
In seinen Studien stellte der Soziologe
András Kovács fest, dass der
Antisemitismus in der ungarischen Gesellschaft nach 2008 erstarkte. In den ersten 15 Jahren nach der Wende - so sein Ergebnis - bewegte sich der Anteil der Antisemiten stets zwischen 10 und 15 Prozent. Im Jahre 2010 erhöhte sich der Anteil sprunghaft
auf 28 Prozent. Ernő Kardos
sprach mit Kovács über mögliche Gründe und über die Auswirkungen staatlicher Erinnerungspolitik. "Den Grund für den sprunghaften Anstieg sehe ich im Auftauchen der
Jobbik-Partei mit einer kaum verborgenen antisemitischen Rhetorik in der Öffentlichkeit und in der politischen Arena. Das
ermutigte diejenigen, die bis dahin ihre als nicht salonfähig betrachtete Haltungen verheimlichten oder sich nur im engen familiären oder Freundschaftskreisen äußerten. (...) Kürzlich bekräftigte der Außenminister den Standpunkt der Regierung, nach dem auch der
ungarische Staat für den Holocaust verantwortlich ist. Es ist wichtig, welche Konsequenzen die staatliche daraus Erinnerungspolitik zieht, ob diese Position in den Reden, bei symbolischen Ereignissen, in den Schulbüchern und bei Veranstaltungen des
kommenden Erinnerungsjahres auftaucht und wie dies passieren wird. Erinnerungsgemeinschaften neigen dazu, lediglich bei anderen Gruppen die Konfrontation mit der Geschichte zu fordern. Das gilt für alle politischen Lager. Eine Konfrontation aber muss auch
Selbstreflexion bedeuten, sonst verstärken die Debatten über die Vergangenheit nur die Frontlinien."
In den sechziger und siebziger Jahren entstand in Budapest eine der bedeutendsten privaten Gemäldesammlungen. Der Sammler,
István Kövesi (1911-1981) betrieb seit 1957 im 13. Bezirk der Hauptstadt eine koschere Fleischerei, die Sammlung - etwa 200 Gemälde von bedeutenden ungarischen Malern - schmückte seine Wohnung über dem Laden. Nun ist es dem Kunsthändler Tamás Kieselbach gelungen, die Bilder in seiner
Galerie auszustellen. Péter Ermőd
rekonstruiert den langen Weg der Sammlung. "Kövesi versuchte den Kreis, der die Sammlung kannte und ansehen durfte eng zu halten. (...) In Fachkreisen war Kövesi gut bekannt, er war ständiger Bieter bei den staatlichen Versteigerungen, er pflegte gute Beziehungen mit Sammlern, Künstlern und Kunsthistorikern. Mit mehreren traf er sich im einstigen Café Luxor - genau dort, wo jetzt die Kieselbach Galerie zu finden ist und die Gemälde seiner Sammlung zu sehen sind. (...) Er war offen für die
verschiedensten Richtungen. Gut haben sich Werke von Koszta, Bortnyil, Ámos, Kádár, Aba-Novák, Margit Anna, Rippl-Rónai und Kassák gehalten. (...) Die Kollektion wurde nach dem Tod von Kövesi von den Erben mit hütender Liebe bewahrt."