Magazinrundschau - Archiv

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Magazinrundschau vom 04.11.2025 - New Lines Magazine

In einer sehr ausführlichen Reportage vertieft sich Michael Weiss in die Memoiren von General Alexander Zorin, einem hohen Beamten des russischen Militärgeheimdienstes GRU. Zorin war Russlands Gesandter in Syrien und spielte eine Schlüsselrolle bei den Verhandlungen zwischen dem Regime von Präsident Bashar al-Assad und den Oppositions- und Rebellenfraktionen des Landes, erklärt Weiss. Zorins Buch mit dem Titel "Der Verhandler" zeichnet sich vor allem durch zwei Dinge aus: den Größenwahn seines Verfassers, der sich selbst als eine Art Action-Held darstellt - und einen laxen Umgang mit Fakten. Durch seine Nachlässigkeit mit der Wahrheit enthüllt Zorin aber mehr als er möchte, findet Weiss heraus. Vor allem interessant ist Zorins Umgang mit dem Chlorgasangriff in der syrischen Stadt Duma im Jahr 2018. Während die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OVCW) eindeutig feststellte, dass das syrische Regime für den Einsatz der Waffen verantwortlich war, leugneten die Russen nicht nur Assads Beteiligung, sondern behaupteten schlichtweg, der Angriff habe nie stattgefunden, sondern sei eine Inszenierung der gegnerischen Rebellengruppen gewesen. Zorin schreibt nun an einer Stelle des Buches, "dass seine Zimmer frühmorgens gereinigt wurden, ein Vorgang, der 'grausam und gnadenlos war, wie der Bürgerkrieg in Syrien. Er basierte auf der Hauptwaffe der syrischen Terroristen, des Assad-Regimes und der Militärreiniger - Bleichmittel. Glauben Sie dem Mann, der die Leichen nach den Chlorgasangriffen in Duma sortierte: Der Eimer des Reinigungssoldaten im Schlafsaal und ein Zylinder mit einer giftigen Substanz aus Ghouta, der zur Untersuchung an das OVCW-Labor in Den Haag geschickt wurde, enthielten eindeutig denselben Stoff.' Chlorgas, das als Flüssigkeit in einem unter Druck stehenden Zylinder gelagert wird, ist kein Chlorbleichmittel, wie man es beispielsweise in Haushaltsreinigern findet. Abgesehen von Zorins mangelhaften Chemiekenntnissen: Wie kann 'Bleichmittel' die 'Hauptwaffe' des Assad-Regimes sein, wenn dieses laut russischer Regierung nie Chlor als chemische Waffe eingesetzt hat?"

Victoria Mortimer beobachtet mit Sorge den Boom des chinesischen Fast-Fashion-Unternehmens Shein in Argentinien. Die ultra-billigen Kleider des Unternehmens finden auch deshalb so viel Anklang, weil Kleidung in Argentinien aufgrund hoher Steuersätze überdurchschnittlich teuer ist. Der Fast-Fashion-Riese produziert in unglaublicher Geschwindigkeit, erklärt Mortimer,  täglich (!) erscheinen zwischen 6.000 und 10.000 neue Produkte. Das ist sogar im Vergleich mit Moderiesen wie H&M und Zara enorm, erklärt die Autorin. Möglich gemacht wird das durch extrem schlechte Qualität und ausbeuterische Arbeitsbedingungen. In Argentinien leiden derweil die lokalen Marken: "Im Zuge der Reformen hin zu einer freien Marktwirtschaft schaffte die Regierung Milei Zölle und Einfuhrbeschränkungen ab, um die Inflation einzudämmen und eine der abgeschottetsten Volkswirtschaften der Welt zu transformieren. Die Importe stiegen im Februar 2025 um mehr als 40 Prozent auf fast sechs Milliarden US-Dollar - die chinesischen Importe haben sich dabei mehr als verdoppelt -, da die Argentinier zunehmend auf ausländische Waren zurückgriffen. Dieser Importanstieg dürfte laut Aussagen von Fabrikbesitzern gegenüber dem Wall Street Journal die heimischen Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe gefährden. Insbesondere in der Modebranche berichtete Pro Tejer, dass die Bekleidungsimporte zwischen 2024 und 2025 um 86 Prozent gestiegen sind - und von den bisher in diesem Jahr importierten rund 20.000 Tonnen Textilien stammen 73 Prozent aus China."

Magazinrundschau vom 28.10.2025 - New Lines Magazine

Laurent Perpigna Iban blickt in den Libanon, der im Moment vor einer der womöglich größten politischen Veränderungen der letzten Jahre steht. Die USA und Israel fordern die Entwaffnung der schwer angeschlagenen Hisbollah - würde diese den Forderungen nachkommen, "hätte die libanesische Armee zum ersten Mal seit 1969 und den Kairoer Abkommen das Monopol der legitimen Gewaltanwendung im Libanon und damit einen Staat, der nicht länger von nichtstaatlichen Akteuren als Geisel gehalten wird", erklärt Karim Emile Bitar, Professor für Internationale Beziehungen an der Saint Joseph University in Beirut. Die Bevölkerung ist tief gespalten, zwischen Hisbollah-Anhängern, ihren Gegnern und jenen, die zwar die Hisbollah nicht unterstützen, aber der Regierung nichts zutrauen. Vor allem in den südlichen Gebieten, zum Beispiel den Vororten Beiruts, herrscht außerdem nach wie vor die Angst vor israelischen Angriffen: "Allein die Erwähnung der Rolle und Präsenz der libanesischen Armee löste allgemeines Gelächter aus. Mohamed, ein 41-jähriger Maler, ergriff das Wort: 'Seit dem Bürgerkrieg in den 1980er Jahren sind wir fast ein vom Rest des Landes abgetrenntes Gebiet. Wenn es keinen starken Staat gibt, entsteht etwas anderes an seiner Stelle. Wir haben die Armee während des Krieges kein einziges Mal gesehen.' 'Wir wollen einen starken Staat, wir wollen nicht unter der Kontrolle einer Miliz stehen, aber es bleiben Fragen: Wir lehnen einen Staat ab, der sich nicht der Pflicht stellt, uns zu verteidigen, das Land zu verteidigen und Widerstand zu leisten', unterbrach ihn ein junger Fotojournalist. Etwas weiter entfernt, außer Hörweite, machten Hisbollah-Gegner, die anonym bleiben wollten, ihrem Ärger Luft: 'Natürlich sind die Israelis eine Gefahr für uns, sie sind eine Gefahr für die gesamte Region. Aber die Hisbollah ist eine Katastrophe für dieses Land. Wie können wir akzeptieren, dass sie ihr Überleben über das der Nation stellt?'"
Stichwörter: Libanon, Hisbollah

Magazinrundschau vom 21.10.2025 - New Lines Magazine

Yashica Dutt schildert die Spaltung in der amerikanischen Hindu-Community angesichts der Bürgermeister-Kandidatur von Zoran Mamdani in New York. Mamdani, indischer Abstammung und selbst Muslim, positionierte sich dezidiert gegen den Premierminister Narendra Modi und bezeichnete ihn als "Kriegsverbrecher". Das veranlasste die eher konservativ bis rechtsgerichtete Hindu-Gemeinschaft, vertreten unter anderem von Organisationen wie der "American Hindu Coalition", Mamdani als "anti-hinduistisch" oder "hindu-feindlich" zu bezeichnen. Interessant ist, wie die anderen beiden Kandidaten aus dem demokratischen Lager, Andrew Cuomo und der amtierende Eric Adams sowie der Republikaner Curtis Silva, versuchen, sich die Spaltung zu Nutze zu machen: "Adams, bevor er aus dem Rennen ausstieg, und sogar der republikanische Kandidat Curtis Sliwa haben in den letzten Wochen in der Gemeinde ihre Runden gedreht, um die 'hinduistischen Stimmen' zu gewinnen. All dies macht die Hindu-Gemeinde zu einem besonders interessanten Element - ein kleiner, aber zunehmend sichtbarer Wählerblock, dessen Einfluss auf die New Yorker Politik für eine Diaspora-Gruppe ungewöhnlich ausgeprägt ist. Seit den Vorwahlen haben alle Kandidaten Hindu-Tempel in der ganzen Stadt besucht und an verschiedenen Veranstaltungen teilgenommen, darunter Navratri - ein neuntägiges Fest, das zu den wichtigsten Ereignissen im hinduistischen Kalender zählt. Cuomo trifft sich regelmäßig mit Mitgliedern der Hindu-Gemeinde in und um New York. Seit Juli besuchte er mindestens fünf Hindu-Tempel und nahm an einer privaten Spendenaktion der Gruppe 'Hindus for Cuomo' teil. Er nahm auch an einer Navratri-Veranstaltung teil, die vom Bangladesh Puja Samiti of New York, einer hinduistischen Organisation aus Bangladesch, ausgerichtet wurde."

Diana Kruzman beschreibt das Sterben des Aralsees in Kasachstan und warnt: "Die Tragödie des verschwundenen Meeres ist real. Aber katastrophale Szenarien haben dazu geführt, dass die lebendige und sich ständig verändernde Natur des Sees und seiner Umgebung oft übersehen wird. Der Aralsee gehört nicht der fernen Vergangenheit an, sondern ist Schauplatz unzähliger Entscheidungen in unserer Gegenwart: Welche Wirtschaftszweige wir priorisieren, welche Formen der Natur wir schätzen und wie unsere Zukunft aussehen soll. Ähnliche Schrumpfungs- und Zerstörungsprozesse finden derzeit am Salton Sea und am Great Salt Lake in den USA, am Tschadsee in der Sahelzone Afrikas, am Urmia-See im Iran und am Toten Meer an der Grenze zwischen Jordanien, Israel und dem von Israel besetzten Westjordanland statt. Die Menschen, die sich heute für die Wiederherstellung einsetzen - und das sind viele -, sind der Meinung, dass wir daraus eine Lehre ziehen müssen: Die Menschheit muss aus der Vergangenheit des Aralsees lernen, um ähnliche Fehler in der Gegenwart und Zukunft zu vermeiden."
Stichwörter: Hindu, Mamdani, Zohran, Indien, Aralsee

Magazinrundschau vom 14.10.2025 - New Lines Magazine

Heute leben weniger als 100 Armenier in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba, aber das war nicht immer so, erzählt Irina Costache und wirft einen Blick auf die intensiven Beziehungen zwischen den beiden Ländern. Die armenische Kirche ist seit langem mit dem äthiopischen Zweig des Christentums verbunden, schon im 16. Jahrhundert trieben die beiden Nationen miteinander Handel. 1924 holte Äthiopiens Kronprinz Ras Tafari Makonnen eine Blechbläser-Gruppe von vierzig armenischen Waisenkindern ins Land, die ihre Eltern während des Völkermordes 1915 verloren hatten - und die die Beziehungen zwischen den Ländern nachhaltig prägen sollten: "Nach seiner Ankunft in Äthiopien beauftragte Tafari den Dirigenten Kevork Nalbandian mit der Komposition der ersten Nationalhymne des Landes, die die Kapelle 1930 bei der Krönung des Prinzen zum Kaiser Haile Selassie vortrug. Das Lied mit dem Titel 'Äthiopien, sei glücklich' erfreute sich anhaltender Beliebtheit und blieb bis kurz nach dem Sturz des Kaisers 1974 die Nationalhymne (...) Durch die Arba Lijoch ('Vierzig Kinder' auf Amharisch) wurden westliche Blechblasinstrumente in Äthiopien eingeführt und populär gemacht. Dies legte den Grundstein für ein neues Genre, den Ethio-Jazz, der traditionelle äthiopische Tonleitern mit westlichen Instrumenten kombinierte. Kevork Nalbandians Neffe, Nerses Nalbandian, prägte die Geschichte der äthiopischen Musik besonders als erster musikalischer Leiter des Nationaltheaters und bildete einige der größten Musiker des Landes aus. Nerses Nalbandians Arbeit als Lehrer und Komponist war die Inspiration für das goldene Zeitalter der äthiopischen Musik der 1960er Jahre zu, bekannt als 'Swinging Addis', meint der Musikethnologe Francis Falceto."

Zum Reinhören hier die Compilation mit Ethio Jazz 1969-74. Erster Track: "Yèkèrmo Sèw" (A Man of Experience and Wisdom) von Mulatu Astatke

Magazinrundschau vom 30.09.2025 - New Lines Magazine

Anna-Theresa Bachmann und Hannah El-Hitami stellen das libanesische Musiklabel "Baidaphon" vor, das in der Zwischenkriegszeit in Berlin hunderte Platten der unterschiedlichsten Musiker aus dem Nahen und Mittleren Osten produzierte: "Die Aufnahmen, die auf Arabisch, Farsi, Türkisch und Hebräisch veröffentlicht wurden, erzählen eine längst vergessene Geschichte. Der Aufstieg und Fall dieses Musiklabels ist untrennbar mit der Geopolitik des 20. Jahrhunderts verbunden. Es ist eine Geschichte von Unternehmertum und Erfindungsreichtum, die sich über mehrere Länder erstreckt, in einer Zeit großer globaler Umbrüche, und eine Geschichte von Liebe und Freundschaft zwischen Arabern und Juden in einer Zeit wachsenden Rassismus und Antisemitismus. Vor allem aber ist es die Geschichte der Familie Baida", bestehend aus dem christlich-libanesischen Unternehmer Michel Baida und seiner deutsch-jüdischen Frau Hilde. "Berlin entwickelte sich zwischen den Weltkriegen zu einem Magnet für die arabischsprachige Diaspora: Arabische Clubs veranstalteten Tanzpartys, Studentenvereinigungen und politische Gruppen organisierten Demonstrationen und veröffentlichten Zeitschriften. Dieser Zeitgeist spiegelt sich in den Platten von Baidaphon wider. Msika beispielsweise nahm während ihres Aufenthalts in Berlin eine Reihe von Liedern mit nationalistischen Texten auf. 'Wir alle! Für das Vaterland, für Ruhm und die Flagge', singt sie in der ältesten bekannten Aufnahme der libanesischen Nationalhymne. 'Nicht jede von Baidaphon veröffentlichte Platte war nationalistisch oder antikolonial', erklärte uns der Historiker Christopher Silver von der McGill University in Montreal in einem Videogespräch. 'Aber viele der Platten waren es. Und selbst wenn nicht, interpretierten die Leute sie subversiv. In den 1930er Jahren waren die französischen Kolonialbehörden in Algerien, Tunesien und Marokko so besorgt über den Einfluss dieser Musik, dass sie Baidaphon-Platten in den von ihnen kontrollierten Gebieten verboten. Sie warfen Michel sogar vor, im Auftrag der Deutschen zu handeln, um die französische Kontrolle über ihre Kolonien zu schwächen. Dennoch verbreitete sich die Musik durch Umetikettierung und über die Baidaphon-Filialen in Casablanca, Jaffa, Bagdad und Beirut.'"

Nach der Machtergreifung mussten die Baidas aus Deutschland fliehen und kehrten schließlich nach Beirut zurück. Hier singt der ägyptische Sänger und Baidaphon-Star Mohammed Abdel Wahab "Al-Warda al-Baida" (Die weiße Rose) aus dem gleichnahmigen Film von 1933:

Magazinrundschau vom 23.09.2025 - New Lines Magazine

"Als Nicht-Amerikaner zeichnen sich Kanadier stolz in Politik, Gesellschaft und Temperament aus, schlafen aber immer mit einem offenen Auge und dem Gesicht nach Süden", erklärt Jake Pitre, der die Geschichte des kanadischen Anti-Amerikanismus nachzeichnet. Denn der begann keinesfalls erst mit Trumps Drohung der Annexion: "Viele Historiker und Beobachter der Beziehungen zwischen den USA und Kanada haben versucht, die psychologischen Faktoren hinter den anhaltenden Ängsten zwischen den beiden ansonsten 'besten Freunden' zu diagnostizieren, die oft damit prahlen, die längste unbewachte Grenze der Welt zu teilen. Kim Richard Nossal, der wohl führende Wissenschaftler zum Thema kanadischen Antiamerikanismus, stellte fest, dass Kanada das einzige Land der Welt sei, das 'seine Existenz einem bewussten Akt des Antiamerikanismus verdanke', und zwar aufgrund der 'Weigerung der Eliten in den anderen britischen Kolonien in Nordamerika [heute Ontario, Quebec, Nova Scotia und New Brunswick], die Einladung der amerikanischen Revolutionäre anzunehmen, sich dem neuen republikanischen Experiment anzuschließen'." Um die anhaltende Wirkung "antiamerikanischer Stimmungen zu verdeutlichen, lohnt es sich, die vielfältigen Auswirkungen zu betrachten, die sie haben können. Nehmen wir den Vietnamkrieg, als, wie der kanadische Historiker J.L. Granatstein es 1996 in seinem Buch 'Yankee Go Home: Canadians and Anti-Americanism' formulierte, die Antikriegs- und die antiamerikanische Wut in Kanada langsam wuchsen und sich gegenseitig verstärkten.' Eine Studie der kanadischen Anglistikwissenschaftlerinnen Alison Borden, Alexandra Erath und Julie Yang zeigte beispielsweise, dass sich das kanadische Englisch angesichts der zunehmenden antiamerikanischen Stimmung während des Vietnamkriegs noch stärker dem britischen Englisch annäherte und Schreibweisen wie 'colour' übernahm, um Kanadier noch stärker von Amerikanern zu unterscheiden. Heute nutzen Kanadier die Sprache erneut, wenn auch vielleicht etwas frecher, um diese Unterscheidung zu verdeutlichen: Viele Cafés ändern ihre Kaffeekarten und ersetzen 'Americanos' durch 'Canadianos' - um dem Konsum dieses Yankee-Getränks besser aus dem Weg zu gehen."

Magazinrundschau vom 15.09.2025 - New Lines Magazine

Am Beispiel des verstorbenen sambischen Präsidenten Edgar Lungu erklärt Buster Kirchner die politische Bedeutung von Beerdigungen in vielen afrikanischen Ländern: "Die sambische Regierung kämpft nun für ein Staatsbegräbnis, während die Familienmitglieder, in komplexer Allianz mit der politischen Opposition, letztlich eine private Beerdigung in Südafrika anstreben." Einer der Gründe für das Beharren der Familie ist wohl, dass fast alle Verwandten Lungus in Sambia mit Verurteilungen rechnen müssen, weil sie wegen unterschiedlicher Vergehen dort angeklagt sind (darunter Autodiebstahl und Geldwäsche), so Kirchner. Allerdings gab es ähnliche Konflikte in der Vergangenheit zu Hauf: Von "Robert Mugabe in Simbabwe über José Eduardo dos Santos in Angola bis hin zu Mobutu Sese Seko in Zaire und John Atta Mills in Ghana haben Beerdigungsstreitigkeiten die Grenzen staatlicher Autorität und die unerledigte Aufgabe der nationalen Versöhnung offengelegt." Um die "politische Brisanz dieser Auseinandersetzungen vollständig zu erfassen, muss man sich jedoch zunächst mit dem sozialen Gefüge von Beerdigungen in Afrika südlich der Sahara befassen.(...) Trotz der großen Unterschiede auf dem Kontinent erinnert uns der Kulturanthropologe Martin Jindra daran, dass Beerdigungen in Afrika südlich der Sahara in Umgebungen stattfinden, in denen es keine scharfe Trennung zwischen Lebenden und Toten gibt. Diese Sphären seien 'fließend und miteinander verbunden', erklärt Jindra. Auf die jüngsten Streitigkeiten um Beerdigungen auf dem Kontinent angesprochen, war er von den hitzigen Debatten über den physischen Bestattungsort wenig überrascht. Der wichtigste Faktor, sagte er, sei die Vorstellung von Land. Viele Afrikaner glauben, dass die Geister ihrer Vorfahren in der Erde ruhen, in der sie begraben sind. 'Die Macht eines Menschen endet nicht mit seinem Tod', sagt Jindra. 'Menschen wollen mit dieser Macht in Verbindung gebracht werden, sie sogar nutzen. Beerdigungen sind oft umstritten und wirkungsmächtig, weil Menschen um diese Macht kämpfen. Es geht darum, wer sie erhält und kontrolliert. Deshalb ist der Bestattungsort so wichtig, und deshalb funktionieren öffentliche Friedhöfe in vielen Teilen Afrikas nicht."

Magazinrundschau vom 09.09.2025 - New Lines Magazine

Einst boomte der Literatur- und Buchsektor in Beirut, doch schon seit einigen Jahren steckt er in der Krise, berichtet Amelia Dhuga. So tragen steigende finanzielle Belastungen sowie Zensur durch  dazu bei, dass viele Buchhandlungen bereits schließen mussten. "Der Literatursektor genießt nicht mehr die Freiheiten, die er einst hatte, und zensierte Werke sind auch heute noch schwer zu beschaffen. (…) Trotz dieser Zensurversuche sind eine große Anzahl von LGBTQ+-freundlichen und sexuell expliziten Büchern durch die Maschen geschlüpft. 'Bareed Mista3jil', eine Anthologie aus dem Jahr 2009 mit realen Geschichten von queeren Frauen im Libanon, Maya Zankouls illustriertes Tagebuch 'Amalgam Vol. 2' mit sexuellen Inhalten und Kritik an Institutionen sowie Saleem Haddads 'Guapa' aus dem Jahr 2016, ein Coming-of-Age-Roman über Homosexualität, sind Beispiele für Werke, die nach wie vor in den großen Buchhandlungen des Landes erhältlich sind." Ein großes Problem ist allerdings die zunehmende Selbstzensur. Und eine weitere Herausforderung stelle die Häufigkeit von Hassrede im Internet dar: "'Nachdem wir einen Beitrag zum Tod von Nawal El Saadawi veröffentlicht hatten, einer lautstarken ägyptischen feministischen Autorin, Aktivistin und Ärztin, die über Frauen im Islam, Sexualität, Patriarchat, Klassen und Kolonialismus schrieb, wurden hasserfüllte Kommentare auf Instagram gepostet', erzählt mir Halabi. Vorfälle wie diese haben dazu geführt, dass Buchhandlungen vorsichtiger geworden sind, was sie online oder in ihren Geschäften veröffentlichen."
Stichwörter: Libanon, Beirut, Buchhandel

Magazinrundschau vom 02.09.2025 - New Lines Magazine

Seit einigen Monaten werden die sozialen Medien mit Deepfakes von afrikanischen Staatsoberhäuptern überschwemmt, berichten Kwangu Liwewe und Alec D'Angelo. Ein kurioses Phänomen, die Videos zeigen zum Beispiel Burkina Fasos Interimspräsident, Hauptmann Ibrahim Traoré, der eine flammende Rede hält: "Der Kolonialismus ist nicht zu Ende, er hat seine Form verändert. Früher kamt ihr und besetzte unser Land, jetzt kommt ihr und gründet Unternehmen," verkündet er - das Video ist komplett KI-generiert. Allerdings hat es einen Nerv getroffen. Über 26 Millionen Menschen haben es gesehen und geteilt. Manche halten es für authentisch. Anderen ist es egal. 'Wenn das KI ist', kommentierte ein Zuschauer, 'dann soll uns KI führen.' Ein anderer postete: 'Er sagt, was jeder afrikanische Staatschef sich nicht zu sagen traut.' Die Rede ist nur eines von zahlreichen KI-generierten Videos, die die sozialen Medien überfluten. Und sie sind nicht nur politisch: Sie sind musikalisch, visuell und zutiefst emotional und wirken echt. Auf Plattformen wie YouTube, TikTok und X gibt es eine wachsende Zahl von Videos, in denen Prominente wie Beyoncé, Buju Banton, R. Kelly, Chris Brown, Diddy und Burna Boy Traoré in den höchsten Tönen loben. Die Musik klingt unheimlich nach den echten Künstlern." Der Politikwissenschaftler Folahanmi Aina sieht hier ein großes Risiko, "er warnt, dass junge Menschen, insbesondere diejenigen, denen die kritischen Fähigkeiten fehlen, das, was sie online sehen, zu überprüfen, Gefahr laufen, Diktatoren wie Traoré als Helden und Vorbilder zu sehen. Dies, so Aina, normalisiere Autoritarismus und mache viele blind für den langfristigen Schaden, den solche Führer für Frieden und Stabilität bedeuten. 'Politiker wie Traoré müssen als das gesehen werden, was sie wirklich sind - Diktatoren, die Demokratien demontiert und den Fortschritt um Jahre zurückgeworfen haben', sagte Folahanmi gegenüber New Lines. 'Die virale Verbreitung ihres digitalen Bildes verstärkt dieses falsche Narrativ nur.'" Hier kann man Traorés KI-Rede auf Youtube anschauen. 

Michael Weiss informiert, dass mittlerweile vor allem die nordischen und baltischen Staaten zu den entschiedensten Unterstützern der Ukraine gehören. Viele dieser Staaten sind durch eigene militärische Konfliktgeschichten mit Russland geprägt und unterstützen die Ukraine, indem sie ihr besonders umfangreiche finanzielle und militärische Mittel zukommen lassen. "Zwischen Januar 2022 und Juni 2025 gab Dänemark 2,9 Prozent seines BIP für die Unterstützung der Ukraine aus, Estland 2,8 Prozent, Litauen 2,2, Lettland 1,8, Schweden 1,4 und Finnland 1,3 Prozent. Insgesamt ergibt dies rund 29 Milliarden US-Dollar oder etwa 15 Prozent der gesamten europäischen Ausgaben für die Ukraine seit Februar 2022, als der Krieg begann. Diese sechs Länder machen nur 6,3 Prozent der Gesamtbevölkerung der Europäischen Union aus, sodass ihr Pro-Kopf-Beitrag zweieinhalb Mal so hoch ist, wie er sonst gewesen wäre. Weiss betont zudem, dass "während andere NATO-Verbündete unter Berufung auf ihre eigene militärische Bereitschaft darüber streiten, was sie der Ukraine zur Verfügung stellen können und was nicht, haben die Frontstaaten zu Recht erkannt, dass die Unterstützung in einem derzeit geführten Krieg eine höhere Rendite bringt als die Vorratshaltung für einen Krieg, der vielleicht später kommen wird. Man kann einer Nation nicht vorwerfen, klein oder geografisch verwundbar zu sein - nur, dass sie geizig und kurzsichtig ist. Wie der ehemalige Stabschef Estlands, Martin Herem, zu Beginn des Krieges gerne sagte: Jede Javelin-Panzerabwehrrakete, die auf den Schlachtfeldern der Ukraine eingesetzt wird, um einen russischen Panzer zu vernichten, bedeutet einen russischen Panzer weniger, der in Estland einmarschieren kann."

Magazinrundschau vom 25.08.2025 - New Lines Magazine

Die Historikerin Catherine Phipps zeichnet nach, wie die französische Armee nach dem offiziellen Verbot von Bordellen im Jahr 1946 heimlich militärische Bordelle "bordels militaires de campagne" (BMCs) betrieb und dort hunderte afrikanische Frauen - oftmals gegen ihren Willen - festhielt, um nordafrikanischen Soldaten, die für Frankreich kämpften, sexuelle Dienste zu leisten. Nach dem Ende des Krieges warteten hunderttausende nordafrikanische Soldaten in Frankreich auf ihre Entlassung, so Phipps. Als nun Frankreich offiziell das Betreiben von Bordellen verbot, meinte das französische Militär vor einem großen Problem zu stehen: "Laut Oberstleutnant Palange, einem der Kommandeure der marokkanischen Truppen, sei es 'unrealistisch', von nordafrikanischen Truppen zu erwarten, monatelang ohne Sex auszukommen. Rassistische koloniale Vorstellungen über den Sexualtrieb nordafrikanischer Männer führten zu erneuten Befürchtungen hinsichtlich der Sicherheit - oder 'Reinheit' - französischer Frauen in den umliegenden Gebieten." Das Ganze sollte geheim gehalten werden, "die einzigen, die davon wissen sollten, waren die Armeebeamten, die Frauen aus Bordellen in nordafrikanischen Städten rekrutierten, und die 'Patrones' - die Bordellchefinnen -, die sie leiten sollten." Der Umgang mit den Frauen war brutal, sie mussten teilweise mit bis zu zwanzig Männern in einer Nach schlafen. Sie wurden außerdem gezwungen, sich drei erniedrigenden "'Gesundheitsbesuchen' pro Woche zu unterziehen. Dabei handelte es sich um Genitaluntersuchungen zur Feststellung sexuell übertragbarer Krankheiten (meistens Syphilis). (...) Diese Ärzte wurden anhand medizinischer Broschüren geschult, die ihnen erklärten, dass fast alle marokkanischen Frauen an Syphilis litten, dies aber zu verheimlichen versuchten. Das bedeutete, dass sie den Frauen in den Bordellen mit Misstrauen begegneten und davon ausgingen, dass sie logen, wenn sie behaupteten, gesund zu sein. Kondome waren selten. Große Schränke in den Bordellen waren voller Antiseptika, mit denen sich die Frauen nach dem Sex duschen sollten. Dazu gehörte Kaliumpermanganat, das die Haut verätzte und violett färbte. Die Männer sollten ihre Penisse mit dieser Flüssigkeit 'spülen', aber nur wenige taten dies, weil es so unangenehm war - und weil niemand einen violetten Penis wollte."