Magazinrundschau - Archiv

HVG

354 Presseschau-Absätze - Seite 31 von 36

Magazinrundschau vom 18.09.2012 - HVG

Während sich in Ungarn eine aggressive Sprache immer mehr ausbreitet und jene, die sie verwenden, als "Helden der Wahrheit und der Eindeutigkeit" gefeiert werden, sind die Befürworter eines politisch korrekten Sprachgebrauchs in der Minderheit. Zu ihnen gehört auch der Sprachwissenschaftler László Cseresnyési, der in seinen Schriften betont, dass es eine natürliche Bestrebung der Menschen sei, "explosive Begriffe" mit alternativen Ausdrücken zu vermeiden. Zsolt Zádor fragte ihn, ob political correctness in der Sprache nicht nur eine Verschleierung, eine Verdrängung ist, weil ja, während man den Schein bewahrt, sich Abneigung oder gar Hass nicht vermindern: "Symbolische sprachliche Gesten sollten nicht überbewertet werden, aber man sollte sie auch nicht unterschätzen. Das Wesentliche an den oft beschimpften, bei uns jedoch nur in Ansätzen vorhandenen politischen Korrektheit ist die bewusste Bestrebung, den anderen mit unserer Wortwahl möglichst nicht zu beleidigen. Ich bin dagegen, dass man eine zentrale Liste von richtigen und falschen Wörtern erstellt, wie dies beispielsweise bei japanischen Fernsehsendern praktiziert wird. In den meisten Fällen wissen wir ja ganz genau, welche Ausdrücke verletzend sind. Für mich ist 'PC' eine verständnisvolle Attitüde, eine sinnvolle Toleranz, ein innerlich erlebter, bewusster Sprachgebrauch."

Magazinrundschau vom 12.06.2012 - HVG

Die Siegerin der diesjährigen Staffel des ungarischen "Megasztár", Gigi Radics, entstammt einer armen Roma-Familie. Der Medienforscher Gábor Bernáth widerspricht dem verbreiteten Glauben, dass alle Roma in Ungarn eine Chance hätten, wenn sie sich nur bemühten: "Ist es nicht seltsam, dass Zigeuner in Ungarn es meistens mit Fähigkeiten zu etwas bringen, die nicht durch kostspielige Schulung oder gebührenpflichtige Bildung erlangt werden? Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass in Roma-Gemeinschaften weniger talentierte Politiker oder Juristen zur Welt kommen würden, nur haben sie geringere Chancen, dies zu verwirklichen. All das schmälert den Verdienst von Gigi Radics natürlich nicht im Geringsten. Sind wir uns aber im Klaren darüber, dass nicht jeder eine Stimme wie die Nachtigall haben kann?"
Stichwörter: Roma, Nachtigallen, Hvg, Zigeuner

Magazinrundschau vom 22.05.2012 - HVG

Abgesehen davon, dass die Kategorie "teilweise frei" den Publizisten László Seres an den Begriff "ein bisschen schwanger" erinnert, ist die kürzliche Herabstufung Ungarns durch die internationale NGO Freedom House um 13 Punkte in der Kategorie Pressefreiheit alles andere als überraschend - vor allem, weil die meisten Probleme der ungarischen Medien nicht neu, sondern Produkte des immer noch gegenwärtigen Kádár-Systems sind, meint Seres: "Eine Zensur - oder zumindest ein gewisses Hineinreden - seitens des Besitzers, der Behörde oder des Interviewpartners kommt seit der Wende immer wieder vor. Die Unparteilichkeit in den öffentlich-rechtlichen Medien wurde auch bisher nicht von unabhängigen Experten, sondern von Parteien 'garantiert'. Der servilere Teil der Journalisten neigte auch in der Vergangenheit zur Selbstzensur und zu unterwürfigen Fragen beim Interview. Die Radiofrequenzen wurden stets, wie es Freedom House formuliert, 'in politisch motivierten Genehmigungsprozessen' vergeben, also durch Hinterzimmer-Entscheidungen von (mindestens) zwei Parteien, jetzt eben von einer Partei. All das bedeutet nicht, dass die Regierungsnähe der Medienbehörde NMHH, die Verstaatlichung der öffentlich-rechtlichen Medien, die Verunglimpfung eines ehemaligen Staatssekretärs durch die Nachrichtenagentur MTI, der Fall Klubrádió, die Registrierung der Blogs, also die Unklarheit um die Kontrolle des Internets und viele andere Dinge nicht skandalös wären. Aber die ungarischen öffentlich-rechtlichen und privaten Medien sind nicht nur seit Beginn der Orbán-Regierung vor zwei Jahren, sondern seit der Wende nur teilweise frei. Die Lösung dieses Problems ist nicht einfach die Änderung des Mediengesetzes, sondern die Ausschaltung des in unseren Köpfen existierenden Kádár-Systems."

Magazinrundschau vom 24.04.2012 - HVG

Die Probleme der ungarischen Regierung von Ministerpräsident Viktor Orbán, die im Zuge der Plagiatsaffäre des Staatspräsidenten und Orbán-Getreuen Pál Schmitt an die Oberfläche getreten sind, bleiben auch nach dem Rücktritt Schmitts vorhanden, meint der Politologe Péter Krékó; diese Probleme sind vor allem: die Loyalität als oberste Priorität und der Hang zu Verschwörungstheorien: "Wenn die Regierungspartei Fidesz von der Annahme ausgeht, dass die Entfernung Schmitts aus dem Amt Teil eines umfassenden Feldzugs gegen die Regierung ist, der auf die Untergrabung der von ihr ausgebauten konstitutionellen Ordnung abzielt, wird dies auch die Findung eines neuen Staatspräsidenten bestimmen, bei dem Loyalität und Parteitreue erneut als wichtigste Auswahlkriterien gelten werden. Zudem wird dies Auswirkungen auf die künftige Regierungsarbeit haben und jede noch so leichte Hoffnung zerstreuen, dass die angekündigte 'Konsolidierung' tatsächlich einen Wechsel in Stil und Inhalt nach sich ziehen würde."

Magazinrundschau vom 13.03.2012 - HVG

Die EU erhöht den Druck auf Ungarn, die gemeinsamen demokratischen Werte aufrechtzuerhalten. Der Politologe Ervin Csizmadia erklärt dies mit dem Paradigmenwechsel innerhalb der EU, ihren "minimalistischen" Demokratie-Begriff aus den neunziger Jahren zu überdenken. Während sie damals von den postsozialistischen Ländern lediglich erwartete, dass sie die formalen Requisiten der Demokratie übernahmen, bestehe sie heute auch auf inhaltlicher Übernahme: "Europa will diesen Sichtwechsel bei seinem heutzutage streitbarsten Mitgliedsland Ungarn zur Geltung bringen. Diese Streitlust verstärkt nur mehr die Entschlossenheit der EU, Ungarn hinsichtlich der Qualität seiner Demokratie zur Rechenschaft zu ziehen. Das ist es, was sich hinter dem immer stärkeren Auftreten verbirgt, und nicht der Anspruch einer 'neuen Kolonisierung'. Der Westen will nicht noch einmal den Fehler von 1990 begehen und sich mit formalen Leistungen zu begnügen. Das ist eine radikale Veränderung, die für die ungarische Regierung offensichtlich überraschend und unerklärlich ist."
Stichwörter: Minimalistisch, Hvg

Magazinrundschau vom 13.12.2011 - HVG

Der Publizist Laszlo Seres sprach mit dem in Berlin lebenden ungarischen Schriftsteller György Dalos über die Situation in Ungarn und fragte ihn, ob die Intellektuellen des Landes zur Lösung der Probleme beitragen können. Heute, meint Dalos, "spielen die Intellektuellen eine geringe Rolle. Einerseits endete mit dem Kommunismus auch eine staatlich garantierte Kultur, so dass sie Handwerker wurden. Andererseits erlosch auch ihre geistige Auszeichnung, weshalb sie, sofern sie sich zur Politik äußern, dies nicht mehr von jener hervorgehobenen Position aus tun, wie in früheren Zeiten, sondern lediglich als Privatpersonen. Dass sich ein Schriftsteller zu Wort meldet, und die Regierung sich am nächsten Tag zu Beratungen darüber einfindet - diese Zeiten sind vorbei. Wir leben in einer Zeit, in der schwerwiegende finanzielle Entscheidungen getroffen werden, ohne vorher die Meinung von Finanzexperten einzuholen. Warum sollten sie dann ausgerechnet die Lyriker befragen?"
Stichwörter: Dalos, György, Hvg

Magazinrundschau vom 08.11.2011 - HVG

Etwas anders sieht dies der Publizist Laszlo Seres, der Vorschläge der Demonstranten für die längst überfälligen Strukturreformen vermisst hat: "Die tatsächlichen oder vermeintlichen wirtschaftlichen Opfer der Fidesz-Ära auf die Straße zu bringen, ist für eine linke Slogans verkündende, aber im Grunde anti- und apolitische Bewegung nicht besonders schwer. Diese Schichten interessieren sich nämlich, brutal ausgedrückt, nur für das Innenleben ihres Geldbeutels, nicht aber für die Demokratie. ? Wie kann es sein, dass im vergangenen Jahr gegen die Verstaatlichung der privaten Rentenkassen und gegen die Erpressung der Versicherten nur einige Hunderte demonstriert haben? Die Nachrichtenagentur Reuters irrt sich, wenn sie meint, die Menschen in Ungarn hätten sich am Wochenende für die 'marktwirtschaftliche Demokratie' eingesetzt. Dem ist nicht so. Was vielmehr geschah, war, dass die nicht gerade kapitalismusfreundliche Regierung eine nicht gerade kapitalismusfreundliche Opposition bekommen hat."

Magazinrundschau vom 06.09.2011 - HVG

In den Wäldern am Budapester Stadtrand nehmen die Kolonien von Obdachlosen zu - vor allem, seitdem die neue Führung in der Hauptstadt Ende 2010 damit begonnen hat, Obdachlose von den öffentlichen Plätzen zu verdrängen. Nach einem vierfachen Mord in einer solchen "nomadisierenden" Kolonie hatte die Polizei umfassende Razzien angekündigt. Sozialverbände warnten daraufhin vor einer Kriminalisierung der Obdachlosen. Aber schlechter als es bereits ist, kann es kaum noch werden, meint der Publizist Laszlo Seres, der den schärferen Kontrollen durchaus auch etwas Positives abgewinnen kann: "Nun wurde dieser Schritt allein von der Ungarischen Ökumenischen Hilfsorganisation begrüßt, da die polizeilich Kontrolle nach ihren Worten 'auch die Obdachlosenhilfe unterstützen' könne. Das ist nachvollziehbar, denn von den neuen Erkenntnissen können sowohl die Sozialarbeiter als auch ihre Klienten profitieren. Wenn also durch die neuen Razzien auch nur ein einziges Menschenleben gerettet oder gar aus dieser Twilight Zone rausgeholt werden kann, hat es sich schon gelohnt."
Stichwörter: Hvg

Magazinrundschau vom 30.08.2011 - HVG

Das Budapester Musikfestival Sziget (Insel) ist in den achtzehn Jahren seines Bestehens zu einer festen Größe in der europäischen Festivallandschaft geworden. Seit 2004 findet in der Ortschaft Veröce an der Donau 40 km nördlich von der ungarischen Hauptstadt das völkische Gegenstück des Festivals statt, Magyar Sziget (Ungarische Insel). Nun haben einige Teilnehmer der diesjährigen Veranstaltung Anfang August zum Mord an Roma, Juden und Andersdenkenden aufgerufen (u.a. vor dem Hintergrund des Massakers in Norwegen, mehr dazu bei Pester Lloyd und in der Sun). Wie kann man die Ausbreitung der Radikalen stoppen? Durch das Zusammenfinden zweier Traditionen, des kleinbürgerlichen Konventionalismus und des Antifaschismus, meint der Politologe Zsolt Enyedi. "Vielleicht werden es irgendwann auch die sich nach Autorität und konsolidierten Verhältnissen sehnenden Bürger in Ungarn verstehen, dass es ihre staatsbürgerliche Pflicht und in ihrem eigenen elementaren Interesse ist, nicht wegzuschauen, wenn Politiker oder Nachbarn sich zu Gesten hinreißen lassen, die die Menschenwürde anderer verletzt. Vielleicht werden sie irgendwann erkennen, dass Länder, in denen es sich besser leben lässt als bei uns, ihre friedlicheren Verhältnisse nicht nur Glück zu verdanken haben, sondern auch dem Umstand, dass sie jene schwierige Phase, in der die politischen Grundlagen des menschlichen Anstands geklärt wurden, bereits hinter sich haben - anders als wir."

Magazinrundschau vom 16.08.2011 - HVG

Der ungarische Ministerpräsident Victor Orban hat vor kurzem behauptet, der Westen liege im Sterben, weshalb Ungarn sein Glück andernorts, einem anderen Modell folgend suchen solle. Bela Weyer, Deutschland-Korrespondent der Wochenzeitung HVG, fürchtet, dass es eher anders herum sein könnte: "Es könnte beispielsweise nützlicher sein, jetzt, wo wir nach jahrhundertelanger Sehnsucht, dem Westen anzugehören, formal endlich dazugehören, auch den mentalen Aufschluss zu versuchen. Zum Beispiel hinsichtlich der Toleranz, der Berechenbarkeit der Gesellschaft oder der Lastenteilung - was in diesem Teil der Welt als selbstverständlich erscheint. Denn wenn der Westen im Sterben liegt, dann ist das aus der Nähe betrachtet ein ziemlich schöner Tod. Die Frage ist scheinbar, ob wir diesem Westen den Rücken kehren. Die eigentliche Frage ist aber, ob, wenn das alles so weiter geht, man nicht befürchten muss, dass der Westen uns den Rücken kehrt."
Stichwörter: Orban, Viktor, Hvg