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New York Times Magazine nimmt Charles Homans erstaunt zur Kenntnis, wie der Unabomber
Ted Kaczynski an Popularität gewinnt: links, rechts, bei alten und bei jungen Leuten. Kaczynski, ursprünglich Mathematiker, hatte sich 1969 in die Wälder Montanas zurückgezogen, um ein Leben jenseits der Zivilsation zu führen. Zwischen 1978 und 1995 verschickte er
16 Paketbomben und tötete mehrere Menschen, um das "System" zu stürzen, das die Natur zu zerstören drohte. Er wurde erst 1996 verhaftet und starb 2023 im Gefängnis. Was also fasziniert Menschen heute an ihm und seinem Manifest "Industrial Society and Its Future"? Seine Technologiekritik, an die Rechte wie Linke gleichermaßen andocken können, meint Homans. Kaczynski glaubte nicht, dass die
auf moderner Technologie basierende Gesellschaft einen falschen Weg eingeschlagen hatte, "er glaubte vielmehr, sie
sei falsch. ...Kaczynski, der sich auf populäre Bücher über Evolutionspsychologie stützte, argumentierte, dass dieses technologische System eine unvermeidliche Folge des
darwinistischen Vorteilsstrebens sei, bei dem das Überleben des Einzelnen und der Gesellschaft gleichermaßen Innovationen erfordere, um seine Nachbarn zu übertreffen. Dies bedeute, dass das
System nicht reformiert werden könne. 'Man kann nicht die 'schlechten' Teile der Technologie loswerden und nur die 'guten' Teile behalten', schrieb Kaczynski. Er schlussfolgerte: 'Es wäre besser, das ganze stinkende System wegzuwerfen und die Konsequenzen zu tragen.'" Für Kaczynski war die logische Folge, das die moderne Gesellschaft zerstört werden müsste. "Dies verschaffte ihm während seiner langen Haftzeit eine Reihe von Gefolgsleuten: zunächst
radikale Umweltschützer und Anarchoprimitivisten, später
Ökofaschisten, die Fraktion der
weißen Nationalisten, die auf Hitlers Ansicht aufbauten, dass der Krieg der Ethnien für das Überleben in einer Welt mit endlichen Ressourcen notwendig sei." Heute erscheint ein Rückzug aus der technologischen Gesellschaft unmöglich denn je, so Homans. "Das Gefühl, dass es kein Entrinnen vor der Technologie und ihren Folgen gibt, hat das sehr lockere, sehr online geprägte Ethos gefördert, das als
Doomerism bekannt ist, eine durch Ironie vermittelte Verbindung von Nihilismus und Utopismus, in der die Apokalypse unausweichlich ist, die Möglichkeiten auf der anderen Seite aber unermesslich sind, unbelastet von den Zwängen und engen Vorstellungen der Politik, wie wir sie kennen. Es ist vielleicht keine Überraschung, dass Kaczynski in diesem Milieu allgegenwärtig ist und in den sozialen Medien und Foren als Onkel Ted zitiert und verehrt wird. In diesem Kontext ist Kaczynskis Manifest
weniger der Entwurf für den Widerstand, den er sich erhofft hatte, als vielmehr ein theoretischer Rahmen für das Verständnis der Dystopie, in der wir jetzt leben müssen und wie wir hierher gekommen sind."