Magazinrundschau - Archiv

Le point

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Magazinrundschau vom 06.12.2005 - Point

Frankreich streitet heftig über die "vague iconoclaste" (so nannte sie Le Point letzte Woche) beziehungsweise die "neo-reacs", die Neokonservativen, wie der Nouvel Observateur sie diese Woche nennt. Gemeint sind Intellektuelle wie Alain Finkielkraut, Marcel Gauchet, Luc Ferry, Politiker und Aktivistengruppen, die mit ihren Äußerungen zu den Aufständen in den Pariser Banlieues und dem Islam in Frankreich die gut eingespielte Trennung zwischen Rechts und Links in Frage stellen. Die Debatte entzündet sich vor allem an dem Interview, dass Alain Finkielkraut noch im November der israelischen Zeitung Haaretz gegeben hatte. Darin hatte er auf einen "ethnisch-religösen" Charakter der Krawalle in den französischen Vororten abgehoben und einen allgemeinen "Hass auf den Westen" als Ursache dafür ausgemacht. Nachdem Le Monde auszugsweise aus diesem Interview zitiert hatte, brach ein Sturm der Empörung los und Finkielkraut wurde in vielen Medien scharf kritisiert und des Rassismus bezichtigt. In zwei Interviews machte Finkielkraut daraufhin den Versuch, sich vor allem von letzterem zu distanzieren. In Le Point fasst Elisabeth Levy Reaktionen von Kritikern und Verteidigern zusammen und verteidigt Finkielkraut: Viele Intellektuelle seien offenbar nicht mehr in der Lage, "zwischen der Kritik an einem Gedanken und einer Kriminalisierung jeder abweichenden Meinung zu unterscheiden".

In der gestrigen Ausgabe von Le Monde bezeichnet der französische Innenminister Nicolas Sarkozy Finkielkraut als einen Intellektuellen, der "Frankreichs Intelligenz alle Ehre" mache und möglicherweise deshalb so viel Kritik bekomme, weil er "richtige Dinge" sage. Und Robert Sole diskutiert die Kritik an der Präsentation des Interviews in Le Monde und dem - möglicherweise verkürzenden - Umgang mit den Auszügen daraus.

In seinen Bloc-notes singt Bernard-Henri Levy ein Loblied auf das Centre Andre-Malraux in Sarajevo und dessen Gründer und Leiter Francis Bueb.

Magazinrundschau vom 29.11.2005 - Point

Le Point widmet seine Titelgeschichte in dieser Woche einem Phänomen, welches das Magazin "ikonoklastische Welle" getauft hat: Intellektuelle wie Alain Finkielkraut, Marcel Gauchet, Luc Ferry, Politiker und Aktivistengruppen bringen angesichts der gegenwärtigen innenpolitischen Probleme Frankreichs die Spaltung zwischen Rechts und Links "endlich" zum Kippen. In seinem Editorial mit der Überschrift "Der Friedhof der Überzeugungen", das sich auch mit dem Parteitag der Sozialisten beschäftigt, beschreibt Claude Imbert den Hintergrund: "Immer mehr Franzosen sehen den Zustand Frankreichs in seiner grausamen Wahrheit: den wirtschaftlichen Niedergang, das Scheitern der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit in den Vorstädten, die Isoliertheit in einem durch das Nein zum Referendum niedergeknüppelten Europa. Gegen dieses Chaos gibt es nur eine einzige taugliche Hoffnung: die der Reform."

In einem weiteren Beitrag benennt Francois Dufay das "Vergehen" dieser "Ikonoklasten": Dass sie es "wagen, die Dinge beim Namen zu nennen" und "Tabus brechen", indem sie etwa das "berühmte französische Sozialsystem" in Frage stellen oder sich weigern zu glauben, dass sich die "Unterdrückten" niemals "wie Barbaren aufführen" könnten. Noch sei unklar, ob diese "Welle" eine "nationale Neubestimmung" einläutet oder einen "naturgegebenen Pessimismus" markiert. Aber: "Es wird dieses Mal schwer fallen, diese Ikonoklasten mundtot zu machen, in dem man sie in die Nähe von Le Pen rückt. Weder fremdenfeindlich noch rechtsradikal rekrutiert sich ein Großteil dieser 'neuen Reaktionäre', die letztlich zum Realismus Bekehrte sind, aus den Reihen der Linken." Die Krawalle, aber auch die Selbstmordattentate und das Nein zur Europäischen Verfassung markierten eine "katastrophale Abfolge", welche nun "die Zungen löst, Ansichten zurechtrückt und jeden dazu zwingt, seine intellektuelle Bequemlichkeit aufzugeben."

Zwei Interviews mit dem sozialistischen Politiker und Mitgründer von Ärzte ohne Grenzen Bernard Kouchner und dem Schriftsteller und Essayisten Philippe Muray ("Moderne contre moderne") zum Thema sind leider nur gegen Bezahlung zu lesen.

Magazinrundschau vom 15.11.2005 - Point

Jetzt setzen sich auch die französischen Magazine mit den Unruhen in den Banlieues auseinander. In Le Point notiert Bernard-Henri Levy in seinen bloc notes über die "Explosion": "Physik des Körpers. Finstere Energie des reinen Hasses. Nihilistischer Strudel einer begriff- und planlosen Gewalt, die sich von Stadt zu Stadt durch die ebenfalls faszinierten Fernsehbilder an der Reflexion ihres eigenen Spektakels berauscht. Dies ist kein Krieg. Anders als die extreme Rechte, die extreme Linke, die Islamisten, glauben machen wollen, haben wir es hier nicht mit einer Intifada der Farbigen Frankreichs zu tun." Sondern mit einem ganz neuen Grad von Irrsinnigkeit: "Die Vandalen werden noch den Wagen ihres eigenen Vaters vorfahren, um ihn abzufackeln."

Und der Wirtschaftsanwalt Nicolas Baverez, der vor zwei Jahren mit seinem Buch "La France qui tombe" (Perrin) eine heftige Debatte ausgelöst hatte, sieht in den Krawallen die "erneute Veranschaulichung der nationalen Krise Frankreichs und der Zerrüttung des sozialen Körpers". Die Massenunruhen in Frankreich zeichneten sich durch zwei spezifische Merkmale aus: "ihren entschlossen nihilistischen Charakter, der sich in einem Wettlauf der Zerstörung ausdrückt, der jeden Anspruchs beraubt ist; und Verteilung der öffentlichen Güter und die Teilhabe daran, die das Gefühl des Ausschlusses aus der Staatsbürgerschaft und der nationalen Gemeinschaft symbolisieren."

Magazinrundschau vom 25.10.2005 - Point

In einem als "Schmähschrift" apostrophierten Essay ("Sur le pont d?Avignon", Flammarion) rechnet der französische Intellektuelle Regis Debray mit dem diesjährigen Festival von Avignon und seinem Leiter Jan Fabre ab. Es sei "mehr als ein Skandal" gewesen, nämlich der "Beweis eines kulturellen Zusammenbruchs". In den Auszügen, die Le Point veröffentlicht, erinnert sich Debray zunächst an die thematische und stilistische Ausgewogenheit des Festivals, das er 1956 nach seinem Abitur erstmals besucht hatte. "Gleichermaßen leichtbeschwingt und ernst" sei es damals zugegangen, die Aufführungen seien "karg und schön" gewesen. 2005 dagegen sei es an "Härte und Aggressivität" kaum noch zu überbieten gewesen. "Es wird gepöbelt, zerstückelt, gemetzelt. Und das Ganze live. Die Autoren haben es uns hundertfach vorgebetet: 'Die Welt ist gewalttätig. Diese Vorstellungen ebenfalls. Sie wollen witzige Einfälle? Schön, aber rechnen Sie nicht damit, dass wir Ihnen die bittere Pille versüßen. Konfrontieren Sie sich mit unseren harten Zeiten oder verlassen Sie den Saal.' Das Argument reicht nicht weit. Gibt es wirklich keine anderen Nöte als Psychosen und Perversionen?"

Magazinrundschau vom 18.10.2005 - Point

Anlässlich des Erscheinens des "Dictionnaire amoureux de l'Amerique latine" (Plon) traf Le Point in Madrid seinen Herausgeber, den peruanischen Schriftsteller Maria Vargas Llosa. Llosa spricht über Israels Rückzug aus dem Gazastreifen, linke Intellektuelle und zeigt erneut seine bekanntermaßen kritische Haltung gegenüber dem französischen Antiamerikanismus und dem Nein zur europäischen Verfassung. Die französische Haltung gegenüber dem Irakkrieg etwa sei ihm gleich "viel weniger ,sauber?" erschienen, als ihre Vertreter vorgegeben hätten. "Mal ehrlich, haben Sie nicht den Eindruck, dass dieser durch einen wilden Antiliberalismus verdoppelte Antiamerikanismus für die Franzosen heute die einzige Konsensebene darstellt? Sogar in Lateinamerika ist man weniger antiamerikanisch als früher!" Über das Nein zum Referendum sei er "konsterniert" gewesen: "Wie lange noch will Frankreich, dieses historisch beispielhafte Land, damit fortfahren, sich über die Globalisierung und den Liberalismus aufzuregen, sogar über die Gesetze der Schwerkraft? Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen einen Tony Blair, der endlich den Universalismus wiederbelebt, der, gegen den Nationalismus, stets die Größe ihrer Nation ausgemacht hat."

Magazinrundschau vom 20.09.2005 - Point

Seit 27 Jahren lehrt Alain Finkielkraut Geschichte des Denkens an der Ecole polytechnique. Nun legt er einen Band mit vier seiner Vorlesungen vor: "Nous autres, modernes" (Editions Ellipses). Zu lesen sind Auszüge aus zwei dieser Vorlesungen, über den "Gebrauch der Welt" und die Frage "Warum die Schule konservativ sein soll", in denen sich Finkielkraut vor allem mit Hannah Arendt auseinandersetzt. "In ihrem ganzen Werk besteht Hannah Arendt immer wieder auf der Verbindung zwischen Neugeschaffenem und Erhaltung der Welt. Die Schule, soweit sie zur Autonomie erzieht, erscheint ihr als das Allerheiligste dieser fragilen Verknüpfung. 'Gerade um das Neue und Revolutionäre in jedem Kind zu erhalten, muss die Schule konservativ sein.' Man wird nicht zur Emanzipation gelangen, wenn man nur dem Lauf der Zeit folgt, sondern nur über den Umweg über die Zeichen des Menschseins, die in den Werken der Kultur zu lesen stehen. In der Schule Ciceros, so sagten bereits die Meister der Renaissance, lernt man nicht, Cicero zu sein, sondern man selbst."

Und in seinen bloc notes schreibt Bernard-Henri Levy noch einmal über Katrina und New Orleans und die klammheimlich Freude über die Schwierigkeiten der Amerikaner bei der Bewältigung der Katastrophe. Dieser Text war am Wochenende auch in der FAS zu lesen.

Magazinrundschau vom 13.09.2005 - Point

Le Point unternimmt in dieser Woche eine Art Ehrenrettung Michel Houellebecqs, der in Frankreich für seinen neuen Roman "Die Möglichkeit einer Insel" gründlich abgewatscht wird. Die Lanze für ihn bricht Claude Imbert in seinem Editorial. "Wie alle antimodernen Pessimisten ist Houellebecq ein wahrer Moderner, das heißt ein Moderner, der seiner Zeit voraus ist. Sein Pessimismus begnügt sich nicht damit, nach einem Rat von Schopenhauer den 'ruchlosen Optimismus' aufzuscheuchen. Er versteht vielmehr ganz einfach, dass der Mensch vor einer Gabelung steht. Angekommen an einer Kreuzung wählt er unbekannte Marschrouten auf noch unberührten Pfaden."

Und in seinen Bloc notes erinnert sich Bernard-Henri Levy sehr sentimental an seinen Besuch in New Orleans vor wenigen Monaten.

Magazinrundschau vom 28.06.2005 - Point

Bernard-Henry Levy meldet sich nochmal zum Nein der Franzosen zur EU-Verfassung zu Wort und geht zum Gegenangriff über. "Die Franzosen", erklärt er, "haben nicht nur zu Chirac NEIN gesagt, sondern auch zu Kant. Sie haben sich nicht gegen Europa entschieden, sondern gegen den zentralen Text der Aufklärung. Es ist ein souveränistisches, populistisches, nationalistisches, manchmal auch fremdenfeindliches Votum - aber es war ein Votum, das, vor allem anderen, in der Gesamtheit dieser Reflexe, Partei ergriff gegen die Aufklärung und ihr kantisches Ideal der Freiheit." Nach einem kleinen Rekurs auf Hannah Arendt und Frage der Menschenrechte plädiert Levy für Europa und eine gemeinschaftliche Verfassung: "Nur Europa", schreibt er, "wird den Arbeitern, Konsumenten, Bürgern der europäischen Länder die Rechte gewähren, die nicht einem endgültig globalisierten Warenstrom gehorchen."
Stichwörter: Arendt, Hannah

Magazinrundschau vom 21.06.2005 - Point

Nach der Rückkehr der entführten Journalistin Florence Aubenas buchstabiert Bernard-Henri Levy in seiner Kolumne heute die zentralen Fragen der Geiselproblematik durch: Lösegeld oder nicht? Öffentlicher Rummel oder nicht? Ist Journalismus noch möglich? Über Aufgaben und Möglichkeiten des Journalismus schreibt er: "Sollte man, wie einige bereits vorschlagen, von der Aufdeckung zu riskanter Konflikte absehen? Sollte man, wie viele amerikanische Reporter, in die widernatürliche Praxis des embedding einwilligen? Sollte man sich, im Gegensatz dazu, verstecken? Sich einschleusen? Sollten Journalisten sich also verkleiden und maskieren? (?) Sollen sie im Namen der Wahrheit eine neue Art von 'Agenten' werden? Ich weiß, diese Fragen sind tabu. Ich weiß, dass sie die eigene Ethik eines Tuns berühren, das Sartre - der selbst ein großer Journalist gewesen ist! - gern als Öffentlichkeit, als Transparenz selbst bezeichnete. Egal. Ich weiß nicht, wie dieser Beruf, wenn er aus dem Martyrium von Florence und Hussein alle Lehren ziehen will, es vermeiden kann, diese Fragen zu stellen."
Stichwörter: Levy, Bernard-Henri

Magazinrundschau vom 14.06.2005 - Point

In einem Interview zeigt sich der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk reichlich wütend über den "infantilen Narzissmus" des französischen Neins zur europäischen Verfassung. "Eigentlich muss man zwei Nein erklären. Das niederländische Nein ist ein Nein des Misstrauens, einer kleinbürgerlichen Empfindlichkeit und ganz schlicht der Angst. Das französische Nein hat eine ganz andere Tonart: es ist bestrafend, triumphierend und gibt vor, eine Wiederholung der Französischen Revolution mit den Mitteln des allgemeinen Wahlrechts zu sein. Dieses Nein hält sich für heldenhaft, aber es ist das Heldentum von verwöhnten Kindern." Erstmals halte damit die Fremdenfeindlichkeit "die Fahne des Stolzes" hoch.

Berichtet wird außerdem über die anhaltende Tendenz von Restaurantchefs, die ihre Michelin-Sterne zurückgeben, weil ihnen Aufwand und Kosten wegen der damit verknüpften Erwartungen schlicht zu hoch sind.