Magazinrundschau - Archiv

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354 Presseschau-Absätze - Seite 28 von 36

Magazinrundschau vom 07.01.2014 - HVG

"Dieses Buch ist die größte literarische Sensation des Jahres", verkündet der Dichter und Schriftsteller István Kemény über "Boldog Észak" (Glücklicher Norden), den neuen Roman seines in Norwegen lebenden Landsmanns Árpád Kun. "'Boldog Észak' kann etwas über das Glück sagen. Etwas Gültiges und Erlebbares. Es handelt sich nicht um eine vor Kitsch triefende Geschichte. Es ist eine gnadenlos schwere Geschichte über den Kampf der Heimfindung. Der Protagonist ist eine Figur, welche noch nie in einem ungarischen Roman auftauchte. Ein afrikanischer Mann, Aimé Billion, erzählt sein Leben von Cotonou in Benin bis zu einem Dorf in Norwegen. Aus der Armut in das vielleicht reichste Land der Welt. Aus der Welt der Voodoo-Magie in eine Gesellschaft, die in ihrer Rationalität durch- und überorganisiert ist."
Stichwörter: Norwegen, Hvg, Benin, Kemeny, Istvan

Magazinrundschau vom 10.12.2013 - HVG

In seinen Studien stellte der Soziologe András Kovács fest, dass der Antisemitismus in der ungarischen Gesellschaft nach 2008 erstarkte. In den ersten 15 Jahren nach der Wende - so sein Ergebnis - bewegte sich der Anteil der Antisemiten stets zwischen 10 und 15 Prozent. Im Jahre 2010 erhöhte sich der Anteil sprunghaft auf 28 Prozent. Ernő Kardos sprach mit Kovács über mögliche Gründe und über die Auswirkungen staatlicher Erinnerungspolitik. "Den Grund für den sprunghaften Anstieg sehe ich im Auftauchen der Jobbik-Partei mit einer kaum verborgenen antisemitischen Rhetorik in der Öffentlichkeit und in der politischen Arena. Das ermutigte diejenigen, die bis dahin ihre als nicht salonfähig betrachtete Haltungen verheimlichten oder sich nur im engen familiären oder Freundschaftskreisen äußerten. (...) Kürzlich bekräftigte der Außenminister den Standpunkt der Regierung, nach dem auch der ungarische Staat für den Holocaust verantwortlich ist. Es ist wichtig, welche Konsequenzen die staatliche daraus Erinnerungspolitik zieht, ob diese Position in den Reden, bei symbolischen Ereignissen, in den Schulbüchern und bei Veranstaltungen des kommenden Erinnerungsjahres auftaucht und wie dies passieren wird. Erinnerungsgemeinschaften neigen dazu, lediglich bei anderen Gruppen die Konfrontation mit der Geschichte zu fordern. Das gilt für alle politischen Lager. Eine Konfrontation aber muss auch Selbstreflexion bedeuten, sonst verstärken die Debatten über die Vergangenheit nur die Frontlinien."

In den sechziger und siebziger Jahren entstand in Budapest eine der bedeutendsten privaten Gemäldesammlungen. Der Sammler, István Kövesi (1911-1981) betrieb seit 1957 im 13. Bezirk der Hauptstadt eine koschere Fleischerei, die Sammlung - etwa 200 Gemälde von bedeutenden ungarischen Malern - schmückte seine Wohnung über dem Laden. Nun ist es dem Kunsthändler Tamás Kieselbach gelungen, die Bilder in seiner Galerie auszustellen. Péter Ermőd rekonstruiert den langen Weg der Sammlung. "Kövesi versuchte den Kreis, der die Sammlung kannte und ansehen durfte eng zu halten. (...) In Fachkreisen war Kövesi gut bekannt, er war ständiger Bieter bei den staatlichen Versteigerungen, er pflegte gute Beziehungen mit Sammlern, Künstlern und Kunsthistorikern. Mit mehreren traf er sich im einstigen Café Luxor - genau dort, wo jetzt die Kieselbach Galerie zu finden ist und die Gemälde seiner Sammlung zu sehen sind. (...) Er war offen für die verschiedensten Richtungen. Gut haben sich Werke von Koszta, Bortnyil, Ámos, Kádár, Aba-Novák, Margit Anna, Rippl-Rónai und Kassák gehalten. (...) Die Kollektion wurde nach dem Tod von Kövesi von den Erben mit hütender Liebe bewahrt."

Magazinrundschau vom 03.12.2013 - HVG

Ein neues Restitutionsgesetz verpflichtet die ungarischen Museen, ohne Rechtsgrundlage verstaatlichte Kunstwerke zurückzugeben. Wie die neue Regelung die Sammlungen betrifft, weiß heute niemand: Die Liste der Werke ist gegenwärtig nicht öffentlich. Nach dem neuen Verfahren müssen die Erben ihren Anspruch beim Notar beglaubigen lassen. Dann entscheidet die Nationale Vermögensverwaltung über die Herausgabe. Vor ihrer Deportation hatten jüdische Industrielle ihre Privatsammlungen oft an Museen zur Aufbewahrung übergeben. Ähnlich handelten adlige Familien nach dem Krieg. HVG berichtet: "Die Begründung für die Rückgabe vor Gericht hieß oft: emotionale Verbundenheit mit dem Werk, doch in der Praxis tauchten die Kunstwerke kurz darauf bei Auktionen auf. Es spielt dabei auch eine Rolle, dass die Exponate nicht außer Landes gebracht werden können, so lassen die meist im Ausland lebenden Erben die Bilder versteigern. Das passierte etwa mit der Vida-Sammlung - der Großindustrielle Jenö Vida wurde 1944 in Auschwitz ermordet. (...) Nach Laszló Csorba, Direktor des Ungarischen Nationalmuseums ist die Haltung der Museen eindeutig: 'Wenn die MNV feststellt, dass es kein staatliches Eigentumsrecht besteht, dann übergeben wir das Kunstwerk.' So können aber auch Stücke in privaten Sammlungen landen, bei denen es wünschenswert wäre, dass sie im Museum für die Öffentlichkeit zugänglich sind."

Magazinrundschau vom 22.10.2013 - HVG

Unter dem Titel "Ich war ein Holocaust-Clown" erschien vor kurzem in der Zeit ein Interview mit dem Schriftsteller Imre Kertész. Die Aussagen des Literatur Nobelpreisträgers haben erneut für Aufsehen in Ungarn gesorgt. Gábor Murányi sprach mit Kertész unter anderem über dieses Interview, das eigentlich sein letztes sein sollte: "Die von mir hochgeachtete und geschätzte Kritikerin, Iris Radisch hatte diesmal nicht aufmerksam genug gelesen. Ich hatte im Jahre 2007 einen Auftritt in Sachsen abgesagt und formulierte in meinem Tagebuch so 'ich bin nun kein Holocaust-Clown'; die Gefahr bestand, ich wurde aber zu keinem Clown. (...) In der Eile weiß ich gar nicht, ob Dostojewski oder Camus es geschrieben hat, dass das einzige ernsthafte philosophische Problem der Suizid sei. Ich entschied mich für das Leben, denn ich sorgte für kein Selbstmordwerkzeug. Ich dachte stets, wenn die Zeit kommt, springe ich aus dem Fenster. Jetzt ist die Zeit umsonst gekommen, ich kann ohne Begleitung nicht einmal zum Fenster gehen. Nichts wird mehr passieren, es kann nichts mehr passieren. Höchstens... Wann wird dieses Interview erscheinen?" (Aktualisierung vom 25.10.: Iris Radisch weist darauf hin, dass in der deutschen Fassung von Imre Kertesz' Tagebuch auf Seite 411 der Satz steht: "Ich bin nicht länger Holocaust-Clown".)

Magazinrundschau vom 15.10.2013 - HVG

Fruzsina Skrabskis Dokumentarfilm "Elhallgatott gyalázat" (Verschwiegene Entweihung) befasst sich mit den Vergewaltigungen ungarischer Frauen durch Angehörige der Roten Armee im Frühjahr 1945. Anlässlich der Prämiere des Films ging Gábor Murányi der späten Beschäftigung mit dem Thema nach: "Auf die Taten der Roten Armee in Ungarn verwiesen vor dem Abzug der Truppen höchstens literarische Werke. (...) In seiner Monografie über die Belagerung von Budapest am Endes des Zweiten Weltkrieges vermutete Krisztián Ungváry aufgrund der zur Verfügung stehenden Dokumente, dass ungefähr ein Zehntel der Frauen in der Hauptstadt zum Opfer dieser von Stalin zynisch akzeptierten Kriegsführungsstrategie wurden. (...) Die Autorin der ersten unfassenden Studie über das Thema, Andrea Pető, geht von fünf bis sechs Prozent der Frauen aus, die Regisseurin hält bis zu 800.000 Fälle für möglich. Genaue Zehlen gibt es bisher nicht, da in Moskau die Militärarchive nicht oder kaum zugänglich sind und weil die ungarische Verwaltung die Fälle schlampig dokumentiert hat. Aber der wichtigste Grund ist wohl, dass die betroffenen Frauen bis zu ihrem Tod schweigen werden."

Magazinrundschau vom 01.10.2013 - HVG

Bis zum 10. November ist in "MűvészetMalom" (Künstlermühle) der Stadt Szentendre, nördlich von Budapest eine Sammlung der Werke der Künstlergruppe Lajos Varga aus den vergangenen Dekaden zu sehen. Eine außergewöhnliche Sammlung der Künstlerkolonie A.E. Bizottság von Szentendre - schreibt die Wochenzeitschrift HVG. "Ein elementarer Freiheitswunsch und eine radikale Vorstellung von Kunst kommen in den Exponaten der einst von autodidaktischen, jungen, revoltierenden bildenden Künstlern gegründeten Gruppe zum Ausdruck. Unter der Leitung des Mahlers László Lugossy wurde 1980 die alternative Punkrock Gruppe A(lbert) E(instein) Bizottság gegründet und bei ihren Konzerten, wie auch bei der Arbeit der Künstlergruppe wurden bildende Kunst, Happening, Musik, Lyrik und Film miteinander verbunden. Die geometrischen Landschaftsbilder von János Aknay, die Fotomontagen von weiblichen Körpern mit Musikinstrumenten von Miklós Bán, die surrealistischen Bildern von Imre Bukta, die Marmorskulpturen von György Holdas, die selbstironischen Installationen von Lugossy oder die mit Kohle gemalten, aus schwarz-weißen Blöcken und aus Licht erbauten Räume der Ágnes Sz. Varga sind zeitlose Werke der 'großen Alten'."
Stichwörter: Weiblicher Körper, Hvg

Magazinrundschau vom 17.09.2013 - HVG

Der Kultur- und Medienwissenschaftler Péter György, der gerade sein neues Buch "Álltkert Kolozsváron - képzelt Erdély" (Zoo in Klausenburg - Imaginiertes Siebenbürgen, Magvető Kiadó, Budapest 2013) veröffentlicht hat, erklärt Éva Marton im Interview, warum der Trianon-Vertrag von 1920 in Ungarn seit 1989 immer größere Bedeutung gewinnt und wie ungesund das seiner Ansicht nach ist: "In den letzten drei Jahren wurde Trianon zur Staatsreligion. Lange dachte ich, dass Siebenbürgen kein politisches Thema sei. Es wäre auch keins, wenn die politische Doktrin des liberalen Ungarns erfolgreich gewesen wäre. (...) Die Auslandsungarn leben in einer viel zeitgemäßeren Kulturkonstruktion, in der Kultur der Mehrsprachigkeit. Das zwingt sie zur ständigen Selbst-Reflexion. Wenn wir nur dies von ihnen lernen könnten, wäre unsere Kultur außerordentlich bereichert. (...) Die Zukunft baut sich auf Migration, auf eine multilinguale, multireligiöse Welt. Das ist eine schwere Herausforderung für die Geschlossenheit, in der die Ungarn heimisch sind, mit ihrer allein gelassenen Kultur."

Magazinrundschau vom 10.09.2013 - HVG

Vor 25 Jahren, also kurz vor der Wende, brachte Judit Elek den Film "Tutajosok" (Die Flößer) heraus. Zsuzsa Mátraházi nimmt das Jubiläum zum Anlass für ein Gespräch mit der Regisseurin. Der Film handelt von einem antisemtischen Vorfall in den Jahren 1882 und 83, als die jüdische Gemeinde von Tiszaeszlár beschuldigt wurde, ein katholisches Mädchen ermordet zu haben. Bis heute kursieren Ritualmordlegenden um diesen Fall. Die Regisseurin will mit eine Neuedition des Films auf DVD aufklären: "Den Film haben kurz vor der Wende viele gesehen, aber er wurde später nicht als Lehrmaterial verwendet. Aus diesem Grunde habe ich dafür gekämpft, dass am Jubiläum das gesamte Drehbuch, die Akten des Verfahrens und der Film als DVD erscheinen. Solange wir uns in Ungarn nicht mit der Vergangenheit und den Fakten konfrontieren, solange ist die Nation schutz- und wurzellos."

Magazinrundschau vom 27.08.2013 - HVG

In Paris ist vor kurzem ein Buch über den Philosophen und Psychologen György Politzer erschienen, "Les trois morts de Georges Politzer", Flammarion. In Ungarn ist der Denker kaum bekannt, in Frankreich dagegen wird er trotz seiner kommunistischen Gesinnung geachtet. Politzers Sohn Michel ist der Verfasser des Buches, im Interview mit Benedek Várkonyi sagt er über seinen Vater: "Durch seine Schriften ziehen sich zwei seltsame Stränge, egal ob er über Philosophie oder über Psychologie schreibt. Der eine ist der des Denkers, der die Welt klar sah und der auf die großen französischen Philosophen des 20. Jahrhundert, Jean-Paul Sartre, Maurice Merleau-Ponty oder auf den französischen Psychologen-Riesen Jacques Lacan wirkte. Der andere Strang ist die kommunistische Gesinnung von Politzer, sein alles durchdringender, politischer Dogmatismus. Der konservative Denker, Raymond Aron beschrieb dies, als er von Politzers 'genialem Irrtum' sprach."

Vor kurzem wurden die detaillierten Ergebnisse des Zensus von 2011 veröffentlicht. HVG beschreibt in einer redaktionellen Zusammenfassung die Verteilung der bedeutendsten nationalen Minderheit, der Ungarn-Deutschen. "Es gibt mehr als drei Dutzend Städte in Ungarn, in denen der Anteil der Minderheiten 10 Prozent übersteigt. Den höchsten Anteil hat das 3100 Einwohner zählende Städtchen Hajós, in dem 47 Prozent der Einwohner sich als Deutsch bezeichnen oder eine 'gemischte Identität' angeben. Ähnlich sieht es in Újhartyán aus. Der Anteil der Nachkömmlinge der vor 250 Jahren eingesiedelten Deutschen erreicht auch heute noch einen Anteil von 40 Prozent. An dritter Stelle wird die Stadt Pilisvörösvár (14.000 Einwohner) geführt, in der 28 Prozent bzw. beinahe 4.000 Menschen sich als Deutsch bezeichneten. Die Hochburg der ehemaligen deutschen Diaspora ist das süd-ungarische Komitat Baranya, wo eine ganze Reihe von 'multikulturellen' Städten zu finden sind."

Magazinrundschau vom 20.08.2013 - HVG

Seit einem Jahr ist der Choreograf, Tänzer, bildende Künstler und Fotograf, József Nagy Direktor des Budapester Zentrums für zeitgenössische unabhängige Kunst, "Trafó". Nagy, der 30 Jahre in Frankreich lebte, leitet gleichzeitig in Orléans das Internationale Zentrum für Choreographie. Über seine Erfahrungen in Ungarn sagt er im Interview mit Rita Szentgyörgyi: "Ich, mit meinen französischen Erfahrungen, war hier vollkommen naiv. In Frankreich wurde ich nie mit politischen Glaubensbekenntnissen konfrontiert. Regierungen kamen und gingen, doch ich wurde nie zur Parteinahme gezwungen. In Ungarn musste ich gleich am Anfang feststellen, dass alle Bereiche zu sehr von der Politik durchtränkt sind. (…) Die jetzige Kulturpolitik ist nicht wirklich offen und die Problematik wird missverstanden. Unabhängig bedeutet nicht, dass man rebelliert, sondern dass man mit einer eigenen Konzeption, nicht in einem gegebenen System arbeiten möchte."

Ungarn driftet immer mehr weg von der Europäischen Union, stellt der Dichter Ákos Szilágyi fest. Antimodern, antiwestlich, national - das ist die neue Richtung. "Seit Neustem bedeutet ist dies das System der populistischen 'Kabinenrevolution': eine russische Führerdemokratie, kombiniert mit einem nach fernöstlichem Muster funktionierenden, oligarchistischen, korporatistische, Kasernenkapitalismus und einem nach islamistischem Vorbild zusammengestellten christlichen Fundamentalismus. So wird Politik zu einer Religion, der Politiker zu einem Propheten und Priester."