Magazinrundschau - Archiv

Le Nouvel Observateur

246 Presseschau-Absätze - Seite 10 von 25

Magazinrundschau vom 16.05.2006 - Nouvel Observateur

"Das französische Kino stirbt, das Fernsehen übernimmt die Herrschaft" klagt der Filmkritiker des Nouvel Obs in einem als "Autopsie eines Debakels" apostrophierten Beitrag. Obwohl die Branche noch nie so viele Filme produziert habe - 240 im Jahr 2005, von denen 24 alleine 90 Prozent aller Kinobesuche erzielten - habe es noch nie so wenige echte Filmemacher gegeben. Denn der Großteil der Filme sei erst gar nicht für die Leinwand bestimmt, sondern füttere die Fernsehkanäle, die inzwischen zum mächtigen Hauptarbeitgeber avanciert seien. "Was würde sich ändern, wenn man wieder qualitativ anspruchsvolle Filme machte? Für das Publikum viel, für den Berufsstand zunächst einmal nichts, auf Dauer gesehen könnte er aber nur davon profitieren. Nur kann der Berufsstand das gar nicht mehr, hat keine Lust und glaubt nicht daran. Die französische Kinobranche ist eine Industrie ohne Überzeugung."
Stichwörter: Französisches Kino

Magazinrundschau vom 02.05.2006 - Nouvel Observateur

Für die Lektüre des Nouvel Obs muss man seit einige Zeit zahlen, nur wenige Artikel sind noch frei zugänglich. In der aktuellen Ausgabe nun ein Porträt mit zahlreichen O-Tönen des Schriftstellers Kurt Vonnegut, der den Luftangriff auf Dresden als Kriegsgefangener erlebte und in seinem bekanntesten Buch "Schlachthof 5" beschrieb. Anlass für den Besuch bei dem inzwischen 83-Jährigen ist das Erscheinen seines jüngsten Buchs "Mann ohne Land", in dem er unter anderem gegen Amerika schäumt. Im Gespräch erklärt er: "Die Amerikaner haben Kennedy ermordet und John Lennon. Unser Land kennt sich mit Terrorismus schon lange aus. Und heute befürchtet man, dass andere Nationen versuchen, uns zu schwächen? Was ich feststelle ist, dass wir uns selbst schwächen und zwar durch Blindheit und Dummheit... Ich weiß heute, dass es nicht die geringste Chance gibt, dass Amerika menschlich und vernünftig wird. Weil uns Macht korrumpiert und absolute Macht uns absolut korrumpiert. Die Menschen sind von Macht berauschte und verrückt gewordene Schimpansen."

Magazinrundschau vom 21.03.2006 - Nouvel Observateur

In seinem neuen Buch "Poste restante: Alger. Lettres de colere et d'espoir a mes compatriotes" formuliert der in Algier lebende Schriftsteller Boualem Sansal seine Träume von einem wahrhaft "authentischen" Algerien. In einem interessanten Abschnitt über den Sprachgebrauch im Land schreibt er unter der Überschrift "Arabisch ist unsere Sprache": "Nichts ist weniger selbstverständlich als das. Das klassische Arabisch ist zwar die offizielle Sprache, aber für niemanden Muttersprache. Zuhause und in der Familie, im Clan, Stamm und in seinem Viertel sprechen wir im Alltag Berbersprachen (kabylisch, chaoui, tamashek), arabische Dialekte oder ein wenig koloniales Französisch." Das lässt für Sansal nur einen Schluss zu: "Das klassische Arabisch ist zwar die Sprache Algeriens, aber die Algerier sprechen andere Sprachen. Erinnert das nicht an Europa im Mittelalter? Mich schon. Die Herren schwafelten auf Lateinisch, die Leibeigenen behalfen sich so gut sie konnten. Wenn die Regierung auf uns hören würde, würden wir ihr vorschlagen, arabische Dialekte und Französisch zu konstitutionalisieren. Es ist nie verrückt, Gesetze zu erlassen, die der Realität entsprechen und man kann nie über genug Sprachen verfügen, um sich verständlich zu machen."

Magazinrundschau vom 07.03.2006 - Nouvel Observateur

In einem eher boshaften Geburtstagsartikel zu "30 Jahren neue Philosophen" analysiert Aude Lancelin die frühen Erfolge Andre Glucksmanns und Bernhard-Henri Levys mit ihren antitotalitären Büchern als "entscheidende fortschrittsfeindliche Wende einer ganzen Fraktion der französischen Intelligenzija". Lancelin erinnert auch an die furiosen Angriffe, die Gilles Deleuze seinerzeit gegen die antitotalitären Nachwuchsdenker abfeuerte, und zitiert Glucksmanns Antwort: "Ja, mein lieber Gilles, der Gulag ist kein Komma in einem Text von Kant! Der Gulag ist ein Kraftwort, ein dicker Brocken, den wir damals der verblendeten französischen Intelligenzija in die Suppe warfen." Levy hat gerade "American Vertigo" (Grasset, hier), veröffentlicht, Reisetagebuch und zugleich Versuch, ein Bild der USA nach dem 11. September zu entwerfen, und Glucksmann den Erinnerungsband "Une rage d?enfant" (Plon, hier). Zu lesen ist außerdem ein Bericht über Levys Auftritt bei diversen öffentlichen Veranstaltungen während seiner USA-Reise.

In der Titelgeschichte werden die "Lehren" diskutiert, die aus der Entführung, Folterung und Ermordung des jungen jüdischen Franzosen Ilan Halimi durch eine Jugendbande zu ziehen seien. Die Verortung des "barbarischen Verbrechens" arbeitet sich in Frankreich an den Themenfeldern "Supergewaltbereitschaft von Banden", "unmenschliche Städte", "Kultur des Hasses" und "Verharmlosung des Antisemitismus" ab.

Weiteres: Im Debattenteil sind Auszüge aus einem Katalogbeitrag zu lesen, den der Schriftsteller Abdelwahab Meddeb ("La Maladie de l'islam", Seuil) für die demnächst in der Bibliotheque Nationale eröffnende Ausstellung "Lumieres!" geschrieben hat. Darin erklärt er, wie die islamische Welt im 19. Jahrhundert der Aufklärung begegnete und warum sie selbst deren Ideen nicht übernahm. Der Nouvel Obs-Mitarbeiter Jean-Louis Ezine hofft in einem offener Brief an den Philosophen Michel Onfray, dass sein Projekt einer "Contre-histoire de la philosophie" (Editions Grasset), von dessen sechs angekündigten Bänden die ersten zwei gerade erschienen sind, "nur lustig gemeint sei". Zwei Rezensenten erörtern schließlich das Für und Wider des neuen Romans "Villa Amalia" von Goncourt-Preisträger Pascal Quignard.

Magazinrundschau vom 28.02.2006 - Nouvel Observateur

Eineinhalb Jahre nach seinem Tod erscheint postum nun ein Essay von Jacques Derrida, den Rezensent Didier Eribon "fulminant" findet. In "L'Animal que donc je suis" (Galilee) entdecke man Derridas Faszination für die Tierwelt - aus der heraus er erneut über Moral und Gerechtigkeit nachdenke. "Das Buch beginnt wie eine sartresche Reflexion über den Blick des Anderen: Wenn fremde Augen auf mich gerichtet sind, bin ich dann nicht geradezu gezwungen, mich zu fragen, wer ich bin? Auch wenn der Andere in diesem Fall ein Tier ist. Eine Katze. Das ist tatsächlich die Anfangsszene, aus der heraus Derrida seine Überlegung entwickelt: in dem Moment, in dem er sich im Bad anschickt, unter die Dusche zu steigen, bemerkt er, dass seine Katze ihn beobachtet. Der 'splitternackte' Philosoph kann sich nicht helfen: ein Gefühl der Scham, ja der Beschämung erfasst ihn. Deshalb fragt er sich: Was bedeutet es, mit Tieren zusammenzuleben? Was bedeutet es für uns, aber auch für sie?"

Im Debattenteil diskutieren die Juristin Francoise Chandernagor, Unterzeichnerin der Petition "Freiheit für die Geschichte", und die sozialistische Abgeordnete Christiane Taubira, Namenspatronin eines Gesetzes von 2001, das Sklaverei und Sklavenhandel als Verbrechen gegen die Menschlichkeit festschreibt, über die Frage, ob man Geschichte und Erinnerung gesetzlich festlegen muss. Zu lesen ist außerdem ein Porträt und Bericht eines Besuchs bei Deborah Devonshire, der letzten noch lebenden Mitford-Schwester, die, inzwischen 85-jährig, jetzt ihre Erinnerungen vorgelegt hat. Nur in der Online-Ausgabe des Magazins ist ein Vorabdruck aus einem neuen Buch über Bernard-Henri Levy zu lesen: "Une imposture francaise" der beiden Journalisten Nicolas Beau (Canard Enchaine) und Olivier Toscer (Nouvel Observateur). Der ungeliebte Intellektuelle - der Buchtitel "ein französischer Betrug" mag bereits ein Hinweis sein - ist damit erneut Objekt einer Untersuchung des "Systems BHL".

Magazinrundschau vom 14.02.2006 - Nouvel Observateur

Der Nouvel Obs interviewt den Philosophen Regis Debray, der mit Rücksicht auf den Islam eine freiwillige Selbstbeschränkung der freien Meinung im Westen fordert: "Wir dürfen unsere Denkkategorien und unserer System sozialer Empfindungen nicht auf eine andere Kultur übertragen, die eine andere Geschichte hat und wo der religiöse Faktor eine strukturierende Rolle spielt wie bei uns vor 300 Jahren."
Stichwörter: Debray, Regis

Magazinrundschau vom 07.02.2006 - Nouvel Observateur

Im Debattenteil gibt der englische Schriftsteller Jonathan Coe Auskunft über Englands "Blair-Jahre", die auch Thema seines jüngsten Romans "The Closed Circle" sind. Blair sei "zugleich Symptom wie Motor einer Epoche. (...) Er erschien als eine charismatische, quasi eine Leit-Figur, die die Wähler verführte, wie es noch keinem Labour-Politiker vor ihm gelungen war. Und als die alten Linksanhänger der Partei seine tatsächliche Politik erkannten, reagierten sie wie abgeblitzte Liebhaber." Am schlimmsten sei, dass Blair über die Gründe für den Irakkrieg gelogen habe, das aber "schon wieder vergessen sei. Kein Verantwortlicher geruhte, zu seinem Irrtum zu stehen. Es ist verblüffend, dass der eloquenteste Widerstand gegen diesen Krieg zum größten Teil von der politischen Rechten kam. Man liest flammende Leitartikel, zu denen man nur applaudieren kann, um am Ende der Seite den Namen eines ehemaligen Ministers von Frau Thatcher zu entdecken!"

Das Titeldossier beschäftigt sich mit dem Islam in Frankreich und stellt unter anderem die Fragen, ob er eine Bedrohung für den Laizismus darstelle und man die Integrationsbemühungen verstärken müsse. Zu lesen ist unter anderem ein Interview mit dem Autor Patrick Haenni, der ein Buch über einen aus ökonomischen Gründen zunehmend "pragmatischer" agierenden Islam geschrieben hat ("L'Islam de marche. L'autre revolution conservatrice", Seuil). Formuliert werden außerdem die "fünf Baustellen des Islam", dessen Modernisierung, so der Anthropologe Malek Chebel, eine "Voraussetzung für die Kompatibilität mit dem Laizismus" sei.

Magazinrundschau vom 31.01.2006 - Nouvel Observateur

Unter der Überschrift "Die unvollendete Wiedervereinigung" beklagt Christa Wolf in einem Interview anlässlich des Erscheinens ihres Buchs "Ein Tag im Jahr" in Frankreich die anhaltende Dominanz Westdeutschlands gegenüber der ehemaligen DDR. "In diesen 15 Jahren waren nahezu alle ehemaligen Bürger der DDR gezwungen, ihr Leben von Grund auf zu ändern. Es gibt keinen Platz mehr für Nostalgie oder Beschönigungen." Niemand wünsche sich die DDR wirklich zurück. "Dennoch zeigen Statistiken noch immer Differenzen im Denken und Handeln zwischen Ost- und Westdeutschen: in Bezug auf die Vereinbarkeit von Beruf und Kindern für die Frauen, die Unterordnung von Einzelinteressen unter das allgemeine Wohl, die Verstaatlichung großer Unternehmen, die Vollbeschäftigung, oder dass Solidarität mehr zählt als die ungezügelte Freiheit des Marktes. Ich könnte die Aufzählung fortsetzen, sie zeigt, dass der 'Osten' auf bestimmten Gebieten (noch) andere Werte bewahrt als jene, die im 'Westen' vorherrschen. In der neuen Generation werden diese Unterschiede mehr und mehr verschwinden."

Magazinrundschau vom 24.01.2006 - Nouvel Observateur

In einem Essay schreibt der aus Martinique stammende Schriftsteller Patrick Chamoiseau über das Problem der Erinnerung im Zusammenhang mit der Diskussion über die koloniale Vergangenheit Frankreichs. "Wie kann man von der ethnozentrierten Geschichtsschreibung zu einer umfassenden gelangen? Wie das Konzert der Erinnerungen mit einem Gedenken in Einklang bringen, das alle unsere Erinnerungen und die Würde aller berücksichtigt? (...) Mein Land, Martinique, ist eine natürliche Nation, ohne Staat, ohne Verantwortung, ohne Souveränität, aber dennoch ohne Zweifel imstande, auf sehr ruhige Weise einen gewaltigen Einsatz dafür zu leisten."

Mit der Anmerkung, auch die Spanier hätten ein "Problem mit der kollektiven Erinnerung", leitet der Nouvel Obs einen Beitrag des spanischen Schriftstellers Javier Marias ein, in dem dieser sich mit der Verdrängung der Franco-Zeit auseinandersetzt. Im Gegensatz zu Frankreich, Italien oder Deutschland habe es in Spanien nie ein "Gefühl der Scham" gegeben. "Die meisten Franquisten waren auf einmal keine mehr, einfach so. Sie hatten nicht das Bedürfnis, ausdrücklich abzuschwören, oder für das, was sie während der langen Diktaturzeit getan hatten, gerade zu stehen."

Der Schriftsteller Philippe Sollers befasst sich schließlich anlässlich des Erscheinens eines Pleiade-Bandes mit den "Libertins des 18. Jahrhunderts" (Gallimard). Neben den "Stars" der erotischen Literatur wie Diderot, Laclos, Casanova, Sade, aber auch Mirabeau, Denon, Retif de La Bretonne, Crebillon, Dorat und Nerciat sei sein Lieblingsschriftsteller allerdings ein im doppelten Sinne Unbekannter, der seine "Meisterwerke" unter dem Namen Anonyme veröffentlicht hatte.

Magazinrundschau vom 10.01.2006 - Nouvel Observateur

Zehn Jahre nach dem Tod Francois Mitterrands zeigt sich, dass die morbide Faszination der Franzosen für den korruptesten ihrer Chefs seit Napoleon III. ungebrochen ist. Alle Magazine sind voll mit pittoresken Details aus dem Privatleben und Hymnen auf seine historische Größe. Einen tiefen Blick in das französische Seelenleben erlaubt im Nouvel Obs ein Gespräch zwischen Jacques Attali, einem der brillantesten Höflinge und Berater Mitterrands, und dem ehemaligen Premierminister Michel Rocard, der dank seiner Ehrlichkeit zu einem der ersten Opfer des Präsidenten wurde. Er erinnert an eines der zynischen Kabinettstücke Mitterrands im Jahr 1985, die Einführung des proportionalen Wahlrechts (das dann bald wieder abgeschafft wurde), um dem Front National den Einzug ins Parlament zu verschaffen und damit die Rechte zu spalten: "Die Konsequenzen waren in meinen Augen untragbar. Die Linke und Mitterrand öffneten dem Front National alle Schleusen und lösten das Gebrüll einer zweigespaltenen Rechten aus. Das war ein widerliches Kalkül. Ich bleibe bei meinem Standpunkt. Ich halte es nach wie vor für meine Ehrentat, mich dieser Entscheidung widersetzt zu haben und zurückgetreten zu sein."