Magazinrundschau - Archiv

HVG

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Magazinrundschau vom 16.04.2013 - HVG

Vor kurzem wurden die Ergebnisse des Zensus von 2011 in Ungarn veröffentlicht. Endre Babus fasst die Ergebnisse im Hinblick auf den expliziten Informationswunsch nach der religiösen Überzeugung sowie der ethnischen Zugehörigkeit zusammen. "Nach ungefähr je einem Jahrzehnt sozialliberaler bzw. christdemokratischer Regierungen kennzeichnet die ungarische Gesellschaft nach diesen Ergebnissen eine schnelle Verweltlichung", so Babus. Es werde auch deutlich, "dass ein immer größerer Anteil der Bevölkerung es nicht wirklich begrüßt, wenn der Staat sie nach ihrem Weltbild und ihrer religiösen Überzeugung fragt. In dieser Hinsicht sind insbesondere die Budapester Bürger ablehnend. Mehr als ein Drittel von ihnen (585.000) lehnte eine Antwort die Frage nach der Religionszugehörigkeit ab. Im Jahre 2001 waren unter den nichtreligiösen Befragten landesweit diejenigen in der Mehrheit, die ihr Atheismus oder (...) ihre Freigeistigkeit offen angaben." Die andere große Überraschung der Volksbefragung ist, dass zunehmend mehr Menschen ihre nationale und ethnische Zugehörigkeit preisgeben als dies zu Beginn des Jahrtausends der Fall war. Die Anzahl der "ungarischen Volkszugehörigen" ist von 9,4 Millionen im Jahre 2001 auf 8,3 Millionen gefallen. Die größte ethnische Minderheit sind die Roma, die von 190.000 auf 309.000 gestiegen sind, eine Steigerung von 63 Prozent, informiert Babus.

Allen Statistiken der Buchhändler zufolge verliert die Belletristik an Bedeutung, doch Autoren-Lesungen - immer öfter verbunden mit einem musikalischen Rahmenprogramm - erleben eine neue Blühtezeit und lassen Kultstätten entstehen, berichtet Gábor Murányi. Es scheint interessant zu sein wie der Autor seinen Text interpretiert, wie er zwischen seinen Sätzen, Reimen und Pointen balanciert wie er Fehler macht oder lacht. "'Das bedeutet allerdings nicht die eine zunehmende Verbreitung von Literatur, diese Zusammenkünfte, die familiäre Nähe ersetzt in nicht wenigen Fällen lediglich das Lesen. Von den mit Preisnachlässen angebotenen Bänden werden nicht wirklich viel verkauft', stellt wehmütig der Literat Ákos Szilágyi fest."

Vor 75 Jahren wurde der Entwurf des ersten Judengesetzes in das ungarische Parlament eingebracht. Andor Lázár, der damalige Justizminister, war der einzige Politiker, der daraufhin zurücktrat, erinnert László Lőrinc. "Sein Schritt ist auch aus dem Grunde überraschend, weil er seine Karriere als junger Anwalt am rechten politischen Rand begann."

Magazinrundschau vom 02.04.2013 - HVG

Über die unterschiedlichen Bewertungen von Graf János Esterházy (eines Onkels des Schriftstellers Péter Esterházy) in der Slowakei und in Ungarn geht es in diesem Artikel. János Esterházy war Vertreter der ungarischen Minderheit im Parlament der Tschechoslowakei und später, im Zweiten Weltkrieg, der Slowakei. Er setzte sich gegen die Deportation der slowakischen Juden und für einen Ausgleich zwischen Slowaken und der ungarischen Minderheit ein. In Ungarn wird er verehrt, in der Slowakei als Landesverräter eingestuft. Die Deportation der slowakischen Juden begann im März 1942, die Abstimmung darüber war aber erst im Mai, führt der Historiker Robert Merica im Gespräch mit András Schweizer aus, "so war das verabschiedete Gesetz lediglich die nachträgliche Bestätigung der Deportationen. Die Unterstützung war überwältigend, jedoch sah jeder, dass der ungarische Abgeordnete als einziger seine Hand nicht hob". Nach der heute gängigen slowakischen Bewertung "sah Esterházy den Sieg der Alliierten voraus und wollte lediglich Pluspunkte sammeln für die Zeit nach dem Krieg. Nach einer anderen Erklärung betrachtete er die Interessen der ungarischen Minderheit: denn wenn über die Aussiedlung der Juden auf ethnischer Grundlage entschieden werden konnte, so hätte ein ähnlicher Schritt auch die ungarische Minderheit bedrohen können. In den meisten slowakischen Berichten werden all die Taten, die eine positive Bewertung Esterházys erlaubten, umgedreht, sie werden degradiert."

In einem ausführlichen Interview befragt Eva Marton, den jungen Regisseur und Schauspieler Csaba Polgár (u.a. Shakespeares "Coriolanus" beim Festival "Radikal Jung" 2012 in München) über seine neue Inszenierung "Merlin oder Gott, Heimat, Familie" angelehnt an Tankred Dorsts Stück "Merlin oder Das wüste Land". In dem Stück geht es auch um den Kampf zwischen Vätern und Söhnen, um Vergebung für die Taten der Väter bzw. ihre Verurteilung. "Den zwei Generationen, die seit dem Systemwechsel erwachsen geworden sind, steht heute eine Gesellschaft gegenüber, die auf den Schultern unsere Väter trägt, auf deren Schultern wiederum die Großväter sitzen. Wir tragen einen Turm mit uns herum. Wir sind voll von unausgesprochener, verdrängter Vergangenheit - wie die Stasiakten. Warum aber soll ich mich mit diesen Taten befassen? Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit wird stets von der jüngeren Generation erwartet. Auch das Dorst-Stück handelt davon, dass die Jüngeren nicht ernst genommen werden, so kann eine Veränderung nur durch Gewalt erfolgen, durch die Abschlachtung der Väter. Es sind unangenehme Fragen."

Magazinrundschau vom 09.04.2013 - HVG

Endre Babus berichtet über das Vorhaben, eine Synagoge im Süden Budapests aufzubauen. Nachdem von den 960 in die Konzentrationslager deportierten Gemeindemitgliedern nach 1945 kaum 60 Personen zurückkehrten, ist Ende der 1960ern Jahre das jüdische Gemeindeleben offiziell eingestellt worden. Die alte Synagoge wurde im Rahmen der Errichtung einer Plattenbausiedlung abgerissen. Im Jahre 2002 wurde die Gemeinde neu gegründet und "innerhalb von einem Jahrzehnt wurde der zur Verfügung stehende Raum zu eng. Höchstens 48 Personen könnten am gemeinsamen Tisch Platz nehmen, obwohl an größeren Feiertagen über hundert Personen zusammenkommen. In die Gemeinde gehen einige Holocaust-Überlebende, teilweise auch junge Menschen, teilweise jene Ältere, die sich im erwachsenen Alter ihrer jüdischen Identität bewusst wurden und diese auch ausleben möchten", sagt der Vorsitzender András Kerényi, der selbst zu der letztgenannte Gruppe gehört. Das Vorhaben wurde ernsthaft beraten, nachdem ein verstorbenes Gemeindemitglied eine bedeutende Summe der Gemeinde vererbte. Kerényi bat daraufhin die Bezirksverwaltung die Pläne durch das Überlassen eines Grundstücks zu unterstützen. Dieses wurde nun der Gemeinde für zwanzig Jahre unentgeltlich zugesagt.

Magazinrundschau vom 25.03.2013 - HVG

"Warum brauchen wir Studiengebühren", fragt Gábor Bojár und liefert mögliche Antworten gleich mit: Die meisten Studierenden würden Studiengebühren nicht nur akzeptieren, sie würden diese sogar unterstützen, glaubt Bojár, wenn ein Stipendiatensystem hinzukäme, das die Studienleistungen mitberücksichtigt. Studiengebühren sind nach seinen Ausführungen wichtig, damit "Bildung" einen messbaren Marktwert erhält, was wiederum nur Sinn mache, wenn es "Kunden" gibt, die diesen Marktwert auch zu entrichten bereit sind. Dies könnte die internationale Wettbewerbsfähigkeit der ungarischen Universitäten steigern, wenn diese Institutionen nur bereit wären, sich diesem Wettbewerb zu stellen: "Denn die ungarische Hochschulbildung kann sich mit den besten ausländischen Institutionen messen (wie zahlreiche Beispiele belegen), hierzu brauchen die hervorragenden heimischen Universitäten objektive Bemessungsgrundlagen und die Möglichkeit, die Früchte des Wettbewerbs auch selbst ernten zu können."

Magazinrundschau vom 15.01.2013 - HVG

Ende 2012 hatte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGM) in Straßburg mehrere Beschlüsse gefasst, von denen auch Ungarn betroffen war. Mehr als symbolische Urteile kann er allerdings nicht fällen. Da ist es kein Wunder, dass sich kürzlich ein ungarischer Staatsanwalt die Bemerkung erlaubte, die Urteile des EGM taugten lediglich dazu, sie unter einen wackeligen Stuhl zu schieben. Der Rechtsanwalt Gergely Fahidi erinnert daran, dass der Straßburger Gerichtshof dann doch mehr ist, nämlich das lebendige Gewissen Europas, ein Spiegel, in den jedes betroffene Land ab und zu beschämt hineinschauen müsse: "Aus den Urteilen von Strasbourg versteht jeder das und so viel, was und wie viel er will. Auch die zugesprochenen Schadenersatzansprüche in Höhe von einigen zehntausend Euro wird der ansonsten labile Staatshaushalt Ungarns noch verkraften können. Wenn aber die jeweilige Macht auch nur für einen Augenblick ernsthaft daran glaubt, dass es eine europäische Zivilisation gibt, der anzugehören einen Wert an sich darstellt, dann sollte sie nicht den Spiegel unter das Bein des wackeligen Stuhls schieben."

Magazinrundschau vom 08.01.2013 - HVG

Auf der letzten Seite der Wochenzeitung HVG wird stets eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens porträtiert - aus aktuellem Anlass und vorwiegend aus privater Sicht. In der letzten Ausgabe im Jahr 2012 war nun der Schriftsteller Péter Esterházy dran. János Dobszay und Zoltán Kelemen stellten ihm die zugegebenermaßen absurde Frage, ob er, würde er seine Schreibfähigkeit verlieren, auch aufhören würde zu existieren: "Ich könnte mir mein Leben auch ohne das Schreiben vorstellen, daran habe ich mich nicht so sehr festgebissen. Wenn ich aber keine Beziehung zur Sprache hätte, diese starke, muttersprachliche Beziehung, mit jener Intensität, Ausgeliefertheit und Freude, die mich mit der ungarischen Sprache verbindet, dann weiß ich nicht, was mir bleiben würde. Ich habe auch ein deutsches Sprachgefühl, allerdings sitzt dieses ein wenig schief, es ist kühler, rationaler und hat nichts, worauf es sich stützen könnte. Jene heiße Beziehung, die mich mit dem Ungarischen verbindet, ist wichtiger Bestandteil meines Lebens geworden. Ohne sie wäre ich blind. Und nichts als eine Stilblüte."

Magazinrundschau vom 18.12.2012 - HVG

Völlig absurd findet der Publizist László Seres die Idee, die ungarische Jobbik-Partei zu verbieten - so wie es von einigen Stimmen mit Hinweis auf die deutsche Diskussion über die NPD gefordert wird: "Die Neonazipartei sitzt seit zwei Jahren im Parlament, ihre Legitimation hat sie von den Wählern erhalten. Würde man sie nun auf administrativem Wege abschaffen, wäre dies nicht eine Botschaft der aufgeklärten, antirassistischen Führer des Landes an die Gesellschaft, diese Schande nicht weiter auf sich sitzen zu lassen; die Botschaft würde vielmehr lauten, dass wir... dieser Erscheinung nun vollkommen hilflos gegenüberstehen, dass wir nichts gegen sie vermögen und dies auch von der Gesellschaft nicht erwarten. Und so hissen wir die weiße Flagge und unterschreiben die völlige Kapitulation."
Stichwörter: Hvg, Kapitulation

Magazinrundschau vom 11.12.2012 - HVG

Mohammed Haschim ist Direktor des Dar Merit Verlages in Kairo, der auch Werke von liberalen oppositionellen Intellektuellen herausgibt. Sándor Jászberényi fragt ihn, ob auch die Buchverlage vom jüngsten Verfassungsdekret des von der Muslimbruderschaft nominierten ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi betroffen sind: "Die Muslimbrüder waren bislang mit dem Auf- und Durchsetzen einer neuen Verfassung beschäftigt. Wenn es ihnen aber gelänge, eine Verfassung nach dem eigenen Geschmack zu schaffen, dann würden sie beginnen, frei Denkende zu schikanieren und einzusperren. Zur Zensur von Büchern stehen ihnen zunächst noch keine Mittel zur Verfügung, da der Zensurbehörde diese Kompetenz noch zu Mubarak-Zeiten entzogen wurde. Sie können also keinen Einfluss darauf nehmen, was wir herausgeben. Nichtsdestotrotz wissen wir sehr wohl, was die jeweilige Macht von einem bestimmten Autor hält, auch wenn die meisten Angriffe und Schikanen von Privatpersonen ausgehen, die uns der Hetze gegen die Gemeinschaft oder der Gotteslästerung beschuldigen. Anders steht es um die gedruckte Presse oder die Filme, hier ist eine staatliche Zensur beziehungsweise die Hand der Bruderschaft bereits zu spüren. Sie ertragen keine Form der Kritik. [...] Die 'Verbruderschaftung' der staatlichen Medien ist bereits vollzogen worden, Chefredakteure und Publizisten haben ihren Job verloren oder gekündigt, weil sie nicht mehr schreiben können, was sie denken. Nimmt man diese Vorgänge als Grundlage, kann man sich leicht ausmalen, was in Ägypten geschehen wird, sobald es ihnen gelingt, die neue Verfassung durchzuboxen. Eine theokratische Zensur kann die Folge sein, in der jeder, der etwas anderes denkt, zum Verstummen gebracht wird."

Magazinrundschau vom 13.11.2012 - HVG

Kürzlich wurde in Ungarn die Eidesformel für ungarische Rechtsanwälte um eine Passage ergänzt, die vom Rechtsanwalt verlangt, seine Tätigkeit "zum Wohle der Nation" auszuüben. Ernö Kardos fragte den Vorsitzenden der ungarischen Rechtsanwaltskammer, János Bánáti, ob dadurch die Autonomie des Rechtsanwalts, der ja in erster Linie die Interessen seines Mandanten zu vertreten hat, infrage gestellt sei. "Jede Arbeit, ob intellektuell oder physisch, dient indirekt den Interessen der Nation. Würde man aber die Eidesformel wortwörtlich interpretieren, könnte ich leicht des Antipatriotismus bezichtigt werden: Wenn beispielsweise das Finanzamt ein ausländisches Unternehmen mit einer Steuer in Millionenhöhe belegt und ich als Vertreter dieses Unternehmens ein internationales Gericht anrufe, dann würde ich mit den Interessen der ungarischen Gesellschaft und der Regierung in Konflikt geraten. In solch einer Situation könnte man die Gesellschaft sehr leicht gegen die Rechtsanwälte aufwiegeln."
Stichwörter: Hvg

Magazinrundschau vom 23.10.2012 - HVG

Ob eine gesetzlich verbindliche Frauenquote eingeführt werden soll, wird in den europäischen Ländern unterschiedlich bewertet. Ihre Gegner befürchten vor allem, dass sie zu einem dysfunktionalen System führen könnte, in dem nicht die Fähigkeiten, sondern das Geschlecht des Bewerbers entscheidet. Die ungarische Soziologin Beáta Nagy plädiert dennoch für die Quote: "Trotzdem benötigen wir eine Quote, weil ohne sie das Wissen und Talent der Frauen kontinuierlich vergeudet wird. Ein von Männern geführtes System, in dem die Frauen in den Hintergrund gedrängt werden und somit weder die Gleichberechtigung noch die Anerkennung der Leistungen zur Geltung kommt, ist unwürdig. Währenddessen gibt es unter den hochqualifizierten potenziellen Anwärtern auf einen Posten viel mehr Frauen als Männer. So ist neben dem Ideal der Leistungsorientierung die Effizienz der andere zentrale Aspekt: Man muss auch jenes Wissen und jene Annäherungsweise nutzen, über die die Frauen verfügen - wird die Gesellschaft allein von Männern geführt, bleibt das Wissen, die Erfahrungen und Sichtweisen einer Hälfte dieser Gesellschaft außen vor."