Magazinrundschau - Archiv

The Nation

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Magazinrundschau vom 12.02.2013 - The Nation

Ben Ehrenreich schreibt einen langen Essay über den russischen Autor Wiktor Schklowski (1893-1984) , dessen Werk gerade peu a peu ins Englische übersetzt wird. "Was sich abzeichnet aus diesen Arbeiten ist ein Gruppenporträt von Schklowskis Formalismus - sogar der Name trocknet einem den Mund aus - das wenig Ähnlichkeit hat mit irgendeiner anderen Schule der literarischen Kritik, die im letzten Jahrhundert oder überhaupt im Westen entstand. Er wurde nicht an einer Universität geboren, sondern aus der literarischen Avantgarde und Seite an Seite mit der Russischen Revolution. Ironischerweise, bedenkt man, dass die Formalisten auf einer Trennung von Literatur und äußeren Ereignissen bestanden, erhob er sich nicht mal ein Haar breit entfernt von den Tumulten, die Europa die meiste Zeit der zwanziger Jahre erschütterten. Als die Revolution im Februar 1917 ausbrach -'es war wie Ostern', schrieb Schklowsky, 'ein fröhliches, naives, turbulentes Karnevalsparadies' - war er bereits ein Rebell, wenn auch von einer anderen Sorte als Lenin oder Trotzki. Jahre später, als [die italienische Autorin und Übersetzerin Serena] Vitale ihn fragte, was die Revolution für ihn bedeutet hatte, antwortete Schklowski: 'Die Diktatur der Kunst. Die Freiheit der Kunst.'"

Magazinrundschau vom 29.01.2013 - The Nation

David Schiff erzählt in einem sehr schönen Artikel, wie er 1971 die Generalproben von Pierre Boulez und dem Cleveland Orchestra zu Elliot Carters "Concerto for Orchestra" verfolgte. Die Musiker hassten das Stück und seine Konfliktrhythmen, was sie dem anwesenden Komponisten auch sagten. Boulez war eine noch härtere Nuss: "Während des ersten Durchspielens der Partitur verhedderten sich die Musiker heillos. Spannungen flackerten auf und wurden noch angefacht von Boulez' müheloser, wenn auch mürrischer Beherrschung der Komplexität der Musik. Er konnte die Stimme jedes Musikinstruments präzise singen, in den korrekten Solfeggio-Silben do re mi. Wann immer Musiker melodisch und rhythmisch nicht genau zusammenspielten, stoppte er sie und sang ihnen die Phrase noch einmal vor. Ein beim Ticken der Probenuhr mit wachsender Verzweiflung wiederholtes Frage-und-Antwort-Spiel. Boulez hörte sofort, wenn eine Note falsch gespielt wurde oder ein Musiker nicht im Takt war. Und er hatte nicht die geringste Hemmung, die genaue Quelle des Irrtums zu lokalisieren. Wenn mehrere Wiederholungen keine fehlerfreie Wiedergabe der Partitur produzierten, erklärte ein verärgerter Boulez, dass die gesamte Cello-Sektion zurück ins 'Conservatoire' müsse, um ihre krasse Unfähigkeit zu zählen zu korrigieren. Jeder Dirigent, der heute so zu einem Orchester sprechen würde, wäre umgehend seinen Job los. Nachdem er einige Jahre später die New Yorker Philharmoniker übernommen hatte, nannten die Musiker Boulez 'the French Correction'."

Hier eine Aufführung des Tanglewood Music Center Orchestras:



"Barack Obama hat sich zwar einst als Freund der Whistleblower angepriesen. Aber sein Justizministerium hat zwei Mal so oft Anklagen nach dem Spionagegesetz erhoben wie alle früheren Regierungen zusammen", schreibt Chase Madar in einem wütenden Kommentar zum Tod von Aaron Swartz. "Zu oft wird der Kampf um freie Information als Macke von Computerfreaks abgetan, als nervtötendes Hobby der IT-Crowd. Das ist ein Riesenirrtum, denn die hohen Barrieren um Informationen töten uns buchstäblich. Larry Korb, ein früherer Sekretär im Verteidigungsministerium, erzählte mir, er glaube nicht, dass der Irakkrieg - Endpunkt einer Debatte, die wegen fehlender echter Informationen erstickte und den Tod von Hunderttausenden verursachte - stattgefunden hätte, wenn unzensierte Geheimdienstberichte öffentlich gemacht worden wären."

Weiteres: Barry Schwabsky schwärmt anlässlich einer Matisse-Ausstellung im Metropolitan Museum vom Licht in Matisses Hotelbildern von der Cote d'Azur (links) und von Ian Wallaces "Abstract Drawing (Hotel de Nice)" (rechts). Stewart Klawans bespricht Moussa Tourés schönen Film "La Pirogue" über Bootsflüchtlinge von Afrika nach Europa und die Gewaltorgie "Gangster Squad", der auch eine eindrucksvolle Schauspielerriege keinen Sinn verleihen kann.

Magazinrundschau vom 04.12.2012 - The Nation

Es gab 1945 keine "Stunde Null", lernt Tara Zahra, Historikerin an der University of Chicago, aus R.M. Douglas' auch schon auf Deutsch erschienenem Buch über die Vertreibung der Deutschen: "Das Wissen um das Massaker an den europäischen Juden hat in Europa (oder in den Vereinigten Staaten) ganz sicher nicht den Antisemitismus in Verruf gebracht. Nach dem Krieg trieben Pogrome und Plünderungen die große Mehrheit der überlebenden Juden aus Polen, Rumänien, Ungarn und der Tschechoslowakei ausgerechnet nach Deutschland und unter den Schutz der Alliierten. Aber sogar alliierte Behörden betrachteten jüdische Überlebende als unerwünschte Emigranten. Oft boten sie baltischen oder ukrainischen ehemaligen SS-Angehörigen - jetzt als Opfer des Kommunismus rehabilitiert - eher Asyl an als den Juden. Darüber hinaus diskreditierte die Erfahrung der Nazibesatzung nicht den Nationalismus an sich oder die Politik ethnischer Säuberung."

Außerdem: Andre Schiffrin sieht die Buchwelt immer mehr schrumpfen: die Fusion von Random House mit Penguin werde den Niedergang nur beschleunigen.

Magazinrundschau vom 20.11.2012 - The Nation

John Connelly war bisher nicht klar, welch große Opfer Polen im Zweiten Weltkrieg bringen musste und wie heroisch es den Nazis Widerstandstand leistetet. Er wusste aber auch nicht, wie stark der Antisemitismus verbreitet war: Nach Lektüre neuerer Bücher - von Halik Kochanskis "The Eagle Unbowed" bis Jan T. Gross' "Golden Harvest" - findet Connelly die Aufarbeitungsleistung der letzten Jahre gewaltig: "Aus europäischer Perspektive scheint Polen eine normale offene Gesellschaft zu werden, die sich durch ihr schwierige Geschichte arbeitet. In Frankreich vergingen Jahrzehnte, bis die Öffentlichkeit und der französische Staat das Ausmaß der eigenen Kollaboration mit den Nazis anerkannten. Was Polen unterscheidet, ist die Härte des Zusammenpralls von alten und neuen Narrativen. Der polnische Widerstand war stärker, die polnische Kollaboration viel geringer als in Frankreich, und das polnische Leid von einem im westlichen Europa ungeahnten Ausmaß - und doch waren die Verbrechen auf polnischem Gebiet und die Verbreitung des eigenen Antisemitismus ebenfalls viel größer. Aber es geht um mehr: Der Mythos des Märtyrertums war ein Grundpfeiler der Identität in Polen, einem Land, das nicht nur unter dem Joch eines ihm von den Sowjets aufgezwungenen Systems leben musste, sondern auch in großer Armut, vergessen von Europa und scheinbar unbedeutend. Wenn Polen keine Gegenwart hatte, sollte es wenigstens eine Vergangenheit haben."

Magazinrundschau vom 18.09.2012 - The Nation

Thomas Meaney bespricht den historischen Essay "In the Shadow of the General - Modern France and the Myth of De Gaulle" des Oxford-Historikers Sudhir Hazareesingh. Allerdings sagt er nicht so viel über das Buch, sondern erliegt dem Mythos lieber. Wie sollte er anders angesichts solcher Episoden: "Weniger als ein Jahr nachdem Pétain seinen Frieden mit Hitler gemacht hatte, entsandte De Gaulle ein Expeditionskorps, um Saint Pierre und Miquelon, zwei Pro-Vichy-Inseln vor der Küste Neufundlands aufzubringen. Der Angriff erzürnte die Amerikaner und Kanadier, die schockiert waren, dass ihr künftiger Alliierter in ihrem Hinterhof herumpfuschte. Aber die Aktion schweißte erfolgreich die bunt gemischte Truppe der France libre zusammen und erhöhte den Druck auf die Alliierten, die die Résistance unterstützen sollten."

Magazinrundschau vom 14.08.2012 - The Nation

Hector Abads Faciolinces Erinnerungsbuch an seinen Vater, einen Arzt, der von kolumbianischen Paramilitärs ermordet wurde, war ein sehr wichtiges Buch für Kolumbien, weil es nach Jahrzehnten, in denen die Literatur den Narco, den Outlaw feierte, endlich einmal das Opfer in den Mittelpunkt stellte, schreibt Jorge Volpi. "Nach Ansicht einiger Kritiker hat der Narco zu Beginn des 21. Jahrhunderts den Magischen Realismus als Lateinamerikas auffälligstes Merkmal ersetzt. Gerade als einige Autoren dachten, sie hätten sich endlich vom Exotismus fliegender Frauen a la Garcia Marquez befreit, verschlingt die seltsame Welt der Drogenbosse und Auftragskiller die Vorstellungskraft Lateinamerikas und überschattet andere Entwicklungen - etwa den Triumph der Linken in einer Reihe südamerikanischer Länder - die damit nichts zu tun haben. ... Weil es ein Erinnerungsbuch ist, und wegen seiner Ernsthaftigkeit und dem zurückhaltenden Ton, kann 'Oblivion' [auf Deutsch: Brief an einen Schatten] nicht als Narco-Literatur bezeichnet werden. Aber als es 2006 erschien, in einer Kultur, die von Nachrichten über die Gewalttaten des Tages geprägt war, wurde es als notwendige Alternative wahrgenommen - so sehr, dass es sich seit seinem Erscheinen zu einem Bestseller für den kolumbianischen Verleger Planeta entwickelt hat. zu einem Zeitpunkt, als fast jedes literarische Werk seine Aufmerksamkeit auf das brutale und verrückte Universum der Killer richtete, hat Hector Abad Faciolinces Lobgesang auf seinen Vater die Opfer zurück auf die Bühne geholt."

Der Prozess gegen Pussy Riot ist Teil einer größeren Attacke auf die Opposition in Russland, berichtet Katrina vanden Heuvel. In der Kampagne gegen die Band ist die Orthodoxe Kirche der wichtigste Partner des Staatschefs: "Deren Sprecher hat verkündet, Gott persönlich habe ihm mitgeteilt - 'genauso wie er die Evangelien der Kirche verkündet hat' - dass er den Protest von Pussy Riot 'verdamme'. Ob zynisch oder im Ernst, die Kirchenführer pflegen eine patriarchalische Form des Patriotismus. Die Staatsanwaltschaft führt in der Begründung für die Angklageschrift gegen die Bandmitglieder 'blasphemische Akte' und das 'schwere Leiden' der Gläubigen an, trotz Russlands angeblicher Trennung von Staat und Kirche."

Magazinrundschau vom 10.07.2012 - The Nation

Man musste schon bis zur Verrücktheit exzentrisch sein, um die Welt mit so neuen Augen zu sehen wie van Gogh oder Cezanne, meint Barry Schwabsky. Aber wie unkonformistisch mussten erst die frühen Sammler dieser Kunst sein, die ihre Vermögen auf deren Zukunft verwetteten! "Es fällt heute, wo jedes kluge Investment-Portfolio zeitgenössische Kunst enthält, schwer zu glauben, dass der Kauf dieser Avantgardekunst noch verrückter erschien als die Kunst selbst. Und das lange nach dem Tod von van Gogh und Rousseau. Albert Barnes war einer dieser extremen Exzentriker. Wie naiv er war, entdeckte er 1923, als er einen Teil seiner Kollektion - Arbeiten von Soutine, Modigliani, Matisse und anderen - in der Pennsylvania Akademie der Künste in Philadelphia ausstellte. Die Lokalzeitungen hielten sie für einen Skandal und medizinische Autoritäten meinten, diese Kunst sei das Werk von Verrückten."

Magazinrundschau vom 26.06.2012 - The Nation

Seit Al Qaida das World Trade Center in die Luft jagte, sieht sich die westliche Welt dem Vorwurf der Islamophobie ausgesetzt. The Nation bringt in ihrer neuesten Nummer ein ganzes Dossier zum Phänomen. "Wir haben heute in den USA zwei Systeme des Bürgerrechts", schreibt Laila Lalami im Grundsatzartikel: "eines für Muslime und eines für Nicht-Muslime. Muslime leben unter einer Wolke des Verdachts, egal was sie tun oder sagen."

Auch ein anderer Artikel widmet sich religiösen Verblendungszusammenhängen - diesmal kritischer, denn es geht um Kreationismus in den USA. 46 Prozent aller Amerikaner, so Katha Politt unter Bezug auf eine Gallup-Studie, glauben in irgendeiner Weise an kreationistische Doktrinen, und das schlimmste ist, dass das auch für College-Studenten nach 16 Jahren Ausbildung gilt. "Patricia Princehouse, Direktorin des Evolutionary Biology Programs an der Case Western Reserve University (Bio) lachte, als ich sagte, dass die Ergebnisse der Gallup Studie die mangelhafte Ausbildung in den Staaten zeige. 'Es gibt nicht sehr viel Ausbildung über Evolution an den Schulen', sagte sie mir, 'meist eine Schulstunde oder zwei ohne Bezug zu anderen Themen der Biologie.' Und viele Schüler bekommen nicht einmal das. Nach Princehouse lehren mindestens 13 Prozent der Lehrer trotz Verbots sogenannten 'young earth'-Kreationismus (laut dem nicht nur die Menschen, sondern auch die Erde seit höchstens zehntausend Jahren existieren), und 60 Prozent der Lehrer lehren eine verwässerte Version der Evolution."

Magazinrundschau vom 05.06.2012 - The Nation

Steve Wasserman, ehemals Redakteur der Los Angeles Times Book Review, begibt sich auf eine ausführliche und faszinierende Tour d'horizon durch zehn Jahre Buchhandelsgeschichte in den USA. Hauptakteur ist natürlich Amazon mit seiner beängstigend aggressiven Strategie. Im Rückblick wird klar, wie viel Wandel wir schon hinter uns haben: "Die Buchhandelskriege sind vorbei. Die unabhängigen Buchhandlungen sind ramponiert, Borders ist tot, Barnes & Noble angeschlagen, aber noch am Leben, und Amazon triumphiert." Während die Zahl der unabhängigen Buchhändler in den USA von 4.000 auf 1.900 gesunken ist, so Wasserman, toben bereits neue Kriege - diesmal geht's gegen die Verleger. Bedrohlicher als Amazons Versuche, selbst verlegerisch tätig zu werden, findet er das Kindle Single Programm, mit dem bekannte (und unbekannte) Autoren zuweilen ganz gut verdienen. Und "die Tantiemen werden monatlich überwiesen. Autoren können jederzeit ihre Verkäufe checken - ein Niveau an Transparenz und Effizienz, das bis dato in der Verlagswelt unbekannt war."

In einem zweiten Artikel erklärt Michael Naumann, ehemals Rowohlt-Chef, das deutsche System der Buchpreisbindung, das Amazon, vergleichen mit den USA, noch etwas bremst. Und der Historiker Anthony Grafton vermisst die differenzierten Suchfunktionen, durch die Amazon einst brillierte.

Magazinrundschau vom 07.02.2012 - The Nation

In ihrer großen Reportage über Apple zitierte die New York Times letzte Woche Steve Jobs, der auf die Frage Präsident Obamas, warum Apple nicht mehr in den USA produziert, antwortete: "Diese Arbeitsplätze kommen nicht zurück." Und weiter: "Wir sind nicht verpflichtet, Amerikas Probleme zu lösen." Über diesen Satz hat sich jetzt Clyde Prestowitz, ehemaliger Handelsberater von Ronald Reagan, aufgeregt, berichtet Alexander Cockborn. Prestowitz erinnert Apple daran, das Jobs und seine Manager Anfang der achtziger Jahre "die lustige Vorstellung hatten, dass die amerikanische Regierung verpflichtet sei, ihnen zu helfen. Wir taten, was wir konnten und lernten dabei, dass praktisch alles, was Apple zum Verkauf anbot - vom Speicherchip bis zur Maus - seinen Ursprung in Programmen hatte, die ganz oder teilweise mit amerikanischen Steuergeldern unterstützt wurden. Das Herz des Computers ist der Mikroprozessor und der von Apple leitete sich her aus Motorolas 680X0, der mit viel Unterstützung aus dem Verteidigungsministerium entwickelt worden war. Ebenso der DRAM Speicherchip. Die Maus kam von Xerox' PARC-Zentrum bei Stanford (das ebenfalls staatliche Unterstützung genoss). Zusätzlich wurde fast die gesamte Computersoftware jener Zeit bei Arbeiten entwickelt, die vom Staat unterstützt wurden."

Außerdem: In einem sehr langen Artikel beschreibt Jonathan Blitzer die Lage linker Tageszeitungen wie El Pais und Publico in Spanien.