Magazinrundschau - Archiv

La regle du jeu

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Magazinrundschau vom 09.08.2011 - La regle du jeu

In einem Interview, das er ursprünglich mit Le Parisien führte, erklärt Bernard-Henri Levy, weshalb der Bürgerkrieg in Libyen das Gegenteil vom Krieg im Irak sei. "Gaddafi wird stürzen. Die Welt wird an diesem Tag einen ihrer schlimmsten Tyrannen los sein. Und Frankreich wird am Ursprung dieses Sturzes gestanden haben, dieses, wenn man es so nennen kann, Gegenstücks zum Krieg im Irak. Ich sehe hier ausschließlich Gründe zur Freude. Ich spreche vom Gegenstück, weil es diesmal keine Bodentruppen gibt. Dafür internationale Rechtmäßigkeit sowie ein Mandat der arabischen Liga. Und schließlich die Existenz eines Nationalen Übergangsrates (CNT), also einer alternativen legitimen Instanz, die im Irak fehlte."

Magazinrundschau vom 08.03.2011 - La regle du jeu

Der französische Theaterregisseur Jean-Louis Martinelli hat in Teheran, wo er eine Meisterklasse gab, Jafar Panahi getroffen. Der iranische Regisseur wartet nach seine Verurteilung zu sechs Jahren Gefängnis im Dezember letzten Jahres auf den Fortgang der Ereignisse: "Ich lebe in der schlimmsten aller Situationen. Jeden Moment kann man kommen und mich ins Gefängnis werfen. Ich weigere mich, mit Freunden zu telefonieren, aus Angst, sie zu gefährden und bitte sie aus demselben Grund, nicht von mir zu sprechen. Gewiss, ich könnte ins Ausland reisen. Übrigens wird das durch meinen jetzigen Hauarrest wohl bezweckt. Ich bin sicher, das sie die Augen abwenden würden, wenn ich abreisen würde. Aber ich werde es nicht tun." Auf die Frage Martinellis, ob man ihm schadet, wenn man mit ihm spricht, sagt er: "Sprechen Sie, schreiben Sie, so wie Sie können und wollen. Nur so kann ich überleben. Schweigen ist der Tod."
Stichwörter: Panahi, Jafar

Magazinrundschau vom 21.02.2011 - La regle du jeu

Der französisch-tunesische Schriftsteller und Philosoph Mehdi Belhaj Kacem interpretiert den Aufstand in Tunesien als "erste situationistische Revolution" in der Geschichte. "Es handelt sich um eine Revolution, die in der Tradition der Situationisten oder Rancieres steht, nämlich eine Revolution, die direkt vom Volk ausgeht. Bei der leninistischen oder maoistischen 'Revolution' dagegen stellt sich eine Armee an die Spitze und übernimmt die Macht und ersetzt eine Diktatur durch eine andere, ohne den Umweg über 'Demokratie' zu nehmen. Und wie fast immer ist es der gute alte Hegel, der sich die Hände reibt: 'Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit'. Tunesien wird sich unauslöschlich in diese Geschichte einschreiben." Ein zweiter "situationistischer" Aspekt sei die Rolle der neuen Medien: "Wenn die offiziellen Medien eine Lüge erzählten, dauerte es eine halbe Stunde, bis sie von der Zivilgesellschaft Internet widerlegt wurde ... Kurz: Erstmals in der Geschichte sind es die Medien wie Fernsehen, Radio oder Druckpresse, die einem neuen Informationstyp nachrennen, der populär und demokratisch ist."
Stichwörter: Tunesien

Magazinrundschau vom 15.02.2011 - La regle du jeu

Der kanadisch-iranische Informatiker Saeed Malekpour sitzt seit Oktober 2008 wegen angeblicher Erstellung und Verbreitung einer pornografischen Website im Iran in Haft, im Dezember 2010 wurde er deshalb zum Tode verurteilt. In einem ebenso ausführlichen wie erschütternden Brief schildert er seine Haftbedingungen und die Foltermethoden, mit denen man ihn zu - falschen - Geständnissen zwang. "Die körperlichen Folterungen waren nichts verglichen mit den psychischen Qualen. Ich musste lange Zeit in Einzelhaft verbringen (insgesamt mehr als ein Jahr), ohne jegliches Telefonat oder die Möglichkeit, meine Verwandten zu sehen; verbunden war das mit ständigen Drohungen, meine Frau und meine Familie zu verhaften und zu foltern, sollte ich nicht kooperieren ... In der Einzelhaft hatte ich keinerlei Zugang zu Büchern oder Zeitungen und manchmal habe ich tagelang mit keinem Menschen gesprochen." (Mehr über Saeed Malekpour hier und hier)
Stichwörter: Folter

Magazinrundschau vom 21.12.2010 - La regle du jeu

Wikileaks ist nicht demokratisch, sondern diktatorisch, behauptet der Schriftsteller Yann Moix. Demokratie habe nicht das Geringste mit Transparenz zu tun. Vielmehr sei "Transparenz eine totalitäre Obsession. Sie ist das Paradies, der Horizont von faschistischen Regimes und Diktaturen ... Wikileaks bricht den Gesellschaftsvertrag Rousseaus und der Aufklärung. Es ist antidemokratisch, weil plötzlich ein Mensch, eine Organisation, eine Menschen-Organisation beschließt, nicht mehr mitzuspielen, aus der Formation auszuscheren. Ohne die Ermächtigung (oder die Legitimität) derjenigen zu besitzen, die uns regieren, im Wesentlichen aber repräsentieren, stellt es sich mit ihnen auf eine Ebene und auf gleiche Höhe. Damit beleidigt Wikileaks nicht die Staaten, sondern die Menschen, die diese Staaten repräsentieren. Wir sind es, die beleidigt werden - in unserer Demokratie, in unserer Freiheit, in unserer Einwilligung."

Magazinrundschau vom 14.12.2010 - La regle du jeu

Auch Frankreich hat seine Buchverbotsstreits: Der Schriftsteller Regis Jauffret hat im März den Roman "Severe" (auf Deutsch: "Streng") veröffentlicht, in dem er Motive des spektakulären Mords an dem französischen, 2005 von seiner Geliebten erschossenen Bankier Edouard Stern [mehr hier] verarbeitet. Jetzt klagt dessen Familie auf ein Verbot des Buchs, was wiederum SchriftstellerkollegInnen - darunter Frederic Beigbeder, Michel Houellebecq und Jonathan Littell - zu einem Verteidigungsaufruf veranlasste. Darin heißt es unter anderem: "Seit dem Mord sind viele vorgeblich dokumentarische, für das Opfer häufig beleidigende Artikel und Bücher erschienen, die nie eine Klage nach sich zogen. Das zweifelhafte Privileg eines solchen Angriffs und des Rufs nach einem Verbot blieb seltsamerweise einem fiktiven Werk vorbehalten ... Mit dieser Verbotsforderung macht man das Verbrechen nicht ungeschehen, sondern begeht ein weiteres - am Geist."

Die Kritik reagierte zwiespältig auf den Roman. Aber Minh Tran Huy erinnerte im Magazine litteraire schon im März daran, dass Jauffret große Vorbilder hat: "'Severe' stellt sich viel weniger in die von dem fait divers um Stern vorgegebene Linie als in eine Tradtion von Schriftstellern, die alle von tatsächlichen Mordgeschichten ausgegangen sind - von Flaubert und Stendhal bis hin zu Truman Capote und Emmanuel Carrere."

Magazinrundschau vom 03.08.2010 - La regle du jeu

Laurent David Samama greift eine Meldung des Radio Free Asia über die nordkoreanische Fußballnationalmannschaft auf. "Obwohl sie sich trotz dreier Niederlagen bei der Weltmeisterschaft keineswegs blamiert hat, ist sie gleich nach ihrer Rückkehr nach Pjöngjang einberufen worden, um einen offiziellen Tadel entgegen zu nehmen. Nach chinesischen Quellen soll sich die Szene in einem großen Saal des Kulturpalastes zugetragen haben, wo eine 'große Debatte' anberaumt wurde. Auf einer Tribüne stehend, unter den missbilligenden Blicken der 400 Anwesenden, musste die Mannschaft sich der Kritik der Offiziellen, Kommentatoren und Studenten stellen. Nach sechs Stunden staatlicher Zurechtweisung war der Urteilsspruch gnadenlos: Die Mannschaft hat im ideologischen Kampf versagt."
Stichwörter: Pjöngjang

Magazinrundschau vom 27.07.2010 - La regle du jeu

Predrag Matvejevitch, einer der bekanntesten Intellektuellen Kroatiens, muss übermorgen vielleicht ins Gefängnis. Er hatte einen ultranationalistischen kroatischen Lyriker als "katholischen Taliban" bezeichnet und wurde von diesem auf Beleidigung verklagt - ein Tatbestand, auf den in Kroatien Gefängnis steht. Bernard-Henri Levys Blog La regle du jeu hat einen Haufen superprominenter Autoren wie Umberto Eco, Claudio Magris und Salman Rushdie um sich geschart, um dagegen zu protestieren. Maria de Franca erzählt, was vorgefallen ist: "Matvejevitch betrachtet diese Strafe als ungerecht und eines Rechtsstaates für unwürdig. Er plädiert für die Freiheit des Wortes und lehnt sich auf gegen das, was er eine 'strafbare Metapher' nennt. Darum legt er nicht Berufung ein. Der Premierminister sieht die steigende Indignation im Ausland und hat sich gegen die Strafe ausgesprochen... Ist es akzeptabel, dass ein Land, das so kurz vor der Aufnahme in die EU steht, jemanden wie einen Kriminellen behandelt, nur weil er öffentlich gegen einen ultranationalistischen Poeten Stellung bezogen hat?" Auch Matvejevitchs Text, der ihm die Klage eingebracht hat ist auf RDJ übersetzt.

Der iranisch-französische Journalist Armin Arefi kommentiert Berichte der Los Angeles Times (hier) über die anhaltend florierenden Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und dem Iran. Trotz jüngst beschlossener Boykottmaßnahmen soll der wirtschaftliche Austausch zwischen den Ländern noch gewachsen sein. Die Times zitiert einen Sprecher der deutsch-iranischen Handelskammer, der die Beziehungen als traditionell und "gewachsen" verteidigt. "Diese 'traditionelle' und 'nachhaltige' Beziehung ist um so problemantischer, wenn man die Rolle Deutschland im Zweiten Weltkrieg und antiisraelischen und negationistischen Diatrieben des iranischen Präisdenten Achmadinedschad bedenkt."

Magazinrundschau vom 06.07.2010 - La regle du jeu

Stefano Montefiori schildert ein Treffen mit dem Schriftsteller und Journalisten Roberto Saviano, das strengstens bewacht in einem kleinen Restaurant stattfand. Der seit seinem Mafia-Buch "Gomorra" über ihm schwebende Todesfluch, schreibt Montefiori, beeinflusse selbst seine zahllosen Bewunderer. Saviano meint dazu: "Manchmal wird mir bewusst, dass um mich herum eine bizarre Atmosphäre herrscht, eine Art vorauseilender Trauer. Ich sehe in den Augen der anderen eine vorweggenommene Rührung, als hätten meine Äußerungen schon einen gewissen Wert, aber einen geringeren, als sie morgen haben werden, wenn man mich - endlich - ermordet hat."
Stichwörter: Mafia, Saviano, Roberto

Magazinrundschau vom 16.02.2010 - La regle du jeu

Vor dem Hintergrund des Prozesses gegen den früheren Leiter eines Folterlagers der Roten Khmer, Kaing Guek Eav, der als Genosse Duch bekannt war, unterhält sich Gilles Hertzog mit dem katholischen Priester Francois Ponchaud, der zu den ersten gehörte, die den Genozid in Kambodscha aufdeckten. Die Chancen einer echten Aufarbeitung sieht er dabei eher ambivalent, weil nach seinen Erfahrungen und nach Einschätzung der Ethno-Psychologie viele Kambodschaner davon überzeugt sind, dass das Böse als solches nicht existiert und sie das, was sie erlitten haben, mit Karma erklären. Allerdings sieht er auch die Traumatisierungen: "Die derzeitige Gewalt in den Familien basiert teilweise auf der Gewaltherrschaft der Roten Khmer. Alle, die damals Kinder waren und heute Familie haben, sind gewalttätig, Männer wie Frauen. Da sie nicht von ihren Eltern aufgezogen wurden, von denen man sie getrennt hatte, wiederholen sie das Gewaltmuster, das sie kennen. Die Zeitungen wimmeln nur so von grauenerregenden Meldungen. So kommt es häufig vor, dass ein Mann seine Frau mit Säure überschüttet. Aber diese unterschwellige Gewalt hat auch weit zurückliegende Wurzeln. Angkor ist das Werk zahlloser Sklaven, Kriegsgefangene aus den Gebieten des früheren Siam und Laos."

Ergänzend ist ein Essay von Gilles Hertzog über den Prozess und die Roten Khmer dreißig Jahre danach zu lesen.

Und Bernard-Henri Levy äußert sich sehr elegant zu der schadenfroh kommentierten Blamage, in seinem neuen Buch "De la guerre en philosophie" in einer Abrechnung mit Kant die Arbeit des fiktiven Philosophen Jean-Baptiste Botul, Erfindung eines Journalisten des satirischen Magazins Canard enchaine, zitiert zu haben: "Ein wirklich brillanter und äußerst glaubwürdiger Scherz ... Chapeau zu diesem erfundenen Kant."