Magazinrundschau - Archiv

MicroMega

67 Presseschau-Absätze - Seite 5 von 7

Magazinrundschau vom 23.10.2012 - MicroMega

Umberto Eco erzählt in einem rhetorisch starken kleinen Artikel die Geschichte der Korrumpierung Mailands, das sich einst hochmütig von Rom abwandte und heute ebenso in Geschäfte mit der Mafia verstrickt ist wie der Süden: "Und so wurden wir, Skandal nach Skandal, mit der Erkenntnis konfrontiert, dass Mailand zur Schwester Roms geworden war und Männer ins politische Spiel einführte, denen es allein um die persönliche Bereicherung ging. Auch jetzt noch dachten viele, dass Mailand nicht Palermo sei, eine Stadt der Unehrlichen zwar, aber doch nicht der Mafiosi. Aber nun ist uns die Rechnung auf den Tisch geflattert: Die mailändische Politik ist nicht nur mit der 'Ndrangheta verbandelt, sondern es stellt sich heraus, dass nicht die Politik die 'Ndrangheta benutzt, sondern die 'Ndrangheta die Politik, dass die Politik die Befehle ihrer Schergen annimmt, dass sie sich ihren Drohungen beugt. Sie glaubten, es den Römern nachzumachen und die Mafia für sich zu nutzen, aber ihnen fehlten die List der Römer und die Haare auf dem Bauch. Mailand, das keine Befehle vom räuberischen Rom annehmen wollte und die Süditaliener verachtete, folgt dem Abschaum des tiefen Südens aufs Wort."

Außerdem in Micromega: Pierfranco Pellizzetti erzählt in einem längeren Essay, wie die italienische Linke postmodern wurde.

Magazinrundschau vom 24.07.2012 - MicroMega

Welches deutsche Medium würde so etwas machen? Micromega bringt ein kostenloses Ebook (hier als pdf-Dokument) heraus, das den Italienern die Eurokrise erklären soll - über ein Jahr lang wurde es erarbeitet. Im Editorial beteuern die Autoren zwar, dass es nicht um Schuldzuweisungen gehen soll - "La Merkel" und ihre Politik der "Austerità" sind nicht die einzigen Verantwortlichen - aber die Tendenz ist deutlich, wie auch ein Kapitel mit der Überschrift "Deutschland über alles" zeigt. Die Autoren resümieren es selber so: "Nicht der politische und wirtschaftliche Einigungsprozess wird in dem Buch beklagt - wir betonen, das dieses Buch zutiefst proeuropäisch ist - , aber sehr wohl der Prozess der Währungsunion. Sie ist schlecht geplant und umgesetzt worden. Aber nicht ohne Ziel. Von Seiten der italienischen Regierung ist sie als Instrument der gewerkschaftlichen und sozialen Disziplinierung interpretiert worden. In diesem Spiel haben die Deutschen gesiegt, und wir haben verloren. Heute stellt die Krise eine neue und noch gieriger aufgegriffene Gelegenheit dar, das selbe Ziel zu verfolgen."

Magazinrundschau vom 29.05.2012 - MicroMega

Europa, und besonders Deutschland, sollten sich dringend John Maynard Keynes' und der eigenen Geschichte erinnern, meint Barbara Spinelli, sonst könnte die gegenwärtige Eurokrise gewaltig schief laufen: "Die Erinnerungen spielen üble Scherze, vor allem den Deutschen, die nach 45 eine Modelldemokratie aufbauten. Aber mit der Zeit hat sich das Gedächtnis wie halbseitig gelähmt erwiesen: als ob nur eine Seite der Geschichte aufbewahrt würde. Es bleibt die quälende Sorge der Hyperinflation zwischen 1914 und 1923, aber es verdunstet die Deflation, die 1929 begann und mit Hitlers Aufstieg endete. Das gleiche gilt für die Reparationen, die die Demokratie von Weimar zerstörten, und für die Niederlage Keynes in Versailles: man vergisst den verspäteten Sieg Keynes' nach dem Zweiten Weltkrieg. Diesmal waren es Europa und Amerika, die den Kurs wechselten: der Marshall-Plan wurde geboren..."

Magazinrundschau vom 22.05.2012 - MicroMega

Traurig, beängstigend, aber auch sehr spannend liest sich das Vorwort Roberto Scarpinatos zu einem Band mit Essays und Interviews der Mafiaverfolger Giovanni Falcone und Roberto Borsellino, die vor zwanzig Jahren ermordet wurden. Nur mit Unbehagen denke er an die kommenden Gedenkzeremonien, schreibt Scarpinato, denn das Böse verkörpere sich nicht nur in ein paar festgenommenen Mafiabossen, es "ist mitten unter uns". Und Scarpinato braucht nur nachzuerzählen, wie die Stukturen der Antimafia-Einheit, die Falcone und Borsellino aufgebaut hatten, von Vorgesetzten zerbröselt wurden, um verständlich zu machen, was er meint: "Der Antimafia-Pool der beiden wurde in Wirklichkeit auseinandergenommen, weil er Ort eines Kriegsspiels war, in dem das gesamte Machtsystem Siziliens und damit eine der Säulen des nationalen Machtsystems ins Visier geraten war."
Stichwörter: Sizilien, Falco, Falcone, Giovanni

Magazinrundschau vom 15.05.2012 - MicroMega

Wlodek Goldkorn unterhält sich für Micromega mit dem britischen Historiker Eric Hobsbawm, der sich freut, dass am Ende seines bislang 95-jährigen Lebens zwar nicht der lange Zeit vergeblich ersehnte Kommunismus, aber wenigstens eine Tendenz zum Staatskapitalismus eintritt. Seine Sympathie gilt dem chinesischen Modell: "Hinter der chinesischen Wirtschaft steht der Wunsch, die Bedeutung einer Kultur und Zivilisation wieder aufzurichten. Das ist das Gegenteil dessen, was in Frankreich passiert. Der größte französische Erfolg der letzten Jahrzehnte war Asterix. Und das ist beispiellhaft. Asterix ist die Rückkehr ins gallische Dorf, das dem Zusammenprall mit dem Rest der Welt widersteht - ein Dorf, das überlebt, aber verliert. Und die Franzosen wissen, dass sie dabei sind zu verlieren."

Außerdem: Maria Mantello befürchtet in einem Leitartikel das Aufkommen einer klerikal-faschistischen Allianz gegen Frauenrechte.

Magazinrundschau vom 08.05.2012 - MicroMega

Auch in Italien wird über das Urheberrecht diskutiert - auch über die "Commons", ein Begriff der in den deutschen Mainstreammedien noch nicht angekommen ist. Enrico Grazzini legt in einem interessanten Hintergrundartikel für MicroMega den Begriff dar und bezieht sich dabei besonders auf die Wirtschaftsnobelpreisträgerin von 2009, Elinor Ostrom. Unter "Commons" fasst man Gemeingüter wie Luft, Wasser, aber etwa auch den Genpool der Natur und kulturelle Güter. Grazzini schließt: "Unserer Meinung nach sollte die Linke nicht nur das Recht auf Zugang zu Gemeingütern und meritorischen Gütern verteidigen, sondern sich vor allem bemühen, Gemeinden die Eigentumsrechte an Commons zu geben, die aber nicht als ein Recht auf Verbrauch dieser Güter, sondern als Recht zu ihrer strategischen und operativen Verwaltung verstanden werden. Auch sollte die Entstehung eines dritten Wirtschaftssektors gefördert werden. Stiftungen und Genossenschaften sollten Gemeingüter wie die Umwelt, Kultur, Internet und Information bewahren und entwickeln."

Außerdem in MicroMega: Einige Schriftsteller werfen einen Blick auf Morde an Frauen in den letzten Monaten: Wer waren die Frauen, welches waren die Motive der Mörder? 55 Frauen, so die Redaktion in der Einleitung, sind in Italien seit Beginn des Jahres umgebracht worden - von ihren Lebensgefährten. "Frauen umzubringen - die eigene Frau umzubringen - ist kein mildernder Umstand, wie er bis vor kurzem oft zugestanden wurde, sondern ein erschwerender Umstand", schreibt Adriano Sofri, und erklärt, warum neben dem allgemeinen Begrff für Mord in Italien, "omicidio" auch der neue Begriff "femminicidio" stehen sollte.

Magazinrundschau vom 17.04.2012 - MicroMega

Italien diskutiert über den Film "Diaz" (Trailer bei Youtube), der die Ereignisse in der Schule gleichen Namens in Genua im Jahr 2001 nacherzählt: Die italienische Polizei hatte bei einer Demonstration von Globalisierungsgegnern gegen den in Genua stattfindenden G8-Gipfel die Schule gestürmt und wie entfesselt auf die hundert dort campierenden Demonstranten eingeprügelt. Der Film kommt eigentlich zu spät, meint Lorenzo Guadagnucci in MicroMega. "Nach all dem, was seitdem passiert ist, reicht es nicht, bei der Aufzählung der Gewalttaten haltzumachen und auszulassen, dass sich der Machtmissbrauch später eigentlich noch verschlimmert hat. Der Boykott der Untersuchungen durch die Staatspolizei, die Weigerung der höchsten Verantwortlichen, vor Gericht auszusagen, die fehlende Zurückweisung der Gewalt und der Lügen - dies alles sind Fakten, die die Glaubwürdigkeit der aktuellen Polizeihierarchie auf den Nullpunkt reduziert haben." MicroMega präsentiert ein ganzes Dossier zu dem Film.
Stichwörter: Youtube, Genua, Machtmissbrauch

Magazinrundschau vom 06.12.2011 - MicroMega

Von der deutschen Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt ging in Mailand am 19. November ein 'Ndrangheta-Prozess in Mailand mit über hundert Urteilen zuende - ein epochaler Prozess, meint Roberto Saviano, Autor von "Gomorrha", denn erstmals führten Mafia-Strukturen im Norden Italiens zu Verurteilungen: Das Urteil "hat ein für alle mal gezeigt, dass die Mafia-Organisationen auch und vor allem in der norditalischen Wirtschaft am Ruder sind. Im Süden handeln sie gewalttätiger, um Aufträge an sich zu reißen. Den Mezzogiorno betrachten sie als ein Terrain, über das sie die vollständige Verfügung haben. Der Norden ist dagegen der Ort des leichten Schweigens, der einträglichen Geschäfte, der Abwesenheit jeglicher Antimafia-Kultur in den Institutionen und einer robusten, von allen Seiten repektierten Omerta. ein perfekter Ort."

In der gleichen Nummer disktuieren Paolo Flores d'Arcais und Marco Travaglio über Sterbehilfe. Und Giona A. Nazzaro schreibt den Nachruf auf den großen Dokumentarfilmer Vittorio De Seta. Hier sein sechsminütiger Film "Articolo 23" über die neuen Bewohner eines verlassenen Dorfs in Süditalien - ein kleines Lehrstück über Globalisierung:

Magazinrundschau vom 22.11.2011 - MicroMega

Der Berlusconismus ist nicht am Ende, meint Paolo Flores d'Arcais, einer der prominentesten und hartnäckigsten Berlusconi-Kritiker unter den italienischen Intellektuellen in einem größeren MicroMega-Dossier zum italienischen Regierungswechsel, denn die Macht Berlusconis begründete sich längst nicht allein aus der Tatsache, dass er Regierungschef war: "Sein 'harter Kern' liegt im monopolistischen (und immer mehr an Orwell gemahnenden) Zugriff auf das Fernsehen, im Netz der auf ihn zugeschnittenen Gesetze, das ihm Straflosigkeit sicherte (obwohl er vor Gericht bestimmt zehnmal schuldig befunden wurde), im Gewirr krimineller, abgeleiteter, manipulativer Machtsysteme (Abteilungen der Geheimdienste, korrupte Honoratioren, Manager der staatsnahen Betriebe mit gigantischen Interessen im Öl- und Rüstungsbereich, mafiöse Milieus, Despoten aus fremden Ländern...), mit denen er sich seine politische und persönliche Macht formte und einen veritablen Parallelstaat schuf."

Magazinrundschau vom 21.06.2011 - MicroMega

Der Journalist Giuliano Santoro, der im Juli zu Fuß einmal quer durch Kalabrien wandern will, empfiehlt für uns nicht so Mutige zuvor noch eine ganz aktuelle Mafia-Lektüre für den Lesesessel: Paul Vareses "Mafia on the move". Der in Oxford lehrende Kriminologe erkläre die globale Ausbreitung der Mafia als Wirtschaftskrimi, schreibt Santoro. "Vareses Ausgangspunkt besteht darin, dass der sogenannte 'Markt' kein Spielfeld ist, auf dem automatisch der 'Bessere' gewinnt. Er ist ein Ort der Konflikte und der Gewalt, wo Kräfte sich miteinander messen und Hegemonie angestrebt wird. Es ist ein Ort vielfältiger Spannungen, der beherrscht sein will. Der Mafia, betont der Autor, gelinge es nur, in ein Territorium einzudringen, wenn dort keine Instrumente vorhanden sind, die den Markt regulieren, die jene Kontroversen und Gegensätze ausgleichen, die er unvermeidlicherweise generiert."
Stichwörter: Hegemonie, Kalabrien, Mafia