
Wenn die
New York Times über Gaza berichtet, ist Vorsicht geboten. Wie bei den meisten ehemals renommierten linksliberalen Medien -
Le Monde, der
Guardian,
BBC - gibt es in dem Konflikt immer nur einen Schuldigen, Israel, und das ist auch in Francesca Maris
Reportage über
multiresistente Keime im Krieg so. Wenn Kinder in Gaza an diesen Keimen verrecken, dann ist das nicht die Schuld der Hamas, sondern liegt daran, dass Israel keine Medikamente nach Gaza liefert und die Feinde, die es vernichten wollen, nicht ausreichend mit Wasser und Strom versorgt. Maris' Gewährsmann in der Reportage ist der plastische Chirurg
Ghassan Abu-Sittah, ein Hamas-Fan, der im April hierzulande von sich reden machte, weil er zu dem von antiisraelischen Gruppen organisierten Palästina-Kongress nicht einreisen durfte. Abu-Sitta operiert in seiner freien Zeit verwundete Kinder in Gaza - eigentlich ist er Rektor der Universität von Glasgow. Nichts von alldem erwähnt Mari in ihrer Reportage, auch nicht, dass die
Krankenhäuser in Gaza, wo desolate Bedingungen herrschen, zugleich Zentralen der Hamas waren. Dennoch ist ihr Artikel lesenswert, denn die eigentliche Information, die er bringt, ist, dass Kriege für die Entwicklung multiresistenter Keime
wahre Brutkästen sind. Angefangen hat es allerdings angeblich lange, lange Zeit vor den aktuellen Kriegen, in der Zeit der
Sanktionen gegen den Irak nach dem ersten Irak-Krieg. Herausgefunden habe das alles der irakische Anthropologe
Omar Dewachi, der eng mit Abu Sitta zusammenarbeitet. Im Gespräch unterstreicht er, "wie die Sanktionen die Missstände der Diktatur noch verschlimmerten, indem sie dem Krankenhaussystem die Ressourcen entzogen, die Moral der Mitarbeiter zerstörten und wissenschaftliche Praxis untergruben. Ein irakischer Medizinprofessor - der aus Angst vor beruflichen Repressalien nicht namentlich genannt werden will - erzählt mir, dass sich Ärzte unter der Diktatur oft unter Druck gesetzt fühlten, ein
schlechtes Ersatzmittel anzubieten, wenn die evidenzbasierte Medizin ein Medikament verlangte, das nicht verfügbar war, ohne einzugestehen, dass die
Behandlung eigentlich falsch war … Dewachi ist der Ansicht, dass sich die medizinische Kultur auch Jahrzehnte nach dem Sturz Saddams und dem Ende der US-Besatzung noch nicht völlig verändert hat. Viele jüngere Ärzte im Irak berichteten ihm, dass sie unter Vorgesetzten arbeiten, älteren, abgestumpften Ärzten, die sagen, es sei angesichts der hohen Arbeitsbelastung und der begrenzten Ressourcen unmöglich, Verfahren zur Infektionsprävention und -kontrolle umzusetzen."
Noch viel unheimlicher ist, was der preisgekrönte Reporter William Langewiesche
beschreibt: Ohne dass man es so direkt mitbekommen hat und ohne hinderliche Kontrollverträge, gibt es einen
neuen Rüstungswettlauf zwischen China, Russland und den USA. "Der Schwerpunkt liegt jetzt auf kleineren,
präziseren Atomwaffen, die den radioaktiven Niederschlag und die Zahl der Todesopfer in der Zivilbevölkerung begrenzen sollen - genau die Art von Sprengköpfen, die Länder in Versuchung bringen könnten, in einer
konventionellen Schlacht einzusetzen, und die in Verbindung mit Cyberangriffen und fortschrittlichen Überwachungssystemen weltweit die Befürchtung wecken, dass insbesondere die Vereinigten Staaten eine praktische Erstschlagskapazität erreichen könnten. Ob berechtigt oder nicht, diese Bedenken sind destabilisierend. Sie machen die Gegner misstrauisch. Sie untergraben das Gespräch. Sie verdichten die Spirale. ... Die entscheidende Herausforderung besteht heute nicht darin, wie ein Überraschungsangriff abgewehrt werden kann, sondern wie eine
Eskalation kontrolliert werden kann, die im Verborgenen stattfindet - zum Beispiel ein konventioneller Konflikt, der schief läuft und zu
nuklearem Säbelrasseln führt, das zum ersten Einsatz einiger kleinerer Atomwaffen auf dem Schlachtfeld führt, was wiederum den Gegeneinsatz kleinerer Atomwaffen zur Folge hat, was wiederum dazu führt, dass ein Großteil der Welt
unkontrolliert in die Auslöschung schlittert. Das beste verfügbare Modell eines solchen Ereignisses ist ein ultrageheimes Kriegsspiel des Pentagons aus dem Jahr 1983 namens
Proud Prophet. Dieses Spiel war eine Art nuklearer Test und lieferte entscheidende Lehren, die auch heute noch wichtig sind. Es war insofern einzigartig, als dass es weitgehend ohne Drehbuch ablief, die höchsten Ebenen des US-Militärs und seine globalen Kriegsführungsbefehle einbezog und tatsächliche Kommunikationskanäle, Doktrinen und geheime Kriegspläne verwendete. Eine seiner großen Stärken war, dass es im Gegensatz zu allen anderen Kriegsspielen, bei denen die Möglichkeit des Einsatzes von Nuklearwaffen mit geringer Sprengkraft eine Rolle spielte, ungehindert ablief und zu seinem natürlichen Ende geführt werden konnte: der globalen Verwüstung. Das Ergebnis war ein Schock. Die daraus gezogene Lehre - dass ein
Atomkrieg nicht kontrollierbar ist - wirkte sich jahrzehntelang auf die amerikanische Strategie und damit, in einer Welt der gegensätzlichen Spiegel, auf die globalen Strategien aus. Vielleicht wird eines Tages in der Zukunft ein Überlebender auf unsere Zeit zurückblicken und feststellen können, dass die größte Tragödie in der Geschichte der Menschheit darin besteht, dass
diese Lektion von den derzeitigen Führern in Russland und den Vereinigten Staaten und vielleicht auch in anderen Ländern
vergessen wurde."