Magazinrundschau - Archiv

HVG

354 Presseschau-Absätze - Seite 25 von 36

Magazinrundschau vom 23.02.2016 - HVG

In den kommenden Tagen erscheinen in Ungarn die Aufzeichnungen von Imre Kertész aus den Jahren 1991 bis 2001, dem Jahrzehnt vor dem Nobelpreis für Literatur. Die Wochenzeitschrift HVG veröffentlicht in ihrer aktuellen Ausgabe Auszüge aus dem Tagebuch, in denen er sich auf die Tagebücher Sandor Marais bezieht: "Das späte Tagebuch von Marai ist müde, voll von Verdikten, ein sich langsam entleerendes Schreiben (...). Hie und da ertönt ein Satz über das Alter, doch in diesen Sätzen fehlt das Leben. Ich selbst fürchte das Alter wegen dem, was ich beim späten Márai sehe: der existenzielle Taumel hat ihn verlassen. Er ist nicht mehr um seine Seele besorgt, er bangt nicht mehr wegen seiner Sünden, das schrecklichste Verhängnis hatte ihn erreicht: Alterweisheit."
Stichwörter: Kertesz, Imre, Marai, Sandor, Hvg

Magazinrundschau vom 16.02.2016 - HVG

Der Dramaturg und Regisseur Ákos Németh war über zehn Jahre lang Kurator der Theater-Biennale in Wiesbaden. Seine Stücke wurden unter anderem in London, Berlin und in New York aufgeführt. Nach langer Zeit ist er jetzt wieder in der alternativen Szene in Ungarn tätig. Im Gespräch mit Zsuzsa Mátraházi denkt er über die Unterschiede der Stellung und Bewertung dieser Theaterszene in Ost und West nach: "In Ungarn werden entscheidende Akteure des professionellen Theaters in die alternative Szene verdrängt, obwohl gerade sie zu ausländischen Festivals eingeladen werden und nicht die etablierten Theaterhäuser. Letztere kommen den Publikumsbedürfnissen oft übertrieben entgegen. Sicher hat Boulevardtheater auch seinen Platz unter der Sonne, es ist nur traurig, dass es bei uns mit Steuergeldern gefördert wird. Während dessen vegetieren die Alternativen dahin, nur weil sie die Aufmerksamkeit auf unliebsame Fragen lenken. Sie tun genau das, was ich ansonsten vermisse. (...) Es gibt viele Tabus, die nicht berührt werden sollen. Wie unsere Großväter ihre Köpfe wegdrehten, als ihre Nachbarn verschleppt wurden, so drehen wir unsere Köpfe weg, wenn jemand an der Straßenbahnhaltestelle belästigt wird."

Magazinrundschau vom 09.02.2016 - HVG

Der Schriftsteller György Dragomán spricht über die Zeit seiner Übersiedlung aus Rumänien nach Ungarn 1988, die Erfahrungen als junger Einwanderer in Ungarn und über die Frage, ob er nun ein Rumäne oder Ungar sei. "Wir sollten begreifen, dass es keine Erfolgsgeschichte ist, wenn jemand in die Fremde geht, und dort ein neues Leben beginnen muss. Mein Vater war 44, als wir uns auf den Weg machten. Wenn ich in zwei Jahren mit Kind und Kegel gehen müsste, weiß ich nicht ob ich dazu fähig wäre. Wären wir nicht ausgewandert, wäre ich heute ein anderer Schriftsteller. (...) Man kann daran rumtüfteln ob ich nun Rumäne oder Ungar bin. Bei der englischen Wikipedia steht, dass ich 'romanian' bin, was als Rumäne oder als jemand aus Rumänien übersetzt werden kann, doch am Anfang des Textes steht immer noch mein Name auf Rumänisch obwohl ich nie Gheorge war. Zweifelsohne schreibe ich auf Ungarisch und bin ein ungarischer Schriftsteller."

Magazinrundschau vom 19.01.2016 - HVG

Der junge Regisseur Dániel D. Kovács, Schüler von Viktor Bodó und ehemaliges Mitglied der aufgelösten unabhängigen Theatergruppe "Sputnik", hat in Budapest das Schiller-Stück "Die Räuber" neu inszeniert und fokussiert dabei insbesondere auf Jugendliche mit Migrationshintergrund. Im Gespräch mit der Theaterkritikerin Erna Sághy erklärt er, warum ihm gerade dieses Stück so zeitgenössisch vorkommt: "Seit den Terroranschlägen in Paris im vergangenen November sprechen Analysten immer öfter über die Motivationen und Wege junger Einwanderer der zweiten und dritten Generation zum Fanatismus. Die makabere Erfahrung der Inszenierung ist, dass das Schiller-Stück ohne substantiellen Veränderungen eine zeitgenössische Folie liefert für das heute massenhaft verbreitete Gefühl des Steckenbleibens, für die Frustration, die aus der unüberbrückbaren Diskrepanz zwischen Wünschen und Möglichkeiten erwächst, für das Gefühl, dass alles gleichgültig ist, das in der extremen Variante im Terrorismus münden kann. Schiller selbst stellte im Stück die Robin-Hood-Geschichte in Frage indem er zeigte, dass das Leben eines Räubers weder glorreich noch romantisch ist. In der heutigen Interpretation liefert selbst das Scheitern des tragischen Helden keine kathartische Erfahrung."

Magazinrundschau vom 12.01.2016 - HVG

Bitter, aber offen spricht der Bühnenbildner und Architekt László Rajk, der unter anderem die ständige ungarische Ausstellung im Museum von Auschwitz entwarf, mit HVG über die gegenwärtige Kulturpolitik und die Stellung des Landes in Europa. "Anders als die erste Fidesz-Regierung von 1998 bis 2002 will die heutige keine eigene Kultur mehr erschaffen. Das ganze Geld gibt sie der Ungarischen Kunstakademie, aber auch dort werden nur solche Funktionäre in Positionen gebracht, die für ihr Geld schweigen. Sie haben Angst: selbst eine konservative, regressive oder die fundamentalistische Kultur stellt eine Gefahr dar. Künstler sind unberechenbar: manche sind so exhibitionistisch veranlagt, dass sie mit der Zeit selbst ohne Geld aufstehen und sagen, was sie denken. Als Optimist glaube ich, dass dieser Bereich das System erschüttern wird, wenn auch nicht schnell... Die Macht degradierte den Liberalismus zum Schimpfwort, und die Intellektuellen Ungarns akzeptierten diese Sprache... Ungarn ist in Europa inzwischen sowohl kulturell als auch wirtschaftlich und politisch marginalisiert. Für mich bleiben der Film, die Lehre und die freie Kunst."

Ähnlich, aber blumiger äußert sich der Theaterregisseur Árpád Schilling.

Magazinrundschau vom 22.12.2015 - HVG

Asztrik Várszegi, Erzabt des Benediktinerklosters Pannonhalma (Martinsberg), skizziert im Gespräch mit János Dobszay die christlichen Wurzeln und die geistige Enge, die Ungarn aus dem Kommunismus geerbt hat: "Unsere Traditionen haben in der Tat gänzlich christliche Wurzeln, doch das bedeutet nicht, dass wir in unseren Taten und in unseren Einstellungen auch christlich wären. Das christliche Europa, das christliche Ungarn sind Utopien, Wunschdenken. Diejenigen, die das Gegenteil behaupten, sollten sich selbst ehrlich fragen, ob wir wirklich unser Christentum verteidigen und nicht eher unseren Wohlstand, unsere Behaglichkeit und Sicherheit? (…) Vor 26 Jahren, als noch junger Bischof aus dem sozialistischen Ungarn kommend, hörte ich bei der europäischen Bischofskonferenz bestürzt, dass dort über den Islam gesprochen wurde. Ich musste begreifen, dass unsere physische Eingeschlossenheit mit einer geistigen einher ging."

Magazinrundschau vom 03.11.2015 - HVG

Am 4. November 1956 wurde die Revolution in Ungarn mit Hilfe sowjetischer Panzern blutig niedergeschlagen. Der Historiker und Schriftsteller György Dalos hebt die Errungenschaften in der Niederlage hervor, warnt aber auch - kurz vor dem kommenden sechzigsten Jahrestag der Revolution - vor ihrem Verlust: "Was die meisten damals positiv wollten - eine Neutralität nach österreichischem Muster - war natürlich Tagträumerei. Nicht nur Moskaus Dominanz, sondern die ganze internationale Weltordnung, der kalte Krieg als kalten Frieden ließen dies nicht zu. Etwas Anderes wurde aber dennoch erreicht: Trotz des Terrors und der Restauration nach dem 4. November entstand ein moderneres, komplizierteres, ambivalenteres Ungarn, zwischen kleinlichem Opportunismus in den Tiefen der Seelen und Resignation aber mit gehütetem Freiheitswunsch und einer unauslöschlichen Nostalgie an Europa. Nicht dass wir dies sechzig Jahre später widerlegen."

Magazinrundschau vom 20.10.2015 - HVG

Victor Orban behauptet zwar, Ungarns Abschottung gegen die Flüchtlinge sei nur eine EU-konforme Sicherung der Schengengrenze, doch in Wahrheit hofft er darauf, "dass die Flüchtlingskrise die europäischen Anführer tödlich verwundet", erklärt der liberale Philosoph János Kis stellt in einem umfangreichen Essay. "Nicht Merkel und Hollande persönlich, sondern die ganze politische Elite nach dem Zweiten Weltkrieg, die ihn nach dem Abbau der liberalen Demokratie in Ungarn zum Paria stempelte. Nach seiner Prognose sind wir am Ende einer 'geistig-ideologischen Ära', in der Europa von der Idee des Liberalismus geprägt war und von den universellen Menschenrechten. In diesem Umfeld war der 'national-christliche Gedanke' nicht salonfähig."

Magazinrundschau vom 04.08.2015 - HVG

Die Übersetzerin und Musikerin Lídia Nádori (u.a. überträgt sie Herta Müller und Terézia Mora ins Ungarische) skizziert im Interview mit Zsuzsa Mátraházi die Bedeutung der zeitgenössischen deutschen Literatur für Ungarn. "Meiner Meinung ist sie zwar nicht in bester Form, trotzdem verdient sie mehr Beachtung. Mit ihrem dürren, puristischem Stil kann der auf ungarischem Prosa trainierte Leser kaum etwas anfangen. Doch deutsche Autoren wählen viel couragierter aktuelle Themen als die ungarischen, riskieren damit aber auch, dass die Aktualität verblasst. Sie schreiben über die Honecker-Zeit, über die Wende, den Balkankrieg, aber auch über Gewalt an den Schulen oder Altersheime und hoffen, dass mit dem Vergehen der Zeit die Intensität nicht mit verfliegt. Das finde ich sympathisch."

Magazinrundschau vom 21.07.2015 - HVG

Der Schriftsteller und Literaturhistoriker László Szilasi spricht im Interview mit Zsuzsa Mátraházi über gegenwärtig kontrovers diskutierte Themen wie Obdachlosigkeit und (unregistrierte) Migration - zwei Schlüsselmotive seines zweiten Romans "Die dritte Brücke", der im Herbst dieses Jahres im Nischen Verlag auf Deutsch erscheinen wird. "Es gab einige schöne, starke Jahre nach 1989, etwa wie zwischen 1945 und 1948. Dann kam das traditionelle, tief ungarische, reaktionäre Gejammer zurück. Wir leben in einem erschreckenden Land. (...) Aufgrund der Sozialisierung im Sozialismus wird Sicherheit wesentlich höher geschätzten als Freiheit. Die Macht pocht auf die scheinbare Sicherheit und schielt darauf, dass die Staatsbürger den Fremden (das Fremde) hassen. (...) Die Probleme werden von der Machtelite nicht oder falsch angegangen. Daraus schließe ich, dass sie keine Literatur liest. Sonst würde sie nämlich wissen, dass der Ausschluss der Obdachlosen oder das Nicht-Einlassen der Migranten nicht hilft. Der Versuch, diese Menschen unsichtbar zu machen, ist vergebens: wenn sie verschwinden, werden sie eben durch ihre Abwesenheit präsent sein."