
Über die unterschiedlichen Bewertungen von Graf
János Esterházy (eines Onkels des Schriftstellers Péter Esterházy) in der Slowakei und in Ungarn geht es in
diesem Artikel. János Esterházy war Vertreter der ungarischen Minderheit im Parlament der Tschechoslowakei und später, im Zweiten Weltkrieg, der Slowakei. Er setzte sich gegen die Deportation der
slowakischen Juden und für einen Ausgleich zwischen Slowaken und der ungarischen Minderheit ein. In Ungarn wird er verehrt, in der Slowakei als Landesverräter eingestuft. Die Deportation der slowakischen Juden begann im März 1942, die Abstimmung darüber war aber erst im Mai, führt der Historiker
Robert Merica im Gespräch mit András Schweizer aus, "so war das verabschiedete Gesetz lediglich die nachträgliche Bestätigung der Deportationen. Die Unterstützung war überwältigend, jedoch sah jeder, dass der ungarische Abgeordnete
als einziger seine Hand nicht hob". Nach der heute gängigen slowakischen Bewertung "sah Esterházy den Sieg der Alliierten voraus und wollte lediglich
Pluspunkte sammeln für die Zeit nach dem Krieg. Nach einer anderen Erklärung betrachtete er die Interessen der ungarischen Minderheit: denn wenn über die Aussiedlung der Juden auf ethnischer Grundlage entschieden werden konnte, so hätte ein ähnlicher Schritt auch die ungarische Minderheit bedrohen können. In den meisten slowakischen Berichten werden all die Taten, die eine
positive Bewertung Esterházys erlaubten, umgedreht, sie werden degradiert."
In einem ausführlichen
Interview befragt Eva Marton, den jungen Regisseur und Schauspieler
Csaba Polgár (u.a. Shakespeares "Coriolanus" beim Festival "Radikal Jung" 2012 in München) über seine neue Inszenierung "Merlin oder Gott, Heimat, Familie" angelehnt an Tankred Dorsts Stück "Merlin oder Das wüste Land". In dem Stück geht es auch um den Kampf zwischen
Vätern und Söhnen, um Vergebung für die Taten der Väter bzw. ihre Verurteilung. "Den zwei Generationen, die seit dem Systemwechsel erwachsen geworden sind, steht heute eine Gesellschaft gegenüber, die auf den Schultern unsere Väter trägt, auf deren Schultern wiederum die Großväter sitzen. Wir tragen einen Turm mit uns herum. Wir sind voll von unausgesprochener,
verdrängter Vergangenheit - wie die
Stasiakten. Warum aber soll ich mich mit diesen Taten befassen? Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit wird stets von der jüngeren Generation erwartet. Auch das Dorst-Stück handelt davon, dass die Jüngeren nicht ernst genommen werden, so kann eine Veränderung nur durch Gewalt erfolgen, durch die
Abschlachtung der Väter. Es sind unangenehme Fragen."