Magazinrundschau - Archiv

Magyar Narancs

289 Presseschau-Absätze - Seite 5 von 29

Magazinrundschau vom 22.09.2020 - Magyar Narancs

Anlässlich des Beethoven-Jahres spricht der Pianist András Schiff im Interview mit Judit Rácz u.a. über die entschwundene Klangvielfalt: "Wir verzerren die Stücke zwar nicht, doch dadurch, dass heutzutage jeder auf einem Steinway spielt, wird das Klangbild verengt. Die Menschen haben die Freude an der Vielfältigkeit verloren. In den Zeiten von Beethoven gab es allein in Wien um die einhundert Klavierbauer, was zu sehr vielfältigen Klavierklängen führte. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde viel auf Bösendorfer, Bechstein und Pleyel gespielt, doch nach dem Kriege erlangte Steinway fast eine Monopolstellung. (...) (Der Steinway) kann fast alles, aber es fällt ihm zum Beispiel in der Kammermusik schwer, sich unter die anderen Instrumenten oder die Gesangstimme zu mischen. (...) Ich habe vor kurzem Chopin auf einem Pleyel-Piano gespielt, auf dem Chopin komponierte. Auf dem ist Chopin ein ganz anderer Komponist als auf einem Steinway. Der Steinway ist ein Elefant. Wären doch die Pianisten ein bisschen neugieriger und würden sie doch auf alten Klavieren spielen, damit sie erfahren, wie die Stücke damals geklungen haben mögen, dann würden sie auch auf dem Steinway anders spielen."

Magazinrundschau vom 29.09.2020 - Magyar Narancs

Dóra Péczely ist Redakteurin beim Verlag Pagony, mit einer Reihe von Büchern, die insbesondere Jugendliche über 12 Jahren anspricht (Tilos az Á Bücher). Im Gespräch mit Dorka Czenkli erklärt sie, was ihrer Meinung nach das Ziel des Literaturunterrichts in der Schule sein sollte: "Es ist richtig, dass wir die literarischen Traditionen weitertragen sollen und es ist ebenfalls wichtig, das Textverstehen weiterzuentwickeln sowie die Herausbildung des ästhetischen Gechmacks und die tieferen Kenntnisse der Sprache zu fördern. Doch das Wichtigste wäre vielleicht doch, dass die Kinder zu lesenden Menschen heranwachsen. Dass die Literatur, das Theater als Quelle der Freude in ihrem Leben präsent sind. Ich denke überhaupt nicht, dass wir die Texte der Klassiker weglassen müssen, aber ich denke wohl, dass alles im geeigneten Alter gelesen werden soll. Mit etwa 16 Jahren kommt die Zeit, in der sich herausstellt, ob sich jemand für Literatur interessiert oder eben weniger. Das Ziel wäre, dass derjenige, der zur letzteren Gruppe gehört trotzdem gerne lesen soll, und derjenige der in die erste Gruppe gehört, auch die Geheimnisse der Werke von Péter Estehrázy, Virginia Woolf oder Karl Ove Knausgård etnschlüssel kann."

Magazinrundschau vom 18.08.2020 - Magyar Narancs

In Magyar Narancs sprechen mehrere Literaturschaffende, so auch der Libri-Literaturpreisträger von 2020, der im siebenbürgischen Szatmárnémeti (Satu Mare / Sathmar) geborene Schriftsteller Zsolt Láng, über die Beziehung von Mathematik und Literatur, auch in seinem letzten Roman über den Mathematiker Wolfgang Bolyai. "Die Beziehung zwischen Musik und Mathematik ist wesentlich eindeutiger als die zwischen Mathematik und Literatur. Denn Tonreihen können durch Zahlenverhältnisse niedergeschrieben werden, dafür gibt es Formeln. Die Literatur hat aber keine ausgearbeitete Mathematik, obwohl es Versuche gab, angefangen mit den antiken Griechen über Goethe bis Solomon Marcus. Die Beziehung betrifft am meisten die Sprache: wie soll ich das Zeichensystem erschaffen, mit dessen Hilfe ich etwas so eindeutig wie möglich formulieren kann. Es lohnt sich ebenfalls daran zu denken, dass auch die Mathematik - von dem Endlichen ausgehend - das Unendliche untersucht. Aus dem Konkreten das Allgemeine. (...) Die Kapitel können durch Primzahlen gekennzeichnet werden, denn die Erzählung ist lückenhaft, aus den linearen Ereignissen fallen dieses und jenes heraus, manchmal viele Jahre. Andererseits ist die Positionierung der Primzahlen in der Reihe der natürlichen Zahlen als eine Art DNA-Spirale, als Haltesäulen der Welt vorstellbar. (...) Auf der Ebene der Narrative ist dies ein Zeichen, dass Ereignisse nicht in und an sich passieren, sondern in weiten gegenseitigen Wirkungen."

Magazinrundschau vom 15.09.2020 - Magyar Narancs

Im Interview mit Dénes Krusovszky spricht der Schriftsteller György Spiró u.a. über die Möglichkeit von öffentlichen Debatten in Ungarn, sowie über die Aufgaben moderner Nationalstaaten. "Damit es Qualitätsdebatten gibt, bedarf es verbreiteter Zeitschriften, populärer Blätter, Veröffentlichungen und anerkannter Institutionen; das Großteil von diesen wurde aber aufgelöst, zugesperrt oder von anderen Organen einverleibt. Das geistige Leben braucht eine Infrastruktur, doch es blieben nur vereinzelte geistige Werkstätte übrig. Die Grundlage der Infrastruktur ist, dass die Schulpflicht ausgebaut und entwickelt wird, hier wird sie aber abgebaut. Wenn den Schülern die Lust zum Lesen frühzeitig genommen wird, gibt es nichts und niemanden, der über etwas debattieren könnte. Ein Gedankenaustausch findet nur noch in den durch die Älteren etablierten kleinen Informationsblasen statt, während die überwiegende Mehrheit der Staatsbürger keinen Zugang zu Qualitätsinformationen hat und nicht einmal weiß, was sie lesen sollte.(...) Das moderne nationalstaatliche Dasein ist mit Pflichten verbunden: die Wahrnehmung von Aufgaben im Bereich Soziales, Gesundheitswesen, Bildung und Kultur. Wenn der Staat diese Grundaufgaben an Stiftungen oder Kirchen outsourct, untergräbt er damit selbst den laizistisch-weltlichen Staat. Es wird zerstört, was seit dem 19. Jahrhundert durch zahlreiche Generationen mühsam aufgebaut wurde. Die Kulturen der kleinen Nationen müssen durch den Staat erhalten werden, denn wenn sie privatisiert werden, werden sie zugrunde gehen."

Magazinrundschau vom 28.07.2020 - Magyar Narancs

Die stellvertretende Rektorin der Budapester Universität für Film- und Schauspielkunst Eszter Novák spricht im Interview mit Szilvia Artner über die möglichen Auswirkungen der staatlich verordneten Umwandlung der Universität unter einem von der Regierung bestimmten Kuratorium. "Wir übergaben unsere Vorschläge und werden sehen, was passiert, ob sie mit uns sondieren. Laut der Regierung soll kein Ministerium mehr als als Betreiber der Universität fungieren, sondern ein professionelles Gremium, welches das Wachstum der unterschiedlichen Zweige vor Augen hat. Die Vorstellung ist in der optimistischen Variante großartig, in der Wirklichkeit besorgniserregend. Zeitlich und fachlich ist die Rechtskompetenz des Kuratoriums unbegrenzt, doch unsere finanziellen und infrastrukturellen Probleme werden hierdurch nicht gelöst werden (…). Sichtbar wird, dass die Regierung eine Art Privatisierung haben möchte, nach der die ideologische Kontrolle jedoch noch größer werden kann. Daraus kann aber auch folgen, dass mehr Gelder in die Lehre fließen. Es geht hier um das alte intellektuelle Dilemma der nichtdemokratischen Systeme: man muss zwischen der geistigen Unabhängigkeit und dem Wohlstand wählen."

Magazinrundschau vom 21.07.2020 - Magyar Narancs

Das ungarische Parlament verabschiedete vor dem EU-Gipfel zum Corona-Hilfspaket, sowie den Verhandlungen für den EU-Haushalt mit der Mehrheit der Regierungspartei Fidesz, einen "Auftrag" an Ministerpräsidenten Orbán, nach dem jegliche Zustimmung des ungarischen Regierungschefs bei den Verhandlungen auf EU-Ebene lediglich unter der Bedingung erfolgen kann, dass die Kommission im Gegenzug das Verfahren gegen Ungarn nach Artikel 7 - Verletzung der Prinzipien der Rechtstaatlichkeit - aufhebt. Was nach einer Erpressung klingt, analysiert der Politikwissenschaftler Dániel Hegedűs im Gespräch mit Ákos Keller-Alánt als einen großen Verhandlungsspielraum Orbáns, der nicht zuletzt durch das Wohlwollen der deutschen Konservativen gegenüber Orbán möglich wurde. "Deutsche konservative Politiker sind immer noch verblüffend uninformiert was die Situation in Polen und Ungarn betrifft. Ende Juni schrieb der ehemalige Bundesminister Christian Schmidt von der CSU in der FAZ, dass Viktor Orbán es weiterhin verdiene, dass man seine Schritte gutgläubig betrachtet, weil er zum Beispiel das Ermächtigungsgesetz zurückgenommen habe. (...) Allerdings ging er nicht darauf ein, wohin der Dialog mit der ungarischen Regierung in den letzten zehn Jahren geführt hat. Das sind sehr tief wurzelnde Auffassungen, die auch damit zu tun haben, dass Deutschland aufgrund seiner historischer Verantwortung die ost-mitteleuropäischen Ländern nicht in Sachen Demokratie und Menschenrechte belehren darf. Eine Konfrontation wird nach Möglichkeit vermieden, während zum Beispiel die Griechen knallhart für einige Milliarden Euro erdrückt wurden. Jene Positionen, die in Ungarn Orbáns Partei Fidesz vertritt, werden in Deutschland von der rechtsextremen AfD verkörpert. Während die CDU im innenpolitischen Raum diese Positionen für vollkommen inakzeptabel hält und politische Kontakte mit der AfD ablehnt, ist sie bereit über die selben Fragen mit Fidesz einen freundschaftlichen Dialog zu führen. Der rechte Flügel der CDU hat nichts aus den letzten zehn Jahren gelernt, als würde man sein Gedächtnis von Zeit zu Zeit löschen. Sie erinnern sich nicht an den Abbau der ungarischen Demokratie." (Hintergrund:  )

Magazinrundschau vom 11.08.2020 - Magyar Narancs

Der Philosoph Gáspár Miklós Tamás denkt im Interview mit Zoltán Barotányi über die Feindseligkeit der Ungarn gegenüber dem Westen nach: "Der Nationalismus ist eine westliche Idee und er war immer am stärksten im Westen. Nationalismus bedeutete jedoch nicht immer Abschottung, sondern in den meisten Fällen Expansion. Aber es gibt ihn nicht mehr: der Nationalismus ist längst tot. Es gibt jetzt anstelle von Nationalismus Ethnizismus und der hat keine politische Dimension. Der Nationalismus beruhte auf einem Zusammenstehen, einer gesellschaftlichen Gleichheit, die die zusammenhaltenden Kraft der kulturellen Identität und der im Staat verkörperten Rationalität beinhaltete. Dem neuen Ethnizismus fehlen all diese Dinge. Marine Le Pen liebt den Westen, denn der Westen ist Gotik, Katholizismus, Monarchie. Für sie ist (das verhasste) Europa deutsch. Für die englischen Chauvinisten ist Europa französisch. Die ungarischen Ethnizisten haben kein Problem damit, dass Europa deutsch ist, sondern dass es europäisch ist, worin sie sich leider irren, doch das ist eine andere Frage. (…) Aber sie würden sich auch nicht damit nicht abfinden, wenn Europa deutsch wäre. Den ungarischen Ethnizisten kennzeichnet im Gegensatz zu den Ethnizisten anderer Völker , dass der ungarische Ethnizist alle ausländischen Völker hasst. Und wahrlich, welche ausländische Nation ist beliebt in Ungarn? Keine."

Magazinrundschau vom 07.07.2020 - Magyar Narancs

Dorka Czenkli geht der Frage nach, wie Theaterhäuser die Neueröffnung nach der Pandemie planen und Risiken minimieren können. Dabei dient vielen Häusern das Berliner Ensemble als Referenz, wenn auch mit unterschiedlichen Vorzeichen, erfahren wir: "Das Berliner Ensemble veröffentlichte ein Foto über gelichtete Publikumssitzreihen. Es ist die neue Wirklichkeit: in der nächsten Spielzeit wird die Einhaltung der Abstandsregeln in den Theaterhäuser im deutschsprachigen Raum die Besucherzahlen  sicherlich radikal sinken lassen. Im József Katona Theater in Budapest zum Beispiel ist die physische Entfernung von Stühlen nicht geplant, doch man rechnet auch hier mit einer Abnahme der Besucherzahlen durch Freilassen von Stühlen und Reihen. Dem Publikum wird wahrscheinlich das Tragen von Gesichtsmasken wenn nicht zur Pflicht, so doch stark empfohlen. Tamás Puskás der Direktor des Budapester Centrál Színház beteuert, dass man die kommenden Verordnungen selbstverständlich einhalten werde und fügt hinzu, dass er das Beispiel des ikonischen Hauses in Berlin für übertrieben und furchtbar hält: "Wenn man mich fragen würde, würde ich dafür plädieren, dass wir frei öffnen sollen oder gar nicht. Wenn es nicht sein muss, dann planen wir mit keinerlei Kürzungen und freigelassenen Stühlen. Das Berliner Ensemble muss eine üppig finanzierte Institution sein, wenn es sich damit die Zeit vertreiben kann. Wir leben als privates Theater von den Zuschauern, genauer gesagt sterben wir gerade aufgrund ihrer Abwesenheit. Wenn aber alle Stuhlreihen frei lassen, dann müssen wir wohl mit den anderen mitschwimmen."

Magazinrundschau vom 04.08.2020 - Magyar Narancs

Im Interview mit Dorka Czenkli spricht die bekannte Schauspielerin Dóra Szinetár über die Spaltung des kulturellen Lebens in Ungarn. "Ehrlich gesagt weiß ich nicht, welche Seite mich mehr anwidert. Der alternative, fachlich geschätzte, innerstädtische Theatermacher, der ungepflegt in Unterhose und in einem unakzeptablen Stil die andere, ihm unsympathische Seite zum Teufel wünscht, oder der vom Land kommende kleinste Sohn des armen Mannes, der, obwohl zum einflussreichsten, alles entscheidenden Machtfaktor geworden, sich dennoch nicht von seinen Schmerzen aus früheren Zeiten befreien kann. Es steht in einer durch Fettleibigkeit zu klein gewordenen Volkstracht vor einem Regenbogen-Feszty-Panorama und hofft, dass wir in Zeit und Raum irgendwohin zurückreisen, wo wir nie waren, oder wenn doch, dann würde es alle am liebsten vergessen. Die Wahl ist unser, das sind die Möglichkeiten."

Magazinrundschau vom 30.06.2020 - Magyar Narancs

Der Schriftsteller László Márton übersetzte unter anderem Goethes "Faust" und das gesamte literarische Werk von Walther von der Vogelweide. Zuletzt übertrug er das Nibelungenlied ins Ungarisch. Im Interview mit Anita Markó spricht Márton über seine Arbeit: Die mittelalterliche deutsche Literatur interessiert mich besonders, weil ich ein modernes schriftstellerisches Problem hinter der Aufgabe der Übersetzung sehe und weil ich das zu übersetzende Werk für einen Vorläufer eines modernen Genres halte. Bei Walther von der Vogelweide zum Beispiel musste neben der Übersetzung des gesamten erhaltenen lyrischen Lebenswerks auch die Figur des Dichters konstruiert werden, was weit über die Übersetzungstätigkeit hinaus läuft ... Das Ziel ist, dass der Text als literarisches Werk auf Ungarisch erklingt. Es soll als Teil der lebendigen Literatur sein und kein Museumsobjekt. Das kann nur dann gelingen, wenn wir das Konzept und Gedankengang des Autors rekonstruieren können, wenn wir mit ihm in Dialog treten können und wir all dies auch in dem ungarischen Text erscheinen lassen können."