Magazinrundschau - Archiv

The Nation

166 Presseschau-Absätze - Seite 11 von 17

Magazinrundschau vom 16.11.2010 - The Nation

Benjamin Nathans liest Gal Beckermans Buch "When They Come For Us We'll Be Gone" ("Wenn sie uns holen kommen, werden wir nicht mehr da sein") über die Geschichte der Juden in der Sowjetunion. Eine sehr komplexe und insgesamt auch widersprüchliche Angelegenheit, wie Nathans betont: "Alles in allem waren die sowjetischen Juden spektakulär erfolgreich, allen anderen ethnischen Gruppen der UdSSR weit überlegen - die Russen inklusive -, und zwar egal, ob man nun die Hochschulbildung, das Wohnen in begehrten städtischen Zentren wie Moskau und Leningrad, den Zugang zu prestigeträchtigen Berufen oder die Prominenz in hoch angesehenen Tätigkeiten wie Filmregie oder Physik zum Maßstab nimmt. Hinter den hunderttausenden von jüdischen Erfolgsgeschichten verbirgt sich jedoch ein kollektiver Verlust von Sprache und Kultur, das komplexe Ergebnis sowohl einer Selbst-Russifizierung als auch einer Unterdrückung des jüdischen Erbes durch das Sowjetregime. In der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts hatte sich überdies die Sowjetunion, der erste anti-antisemitische Staat der Welt und das Land mit der Haupverantwortung für die Vernichtung der Nazis, in einen Staat verwandelt, der erklärtermaßen Jagd machte auf jene, die er als 'Kosmopoliten' und 'Zionisten' brandmarkte."

Weitere Artikel: John Nichols und Robert W. McChesney beklagen "die radikale Verwandlung der US-Politik durch einen Geld-und-Medien-Wahl-Komplex, der das Geschehen heute stärker definiert als irgendein Kandidat irgendeiner Partei". Die große (aber auch wieder begrenzte) Retrospektive der feministischen Künstlerin Nancy Spero im Centre Pompidou in Paris nimmt Barry Schwabsky zum Anlass, über die Rolle ihres Werks in der amerikanischen Nachkriegskunst nachzudenken.

Magazinrundschau vom 21.09.2010 - The Nation

Wikileaks ist nicht die private Erfindung eines Einzelnen, also Julian Assanges, meint Peter Ludlow, sondern Ergebnis einer Jahrzehnte alten Bewegung von politisch engagierten Hackern. Andere Hacktivisten seien zum Beispiel die Google-Gegner Cult of the Dead Cow, die anarchistische Anonymous-Truppe von 4Chan oder die Portugiesen Urban Ka0s: "Der politische Kompass dieser Hacktivisten hat nie eindeutig nach links oder rechts gezeigt - zumindest nicht in der uns geläufigen Einteilung der politischen Landschaft. Sie sind sich aber einig in ihrer Beachtung der grundlegenden Hacker-Prinzipien, wie sie Steven Levy und Der Mentor in den Achtziger formuliert haben: Informationen dürfen nicht von mächtigen Institutionen gehortet werden - sie gehören in die Hände der allgemeinen Öffentlichkeit. Dieses Prinzip wird selbst auf die Gefahr 'idiotischer Konsequenz' hin beachtet - wie die jüngste Veröffentlichung von Wikileaks, die von fünf Menschenrechtsorganisationen einschließlich Amnesty International kritisiert wurde, weil sie meinten, dass zivile Quellen nicht ausreichend geschützt wurden."

Weiteres: In der Debatte um den Sexismus der amerikanischen Literaturkritik kann die Autorin Katha Pollitt gewisse Verzerrungen nur bestätigen: "Wenn Männer Bücher über die Familie schreiben - John Updike, Jonathan Franzen - werden diese als Schriften über Amerika und die conditio humana gelesen. Wenn Frauen ambitionierte, politische und engagierte Bücher über die großen Themen der Welt schreiben, werden sie als Geschichten über das Gefühlsleben ihrer Protagonistinnen angesehen." Und Noah Isenberg stellt dem amerikanischen Publikum Ingo Schulze vor.

Magazinrundschau vom 03.08.2010 - The Nation

Im April veröffentlichte Wikileaks Videomaterial, das die Tötung von irakischen Zivilisten und zwei Reuters-Korrespondenten durch amerikanische Soldaten zeigt. Drei Soldaten aus dem Infanterie-Regiment, das verantwortlich ist für den Tod dieser Zivilisten, haben jetzt öffentlich erklärt, dass diese Art von Kriegsführung Methode hat, berichten Sarah Lazare und Ryan Harvey: "Einer nach dem anderen wurden Soldaten, die gerade in Bagdad angekommen waren, in einen Raum gebracht und von ihrem kommandierenden Offizier befragt: 'Alle Fragen führten zu der einen großen Frage', erklärt der frühere Army Spc. Josh Stieber. 'Wenn jemand auf einem Marktplatz voller unbewaffneter Zivilisten eine Waffe zieht, würdest du das Feuer eröffnen, auch wenn du weißt, dass du viele unschuldige Menschen dabei verletzen wirst?' Es war eine Trickfrage. 'Sie wollten nicht nur, dass du Ja sagst, du musstest ohne zu zögern Ja sagen', erklärt Stieber. 'Es war nicht ungewöhnlich, dass jemand, der nicht mitzog, zusammengeschlagen wurde', fügt er hinzu. 'Sie brachten dich in einen Raum, schlossen die Tür und schlugen dich, wenn ihnen deine Antwort nicht gefiel', sagt der ehemalige Army Spc. Ray Corcoles, der mit Stieber diente. Lauter dieser ehemaligen Soldaten war dies ein typischer Moment beim Training der Bravo Kompanie 2-16 (2. Bataillon, 16. Infanterie-Regiment), die Bodentruppe, die involviert war in das berühmte 'Collateral Murder'-Video". Stieber und der dritte Kollege, Ethan McCord, haben sich in einem offenen Brief bei den Irakern entschuldigt, die bei dem Vorfall Angehörige verloren haben.
Stichwörter: Irak, Reue, Kriegsführung

Magazinrundschau vom 20.07.2010 - The Nation

Der Verleger Colin Robinson ficht einen Strauß aus mit Amazon: Erstens, weil die riesige Buchdatenbank bei Amazon letztlich dazu führt, dass immer mehr Leser die selben Bücher lesen. Von wegen Diversifizierung. Und zweitens, weil der Internetbuchhändler Verlagen mit seiner marktbeherrschenden Position die Preise diktieren kann. "Natürlich mag jeder niedrige Preise. Aber auch das ist komplizierter als es zuerst erscheint. Um so niedrige Preise zu erreichen, muss der Verkäufer immer größere Rabatte von den Verlegern verlangen. Vor zehn Jahren lag der Gesamtrabatt für ein Buch bei 40 Prozent. Heute sind es eher 50 Prozent und bei vielen Großauslieferern können es sogar 60 Prozent und mehr werden. Amazon erwartet ganz klar, dass der Trend zu immer größeren Rabatten und immer niedrigeren Preisen anhält. Ein prominenter britischer Verleger erzählte mir, dass er und seine Vertriebsleute gerade von Amazon zurückgekommen seien, wo man ihn zu besseren Konditionen gezwungen habe. 'Die gute Nachricht ist, dass sie gesagt haben, ich müsse in den nächsten 18 Monaten nicht mehr hin.'"

(Verblüffend an diesem Artikel ist, dass Robinson den ersten Verlag ausschließlich für elektronische Bücher mitgegründet hat, OR Books. Und doch überlegt er nicht eine Sekunde, ob elektronische Bücher die Verlage von Zwischenhändlern wie Amazon oder Thalia nicht wenigstens zum Teil unabhängig machen könnten. Warum erstellen die Verleger nicht eine gemeinsame eigene Buchdatenbank, über die sie ihre eBücher verkaufen?)
Stichwörter: Amazon, Gute Nachrichten

Magazinrundschau vom 22.06.2010 - The Nation

Für absolut kontraproduktiv hält Bernard Avishai Sanktionen gegen israelische Universitäten. Israel ist nicht Südafrika, und Sanktionen seien so sinnlos wie die Blockade des Gaza-Streifens, um die Hamas kleinzukriegen. "Sie sagen, sie wollen die israelischen Eliten dazu zu bringen, die Besatzung zu beenden. Aber nehmen wir die Berkeley Initiative, die sich dem Boykott israelischer Universitäten durch Englands Akademiker-Gewerkschaft angeschlossen hat. Wie will man etwas erreichen, wenn man die progressivsten Kräfte in Israel von globalen Unternehmungen und akademischen Veranstaltungen abschneidet? Selbst generelle Handelssanktionen, wie etwa Israel aus der OECD zu halten, würde hauptsächlich Israels geschätzte 25 Milliarden Hightech-Exporte benachteiligen, keine ausbeuterische, postkoloniale Industrie wie in Südafrika. Umfragen zeigen, dass ungefähr 40 Prozent der israelischen Juden feste säkulare und weltläufige, wenn nicht liberale Einstellungen haben. Wer hätte etwas von einem wirtschaftlichen Niedergang und der unvermeidbaren Konsequenz, dass die am besten ausgebildeten Israelis in die, nun ja, Bay Area fliehen? Würden nicht die Rechten, auch um die 40 Prozent, äußerst zufrieden sein, wenn Israel ein kleines jüdisches Pakistan würde?"

Nur im Print: Ein Briefwechsel der Historiker Jonathan Israel und Samuel Moyn, der sich vermutlich auf Moyns Besprechung von Israels Buch "A revolution of the mind" bezieht.

Magazinrundschau vom 15.06.2010 - The Nation

Der Jurist Anthony Julius, der vor zehn Jahren die Historikerin Deborah Lipstadt gegen eine Verleumdungsklage von David Irving verteidigt hat, sieht in seinem neuen Buch "Trials of the Diaspora" einen neuen Antisemitismus in Großbritannien aufblühen, der sich als Antizionismus tarnt. Antony Lerman, ehemaliger Direktor des Institute for Jewish Policy Research in London, erklärt in The Nation auf ausgedruckt sechseinhalb Seiten, warum ihn Julius' Argumente nicht überzeugen. Erst einmal hat er seine Zweifel, dass Juden über Antisemitismus schreiben sollten, weil sie Partei seien. Und zweitens kann Antizionismus seiner Ansicht nach nur schwer in Antisemitismus umschlagen, denn: "Kritik an Israel, Unterstützung der Zwei-Staaten-Lösung, Ablehnung der zionistischen Ideologie - alle diese Positionen sind mit einer Unterstützung der Existenz Israels vereinbar. Wenn sich Antizionismus von diesen Positionen unterscheiden soll, dann muss er eine fundamentale Gegnerschaft zum jüdischen Projekt oder zum jüdischen Staat in Palästina beinhalten. Ob diese Gegnerschaft die Abschaffung des jüdischen Staates involviert oder einen anderen Weg, diesen Staat abzulösen, ist eine Angelegenheit komplexer und ausführlicher Diskussion. Der entscheidende Punkt ist, dass selbst Julius' sogenannter auf Abschaffung Israels zielender Antizionismus ["liquidation ant-Zionism"] natürlich nicht per Definition die Vertreibung oder Ermordung der israelischen Juden bedeutet oder ihnen die Menschenrechte aberkennt, weswegen er nicht a priori antisemitisch ist." (Mit anderen Worten: Es gibt viele Wege, Israel abzuschaffen, ohne antisemitisch zu sein!)

Magazinrundschau vom 18.05.2010 - The Nation

Auf drei Bände ist Jonathan Israels monumentale Geschichte der Aufklärung angelegt, deren alles überragendes Zentralgestirn der Philosoph Baruch Spinoza ist. Nach den ersten beiden voluminösen Teilen ist nun als essayistischer Überblick "A Revolution of the Mind" erschienen. Samuel Moyn stellt die ebenso emphatische wie radikale Sicht des britischen Historikers auf die Aufklärung so dar: Israel "besteht darauf, dass sich nur ein kleiner Zirkel radikaler Personen wirklich um die zentralen Werte kümmerte. Diejenigen, die typischerweise als Lichtfiguren des Zeitalters gelten - von John Locke bis Voltaire, von Jean-Jacques Rousseau bis Immanuel Kant -, wollten dagegen nur 'marginale Reformen' und opferten ängstlich ihre innersten Werte den abstoßenden Schmeicheleien der klerikalen und politischen Autoritäten. Für Israel haben Spinozas Erben überall Feinde, unter anderem die, deren leichtere Versionen der Aufklärung die Prinzipien verraten, die voranzutreiben sie vorgeben. Man muss in Hinsicht auf Aufklärung und Moderne eine fundamentale Wahl treffen, betont Israel mehrfach. Man kann das halbfertige Haus wählen, das die alte Ordnung bewahrt - namentlich die amerikanische Freiheit (die mit der Versklavung der Schwarzen einher ging) oder die englische Freiheit (die mit sozialem und religiösem Konservatismus zusammentraf). Oder man umarmt die Freiheit der Aufklärung in ihrer unverfälschten Form, auch wenn dies bedeutet, die alte korrupte Ordnung zu zerstören und eine neue aufzubauen. Die Verpflichtung gegenüber dem wahren Evangelium des Spinoza lässt keine andere Wahl, weder intellektuell noch politisch."

Außerdem: Paula Findlen stellt Richard Holmes' "The Age of Wonder" (Leseprobe) vor, ein Buch über Wissenschaftler und Erfinder im England des 18. Jahrhunderts - wie den Naturforscher Joseph Banks, den Astronom William Herschel, den Physiker Mungo Park oder den Chemiker Humphrey Davy - und ihren Einfluss auf die romantischen Dichter.

Magazinrundschau vom 04.05.2010 - The Nation

Christine Smallwood unterhält sich mit dem trotz seiner schweren ALS-Erkrankung hoch produktiven Tony Judt über sein neuestes Buch "Ill Fares the Land" (Auszug), ein flammendes Plädoyer für eine Sozialdemokratisierung der westlichen Gesellschaften. Er erklärt, warum er nicht an eine Demokratie ohne staatliche Kontrolle glaubt. "Die Frage ist: Wie sollen wir in einer Welt ohne liberale Aristokratien oder sozialdemokratische Eliten leben, deren Autorität akzeptiert wird. In Abwesenheit dieser Eliten glauben die Menschen mehrheitlich, dass ihr Interesse in der Steigerung des Eigenwohls auf Kosten anderer besteht. Die Antwort lautet: Entweder du kannst sie in einer Art von öffentlichen Auseinandersetzung umerziehen, oder wir bewegen uns in eine Richtung, die die alten Griechen gut kannten, nämlich autoritären Populismus. Das ist die Gefahr, in der wir leben, nicht übersteigerter Individualismus in einer fragmentierten Gesellschaft, sondern Autoritarismus."

Magazinrundschau vom 20.04.2010 - The Nation

Jana Prikryl preist die Fotografien meist badender Schönheiten des tschechischen Außenseiterkünstlers Miroslav Tichy, dem das New Yorker ICP eine Ausstellung widmet. In der kommunistischen Tschechoslowakei saß er erst in Gefängnis und Psychiatrie steckte und konnte dann gerade noch als Barfuß-Fotograf arbeiten. "Seine Fotografien sind nicht in der Zeit eingefroren; es scheint eher so, dass sie einmal eingeforen waren und nun langsam auftauen. Tichy schoss sie aufs Geratewohl, unscharf mit Kameras, die er allein aus Schuhkartons und Papprollen und Plexiglas (geschliffen mit Zahnpasta und Asche) herstellte. Die Abzüge sind über- und unterbelichtet, schief ausgeschnitten, zerkratzt, gerissen, übermalt, vermodert und von Getier angenagt, oft wie zufällig; tatsächlich sind die Bilder so durchzogen von zufälligen Spuren, dass die Idee künstlerischer Absicht selbst verschwimmt. John Berger schrieb einst, dass 'Fotografien von einer menschlichen Entscheidung zeugen, die in einer bestimmten Situation getroffen wird'. Tichys Arbeit zeugt von einer so grundlegenden Skepsis gegenüber der menschlichen Entscheidung, dass sich der Kreis schließt: Sie zwingt uns darüber nachzudenken, wer oder was für diese unleugbar sinnträchtigen Bilder verantwortlich ist, und auch zu fragen, ob ihre Fehler kalkuliert sind, um den einzelnen Bilder einen nostalgischen Glanz zu verleihen."

Und: In einem sehr langen Artikel kommt Jonathan Blitzer dem uruguayischen Schriftsteller Juan Carlos Onetti nicht auf die Spur, ja, er wird nicht einmal richtig warm mit ihm.

Magazinrundschau vom 06.04.2010 - The Nation

Bei der Lektüre dieses faszinierenden Essays von Nathaniel Popper fällt's einem wie Schuppen von den Augen: Hannah Arendts berühmtes Buch "Eichmann in Jeruslam" basierte auf den Erkenntnissen Raul Hilbergs aus "The Destruction of the European Jews" - einem Buch also, das damals so gut wie unbekannt war und das erst gut zwanzig Jahre später Anerkennung erlangte. Nathaniel Popper macht diese komplexe geistesgeschichtliche Konstellation lebendig, die Hilberg zutiefst verbitterte. Man erfährt, dass Arendt Hilbergs Studie bereits als Typoskript kannte und der Princeton University Press von der Veröffentlichung abriet - was Hilberg wusste. Als Arendts Reportage in Buchform erschien, wies sie durchaus (wenn auch in Klammern) auf die epochale Bedeutung von Hilbergs Studie hin. Aus kleinen Verfehlungen und großen Verdiensten konstruiert Popper das jetzt erst komplette Gesamtbild: "So wie Arendt nicht genug auf Hilbergs Verdienste verwies, so unfähig war Hilberg, ihre Einsichten anzuerkennen. In ihrer Schrift über Eichmann hatte sie eine kühne neue Sicht darüber entwickelt, wie gewöhnliche Deutsche in die Maschinerie der Zerstörung gezogen wurden, eine Thematik, die Hilberg vermieden hatte. Auch wenn sich Arendt einige Freiheiten mit Hilbergs Fakten nahm, war sie doch eine wichtige Übersetzerin seiner Forschungsergebnisse und verhalf einem Buch zu Sichtbarkeit, das leicht ins akademische Abseits hätte fallen können."