Magazinrundschau - Archiv

The Nation

166 Presseschau-Absätze - Seite 10 von 17

Magazinrundschau vom 13.12.2011 - The Nation

Dies ist ein Essay, den man gerne in deutscher Übersetzung (NZZ? Lettre?) lesen würde! Der mexikanische Autor Jorge Volpi setzt sich mit Enrique Krauzes neuem Buch "Redeemers. Ideas and Power in Latin America" auseinander. Krauze ist ein Intellektueller in der Tradition von Octavio Paz und Mario Vargas Llosas. In seinem Buch porträtiert er die bedeutendsten Intellektuellen Lateinamerikas. Selbst wer sich mit diesem Kontinent nicht so gut auskennt, versteht bei der Lektüre, wie hingerissen und zwiegespalten zugleich Volpi ist: "Krauze ist ein rara avis [ein seltener Vogel] im Panorama der mexikanischen Intelligentsia: ein Jude unter Katholiken oder der brutal antiklerikalen Mehrheit; ein 'Liberaler' unter Linken, ein Fremder im akademischen und öffentlichen Dienst in einem Land, in dem die Mehrheit von dem einen oder anderen lebt, ein Geschäftsmann in einer kulturellen Umgebung, die von staatlicher Förderung lebt. Aber seine freiwillig marginale Position wurde auf zweierlei Weise kompensiert: durch die ausdrückliche Unterstützung von Paz, die mächtigste intellektuelle Figur in Mexiko im letzten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts, und durch Krauzes Fähigkeit, um sich eine Gruppe zu versammeln, die 'liberale' Ideen vertrat - manche würden sie rechts nennen - in einem Land, in dem die liberale Tradition vom revolutionären Regime praktisch ausgelöscht wurde."

Magazinrundschau vom 04.10.2011 - The Nation

Joshua Kurlantzick kann nach Ezra Vogels Deng-Xioaping-Biografie wenigstens in Ansätzen die Bewunderung nachvollziehen, die auch der Westen für diesen Autokraten lange gehegt hat. Aber selbst die gesichtslosen Bürokraten, die heute in Peking regieren, haben ihre Anhänger: "Bis vor zwei oder drei Jahren sagte der 'Peking Konsens' vor allem den repressivsten Autokraten der Welt zu - Mahmud Achmadinedschad im Iran, Bashar al-Assad in Syien oder Islam Karimow in Usbekistan - sie alle waren erpicht darauf zu lernen, wie China seinen Autoritarismus modernisiert hat. Aber in den letzten Jahren haben nicht nur Autokraten von Peking lernen wolle. Für das chinesische Modell interessieren sich zunehmend auch Politiker und normale Menschen in jungen Demokraten wie Indonesien, Thailand, Senegal, Venezuela, Nicaragua und Bolivien - in Ländern also, in denen die öffentliche Unterstützung der Demokratie abnimmt und in denen Politiker nach dem Scheitern des Washington Konsens nach neuen Wachstumsmodellen suchen."

Magazinrundschau vom 13.09.2011 - The Nation

Benjamin Nathans bespricht zwei Bücher über das "Tauwetter" in der Sowjetunion in den Fünfzigern und Sechzigern unter Chruschtschow: Vladislav Zuboks "Zhivago's Children" und Miriam Dobsons "Khrushchev's Cold Summer". Ein kritischer Punkt waren die Amnestien, die damals für Häftlinge aus der Stalin-Zeit ausgesprochen wurden. Die "einfachen" Sowjetbürger verstanden das nicht, für sie waren das alles Kriminelle. Miriam Dobson meint, "dass - mehr noch als die Angst des Regimes vor einer zu schnell befreiten Intelligentsia - es vor allem die harsche öffentliche Reaktion auf die Amnestien war, die dafür sorgte, dass der Versuch in den späten Fünfzigern scheiterte, das sowjetische System zu reformieren. Sie behinderte die Bemühung, Schutz vor dem staatlichen Terror der Stalinzeit zu schaffen."

Außerdem: James Longenbach schreibt über die Briefe von T.S. Eliot.
Stichwörter: Behinderte, Stalin, Josef

Magazinrundschau vom 26.07.2011 - The Nation

Die CIA unterhält ein geheimes Gefängnis in Somalia, berichtet Jeremy Scahill in einer investigativen Reportage. Dort soll sich auch der 26jährige Ahmed Abdullahi Hassan befinden, der 2009 aus Nairobi verschwand. "Das Untergrundgefängnis, wo Hassan angeblich festgehalten wird, ist in dem Gebäude untergebracht, in dem einst Somalias schändlicher National Security Service (NSS) während des Militärregimes von Siad Barre hauste, der von 1969 bis 1991 regierte. Ein ehemaliger Gefangener, der Hassan dort traf, sagt, er habe draußen das alte NSS-Schild gesehen. Während Barres Regime war das berüchtigte Kellergefängnis und Verhörzentrum, das hinter dem Präsidentenpalast in Mogadischu liegt, ein wesentlicher Bestandteil des staatlichen Repressionsapparates. Man nannte es Godka, 'das Loch'."
Stichwörter: Somalia, Security, Nairobi, Mogadischu

Magazinrundschau vom 17.05.2011 - The Nation

Heather Hendershot erzählt in einem langen Artikel, wie Pony tragende Hippies in den späten Sechzigern Hollywood übernahmen. Es dauerte nicht lange: In den frühen Achtzigern hatten die Anzüge wieder das Sagen. Aber dazwischen gab es einige großartige Filme. Nur mit Frauen konnten sie nicht viel anfangen: "Wenn wir hinter die Mythen dieser Filme sehen, stellt sich heraus, dass die Schauspielerinnen ihre schwachen Rollen oft transzendieren. In Martin Scorseses 'Alice doesn't live here anymore' erklärt die von Diane Ladd gespielte Kellnerin ihrem aufdringlichen Chef: 'Mann, ich kann unter dir liegen, panierte Hähnchen essen und ein Kreuzworträtsel lösen. Alles zur gleichen Zeit.' Bedauerlicherweise gestanden nur wenige Filme dieser Zeit Frauen soviel Schneid zu. Im New American Cinema waren nur die Männer 'born to be wild'."
Stichwörter: Hippies, Scorsese, Martin

Magazinrundschau vom 25.01.2011 - The Nation

Drei Lektionen haben die Tunesier der Welt erteilt: "An die arabischen Diktatoren: Ihr seid nicht unsichtbar. An den Westen: Ihr werdet nicht gebraucht. Und an die arabische Bevölkerung: Ihr seid nicht machtlos", schreibt Laila Lalami. Das sei sehr viel wichtiger, als sich über die Heuchelei der westlichen Staaten aufzuregen. Und die gab's ja reichlich: "Während Tunesien, das vorbildlich 'bescheidene arabische Land', gegen die Tyrannei rebellierte, schlug die französische Außenministerin Michele Alliot-Marie der Nationalversammlung vor - als Teil der Kooperation zwischen den beiden Ländern - französische Truppen nach Tunesien zu schicken, um die Proteste unterdrücken zu helfen. Der Kulturminister Frederic Mitterand erklärte, Tunesien als Diktatur zu bezeichnen, sei eine 'Übertreibung'. Nachdem Ben Ali vertrieben war, weigerte sich Präsident Nicolas Sarkozy allerdings, ihn nach Frankreich einreisen zu lassen. In einer letzten ironischen Wendung musste der Diktator, der vom Westen als Bollwerk gegen den islamischen Extremismus gefeiert wurde, nach Saudiarabien flüchten. Währenddessen belehrte Außenministerin Hillary Clinton, gerade auf einer Tour durch die Golfstaaten, die arabischen Staaten über die Notwendigkeit demokratischer Reformen, vermied aber peinlich genau jede Erwähnung der tunesischen Proteste."

Magazinrundschau vom 18.01.2011 - The Nation

The Nation bringt eine Rede, die Roberto Bolano im Jahr 2000 auf einem Symposium der Österreichischen Gesellschaft für Literatur in Wien hielt und in der sich strikt weigerte, über Literatur und Exil zu sprechen. Er glaube nicht an das Exil, und schon gar nicht in Zusammenhang mit der Literatur: "In ganz Europa hört man das immergleiche Lied, es ist das Lied vom Leiden des Exils, es ist eine aus Beschwerden und Klagen und einer verblüffenden Nostalgie komponierte Musik. Kann man sich nach einem Land zurücksehnen, in dem man beinahe gestorben wäre? Kann man sich zurücksehnen nach Intoleranz, Arroganz, Unrecht? Dieses Lied, das Lateinamerikaner ebenso anstimmen wie Schriftsteller aus anderen verarmten und traumatisierten Regionen, beharrt auf der Nostalgie, auf der Rückkehr in das Geburtsland. Für mich hat es immer wie eine Lüge geklungen. Bücher sind die einzige Heimat des wahren Schriftstellers, Bücher, die im Regal oder im Gedächtnis ihren Platz haben."

Alexandra Schwartz hat Nicole Krauss' neuesten Roman "The Great House" ("Das große Haus") mit wenig Begeisterung gelesen: "Wo ist der Humor?" Greg Mitchell listet noch einmal detailliert auf, welche Erkenntnisse wir WikiLeaks verdanken: über die saudischen Finanziers des Terrors, Korruption bei Boeing oder Papst Benedikts Widerstand gegen die Untersuchung von Kindesmissbrauch.

Magazinrundschau vom 14.12.2010 - The Nation

Ed Vulliamy erinnert an den Fall der Wachovia Bank, ihren Kontrolleur Martin Woods und daran, dass Whistleblower meist dann als unverantwortlich diskreditiert werden, wenn sie richtig liegen: "2005 kam Woods zur Wachovia Bank. Er war zuständig für das Melden von Geldwäsche. Woods schlug erstmals während des Libanonkriegs 2006 offiziell Alarm, nach Berichten, dass Wachovia-Konten von der Hisbollah benutzt wurden. Zu seiner Überraschung wurde er für seine Versuche, die verdächtigen Konten einzufrieren, gemaßregelt. Im Laufe des Jahres stieß er auf 'mehrere verdächtige Transaktionen' in Verbindung mit mexikanischen Wechselstuben. Eingezahlt wurden Reisechecks mit fortlaufenden Nummern über hohe Summen - höher, als eine unschuldige Person bräuchte - und ohne oder ohne hinreichende Identifizierung, dafür mit mit verdächtigen Unterschriften." Woods reichte einen Bericht ein und die Bank reagiert prompt: "Woods wurde, wie er sagt, 'von der Bank unter Druck gesetzt, sich zu verändern, ein besseres Verständnis von Mexiko zu entwickeln'. Er solle aufhören, Fragen zu stellen und suspekte Transaktionen zu stoppen."

Im November 2009 berichtete Jeremy Scahill in The Nation detailliert über geheime Kampfeinsätze amerikanischer Spezialkommandos in Jemen und Pakistan. Die Wikileaks liest er jetzt mit einer gewissen Genugtuung: "Damals nannte der Pentagon-Sprecher Geoff Morrell die Geschichte reine Verschwörungstheorie und bestritt, dass amerikanische Kommandos irgendetwas anderes in Pakistan täten als auszubilden." Aber Scahill bleibt fair, er zitiert eine weitere Depesche: "'Diese Einsätze sind politisch hochsensibel... Sollten diese Entwicklungen in pakistanischen oder amerikanischen Medien Erwähnung finden, würde das pakistanische Militär wahrscheinlich solche Hilfe nicht mehr erbeten.' Solche Äußerungen erklären, warum der Gesandte Richard Holbrooke log, als er im Juli rundheraus sagte: 'Die Leute denken, dass die USA Truppen in Pakistan haben. Haben sie nicht.'"

Magazinrundschau vom 23.11.2010 - The Nation

Samuel Moyn bespricht Timothy Snyders Buch "Bloodlands" als eine der wichtigsten Neuerscheinungen zu Holocaust und Totalitarismus der letzten Jahre. Als das Herz der Finsternis beschreibt Snyder nach Moyn die Region zwischen den baltischen Staaten und der Ukraine und als Wesen des Geschehens eine Interaktion zweier Totalitarismen, zeitweise sogar als "gemeinsames Projekt". Snyder relativiert allerdings auch die Bedeutung von Auschwitz - und hier will Moyn nicht zustimmen, unter anderem auch wegen des Mords an den ungarischen Juden, der mit der Interaktion Hitlers und Stalins nichts zu tun hat: "Für einen Historiker, der so viele Zahlen zitiert, sollte es von Bedeutung bleiben, dass mehr Juden in Auschwitz starben - über eine Million - als irgendwo sonst. Und wichtiger: Auschwitz enthüllte mehr als jeder andere Ort die kontinentale Dimension von Hitlers Hass, die den Raum der 'Blutgebiete" weit übertraf."

Magazinrundschau vom 02.11.2010 - The Nation

David Wallace-Wells, Redakteur der Paris Review, findet Lewis Hydes Streitschrift "Common as Air" gegen die absurde Ausweitung des "geistigen Eigentums" zu romantisch. Und dass Hyde von so vielen Künstlern verehrt wird, versteht er nicht. "Die Sehnsucht, in der Gegenwart etwas von dem zu bewahren, was die Reinheit des künstlerischen Schaffens ausmacht, speist viele Argumente in 'Common as Air', das sich im Verlauf von mehreren hundert Seiten als Abhandlung über das unsichere Schicksal von Kunst in einer Kultur entpuppt, die Kreativität als Unternehmenswert feiert, die 'künstlerisch' als Euphemismus für 'teuer' benutzt und jeden Frosch in der unternehmerischen Troposphäre ermutigt, sich als Künstler zu betrachten. Was Hyde als anregenden Gegenstandpunkt anbietet, ist eine Meditation über das Kunstwerk im Zeitalter der digitalen Reproduzierbarkeit und des Konsumentennarzissmus. So wie der Boom der Druckerpresse im England der Restaurantszeit während der Debatten über Copyright eine Krise der Autorenschaft auslöste, so hat der Konsumentenboom im Internetzeitalter während der Debatten über intellektuelles Eigentum eine Krise des Künstlerstatus' ausgelöst. Das Gefühl, der erhabene Status der Kunst sei bedroht, ist zentral für das befremdliche Verlangen nach freier Kultur unter denen, die eigentlich hoffen sollten, von ihrer kreativen Arbeit leben zu können, Und es ist zentral für die unglückselige Ehe zwischen den Autoren und Künstlern, die behaupten, die Kultur zu verehren, und den Konsumenten, Unternehmern und Internetabsolutisten, die sie liquidieren wollen." (Hier ein Interview mit Hyde und hier ein Auszug aus seinem Buch als pdf, hier ein weiterer Auszug auf der Webseite seines Verlags.)

Außerdem: John Palattella handelt in einem Artikel drei Bücher ab, Franzens "Freedom", Jeremy Hardings "Mother Country. Memoir of an Adopted Boy" und Robert Darntons "Poetry and the Police", ein Buch über die Anklage gegen 14 Personen, die 1749 beschuldigt wurden, schlimme Gedichte über König Louis XV. zitiert und verbreitet zu haben: "For Darnton, poetry was an information network long before networks were news", erklärt Palattella. Natasha Wimmer, die amerikanische Bolano-Übersetzerin, stellt einige mexikanische Noir-Autoren vor, vor allem Martin Solares, der gerade seinen ersten Roman, "The Black Minutes", veröffentlicht hat.