Magazinrundschau - Archiv

The New Statesman

191 Presseschau-Absätze - Seite 5 von 20

Magazinrundschau vom 13.06.2023 - New Statesman

Die Stadt Marseille droht im Chaos zu versinken, konstatiert der britische Autor Andrew Hussey. Zwar büßen die Sehenswürdigkeiten der Stadt, zum Beispiel die Notre-Dame de la Garde, nichts von ihrem Charme ein, so Hussey - doch viele Stadtteile müssen sich mit einer steigenden Zahl von Drogenbanden herumschlagen, die immer brutaler vorgehen. Präsident Macron versucht, die Kriminalität mit Hilfe von Spezialeinheiten einzudämmen, war damit aber bisher nicht erfolgreich. Gleichzeitig sieht Hussey in Marseille, das "schon immer seine kriminelle Kultur mythologisiert hat", eine falsche Nostalgie blühen: Da wird das "Goldene Zeitalter" der Bandenkriminalität im 20. Jahrhundert verklärt und die Eigenständigkeit gegenüber Paris betont. Diese Einstellung prägt auch einige neue Serien über das aufregend gefährliche, kriminelle Marseille. Angesichts der Machtverhältnisse heutzutage findet Hussey das nicht mehr zeitgemäß: "Dieses sogenannte 'Goldene Zeitalter' ist lange schon verblichen. Heutzutage ist Marseille - insbesondere das quartier nord - das Lehnsgut von Drogenlords, viele von ihnen aus Nordafrika, die ihr Geld außerhalb von Frankreich für luxuriöse Villen in Marokko, Spanien oder der Schweiz ausgeben, während sie die Stadt ihren verfeindeten Fußsoldaten überlassen. Die Polizei, verdorben durch die Korruption, ist weder in der Lage, die Anführer der Banden zu schnappen, noch die internen Kleinkriege der Banden untereinander zu stoppen. Auch den zusätzlichen Eliteeinheiten aus Paris, die von Macron finanziert wurden, ist es nicht gelungen, diesen trostlosen Kreislauf zu durchbrechen."

Magazinrundschau vom 16.05.2023 - New Statesman

Haiti versinkt in Anarchie. Kriminelle Banden haben das Land in ihre Gewalt gebracht, der allseits verachtete Premierminister Jovenel Henry klammert sich ohne Mandat an die Macht, die Menschen leben in einem permanenten Zustand von Angst und Schrecken. Pooja Bhatia blickt auf ein Land in völliger Verzweiflung: "Hier einige Strategien zur Vermeidung einer Entführung, wie sie unter Freunden und Bekannten, die noch in Haiti leben, kursieren: 'Vermeide Port-au-Prince, wenn Du kannst. Schränke Deine Bewegungen ein. Gehe nicht nach 18 Uhr auf die Straße. Nimm keine Abkürzungen. Wenn Du ein Auto hast, benutze es nicht; Menschen in Autos sind Zielscheiben und die Autos selbst auch. Nimm ein Motorrad - damit bist Du schneller und unauffälliger. Geh zu Fuß. Fahr mit dem Bus... Geh nicht zur Arbeit. Schicke Deine Kinder nicht zur Schule, wenn diese noch geöffnet ist. Kein Ort ist sicher, nicht einmal die Kirche. Niemand ist sicher, nicht der bekannte Fernsehproduzent, nicht die Marktfrau, nicht das Kind. Vermeide es, in den sozialen Medien zu posten. Vermeide Zoom-Meetings. Sichere Deine WhatsApp-Gruppe, damit sie nicht von Bandenmitgliedern infiltriert wird. Organisiere Deine Nachbarschaft. Sammel Geld für das örtliche Kommissariat, denn die Polizei kann sich kein Benzin, keine Lebensmittel und keine Waffen mehr leisten. Sammel Geld für die Straßenbeleuchtung. Stell private Wachleute ein, zwei an jedem Eingang des Viertels. Wenn Bandenmitglieder einen der Wachmänner entwaffnen, errichte eine massive Betonmauer an einem der Eingänge. Wenn die Bande einen der Wachmänner tötet und die Sicherheitsfirma den Vertrag für das Viertel kündigt, suche eine andere Sicherheitsfirma. Wenn die Bande eines Nachts die Mauer mit einem Bulldozer einreißt und alle in Angst und Schrecken versetzt, ersetze die Mauer durch einen Schiffscontainer. Fülle den Container mit Steinen und stelle zwei Halbcontainer darauf. Fülle auch diese mit Steinen. Überrede den Bürgermeister, eine nahe gelegene Brücke abzureißen, damit die Bande keine schweren Maschinen mehr in Dein Viertel bringen kann, um die Container abzutransportieren.'"
Stichwörter: Haiti, Soziale Medien, Prince

Magazinrundschau vom 20.12.2022 - New Statesman

In einem düsteren Text verabschiedet John Gray den Glauben an eine demokratische Weltordnung. Wir sehen einer Zeit reiner Realpolitik entgegen, in der sich rivalisierende Mächte in Schach halten werden, prophezeit er. Anhänger internationaler Ideale hält er für so verblendet wie Nikolai Bucharin, der an einen "Bolschewismus mit menschlichem Antlitz" glaubte und in den Moskauer Prozessen als Verräter zum Tode verurteilt wurde. Arthur Koestler lehnte seinen Roman "Sonnenfinsternis" an Bucharins Geschichte an. Gray begründet die Parallele nicht, aber er malt sie eindrücklich aus: "Die Diktatur war von Anfang an die logische Konsequenz des sowjetischen Projekts. Das Eingeständnis dieser Wahrheit hätte Bucharins Bild der Geschichte und seines eigenen Platzes darin zunichte gemacht. Bis zu seinem Tod scheint er sich nie die Frage gestellt zu haben, die der Schriftsteller Isaak Babel 1920 in seinem Tagebuch aufgeworfen hat, als er während des Russischen Bürgerkriegs Zeuge der Gräueltaten der Rote Armee wurde, in der er damals diente: 'Wir sind die Vorhut, aber wovon?'. Zwanzig Jahre später wurde Babel im Lubjanka-Gefängnis von Stalins oberstem Henker Wassili Blochin erschossen, der im selben Jahr im Massaker von Katyn Tausende von polnischen Offizieren erschoss. Koestler verstand die bolschewistische Denkweise, denn auch er hatte um der Sache willen die Wahrheit verschwiegen. Er verbrachte den Winter 1932/33 in Charkiw, der damaligen Hauptstadt der Sowjetischen Ukraine, auf dem Höhepunkt des Holodomor, der politisch herbeigeführten Hungersnot, bei der vier Millionen Menschen oder mehr verhungerten. Als er mit dem Zug durch das Land reiste, fand er 'die Bahnhöfe gesäumt von bettelnden Bauern mit geschwollenen Händen und Füßen, die Frauen hielten schreckliche Säuglinge mit riesigen wackelnden Köpfen, staksigen Gliedmaßen und geschwollenen, spitzen Bäuchen an die Wagenfenster'. Als er diese Szenen erlebte, arbeitete Koestler für die Komintern, die 1919 gegründete Dritte Kommunistische Internationale. Die Artikel, die er über seinen Besuch schrieb, waren Lobeshymnen auf die raschen Fortschritte, die im Rahmen des ersten Fünfjahresplans erzielt wurden. Die Hungersnot wurde nicht erwähnt. Aus Protest gegen die Schauprozesse brach Koestler 1938 seine Verbindungen zur Partei ab, doch erst Jahre später, in 'Der Yogi und der Kommissar' (1945) und in seinen in den 1950er Jahren veröffentlichten Memoiren, beschrieb er den ganzen Schrecken dessen, was er gesehen hatte."

Magazinrundschau vom 02.08.2022 - New Statesman

William Boyd fühlt sich durch Iain MacGregors "großartiges" neues Buch über die Schlacht von Stalingrad unwillkürlich an den Krieg Russlands gegen die Ukraine erinnert. Diesmal sind die Rollen allerdings vertauscht: "Durch die deutsche Luftüberlegenheit und Artilleriebeschuss wurde Stalingrad bald in Schutt und Asche gelegt. Paradoxerweise kam diese Zerstörung den Russen zugute. Jedes zerstörte Haus, jeder Wohnblock, jede abgerissene Schule oder jeder Bahnhof wurde zu einem Bunker - man denke nur an die jüngsten Szenen in Mariupol oder Sewerodonezk. Die überwältigende Übermacht hatte kaum Auswirkungen auf die hartnäckige, improvisierte Verteidigung, und die Schlacht wurde unweigerlich zu einem kostspieligen Feuergefecht. Ein paar Meter gewonnen, ein paar Meter verloren. Die Zahl der Todesopfer auf beiden Seiten ging in die Zehntausende. Das Ausmaß der Schlacht ist fast unvorstellbar. Die russische Armee passte sich jedoch besser an die Überlebenstaktik an als die Deutschen. Das Konzept der 'aktiven Verteidigung' war geboren. General Wassili Tschuikow, der Kommandant von Stalingrad, sagte in einem Interview, dass 'die Besonderheiten der Kämpfe in Stalingrad ... sich auf alle Kampfsituationen übertragen lassen. Jedes besiedelte Gebiet kann in eine Festung verwandelt werden und den Feind zehnmal besser zermalmen als eine Garnison.' Kommt Ihnen das bekannt vor?"

Außerdem: John Gray liest zwei Bücher über Nietzsches Zusammenbruch in Turin.
Stichwörter: Mariupol, Stalingrad, Asche, Bunker

Magazinrundschau vom 31.05.2022 - New Statesman

Ganz wie hundert Jahre zuvor markieren Krieg und Pandemie das Ende einer weltweiten Wirtschaftsordnung. Doch John Gray, der große Verächter von Neoliberalismus und Globalisisierung, kann sich darüber nicht freuen. Denn als ebenso hartgesottener Brexitbefürworter bemerkt er doch eine gewisse Planlosigkeit der britischen Eliten angesichts der drohenden Umwälzungen, an denen er nicht nur böswilligen Autokratien die Schuld gibt, sondern auch der Entfesselung der Finanzmärkte, durch die die Ungleichheiten in der Gesellschaft noch größer wurden: "In einer Zeit, in der sie diese am dringendsten braucht, fehlt es der britischen Politik an radikalen Ideen zur Rolle des Staates. Der harte Brexit macht nur dann Sinn, wenn er es dem Vereinigten Königreich ermöglicht, das europäische Regelwerk abzuschütteln, aber die Regierung hat wenig getan, um die mit dem Austritt gewonnene Freiheit zu nutzen." Und auch "Labour hat aus dem Wahldebakel von 2019 die falschen Lehren gezogen. Während traditionelle Labour-Wähler Jeremy Corbyns antiwestliche Politik ablehnten, war sein Wirtschaftsprogramm für viele von ihnen nicht unattraktiv. Labours Wandlung in eine Bastion der fiskalischen Orthodoxie wird sie nicht zurückgewinnen. Ebenso haben die Neo-Thatcheristen des freien Marktes die Unterstützung der traditionellen Labour-Wähler für den Brexit falsch verstanden. Die Menschen in Blyth Valley und Stoke-on-Trent haben nicht für den Austritt aus der EU gestimmt, damit die Regierung ein Programm der umfassenden Deregulierung und des uneingeschränkten Freihandels auflegen kann. Sie wollten Schutz vor globalen Märkten, die ihre Arbeitsplätze bedrohen, und bessere öffentliche Dienstleistungen."

Johanna Thomas-Corr rechnet es Amy Odell hoch an, dass sie in ihrer Biografie unermüdlich, wenn auch vergeblich nach menschlichen Zügen der Vogue-Chefin Anna Wintour sucht, die das Modemagazin seit 1988 mit nie gesehener eisener Disziplin führt: Odell zeichnet sie zu gleichen Teilen als kreatives Genie und kalkulierenden Apparatschik. Während Vintour durchaus Trends folgt ('Ich würde gern was über Asiaten machen, die sind jetzt überall', sagte sie 1994 zu Kollegen), steht das Magazin fest zu ihrer eher konservativen Ästhetik: 'Englische Gartenparty' voller 'Sonne, Lächeln, Glück'. Sie bevorzugt junge weiße Frauen aus gutem Hause, Frauen der Gesellschaft oder Prinzessinnen mit Ivy-League-Abschluss."

Magazinrundschau vom 24.05.2022 - New Statesman

Dass die Nato wieder gestärkt dasteht, ist vielleicht weniger eigenes Verdienst als das der Ukraine, überlegt der britische Wirtschaftshistoriker Adam Tooze, denn schließlich sei die Nato davon ausgegangen, dass Russland seinen Nachbarn in drei Tagen überrollt. Und überhaupt: Hat das Militärbündnis einen Plan, zum Beispiel in Bezug auf China oder Amerikas zunehmend dysfunktionale Politik? Und hat Europa einen Plan? "Wenn Amerika mit seiner mehr oder weniger offenen Strategie, Russland auszubluten, Erfolg hat, warum sollte das ein Zeichen für eine Neuausrichtung auf die europäische Sicherheit sein und nicht das Gegenteil? Wenn die USA bereit sind, Risiken einzugehen, um Russland als strategischen Konkurrenten zu schwächen, dann vermutlich, um sich besser auf China konzentrieren zu können. Und das wirft die größere strategische Frage auf: Stehen Europas Interessen in Bezug auf China im Einklang mit denen der USA und was hat die Nato damit zu tun? Solange die aktuelle Krise den Fokus auf Werte und Prinzipien legt - Demokratie gegen Diktatur - kann man eine Meistererzählung der freien Welt gegen den Autoritarismus von Xi Jinping und Putin konstruieren. Aber in anderer Hinsicht braucht es eine ziemlich glühende Fantasie, um Frankreichs versprengte koloniale Besitztümer im Indopazifik als gleichwertig mit Amerikas Anteil am Glacis zu betrachten, das aus Japan, Südkorea und Taiwan besteht. Deutschland seinerseits unterhält weiterhin enge wirtschaftliche Beziehungen zu China. Wie Herbert Diess, der Vorstandsvorsitzende von Volkswagen, offen gesagt hat: 'Wenn wir unser Geschäft auf die etablierten Demokratien beschränken, die etwa sieben bis neun Prozent der Weltbevölkerung ausmachen und dabei noch schrumpfen, dann gäbe es eindeutig kein tragfähiges Geschäftsmodell für einen Automobilhersteller... Wenn Sie nicht in China sind, haben Sie ein Problem. Wenn Sie in China sind, haben Sie eine Chance.' Für Berlin wäre ein Wechsel von einem Energiekrieg mit Russland zu einem Handelskrieg mit China ein wirtschaftlicher Worst Case."

Magazinrundschau vom 15.03.2022 - New Statesman

Putin ist nicht Stalin, betont der britische Historiker und Stalin-Biograf Simon Sebag Montefiore, und das nicht nur weil Stalin sowohl in seinen Verbrechen als auch in seinen Verdiensten größer war. Die Gemeinsamkeiten erschöpfen sich recht schnell: "Stalin und Putin teilen die Ansicht, dass eine auf Zwang gestützte Autokratie die beste Art sei, Russland zu regieren. 'Russen brauchen einen Zar', befand der Marxist Stalin. Das glaubt auch Putin, der für sich gern den Mystizismus und Pomp zaristischer Großartigkeit in Anspruch nimmt. Beide teilen eine Obsession für die Geschichte. Immer wenn Putin Historiker trifft, fragt er, wie die Geschichte ihn beurteilen werde. Als der frühere amerikanische Botschafter in der Sowjetunion, W. Averell Harriman, Stalin zur Einnahme Berlins gratulierte, erwiderte er: 'Ja danke, aber Alexander I. nahm Paris.' Doch die Unterschiede fallen ebenso ins Auge. Stalin war ein Georgier, geboren unter dem Namen Dschugaschwili. Der in Leningrad geborene Putin betonte in den ersten Tage seiner Invasion in die Ukraine: 'Ich bin Russe.' Stalin war ein fanatischer marxistischer Internationalist; Putin glaubt an den Exzeptionalismus der 'Russischen Welt', die mit dem Übertritt von Wladimir dem Großen zum orthodoxen Glauben im Jahr 988 ihren Anfang nahm. Er verachtet die marxistische Ideologie und glaubt, dass mit Lenins Revolution das russische Imperium zertrümmert wurde. Der Kommunismus steht ihm fern, er setzt auf einen Kreml-KGB-Kapitalismus. Stalin, der sich nicht für Geld interessierte und nur eine Reihe von Uniformen besaß (auch wenn er gern in komfortablen Villen residierte), wäre abgestoßen von der Vulgarität der Yachten und Flugzeuge der russischen Superreichen."

Magazinrundschau vom 15.02.2022 - New Statesman

Mit Interesse liest John Gray Adam Rutherfords Buch "Control" über die Rückkehr der Eugenik, aber ganz einverstanden ist er nicht. Rutherford sei auf dem linken Auge blind, glaubt Gray. Nicht nur die Nazis hätten am Übermenschen gearbeitet, auch die Linke wollte die Menschheit verbessern, indem sie die Elenden abschaffte. Und anstatt die Gen-Projekte des Silicon Valleys ganz grundsätzlich in den Blick zu nehmen, starre Rutherford nur auf ein paar obskure Rassisten am Rande: "Der grundlegende ethische Einwand gegen die Eugenik besteht darin, dass sie einigen Menschen das Recht einräumt, darüber zu entscheiden, ob das Leben anderer lebenswert ist. Als Mitglied einer Intellektuellen-Dynastie, zu der auch der viktorianische Über-Darwinist TH Huxley und der Schriftsteller Aldous Huxley gehörten, hat Julian Huxley nie daran gezweifelt, dass eine verbesserte menschliche Spezies seiner eigenen hohen Intelligenz entsprechen würde. Aber nicht jeder hält den Intellekt für die wertvollste menschliche Eigenschaft. General de Gaulles Tochter Anne hatte das Down-Syndrom, und der berühmt-berüchtigte, zurückhaltende Soldat und Widerstandsführer nannte sie 'meine Freude', und als sie im Alter von 20 Jahren starb, weinte er. Die Fähigkeit, Liebe zu geben und zu empfangen, mag für ein gutes Leben entscheidender sein als selbstverliebte Klugheit. An dieser Stelle kommt der Transhumanismus ins Spiel. Er ist in der Regel nicht rassistisch und beinhaltet in der Regel keinen kollektiven Zwang, sondern nur die freiwilligen Handlungen von Menschen, die sich selbst verbessern wollen. Aber wie die Eugeniker verstehen auch die Transhumanisten die Verbesserung der Menschheit als die Produktion von überlegenen Menschen wie sie selbst."

Magazinrundschau vom 01.02.2022 - New Statesman

Das stärkste Argument des Liberalismus war stets, dass nur offene Gesellschaften Innovationen und Wohlstand generieren können, doch China hat diese Annahme widerlegt, gesteht John Gray im Gespräch mit dem amerikanischen Konservativen Ross Douthat, der den Westen ebenfalls im Niedergang sieht. Eine Nachfolge für die kulturelle Hegemonie der USA ist Gray zufolge aber nicht in Sicht: "Die westliche Macht schrumpft sowohl in geopolitischer als auch in kultureller Hinsicht rapide. Das bedeutet nicht unbedingt, dass ein neuer globaler Hegemon auftritt. China wird den Platz, den Amerika in der Welt besetzte, nicht einnehmen, auch weil es nicht von dem universalistischen Wertesystem angetrieben wird, das der westliche Liberalismus vom Christentum geerbt hat. Russland strebt kein globales politisches Projekt wie zu Sowjetzeiten an, sondern will sich wieder als Großmacht behaupten. Der Islam ist ein universalistischer Glaube, aber innerlich zu gespalten, um das, was von der westlichen Zivilisation übrig geblieben ist, systematisch herausfordern zu können. Auf absehbare Zeit wird es keinen Nachfolger für die amerikanische Hegemonie geben. Aber durch seinen wirtschaftlichen Einfluss auf Hollywood, Silicon Valley und die westlichen Universitäten wird China seinen kulturellen und politischen Einfluss weiter ausbauen. Auch Indien wird seine Kultur exportieren, teilweise durch den Erfolg seiner Diaspora, von der einer - Rishi Sunak - ein zukünftiger britischer Premierminister sein könnte. Russland, das wegen der abschreckenden Wirkung von Putins Autoritarismus gemeinhin als Kulturexporteur abgeschrieben wird, kann seine zivilisatorische Reichweite durch seinen wachsenden Einfluss auf das 'nahe Ausland' und die Eliten Kontinentaleuropas ausweiten. Keine dieser Entwicklungen wird auf das hinauslaufen, was Sie als 'eine rivalisierende Weltkultur' bezeichnen."

Magazinrundschau vom 26.10.2021 - New Statesman

Im Aufmacher des New Statesman malt John Gray die "Dämmerung des Westens" in unnachahmlich düsteren Farben. Der Abzug aus Afghanistan war nur ein Symptom. Der Westen glaubt längst nicht mehr an sich selbst, ausgehöhlt vor allem von einem Diskurs der Moderne, der die Solidarität (linke Version) und Tradition (rechte Version) zersetzte und in die Abgründe der Postmoderne mündete: "Einander scheinbar feindlich gesonnen haben Neoliberalismus und progressives Denken ihre gemeinsame Wurzel in der Privilegierung der individuellen Entscheidung gegenüber anderen menschlichen Werten. Gemeinsam erodieren sie die sozialen Bindungen, die der Einzelne braucht, um sinnvolle Entscheidungen zu treffen. Das Ergebnis ist eine akute Form der Anomie. Der esoterische Liberalismus der Sprachpurifizierung, der die Kontrolle über viele amerikanische Universitäten und Institutionen übernommen hat, kann als ein Versuch verstanden werden, wieder eine Art Solidarität im entstandenen Chaos zu schaffen. Vor allem die Universitäten sind Bühnen von Kampfsitzungen im maoistischen Stil, während die Medien Agitprop betreiben. Fast alle amerikanischen Institutionen sind politische Kriegsschauplätze. Unter diesen Bedingungen erscheinen Versuche, amerikanische Ideen der Regierungsführung zu exportieren als Globalisierung amerikanischer Geistesstörungen." Gray rät den westlichen Ländern den Rückzug auf sich selbst, den sie ja angeblich längst angetreten haben.