Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

795 Presseschau-Absätze - Seite 3 von 80

Magazinrundschau vom 03.12.2024 - New York Times

Wenn die New York Times über Gaza berichtet, ist Vorsicht geboten. Wie bei den meisten ehemals renommierten linksliberalen Medien - Le Monde, der Guardian, BBC - gibt es in dem Konflikt immer nur einen Schuldigen, Israel, und das ist auch in Francesca Maris Reportage über multiresistente Keime im Krieg so. Wenn Kinder in Gaza an diesen Keimen verrecken, dann ist das nicht die Schuld der Hamas, sondern liegt daran, dass Israel keine Medikamente nach Gaza liefert und die Feinde, die es vernichten wollen, nicht ausreichend mit Wasser und Strom versorgt. Maris' Gewährsmann in der Reportage ist der plastische Chirurg Ghassan Abu-Sittah, ein Hamas-Fan, der im April hierzulande von sich reden machte, weil er zu dem von antiisraelischen Gruppen organisierten Palästina-Kongress nicht einreisen durfte. Abu-Sitta operiert in seiner freien Zeit verwundete Kinder in Gaza - eigentlich ist er Rektor der Universität von Glasgow. Nichts von alldem erwähnt Mari in ihrer Reportage, auch nicht, dass die Krankenhäuser in Gaza, wo desolate Bedingungen herrschen, zugleich Zentralen der Hamas waren. Dennoch ist ihr Artikel lesenswert, denn die eigentliche Information, die er bringt, ist, dass Kriege für die Entwicklung multiresistenter Keime wahre Brutkästen sind. Angefangen hat es allerdings angeblich lange, lange Zeit vor den aktuellen Kriegen, in der Zeit der Sanktionen gegen den Irak nach dem ersten Irak-Krieg. Herausgefunden habe das alles der irakische Anthropologe Omar Dewachi, der eng mit Abu Sitta zusammenarbeitet. Im Gespräch unterstreicht er, "wie die Sanktionen die Missstände der Diktatur noch verschlimmerten, indem sie dem Krankenhaussystem die Ressourcen entzogen, die Moral der Mitarbeiter zerstörten und wissenschaftliche Praxis untergruben. Ein irakischer Medizinprofessor - der aus Angst vor beruflichen Repressalien nicht namentlich genannt werden will - erzählt mir, dass sich Ärzte unter der Diktatur oft unter Druck gesetzt fühlten, ein schlechtes Ersatzmittel anzubieten, wenn die evidenzbasierte Medizin ein Medikament verlangte, das nicht verfügbar war, ohne einzugestehen, dass die Behandlung eigentlich falsch war … Dewachi ist der Ansicht, dass sich die medizinische Kultur auch Jahrzehnte nach dem Sturz Saddams und dem Ende der US-Besatzung noch nicht völlig verändert hat. Viele jüngere Ärzte im Irak berichteten ihm, dass sie unter Vorgesetzten arbeiten, älteren, abgestumpften Ärzten, die sagen, es sei angesichts der hohen Arbeitsbelastung und der begrenzten Ressourcen unmöglich, Verfahren zur Infektionsprävention und -kontrolle umzusetzen."

Noch viel unheimlicher ist, was der preisgekrönte Reporter William Langewiesche beschreibt: Ohne dass man es so direkt mitbekommen hat und ohne hinderliche Kontrollverträge, gibt es einen neuen Rüstungswettlauf zwischen China, Russland und den USA. "Der Schwerpunkt liegt jetzt auf kleineren, präziseren Atomwaffen, die den radioaktiven Niederschlag und die Zahl der Todesopfer in der Zivilbevölkerung begrenzen sollen - genau die Art von Sprengköpfen, die Länder in Versuchung bringen könnten, in einer konventionellen Schlacht einzusetzen, und die in Verbindung mit Cyberangriffen und fortschrittlichen Überwachungssystemen weltweit die Befürchtung wecken, dass insbesondere die Vereinigten Staaten eine praktische Erstschlagskapazität erreichen könnten. Ob berechtigt oder nicht, diese Bedenken sind destabilisierend. Sie machen die Gegner misstrauisch. Sie untergraben das Gespräch. Sie verdichten die Spirale. ... Die entscheidende Herausforderung besteht heute nicht darin, wie ein Überraschungsangriff abgewehrt werden kann, sondern wie eine Eskalation kontrolliert werden kann, die im Verborgenen stattfindet - zum Beispiel ein konventioneller Konflikt, der schief läuft und zu nuklearem Säbelrasseln führt, das zum ersten Einsatz einiger kleinerer Atomwaffen auf dem Schlachtfeld führt, was wiederum den Gegeneinsatz kleinerer Atomwaffen zur Folge hat, was wiederum dazu führt, dass ein Großteil der Welt unkontrolliert in die Auslöschung schlittert. Das beste verfügbare Modell eines solchen Ereignisses ist ein ultrageheimes Kriegsspiel des Pentagons aus dem Jahr 1983 namens Proud Prophet. Dieses Spiel war eine Art nuklearer Test und lieferte entscheidende Lehren, die auch heute noch wichtig sind. Es war insofern einzigartig, als dass es weitgehend ohne Drehbuch ablief, die höchsten Ebenen des US-Militärs und seine globalen Kriegsführungsbefehle einbezog und tatsächliche Kommunikationskanäle, Doktrinen und geheime Kriegspläne verwendete. Eine seiner großen Stärken war, dass es im Gegensatz zu allen anderen Kriegsspielen, bei denen die Möglichkeit des Einsatzes von Nuklearwaffen mit geringer Sprengkraft eine Rolle spielte, ungehindert ablief und zu seinem natürlichen Ende geführt werden konnte: der globalen Verwüstung. Das Ergebnis war ein Schock. Die daraus gezogene Lehre - dass ein Atomkrieg nicht kontrollierbar ist - wirkte sich jahrzehntelang auf die amerikanische Strategie und damit, in einer Welt der gegensätzlichen Spiegel, auf die globalen Strategien aus. Vielleicht wird eines Tages in der Zukunft ein Überlebender auf unsere Zeit zurückblicken und feststellen können, dass die größte Tragödie in der Geschichte der Menschheit darin besteht, dass diese Lektion von den derzeitigen Führern in Russland und den Vereinigten Staaten und vielleicht auch in anderen Ländern vergessen wurde."

Magazinrundschau vom 12.11.2024 - New York Times

Nyrola Elimä and Ben Mauk rekonstruieren die Leidensgeschichte Hasan Imams, eines Uiguren aus Xinjiang, der im Zuge der eskalierenden Repression der muslimischen Minderheit durch die chinesische Staatsmacht den Versuch unternahm, über die Südostasienroute die Türkei zu erreichen. Doch China macht den Uiguren nicht nur im eigenen Land das Leben zur Hölle, sondern übt auch Druck auf andere Länder auf, Flüchtlnge auszuliefern. Imam saß unter anderem jahrelang, unter menschenunwürdigen Bedingungen, in thailändischen Gefängnissen, bis ihm schließlich, nach einem erfolgreichen Gefängnisausbruch, doch noch der Weg in die relative Sicherheit - in die Türkei - gelang. Sein Schicksal ist keineswegs ein Einzelfall: "Niemand weiß, wie viele Menschen in den letzten 15 Jahren aus Xinjiang geflohen sind. Im Zuge unserer Berichterstattung gelangten wir an ein internes Dokument der chinesischen Regierung, das das Ausmaß des Exodus erahnen lässt: eine irgendwann vor 2018 erstellte Tabelle mit dem Titel 'High-Risk Individuals From Xinjiang Suspected of Crossing the Border Illegally' (Hochrisiko-Personen aus Xinjiang, die im Verdacht stehen, die Grenze illegal zu überqueren), die die Namen und persönlichen Daten von 17.743 Uiguren enthält - darunter viele unserer Interviewpartner und mehr als zwei Dutzend der derzeit in Suan Plu inhaftierten Männer. Auf ihrer jahrzehntelangen Suche nach einem sicheren Zufluchtsort außerhalb Chinas sind Zehntausende von Asylbewerbern mit Grausamkeit und Gleichgültigkeit konfrontiert worden. Weit davon entfernt, sie vor Abschiebung zu schützen, haben sich die Aufnahmeländer in Hunderten von Fällen den Forderungen Chinas nach Rückführung gebeugt. Tausende von ihnen wurden vor Ort inhaftiert, eingeschüchtert und anderen Formen der grenzüberschreitenden Unterdrückung unterworfen. Es gibt keine andere Bevölkerungsgruppe auf der Welt, die derart aggressiven Überwachungs- und Verfolgungstaktiken auf globaler Ebene ausgesetzt ist."
Stichwörter: Uiguren, Thailand, China

Magazinrundschau vom 29.10.2024 - New York Times

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Ist Trump ein Faschist? Darum rankt sich schon seit einigen Jahren eine veritable "Fascism Debate", schreibt Elisabeth Zerofsky. Sie trifft für ihren sehr lehrreichen Artikel einen der ehrwürdigsten Experten, der sich denken lässt, den 92-jährigen Historiker Robert Paxton, der vor über fünfzig Jahren mit seinem Buch "Vichy France - Old Guard and New Order, 1940-1944" die "paxtonische Revolution" in Frankreich auslöste: Seit diesem Buch behauptet so gut wie niemand mehr in Frankreich, dass die Kollaboration in Frankreich aus Zwang erfolgt sei - im Gegenteil, sie war eine willige Unterwerfung, auch weil in Frankreich selbst Bedingungen für einen Faschismus herrschten. Paxton hat mit Blick auf Trump die Faschismus-Vokabel lange Zeit abgelehnt, erzählt Zerofsky. Nach dem 6. Januar 2021 änderte er seine Meinung und tat dies in einer heute berühmten Kolumne für Newsweek kund: "I've Hesitated to Call Donald Trump a Fascist. Until Now". Dennoch, so Zerofsky, ist Paxton bis heute mit dieser Totschlagvokabel ziemlich vorsichtig: "Ich glaube bis heute, dass das Wort mehr Hitze als Licht erzeugt", sagt er zu der Autorin. Die Ähnlichkeit, die Paxton schließlich doch zwischen Trump und dem Faschismus sieht, liegt nicht in Doktrinen und Programmen, sondern darin, dass sie gesellschaftlich bedingt sind: "Wie auch immer der Trumpismus sich selbst versteht, er kommt 'als Massenphänomen von unten, und die Führer rennen voran, um ihm zuvorzukommen', sagt Paxton. So seien auch der italienische Faschismus und der Nationalsozialismus entstanden, als Mussolini und Hitler nach dem Ersten Weltkrieg aus der Unzufriedenheit der Massen Kapital schlugen, um an die Macht zu kommen. Paxton ist seit langem der Meinung, dass die Konzentration auf die Anführer vom Verständnis des Faschismus ablenkt. 'Was man untersuchen sollte, ist das Milieu, aus dem heraus sie entstanden sind', sagt er. Damit der Faschismus Wurzeln schlagen kann, muss es 'eine Öffnung im politischen System geben, einen Verlust der Bodenhaftung der traditionellen Parteien, da muss es einen echten Zusammenbruch geben.'" Zerofsky empfiehlt Paxtons Essay "The Anatomy of Fascism", das zu den maßgeblichen Theorien des Phänomens gehört.

Magazinrundschau vom 22.10.2024 - New York Times

Sie sind genial, aber sie sind leider auch böse. Sie haben mit Paypal oder Tesla die Welt verändert, und nun schicken sie sich an, den apokalyptischen Clown Donald Trump ein zweites Mal ins Amt zu hieven. Eine Reportergruppe der Times erzählt, wie Tech-Milliardäre um Peter Thiel und Elon Musk zu den wichtigsten Geldgebern der Republikanischen Partei wurden. "Musk war einer der letzten, der eine entschieden reaktionäre Wende vollzog. Seit seiner Zeit bei PayPal hat er sich in Bereiche begeben, die über 'Tech' im Sinne des Silicon Valley hinausgehen, und ist zu einem modernen Industriellen in der Tradition von Henry Ford geworden. Doch seine Verbindungen zur Tech-Industrie und ihren Trump-freundlichen Mogulen sind nach wie vor eng. Er war in den letzten Jahren auf seinem eigenen Trip und wurde durch eine Kombination verschiedener Faktoren nach rechts gedrückt. Es begann mit den von ihm als 'faschistisch' bezeichneten Covid-Lockdowns in Kalifornien, die ihn zur vorübergehenden Schließung seiner Tesla-Werke zwangen, und setzte sich mit seiner Empörung über Bidens Entscheidung fort, ihn von einem Treffen über Elektrofahrzeuge im Weißen Haus auszuschließen. Im Jahr 2021 zog er von Kalifornien nach Texas und umgab sich mit einem eher konservativen sozialen Umfeld. Seine reaktionäre Wut wurde auch durch die Entscheidung eines seiner Kinder, das Geschlecht zu wechseln, geschürt; später sagte er, er sei 'ausgetrickst' worden, um eine geschlechtsangleichende Betreuung für sie zu genehmigen."

Magazinrundschau vom 03.09.2024 - New York Times

Matthew Shaer widmet sich in einem großen mit Studien und Zahlen belegten Essay dem Thema Einsamkeit, die laut der 71-seitigen Warnung des US-Generalchirurgen Vivek Murthy zu einer Epidemie heranwächst, die mehr Amerikaner betrifft als Diabetes oder Fettleibigkeit: "Zusammen mit der gleichzeitigen Entscheidung der Weltgesundheitsorganisation, Einsamkeit zu einem 'globalen Problem der öffentlichen Gesundheit' zu machen, hat der Bericht des Generalchirurgen dazu beigetragen, die Emotion auf die gleiche kulturelle Position zu bringen, die Depressionen und Angstzustände in der Ära der 'Prozac-Nation' einnahmen. … In Japan und Großbritannien, wo Einsamkeit ebenso ein Thema ist wie in den Vereinigten Staaten, wurden sogar Einsamkeitsminister ernannt - Regierungsbeamte, die die Krise ausloten und verbessern sollen, sei es durch öffentliche Sensibilisierungskampagnen ('Ihre Hobbys und Interessen sind wichtig') oder durch Initiativen wie die in Großbritannien, bei der Postboten gebeten wurden, sich bei den älteren Einwohnern auf ihren Routen zu melden. Murthy schlug seinerseits vor, dass Unterhaltungsunternehmen mehr Inhalte schaffen sollten, die 'die Kernwerte der Verbundenheit verstärken'. Einzelpersonen, so fügt er hinzu, sollten in Erwägung ziehen, 'ein positiver und konstruktiver Teilnehmer am politischen Diskurs und an Versammlungen zu sein (z. B. Rathäuser, Schulausschusssitzungen, Anhörungen der lokalen Regierung)'. Was all diese verschiedenen Bemühungen bis zu einem gewissen Grad gemeinsam haben, ist die Vorstellung, dass die Lösung für die Einsamkeit nur einen Telefonanruf, eine E-Mail, eine SMS oder ein freundliches Klopfen an der Tür entfernt ist - dass der Schlüssel zur Schließung der Lücke zwischen dem wahrgenommenen und dem realisierten Niveau der zwischenmenschlichen Beziehungen auf gesellschaftlicher Ebene letztlich in der Wiederherstellung einer Welt liegt, die uns entglitten ist. ... Im schlimmsten Fall lenkt dies von den wirklichen Problemen ab. Wie Untersuchungen wie die von Weissbourd und Batanova zeigen, sprechen wir, wenn wir über Einsamkeit sprechen, eigentlich über all die Probleme, die sich gefährlich darunter verbergen: Entfremdung und Isolation, Misstrauen und Trennung und vor allem das Gefühl, dass viele der Institutionen und Traditionen, die uns einst zusammenhielten, für uns weniger verfügbar oder nicht mehr von Interesse sind."
Stichwörter: Einsamkeit, Entfremdung

Magazinrundschau vom 27.08.2024 - New York Times

Linda Kinstler geht die Geschichte der UN-Genozidkonventionen und des internationalen Gerichtshofs durch, der gerade Genozidklagen gegen Israel prüft. Das Problem mit dem Begriff des Genozids ist, dass der Holocaust einen Standard gesetzt hat, an den seither kein Verbrechen heranreicht, legt Kinstler dar. Darum sind Genozidklagen fast immer abgewiesen worden. Das einzige Urteil des ICJ war das zum Massaker von Srebrenica, das aber ausdrücklich andere Verbrechen der Serben nicht einschloss, weil sie dem hohen Standard nicht entsprachen. "In seiner bemerkenswerten Kargheit stärkte das Urteil von 2007 jedoch auch den Status des 'Völkermordes' als ein undurchschaubares und unvorstellbares Verbrechen, indem es die Schwere des Vergehens unterstrich und gleichzeitig eine so hohe Messlatte für den Vorsatz des Völkermordes festlegte, dass es praktisch unmöglich wurde, Staaten zur Verantwortung zu ziehen… 'Das war der Sargnagel für die Völkermordkonvention', sagt mir die Völkerrechtlerin Leila Sadat über die Bosnien-Entscheidung. Sie ist der Ansicht, dass das Urteil die Völkermordkonvention von einem aktiven Mechanismus zur Verhinderung und Bestrafung der Auslöschung ganzer Völker in ein Mahnmal für den Holocaust … umgewandelt hat." Als weiteren Gewährsmann zitiert Kinstler den Postkolonialisten Dirk Moses: "Die breitere Sichtweise von Völkermord ist die richtigere", sagt er. Erst dann - so muss man es verstehen -  würde auch Israels Krieg gegen die Hamas endlich unter den Begriff des Völkermords fallen.

Magazinrundschau vom 13.08.2024 - New York Times

In Sudan tobt bekanntlich ein mörderischer Bürgerkrieg. Hintergrund ist unter anderem die Spaltung in einen Norden, der sich arabisch definiert und der gegenüber dem Süden eine muslimische Sklavenhändler und -haltergeschichte hat. Aber es gibt noch mehr Akteure. Nicholas Casey besucht das "Sudan People's Liberation Movement" (S.P.L.M.), das in den Nuba-Bergen beheimatet ist. Die Bevölkerung von Nuba ist gemischt, so Casey, aber Nuba war nach der Aufspaltung Sudans an den arabischen Norden gefallen und hatte die Scharia zu befürchten. Das S.P.L.M. schildert Casey als ungewöhnlich, da es sich gegen Tribalismus, für Demokratie und Säkularismus ausspricht. "Generationen von Guerillas haben in schroffen Gegenden wie dieser gekämpft, aber nur wenige haben den Preis beansprucht, den die S.P.L.M. will - einen Staat im Staat, in dem sie jetzt das Gesetz sind. In Kauda betreiben die Rebellen ihr eigenes Gerichtssystem mit freiwilligen Richtern, die über alles entscheiden, von Mitgiftstreitigkeiten bis hin zu Mordfällen. Ein von den Rebellen betriebenes Schulsystem unterrichtet auf Englisch - eine Abfuhr für das Bildungssystem in Khartum, das auf Arabisch unterrichtet - und stellt Führerscheine und Geburtsurkunden aus. Die Rebellen wollen nicht sagen, wie viele Soldaten in den Reihen des militärischen Arms des S.P.L.M. sind, obwohl eine dem S.P.L.M. nahestehende Person mir sagte, dass etwa 20.000 Kämpfer in den Bergen verstreut sind. Sie nennen das Gebiet, das sie verteidigen, 'New Sudan'."

Außerdem: Ross Barkan fragt sich, wie weit eine aktivistische Linke wirklich kommen kann, ohne charismatische Anführer.

Magazinrundschau vom 16.07.2024 - New York Times

Danyel Smith ist eine der bekanntesten schwarzen Popjournalistinnen in den USA. Ende der Neunziger, als Magazine noch hip waren, leitete sie das Magazin Vibe, das dem immer erfolgreicheren HipHop-Genre gewidmet war - allerdings wohl mehr auf der Hochglanz- und Celebrity-Ebene. Sie erzählt, wie sie im Jahr 1997 einen Titel über Sean Combs alias P. Diddy machte und wie er sie physisch bedrohte und verfolgte, weil sie ihm das Coverbild nicht vor der Veröffentlichung zeigen wollte. Sie erzählt auch von ihrer Medikamentensucht und den schwarzen Löchern in ihrem Gedächtnis. Ihr Artikel klingt ehrlich. Das Hiphop-Business und das Pop-Business im allgemeinen schildert sie als eine Hölle aus Gewalt und Vergewaltigung - allein Sean Combs muss sich einiger übler Vergewaltigungsanklagen erwehren. Dass er seine Frau schlug, ist auf einem Überwachungsvideo festgehalten, so dass er es nicht, wie üblich, abstreiten konnte. Smith erzählt, wie sie trotzdem in ihrem Magazin dazu beitrug, seinen Glamour und seinen Reichtum zu mehren. Auch Journalistinnen wurden Opfer sexueller Gewalt: "Ich weiß, wie es ist, geschlagen zu werden (ich wurde halb von einer alkoholkranken Vaterfigur großgezogen), und ich habe immer noch nicht herausgefunden, wie ich mich verhalten soll. Eine Kollegin von Vibe erzählte mir, dass sie von einem Musiker angegriffen wurde, als sie ihn interviewen wollte. Ich habe versucht, sie zu trösten, aber ich konnte nicht viel sagen, was ihr geholfen hätte. Ich weiß, dass ich es nicht konnte, denn Jahre später hat sie es mir bestätigt. Ich stotterte und verhaspelte mich. Ich hatte keine Sprache, um über das zu sprechen, was ihr passiert war, denn ich konnte nicht einmal sagen, was mir passiert war. Sie kam davon. Ich dagegen konnte einen sexuellen Übergriff am Arbeitsplatz nicht überwinden. Wir blieben jedoch immer in Kontakt, und Jahre später lud sie mich zu ihrer Hochzeit ein. Ich konnte mich nicht dazu aufraffen hinzugehen. Ich hätte die großherzige Mentorin sein müssen, und ich fühlte mich schuldig und verlegen, weil ich nicht für sie da gewesen war, weil ich nicht die Person war, die mir selbst so fehlte."

Magazinrundschau vom 02.07.2024 - New York Times

In der Geschichte der chinesisch-indischen Beziehungen hat das Grenzgebiet zwischen beiden Ländern immer eine wichtige Rolle gespielt und ist nun wieder in den Mittelpunkt der Politik gerückt: Denn Indien und China ringen beide um den Status einer Weltmacht und wollen sich dementsprechend die Vorherrschaft in der indo-pazifischen Region sichern, schreibt im New York Times Magazine Yudhijit Bhattacharjee, der vor diesem Hintergrund insbesondere die Expansionspolitik Chinas untersucht: "Ein hochrangiger indischer Geheimdienstmitarbeiter, (...) erklärte, dass China mit seiner Feindseligkeit entlang der Grenz- und Kontrolllinie zwei strategische Ziele verfolge: den Einfluss Indiens in seinem eigenen Hinterhof zurückzudrängen und das indische Militär zu binden, um Indiens größeren geopolitischen Einfluss zu schwächen. (...) Chinas wirtschaftliche Stärke hat dazu beigetragen, seinen Einfluss in der Region in einer Weise auszuweiten, mit der Indien nicht mithalten konnte, sagte mir der Beamte. Im Rahmen einer von Xi 2013 ins Leben gerufenen Initiative hat China in Infrastrukturprojekte in allen Nachbarländern Indiens investiert. 'Wir nennen sie strategische Projekte, weil sie in diese Projekte investieren, ohne sich Gedanken darüber zu machen, was sie in geschäftlicher Hinsicht zurückbekommen', sagte er. Was China durch diese Investitionen gewinne, sei eine 'massive Hebelwirkung'. Indien könne nicht nur in Bezug auf die Ressourcen nicht mithalten, sondern dürfe auch nicht so agieren, wie es die Chinesen täten. 'Sie kommen buchstäblich mit Taschen voller Geld', sagte er. 'Wir brauchen die Zustimmung des Parlaments, diese und jene Genehmigung.'"

Magazinrundschau vom 04.06.2024 - New York Times

Elf Millionen Menschen sind im Sudan auf der Flucht, schreibt Dena Ibrahim, selbst ein Flüchtling, in der New York Times. Die Milizen der RSF, Nachfolger der arabischen Milizen, die einst in Darfur wüteten, zerstören systematisch den Traum eines vielfältigen Sudan, der aus Arabern und Nicht-Arabern und aus Christen und Muslimen zusammengesetzt wäre, wie man ihn sich in der Revolution von 2019 erträumte. Es ist ein Genozid, zu erkennen auch an der Zerstörung von Kulturstätten wie dem Nationalmuesum: "Im Mai 2023 drangen Kämpfer der RSF in das Nationalmuseum ein. In Videos, die im Internet veröffentlicht wurden, sah man, wie sie antike nubische Särge öffneten und 3.000 Jahre alte Mumien in ihrer Totenruhe störten. Scharfschützen bezogen auf dem Dach des Museums Stellung. Das Museum wurde geplündert. Es wird jetzt als Friedhof der RSF genutzt. Auch das Khalifa House Museum in Omdurman, das ebenfalls kürzlich renoviert wurde, wurde geplündert. Mitglieder der RSF haben Videos von sich selbst in den Ruinen der alten religiösen Stätte von Naqa, einem Unesco-Weltkulturerbe, veröffentlicht. Sie sollen Universitätsbibliotheken und -archive geplündert oder verbrannt haben. Im September erfuhr ich, dass die Sammlung seltener Musikinstrumente an der Bait Al Oud Akademie - die ich am Vorabend des Krieges gehört hatte - zerstört worden war."
Stichwörter: Sudan, Darfur, Weltkulturerbe