Puritanismus folgte jedoch nichts Gutes. Der Generation meines Großvaters konnte man keine Geschmacklosigkeit nachsagen, nach 18 Uhr trug sie keine braunen Schuhe mehr, doch damit haben wir auch nicht viel erreicht. (...) An diesem Punkt steht der Artikel wie das Land an einem Scheidepunkt. Wir gehen entweder in das Nichts, zwischen Stühlen unter die Bank, dort wird es uns nicht gut gehen, mein Herr. Oder wir stehen zwangsweise vor einem Neuanfang - hier muss ich aber sofort an die Beckett-Anekdote denken: Als dem Meister gesagt wurde, wie schön heute das Wetter werden würde, antwortete er freundlich, dass er so weit nach vorne nicht gehen würde."

Magazinrundschau vom 16.12.2014 - HVG

Das ungarische Mediengesetz soll in Kürze nochmals geändert werden. Zwei öffentlich-rechtliche Kanäle, der "nationale Boulevardkanal" sowie der "nationale Sportkanal", sollen bald auf Sendung gehen. Die landesweite Verbreitung soll durch ein neues Gesetz garantiert werden, das die Kabelanbieter verpflichtet, die neuen Sender in ihre Grundpakete aufzunehmen. Damit werden als Nebeneffekt regierungskritische Sender wie RTL verdrängt, schreibt Ilda G. Tóth: "Die Werbesteuer erwies sich beim Versuch, den Fernsehsender mundtot zu machen, als wirkungslos: RTL begann investigative Nachrichtensendungen zu produzieren. Nun versucht die Regierung diesen alternative Informationskanal weiter einzuschränken. (...) Der Gesetzentwurf ist eindeutig: "Die öffentlich-rechtlichen Medien sollen in den Grundeinstellungen eine Positionierung auf den vorderen Programmplätzen erhalten." So werden RTL und TV2 mit Sicherheit aus den Grundpaketen der großen Kabelanbieter verschwinden. Sie werden nur für Abonnenten der teuren Pakete erreichbar sein, ihre Zuschauerquoten werden einbrechen, was sich auf die Anzeigenpreise und die Akquise auswirken wird. Leicht übertrieben gesagt kann sich ein Großteil des Publikums bald nur noch aus den parteiischen Nachrichtensendungen der Öffentlich-Rechtlichen informieren."
Stichwörter: Mediengesetze, RTL, Ungarn, Hvg

Magazinrundschau vom 25.11.2014 - HVG

Die ungarische Regierung möchte die Zahl der Abiturienten im Land radikal verringern und plant, die rund 500 Gymnasien abzuschaffen. Fruzsina Szabó fürchtet dabei nicht nur um die Bildung von Kindern aus ländlichen Regionen, sondern auch um die Zukunft der Hochschulen und Universitäten: "Wenn die Regierung weiterhin an den Plänen im Geiste der Vorwendezeit festhält, wird das die gesamte Gesellschaft zu spüren bekommen. So wird das Nachwachsen der gesellschaftlichen Mitte gefährdet. Das ist auch dann eine reale Gefahr, wenn sich ein Teil der Schüler nach Alternativen bei privaten, kirchlichen oder stiftungsfinanzierten Gymnasien umsehen wird. Nach Meinung der Gewerkschaften wird die Reduktion der gymnasialen Plätze tausende Stellen von Pädagogen kosten und führt darüber hinaus in wenigen Jahren zum Fehlen von Hochschulabsolventen. Letzteres wäre in der Tat eine bequeme Lösung für die Regierung. Die Gleichung ist einfach: wenn weniger Schüler das Abitur erlangen, dann können die staatlich finanzierten Studienplätze ebenfalls abgebaut werden und zwar ohne umstrittene Regelungen, welche dann erneut zu Protestwellen führen könnten."

Magazinrundschau vom 11.11.2014 - HVG

Der Schriftsteller György Dragomán spricht im Interview mit Erna Sághy über seine Erfahrungen mit der Diktatur. Dragomán wurde im rumänischen Târgu Mureș (Neumarkt am Mieresch, Marosvásárhely) geboren und emigrierte als Jugendlicher mit seiner Familie noch vor 1989 nach Ungarn: "Ich habe eine wirkliche Diktatur aus der Nähe gekannt. Lange Zeit dachte ich, diese jetzige, ungarische sei bloß ein amateurhafter Versuch. Ich konnte ihn nicht ernst nehmen. Macht dürfte nie danach drängen, jede Facette unseres Lebens zu bestimmen (...). Dafür müsste sie die Wirklichkeit neu konstruieren, und das ist selbst in einer Diktatur nur partiell möglich. Aber jetzt sehe ich, dass die Macht wieder versucht, Wirklichkeit neu zu konstruieren, statt sich zu zügeln. Eine Zeit lang ist das komisch, doch nun beginnt es gefährlich zu werden. Noch können wir aber etwas dagegen unternehmen. Ich lese zum Beispiel die Schulbücher meiner Kinder und wenn es sein muss, streiche ich einfach gewisse Stellen - dann schreibe ich dem Lehrer, dass er mich einbestellen soll, wenn er damit irgend welche Probleme hat. Wir müssen diesen Amateur-Diktatoren Widerstand leisten."

Magazinrundschau vom 20.10.2014 - HVG

Der junge Schriftsteller Márton Gerlóczy (33) arbeitet gegenwärtig an einem Drehbuch für Szabolcs Hajdus Verfilmung des Dostojewski-Klassikers "Der Spieler". Im Interview mit Tamás Ligeti Nagy erklärt Gerlóczy, warum er sich für Schriftsteller zuletzt interessiert: "Mich kümmern Erfolgsmeldungen oder Auszeichnungen nicht. Für mich ist der Nachhall des Erfolgs interessant. (...) Ich suche die Gesellschaft der Schriftsteller nicht. Natürlich habe ich Freunde die zugleich Schriftsteller sind, aber ich gründe keine Kreise und organisiere keine Lesungen. Ich mag die Schriftsteller, die Schriftsteller nicht ausstehen können. Ich laufe gerne verkleidet herum und nicht mit einem Schriftsteller-Nummernschild auf meinem Hintern."
Stichwörter: Gerloczy, Marton, Hvg, Der Spieler

Magazinrundschau vom 14.10.2014 - HVG

Seit 2010 wurde der staatliche Zuschuss für die unabhängige Theatergruppe Krétakör systematisch gekürzt. Seit diesem Jahr gibt es nun gar nichts mehr. Mit dem Regisseur und Gründer von Krétakör, Árpád Schilling, sprach Zsuzsa Mátraházi über Projekte der Gruppe (eine neue Inszenierung mit dem Titel "Loser" und eine Faust-Inszenierung Schillings im Frühjahr), sowie über die Intellektuellen in Ungarn. ""Loser" wollen wir durch Crowdfunding finanzieren. (…) Als Hilferuf gedacht, geht es dabei um die Intellektuellen, die vom Staat abhängen und sich immer wieder einreden, weiter ruhig zu bleiben. Das Problem sei noch nicht so groß. Wenn es wirklich schlimm werde, dann werde man sich auch zu Wort melden. So steigen wir ab. Ich war schockiert, als Imre Kertész die Auszeichnung Viktor Orbáns annahm. Sollten wir das tun? (…) Wir beschränken uns heute nicht mehr auf das Künstlerische. Wir werfen gesellschaftliche Fragen auf und ziehen so das Publikum an. Zu einem Theaterereignis kommen mehr Menschen als zu einer Konferenz oder einem Forum. Daneben gibt es ein gemeinsames Schülerprogramm mit dem Goethe-Institut (Freie Schule), bei dem wir gesellschaftliche Probleme mit Schülern aus Budapest, Miskolc und Berlin aufarbeiten."

Magazinrundschau vom 16.09.2014 - HVG

Der Budapester Schauspieler Géza D. Hegedüs, gerade für den Preis der Theaterkritiker nominiert, unterhält sich mit Rita Szentgyörgyi über die Nationwerdung der Ungarn: "Eine Gesellschaft wird dann erwachsen, wenn sie über langfristige Selbstkenntnis verfügt. Nach Antal Szerb gibt es Völker wie die Franzosen und die Engländer, die durch ihr politisches Handeln schrittweise zu Nationen wurden. Aber die Ungarn wurden durch ihre Dichtung zur Nation. (...) Ungarn wird dann erwachsen werden, wenn jedes Individuum sich selbst sieht und wagt, sich selbst kritisch und ironisch zu betrachten, sich selbst zu akzeptieren und auch auszulachen. Wenn es begreift, dass der andere Mensch vielleicht wichtiger ist als er selbst."
Stichwörter: Theaterkritik, Ungarn, Hvg