Magazinrundschau - Archiv

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354 Presseschau-Absätze - Seite 27 von 36

Magazinrundschau vom 11.09.2014 - HVG

Der Regisseur Gábor Máté ist Direktor des Budapester Theaters József Katona und Initiator einer Gesprächsreihe, welche die Vertreter der gespaltenen ungarischen Theaterlandschaft versucht an einen runden Tisch zu bringen. Bislang mit mäßigem Erfolg. Im Gespräch mit Rita Szentgyörgyi erklärt Máté: "Wir sind ein Theater, das sich mit gesellschaftlichen Problemen beschäftigt, mit Tagespolitik wollen wir aber nichts zu tun haben. Kampagnentheater gibt es nicht. Dieser im Wahlkampf gegen uns erhobene Vorwurf bewies eine rechte politische Denkweise, die die eigene theaterbesuchende Wählerschicht ansprechen sollte. (...) Seit sich das Theaterdenken entlang politischer Linien konstituiert, sind die Theater auch von Einseitigkeit gekennzeichnet."
Stichwörter: Theaterlandschaft, Ungarn, Hvg

Magazinrundschau vom 02.09.2014 - HVG

Gerade ist der zweite Band der Reihe "Einfache Geschichte Komma Hundert Seiten" erschienen, nämlich Péter Esterházys "Mark Version" erschienen. Auch aus diesem Anlass sprach Éva Marton mit dem Schriftsteller über die Situation in Ungarn: "in den letzten 25 Jahren gab es viele Missverständnisse und Selbst-Missverständnisse, und wir sind nicht in der sprachlichen Situation, darüber ein ehrliches Gespräch führen zu können. (…) Darin ist auch unsere Kleinkariertheit enthalten. Die Konfrontation mit der Kleinkariertheit ist schwieriger als die mit den großen Sachen. Jetzt verdecken wir sie mit Hochmut. Zum Staat hatten wir immer zwei Beziehungen: Er soll unsere Probleme lösen und wir verarschen ihn, wo wir nur können."
Stichwörter: Esterhazy, Peter, Ungarn, Hvg

Magazinrundschau vom 12.08.2014 - HVG

Parajmos nennen die Roma mittlerweile den nationalsozialistischen Völkermord an ihrer Minderheit: das große Verschlingen. Zum internationalen Gedenktag sprach Mónika Szekeres mit der Historikerin und Aktivistin Ágnes Daróczi, die Gründe für die mangelnde Aufarbeitung sucht: "In der Nacht zum 3. August 1944 wurde das eigens errichtete Zigeunerlager von Auschwitz-Birkenau aufgelöst ... beinahe 3.000 Menschen wurden in der Nacht ermordet. Doch auch nach der Auflösung des Lagers wurden ungarische Roma weiter massenhaft in deutsche Lager deportiert. Das ist nur ein Detail des verschwiegenen Holocausts. Ein Grund, warum all dies von der Mehrheitsgesellschaft, aber auch von den Roma verschwiegen wurde, ist, dass wir nur wenige sind, die dieses Feld erforschen, und die Quellen sehr lückenhaft sind. Oftmals kennen wir nicht einmal die Namen der Opfer … Diese beinahe komplette Abwesenheit von Emanzipation, Interessenvertretung und Solidarität sind auch Ursachen des Schweigens."
Stichwörter: Emanzipation, Parajmos, Roma, Birkenau, Hvg

Magazinrundschau vom 04.08.2014 - HVG

Die Schauspielerin Dorottya Udvaros hat unter allen drei Direktoren des Budapester Nationaltheaters gearbeitet - von Tamás Jordán über den liberalen Róbert Alföldi bis zum nationalkonservativen Attila Vidnyánszky. Zu ihrem sechzigsten Geburtstag sprach sie im Interview mit Rita Szentgyörgyi über die gespaltete Künstlerszene in Ungarn: "Wir sollten die Sachen nicht von ganz rechts oder von ganz links betrachten, denn zwischen den beiden gibt es ganz viele Übergänge. Mich stört es, wenn wir alle anhimmeln, die bei Alföldi arbeiten und alle, die bei Vidnyánszky arbeiten hassen, oder eben umgekehrt. Wir müssen miteinander diskutieren, Meinungsverschiedenheiten sind zwangsläufig ... Es wäre nur elegant, wenn wir nicht alles was aus der anderen Richtung kommt prinzipiell ablehnen würden."
Stichwörter: Attila, Hvg, Vidnyanszky, Attila

Magazinrundschau vom 11.06.2014 - HVG

In der vergangenen Woche lief in den ungarischen Kinos Eszter Hajdús Dokumentarfilm "Urteil in Ungarn" über den Strafprozess in einer Mordserie an Roma in den Jahren 2008-2009 an. Im Interview mit Tibor Rácz sagt die Regisseurin: "Als Filmemacherin war der Prozess eine spannende Herausforderung, denn in einem einzigen winzigen Raum konzentrierten sich alle Aggressionen und Emotionen. Der Fall ereignete sich in Ungarn, doch diese rechtsextreme Ideen sind nicht nur in Ost-Europa, sondern beinahe auf dem gesamten Kontinent präsent, und sie werden immer stärker. Ähnliche Fälle findet man beispielsweise auch in Deutschland, nur dass dort gegen die türkische Minderheit rassistische Angriffe erfolgten, und ähnlich wie bei der Aufklärung der Romamorde in Ungarn, wurden auch dort die Kriminalinspekteure Gefangene ihrer eigenen Vorurteile."

Magazinrundschau vom 16.05.2014 - HVG

Ferenc Jávori, Leiter der Budapest Klezmer Band, wurde kürzlich mit dem staatlichen Kossuth-Preis für herausragende künstlerische Leistungen ausgezeichnet. Im Gespräch mit Rita Szentgyörgyi erzählt er, wie er die Musik als Mittel zur politischen Bildung einsetzt: "Zurzeit sind wir im Land mit "Anatevka" unterwegs. Wir kommen auch zu kleinen Siedlungen, wo viele verarmte Menschen leben und der Einfluss der Rechtsradikalen riesig ist. Ich sehe bei den Vorstellungen, dass viele in Tränen ausbrechen. Auch wenn sie Vorurteile hatten, etwas berührt sie. Bei Jugendvorführungen erzähle ich den Gymnasiasten wie das Leben im Ghetto war. Unser Schulsystem ist nun einmal so, dass die aufwachsende Generation manche Sachen einfach nicht weiß, dass sie ins Theater gehen muss, um an Informationen über historische Tatsachen zu gelangen."

Magazinrundschau vom 02.05.2014 - HVG

In Ungarn wurde jüngst der Jazzgitarrist Ferenc Snétberger mit dem Kossuth-Preis, dem höchsten staatlichen Preis für Künstler, ausgezeichnet. Im Gespräch mit János Dobszay und Zoltán Kelemen berichtet Snétberger, der mit seiner Frau in Deutschland lebt, über sein Engagement als "Reisebotschafter der Sinti und Roma": "Beim Verein Sinti-Allianz wurde mir klar, dass einige schon seit Jahrzehnten gegen Rassismus und Diskriminierung kämpfen. Ausdrücke wie "Vorzeigezigeuner" oder "Dekorationszigeuner" mag ich überhaupt nicht. Es ging darum, dass jeder sein Gesicht zeigen kann. Wenn dafür gekämpft werden muss, dann tue ich das gerne. Es wäre gut, wenn das immer mehr Menschen tun würden, auch in Ungarn."

Hier ist Snétbergers brasilianisch inspiriertes Stück "Buké, az élet show" zu hören:


Magazinrundschau vom 25.04.2014 - HVG

Die ungarische Regisseurin Márta Mészáros berichtet im Interview mit Rita Szentgyörgyi von der Arbeit an ihrem neuen Film über das Schicksal vergewaltigter Frauen durch Besatzungssoldaten nach dem zweiten Weltkrieg: "Die österreichische Historikerin Barbara Stelzl-Marx schrieb ein Buch darüber, dass zwischen 1945 und 1955 mehr als zweihunderttausend Frauen von fremden Besatzungssoldaten, meist sowjetischen, ein Kind gebaren... Wir trafen Betroffene, die bereit waren, offen über ihre Geschichte zu sprechen. Diese Zeitzeugenberichte haben das Drehbuch sehr bereichert. Vom Nationalen Filmfond in Ungarn bekamen wir dagegen kein Geld. Erst beim Script East Programm von Cannes wird es sich herausstellen, ob wir den Film verwirklichen können."

Magazinrundschau vom 21.02.2014 - HVG

Der Direktor des Budapester Museums für angewandte Künste, Imre Takács, protestiert mit seinem Rücktritt gegen Verlegungen von öffentlichen Sammlungen. In der Wochenzeitschrift HVG spricht er mit Erna Sághy am Beispiel der geplanten Verlegung des Esterházy-Schatzes von Budapest in die Provinz von einem riskanten Vorhaben, das die Museumsarbeit an den Rand der Bedeutungslosigkeit bringen kann: "Die Verlegung ist ein verheerender wissenschaftlicher Irrtum. (...) Der Schatz wurde (aus dem heutigen Österreich) 1919 nach Budapest transportiert. Nach dem Fall der Räterepublik sagte Herzog Miklós Esterházy, dass der Schatz im Museum für angewandte Künste am besten aufbewahrt ist. (...) Das Esterházy-Schloss von Fertöd war für Haydn-Feierlichkeiten als Sommerpalast gebaut worden, der Schatz wurde dort nie aufbewahrt. (...) Er ist einer der zentralen Schätze des Landes, nur mit den Kronjuwelen vergleichbar. (...) Die Idee, eine solche Sammlung in eine provinzielle Umgebung zu bringen, ist erschreckend."
Stichwörter: Hvg

Magazinrundschau vom 28.02.2014 - HVG

Der Soziologe und Korruptionsforscher Dávid Jancsics beschreibt in einem Essay, wie informelle Strukturen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Sphären die transparente Implementierung der Verteilungssysteme der EU erschweren: "Zur großen Überraschung der EU-Technokraten ist unser System von Institutionen - und das anderer postsozialistischer Länder - formal identisch mit dem der westlichen Nachbarn, produziert aber erstaunlich schwache Ergebnisse, weil die Leistung des Landes stark von tief in die Textur der Gesellschaft eingekerbten, eigenartig mitteleuropäischen informellen Institutionen wie Klientelstrukturen, Geschäftskartellen, korrupten Netzwerken, niedrigem gesellschaftlichen Vertrauen und weiteren regionalen Exotika beeinflusst wird. (...) Ungarn ähnelt zunehmend den neopatrimonialen Systemen (Macht des Fürsten in den frühen Feudalismen), dessen typisches Beispiel Putins Russland ist."
Stichwörter: Putins Russland, Hvg