Magazinrundschau - Archiv

Le Nouvel Observateur

246 Presseschau-Absätze - Seite 11 von 25

Magazinrundschau vom 20.12.2005 - Nouvel Observateur

Unter der Überschrift "Republik verzweifelt gesucht" diskutieren Regis Debray (mehr) und der Philosoph Marcel Gauchet über den Glauben an die Politik, Multikulturalismus und die Krise der französischen Nation. Im Gegensatz zu Debray, der eine "bürgerliche Religion", propagiert, glaubt Gauchet, Autor des Buchs "Desenchantement du monde" (Auszug) nicht daran, dass es eine solche überhaupt geben kann. "Ich wüsste nicht, wo man die finden sollte. Denn nach meiner Ansicht ist die Möglichkeit eines zivilen Glaubens selbst mit der Quelle, aus dem er sich nähren müsste, verschwunden. Zunächst hat er seine Haupttriebfeder verloren: den Konflikt mit den bestehenden Religionen - die katholische Kirche gegen die französische Republik. Die Republik setzte der Autorität der Kirche die Idee der Freiheit entgegen und lieh sich dabei gewissermaßen deren sakrale Energie. Die republikanische Idee hatte in Frankreich die Funktion einer machtvollen zivilen Religion. Das ist nicht mehr der Fall." Und zum Konzept des Multikulturalismus meint Debray: "Ob es einem nun passt oder nicht, unterschiedliche Identitäten sind eine Tatsache. Der abstrakte Universalismus, der die Menschen ohne Eigenschaften und Geschichte definiert, die Augen vor Identitäten verschließt und beispielsweise die koloniale Frage verleugnet, war niemals existenzfähig."

Zu lesen ist außerdem ein Interview mit Luc Besson über seinen neuen Film "Angel-A".

Magazinrundschau vom 13.12.2005 - Nouvel Observateur

Die französische Regierung hat jüngst ein Gesetz erlassen, das es den Lehrern vorschreibt, auch die "positiven Aspekte" der französischen Kolonialgeschichte hervorzuheben. Seitdem tobt in Frankreich eine Debatte über das Thema der Kolonien. Der Nouvel Obs hat in dieser Woche ein ganzes Dossier dazu zusammengestellt. Zitiert sei der Historiker Marc Ferro, der das Gesetz als "Wahnsinn" beschreibt: "Historiker können sich gegen eine solche Bestimmung nur auflehnen. Der regierende Staat darf nicht die Moral der Geschichte festlegen, deren Akteur er war und seine Politik rechtfertigen, als habe er stets das Gute verkörpert. Diese Versuchung erinnert an die totalitären Staaten und Chruschtschows Satz von den 'gefährlichen Historikern'."

Weitere Artikel: Claude Askolovitch beschreibt die Hintergründe und unterschiedlichen Positionen der aktuellen Debatte. In einem Interview warnt der Historiker Pascal Blanchard vor einem "Krieg der Erinnerungen". Und ein weiterer Beitrag fasst zusammen, wie "postkoloniale Amnesie, falsche Integrationsversprechungen und rassistische Diskriminierung" die Jugendlichen aus den Banlieues gegen die "französische Verlogenheit" aufbrachten.

Jean Baudrillard schreibt in einem nicht immer ganz klaren kleinen Essay über den "versteckten Riss" in unseren Gesellschaften, der auch das französische "Nein" zur europäischen Verfassung erkläre. Demnach ist es nicht politisch oder wirtschaftlich, sondern als eine Auflehnung gegen die Derealisierung des Bevölkerung durch Medien und Politik zu verstehen: "Was soll man von einem Volk erwarten, das durch Umfragen virtualisiert, in Statistiken eingesperrt, durch Medien belästigt wird, als dass es dieses Joch eines Tages abwirft durch ein ebenso unerklärliches wie unvorhersehbares Nein?"

Magazinrundschau vom 06.12.2005 - Nouvel Observateur

Für den NouvelObs sind Finkielkraut und Kollegen einfach nur "neo-reacs". Nach Jahrzehnten der "Dominanz des Fortschritts" stünden diese "Intellektuellen einer neuen Rechten" für eine "Verschiebung" der aktuellen Mehrheitsmeinung und riskierten damit, die Spaltungen innerhalb der französischen Gesellschaft zu verschärfen. In seinem Einführungsartikel dekliniert Laurent Joffrin die Thesen und Argumente dieser Gruppierung durch. Seiner Ansicht nach sind "die neo-reacs wie die Neocons in den USA geistige Vorbereiter einer Politik sind, die ungleich schärfer ist als der Gallozentrismus eines Chirac oder Villepin."

Pascal Bruckner dagegen meint, dass Finkielkraut in einigen Passagen des Gesprächs über das Ziel hinausgeschossen sei, aber er konzediert ihm, einen richtigen Nerv getroffen zu haben und zieht seine Äußerungen der political correctness vor, die "seit zwanzig Jahren dem Front national in die Hände spielt". Wie Finkielkraut glaubt auch Bruckner nicht an die einfache Rassismus-These zur Erklärung der Jugendrevolte: "Ich dachte, jene Vision, die ein automatisch schuldiges Europa einem immer unschuldigen und unberührbaren Süden entgegenstellt, sei endgültig verfallen. Wenn nun heute erklärt wird, dass sich durch Frankreich eine 'koloniale Spaltung' zieht, ja, dass Frankreich eine Kolonialmacht auf dem eigenen Territorium bleibt und die Banlieues besetzt hält wie eine fremde Armee, dann bin ich sprachlos." Ganz anderes sieht es Claude Askolovitch: "Die Funktionäre des Front national lesen inzwischen Finkielkraut, und sie brüsten sich damit."

Magazinrundschau vom 29.11.2005 - Nouvel Observateur

In einem Debattenbeitrag kommentiert der amerikanische Ökonom Jeremy Rifkin die französischen Vorstadtkrawalle und zieht Vergleiche zu amerikanischen Getto-Aufständen. So habe man in Frankreich im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten durchaus noch Anlass zu Hoffnung, weil die benachteiligten Jugendlichen immer noch hofften, sich in die Gesellschaft integrieren zu können. "Wenn sie das eines Tages nicht mehr interessiert, muss man sich wirklich Sorgen machen. Das hat sich in den USA gezeigt." Rifkin empfiehlt Frankreich, aus den "Fehlern der USA zu lernen" und "die Gelegenheit zu nutzen, eine nationale Debatte zu führen. Man sollte ernsthaft die Bildung einer unabhängigen Kommission mit Vertretern aller gesellschaftlichen Gruppen einschließlich der benachteiligten Kommunen in Erwägung ziehen, die sich mit dem Schicksal der Jugendlichen beschäftigt. Am wichtigsten ist es, den Beschwerden der Jugendlichen endlich Aufmerksamkeit zu schenken und gemeinsam mit ihnen geeignete Reformen auf den Weg zu bringen, die ihre Situation verbessern."
Stichwörter: Kommune, Rifkin, Jeremy, Kommunen

Magazinrundschau vom 08.11.2005 - Nouvel Observateur

Der Historiker Pascal Blanchard untersucht in einem Buch, das jetzt in Frankreich von sich reden macht, "La Fracture coloniale". Darin beklagt er eine massive Verdrängung der französischen Kolonialgeschichte, von der nur unbedeutende Reste im Gedächtnis der heutigen Franzosen geblieben seien. Vielleicht einer der Gründe für die Jugendunruhen? Im Interview mit dem Nouvel Obs sagt Blanchard: "Diese Frage betrifft sieben Generationen und gut 700 Millionen Individuen. Wenn ein Land überhaupt kein Material und keine Orte der Information über eine solche Frage zur Verfügung stellt - was soll ein Geschichtslehrer vor einer Schulkasse, die zu siebzig Prozent aus Abkömmlingen ehemaliger Kolonien besteht, dann machen? Was soll er sagen? Der Schüler hat in dieser Geschichte nur das Gefühl, als 'Feind der Republik' wahrgenommen zu werden oder in dieser langen Geschichte der Nation als illegitim zu gelten." Auch der Figaro befasst sich mit dem Buch und weiteren Neuerscheinungen zum Thema.

Vorgestellt werden außerdem unter anderem zwei Bücher gegen die "Vergötterung des Fortschritts": "Nous autres, modernes" (Ellipses) des Philosophen Alain Finkielkraut, ein Sammelband seiner Vorlesungen an der Ecole polytechnique, und "Moderne contre moderne" des Schriftstellers und Essayisten Philippe Muray. "Glaubt man Muray und Finkielkraut, ist sich die Moderne in ihrer ultramodernen Einsamkeit selbst zum Feind geworden. Die Moderne hat die Moderne durch Chaos besiegt."

Magazinrundschau vom 01.11.2005 - Nouvel Observateur

Einige Monate nach Erscheinen besichtigen Aude Lancelin und Vincent Monnier die Schlachtformationen um Michel Houellebecq und seinen neuen Roman "Die Möglichkeit einer Insel", die von zuckersüßen Raelianern bis zu bitterbösen Konkurrenten reichen: "Da gibt es die bedingungslosen Fans wie Fernando Arrabal oder Dominique Noguez, die beide Essays zu seinem Ruhm verfassten. Oder der Academicien Marc Fumaroli (hier im Habit), ein neuer Verbündeter. Oder gar die ungefähr dreißig Jungakademiker, die Ende Oktober in Edinburgh tagten und gelehrte Debatten über 'Houellebecq, Fürst der Anti-Utopisten' oder die 'Traumzertrümmerer - Houellebecq, Maupassant, Schopenhauer' führten. Es gibt natürlich auch die feministische Lobby, bis hoch in die Goncourt-Jury, die sich wenig erbaut zeigt von Houellebecqs Beschreibungen 'zellulitischer Fünfzigjähriger mit dem ewig unerfüllten Wunsch nach wilder Liebe'. Selbst die Verkaufszahlen seines letzten Buchs sind zum Streitobjekt geworden: 210.000 in vier Tagen, versichert der Verlag, 85.323 in vier Wochen erregt sich Denis Demonpion, Autor einer 'nicht autorisierten' Biografie."

Im Interview trauert Günter Grass Gerhard Schröder nach und auch der Tradition des "engagierten Intellektuellen", die sich im Lauf der Zeit verloren habe: "Die jüngere Intellektuellengeneration hält sich fern von der Politik. Trotz meines Alters und obwohl es mir immer noch Spaß macht, möchte ich doch, dass andere die Fackel aufgreifen. So ist es mir gelungen, gut zehn junge Schriftsteller von Michael Kumpfmüller über Eva Menasse bis zu Juli Zeh zu mobilisieren, die besonders sensibel auf soziale Probleme reagieren. Und meine 'Epigonen' haben sich bewährt, sie haben ihre Aufgabe mit Mut und Pragmatismus erfüllt."

Interessant auch der Titel: "Tony Blairs Herausforderung", wo man sich in streng laizistischer Tradition wundert, dass Blair islamische Repräsentanten in seinen Kampf gegen den Terror einbinden will.

Magazinrundschau vom 18.10.2005 - Nouvel Observateur

Der Debattenteil des Obs ist in dieser Woche zwei Publikationen aus der Sprachwissenschaft gewidmet. Jean-Marie Hombert, Linguist und Leiter eines interdisziplinären Projekts am CNRS, gewährt Einblicke in einige Themen und Ergebnisse des von ihm betreuten Sammelbands "Aux origines des langues et du langage" (Fayard). Darin werden Fragen untersucht wie: Wann hat der erste Mensch gesprochen? Gibt es eine Muttersprache? Ausgehend von der "Explosion des Wortschatzes" beim kindlichen Spracherwerb versuchen Wissenschaftler derzeit etwa, diese als Analogie für die Sprachentstehung zu deuten. Ebenso wie die Fähigkeit einiger Primaten, die - je nach drohender Gefahr durch Adler, Leoparden oder Schlangen - über unterschiedlich Alarmschreie verfügen. "Stellen wir uns vor, dass dieser Wortschatz schrittweise zunimmt und in einer noch feineren Kategorisierung der Gefahr mündet: Genau das ist dem Homo Sapiens gelungen. (...) Wortschatz und Syntax - die beiden Dinge, die die Primaten nicht kennen."

Und der Linguist, Sprachphilosoph und Erfinder des "Petit Robert" Alain Rey bekennt, dass sein vierbändiger "Dictionnaire culturel en langue francaise" (Le Robert), der den "Begriffen auf den Grund" gehe, eigentlich als ein "Anti-Dictionnaire" und eine "Gegen-Enzyklopädie" gedacht war. "Mein Projekt besteht darin, den Lesern die Wörter als Visionen der Welt vorzuführen, die sich in verschiedenen Kulturen entlang der Sprache ausgeprägt haben."
Stichwörter: Muttersprache

Magazinrundschau vom 11.10.2005 - Nouvel Observateur

Anlässlich der großen Ausstellung "Melancolie - Genie et folie en Occident" im Grand Palais mit Werken von Dürer bis Picasso, denkt der französische Lyriker und Essayist Yves Bonnefoy (mehr) über Melancholie nach, diese Gemütsverfassung, die vor allem den Westen beherrsche. In seiner Eingangsdefinition beschreibt er sie als "eine sich stets wiederholende und nie erfüllte Sehnsucht. Doch besteht diese Sehnsucht weniger in einem echten Verlangen nach dem 'wahren Leben', als im Mangel eines tatsächlichen Bedürfnisses nach Erfüllung dieses Verlangens." Die Kunst sei "ein Ansporn für diesen hellen Traum, dieses unglückliche Glück: die Melancholie. Im Verlauf der Geschichte des Westens entwickelte sie sich zu einem Vergrößerungsspiegel dieses Oxymorons in der Existenz."
Stichwörter: Bonnefoy, Yves

Magazinrundschau vom 27.09.2005 - Nouvel Observateur

Im Debattenteil äußert sich Harry Belafonte über Bush, Martin Luther King, sein politisches Engagement und die Folgen von Katrina. "Amerika hat sich auf Rassismus, Unmenschlichkeit, Egoismus und Ehrgeiz gegründet. Es hat Millionen indianischer Ureinwohner eliminiert, 20 bis 30 Millionen afrikanischer Sklaven importiert und sein Weltreich auf rassistischer und sozialer Unterdrückung, der Unterwerfung von Schwarzen und Armen errichtet. Ich fürchte, dass der Anflug von Klarheit, den Katrina in den USA ausgelöst hat, nicht nur vorübergehend ist. (?) Es obliegt den Opfern der Armut und des Rassismus, Rechenschaft von den USA zu fordern und sie zu zwingen, Verantwortung zu übernehmen."

In einem weiteren Artikel spricht der albanische Schriftsteller Ismail Kadare (mehr) über den "kommunistischen Albtraum", die Lüge und die Zukunft des Balkans. "Im Grunde bin ich eher optimistisch, was die Zukunft Albaniens und des Balkans angeht. Zum ersten Mal seit 1000 Jahren, haben die Völker des Balkans ein gemeinsames Ziel: die Anbindung an Europa. Bisher bestand die Geschichte der Region aus mein Land gegen deines, meine Auffassungen gegen deine, mein Leben gegen deines. Der europäische Traum ist dabei, eine Logik der Annäherung zu erzeugen."

Magazinrundschau vom 13.09.2005 - Nouvel Observateur

In einem Interview antwortet John Updike auf die Frage, ob er Schriftsteller für eine aussterbende Gattung halte: "Schriftsteller, im Sinne wie ich sie verstehe - also professionelle Schriftsteller, die in meditativer Einsamkeit ein Produkt herstellen, das an ein interessiertes Publikum verkauft werden kann und die nach einem gewandten Denken und sprachlichen Können streben, mittels dessen sie sich an quasi jedem Sujet versuchen können - werden immer seltener. Der Begriff des Schriftstellers verblasst im elektronischen Zeitalter, in dem der Appetit des Markts auf die Schrift abgenommen hat. (...) Die Leselust ist nicht vollkommen verschwunden; Gedrucktes bietet eine Möglichkeit des Entkommens, der Erleuchtung wie nichts anderes. Aber Neues, das, was früher in Zeitschriften abgedruckt wurde, droht - wie die Lyrik - aufs Abstellgleis zu geraten, in eine spezialisierte Provinz, die im Wesentlichen nur von selbsternannten Schriftstellern aufgesucht wird."

Zu lesen ist außerdem ein Interview mit der amerikanischen Schriftstellerin Cynthia Ozick (mehr).