Magazinrundschau - Archiv

Prospect

169 Presseschau-Absätze - Seite 14 von 17

Magazinrundschau vom 26.04.2005 - Prospect

Geoff Mulgan, der auf sieben Jahre Regierungserfahrung in Downing Street zurückblicken kann, räumt entschieden auf mit dem Klischee der machtlosen Regierung. Auch angesichts Globalisierung und allgegenwärtiger EU-Richtlinien hätten Politiker durchaus Gestaltungsmöglichkeiten. "Wie jedes menschliche Unterfangen kann auch die Regierung von Fehlern, Fehlbarkeit und Hybris heimgesucht werden. Doch heutzutage lauert die größere Gefahr für eine Regierung nicht in übermäßiger Hybris, sondern eher darin, dass sie dem - oft von den skeptischen Medien verbreiteten - Mythos verfällt, sie sei machtlos und zu Misstrauen und Vergeblichkeit verdammt." Ausführlich zeigt Mulgan auf, über welchen Handlungsspielraum die Regierungen - vor allem langfristig - verfügen und kommt zu dem Schluss, dass "die Vorstellung, Regierungen hätten keine Macht mehr, eine Illusion ist - eine Illusion jedoch, die ein nützliches Alibi verschaffen kann".

Weitere Artikel: Julian Evans gratuliert nicht nur Cervantes' ikonischem "Don Quichotte" zum 400. Geburtstag, sondern auch Edith Grossman zu ihrer hervorragenden Neuübersetzung, in der die anrührende Logik des Wahns, die für den Quichotte so typisch sei, erstmals aufblühe. Margaret Drabble erfreut sich am weiten Begriff von Britishness, den das neue "Oxford Dictionary of National Biography" bereithält, und überschlägt sich gar vor Begeisterung über dessen labyrinthisch-blühende Online-Ausgabe. Anatole Kaletzky beobachtet den schwindenden Einfluss der Wirtschaft auf die britische Wählerentscheidung und macht den parteiübergreifenden und Stabilität bringenden Ansatz des Neo-Keynesianismus dafür verantwortlich. Ngaire Woods nimmt drei Neuerscheinungen (Sebastian Mallabys "The World's Banker", Jeffrey Sachs' "The End of Poverty" und Nicolas van de Walles "Overcoming Stagnation in Aid-Dependent Countries") zum Anlass, über den Sinn von Entwicklungshilfe nachzudenken. Und schließlich prüft Alex Renton, was dran ist an der landläufigen Gedankenassoziation von Thailand und Sex.

Magazinrundschau vom 22.03.2005 - Prospect

Lunar House heißt der "Orwellsche, undurchsichtige und niemandem Rechenschaft schuldige" Ort in Großbritannien, an dem über sämtliche Asylanträge entschieden wird. James Fergusson war da und schildert die Missstände. Dazu gehört für ihn vor allem die mangelnde Bildung und Ausbildung der Antragsprüfer, wie es im Fall eines Afghanen deutlich wurde, der behauptete, in seinem Heimatland verfolgt zu werden, und dessen Antrag abgewiesen wurde: "Der Punkt ist, dass die Behörde seinen Antrag nicht mit der Begründung abwies, seine Befürchtungen bezüglich der Verfolgung seien unbegründet (?), sondern mit der Begründung, er stamme nicht aus Kabul, wie er behauptet hatte. Sie beschuldigten ihn - eine üble Beleidigung -, ein Pakistani zu sein, der nur vorgab, Afghane zu sein. Sie waren zu diesem Schluss gekommen, nachdem sie ihm eine Reihe von Fragen gestellt hatten, von denen eine lautete: 'Wie heißt der Flughafen von Kabul?' Das verblüffte den Tadschiken, denn der Flughafen von Kabul ist unter Afghanen als? 'Flughafen von Kabul' bekannt. 'Falsch', sagten die Interviewer, 'Er heißt Khwaja Rawash!' Technisch gesehen hatten die Interviewer Recht: Der Flughafen von Kabul liegt in einem abgelegenen Bezirk dieses Namens. Doch eine solche Frage zu stellen war so, als erwarte man von einem Londoner, dass er weiß, dass Heathrow in der Gemeinde Hillingdon liegt." (Die Geschichte hat übrigens noch eine Pointe: Wenig später begegnet besagter Antragsteller einem Pakistani, der sich erfolgreich als Afghane ausgeben konnte, weil er die unter Asylbewerbern mittlerweile bekannte Flughafen-Frage richtig beantwortet hatte, und dem somit das Aufenthaltsrecht erteilt wurde.)

Weitere Artikel: Wer sind wir eigentlich? Und müssen wir unbedingt wissen, wer wir sind? - Aufmacher ist ein von David Goodhart moderiertes Gespräch über die Notwendigkeit einer Wiederentdeckung britischer Identität, an dem Intellektuelle und Politiker unterschiedlicher Couleur (unter anderem Gordon Brown, Neal Ascherson, Kenan Malik und Billy Bragg) mitgewirkt haben. Owen Harries unterzieht die gängigen Vorstellungen darüber, wie sich Außenpolitik und Moral zueinander verhalten, einer gründlichen Prüfung und spricht sich schließlich für eine Ethik der Umsicht aus. Paul Barker schwärmt abgöttisch von Nikolaus Pevsners mittlerweile legendärer, weil hellsichtiger Architekturführer-Reihe "Buildings of England" und bedauert es zutiefst, dass Ost-Londons Stadtplaner sich nicht eingehender mit Pevsners "London 5" beschäftigt haben (in Wahrheit bezweifelt Barker, dass sie besagten Führer überhaupt gelesen haben). Anthony Robinson sieht in der Yukos-Affäre das Potential einer russischen Dreyfus-Affäre. Und schließlich behauptet Brenda Maddox nach der Lektüre von Adam Phillips' "Going Sane", dass wir keine Definition davon brauchen, was Gesundheit überhaupt ist.

Magazinrundschau vom 22.02.2005 - Prospect

Joshua Kurlantzick weist auf die schleichende Revolution hin, die sich in Asien ereignet: China hat sich, während die USA anderweitig beschäftigt waren, die Gunst seiner Nachbarn erworben und dehnt seinen Einfluss immer weiter aus: "China kann natürlich keine Vision eines freien, rechtebasierten politschen Systems bieten, wie es die USA können. Aber das amerikanische Vorbild hat sich kompromittiert durch seinen jüngsten Unilateralismus und die offensichtliche Abwertung der Menschenrechte. Die chinesische Vision einer Welt, in der es mehrere Supermächte gibt und man sich möglichst nicht einmischt in die Affären anderer, wirkt auf viele Länder anziehend - darunter Russland, Indien und Thailand - die ernsthafte Probleme mit den Menschenrechten zu Hause haben und sich über amerikanische Kritik und Dominanz ärgern. China dagegen erteilt ihnen keine Lektionen in Sachen Menschenrechte und Demokratie."

Der Londoner Wirtschaftsprofessor Richard Layard erklärt die Leistungsgesellschaft für bankrott und verkündet hoffnungsvoll - in Anlehnung den Utilitarismus eines Jeremy Bentham - die Rückkehr zum Glücklichsein. Dabei stellt Layard zunächst klar, dass das Streben des Einzelnen nach sozialem Aufstieg zwangsläufig ein gesamtgesellschaftliches Nullsummenspiel darstelle und deshalb als Energieverschwendung anzusehen sei. Zudem habe Geld als Leistungsansporn und Glücksverheißung offensichtlich versagt. "In einer Kinderbetreuungsstätte in Israel verspäteten sich die Eltern oft beim Abholen der Kinder, so dass Geldstrafen für Verspätung eingeführt wurden. Überraschenderweise kamen daraufhin mehr Eltern zu spät. Sie sahen ihre Verspätung nun als etwas an, zu dem sie berechtigt waren, zumal sie dafür bezahlten. Die Geldstrafe wurde zum Preis." So werde genau das untergraben, was als Schlüsselfaktoren des Glücklichseins gelten können - "vor allem Beziehungen in der Familie, bei der Arbeit und in der Gemeinschaft".

Weitere Artikel: David Birch fragt sich, was der in Großbritannien geplante Personalausweis, der auch biometrische Daten speichern soll, für das Gemeinwohl und den Einzelnen leisten kann. Jonathan Ree berichtet über das merkwürdige Phänomen des Gehörlosen-Nationalismus. Nick Pearce spricht sich dafür aus, Telefonmitschnitte als Beweismittel bei Gericht zuzulassen - was in Großbritannien bis dato nicht grundsätzlich der Fall ist. Und der für seine Begriffe authentische (will heißen schreibwütige und am Rande des Existenzminimums lebende) Dichter Michael Horovitz spricht seinem Jugendfreund und Weggefährten, dem schillernden Verleger Felix Dennis, die Dichterweihen ab, denn: "Du bist ein Schwindler".

Magazinrundschau vom 25.01.2005 - Prospect

Bartle Bull analysiert die bevorstehenden Wahlen im Irak und sieht darin den entscheidenden Schritt für Frieden und vielleicht auch einmal Demokratie. "Die neue Regierung wird US-Truppen und Dollars brauchen, aber eine gewählte Regierung, die von Menschen dominiert wird, die Saddam in den Sümpfen jahrzehntelang bekämpft und die US Marines zu einem Waffenstillstand in Nadschaf gezwungen haben, wird weitaus unabhängiger und glaubwürdiger sein als die derzeitige Verwaltung unter Allawi."

"Es klingt wie Ebenholz - dunkel und reichhaltig und sehr schön". Stephen Everson porträtiert das Londoner Philharmonieorchester und dessen langjährigen Direktor David Whelton. Der wiederum gibt die Komplimente an den Chefdirigenten Christoph von Dohnanyi weiter. "Wenn man zu einem Dohnanyi-Konzert geht, wird dort mit einer kammermusikartigen Feinheit gespielt, und er bringt einen zum Zuhören, weil das Orchester selbst lauscht." Whelton sorgt sich aber um die Zukunft der Festival Hall, da im Publikum immer weniger Londoner, sondern nur noch Kulturbegeisterte aus Europa zu sehen sind. "Man hört sieben oder acht Sprachen, und wenn es diese Leute nicht gäbe, wäre es fast leer, fürchte ich."

Kenan Malik unterzieht das geplante britische Religionsgesetz einer kritischen Analyse. Er glaubt, dass die Antidiskriminierungs-Regelung die Meinungsfreiheit erheblich einschränken wird: "Jeder muslimische Vertreter, mit dem ich gesprochen habe, will das Gesetz benutzen, um Salman Rushdies 'Die Satanischen Verse' zu verbieten." Sebastian Mallaby diskutiert die jüngsten Entwicklungen in der Katastrophenhilfe und hofft auf langfristigere Engagements. Michael Prowse erinnert an den französischen Soziologen Emil Durkheim, der sich wissenschaftlich mit Selbstmord und Religion beschäftigte und trotzdem die Moral nicht vergass. Im Gegensatz zu Marx "zettelte er auch keine sinnlosen Revolutionen an, sondern half mit, jene Sozialdemokraten zu inspirieren, die den Sozialstaat erfanden". In der Titelgeschichte erklärt Michio Kaku, wie die Menschheit in Zukunft durch ein Wurmloch in ein paralleles Universum flüchten kann.

Magazinrundschau vom 21.12.2004 - Prospect

Skeptisch blickt der Oxford-Professor Richard Jenkyns auf die Flut von Büchern, die die englische Sprache gegen die Barbarei verteidigen wollen. Verständnis hat er für den allgemeinen Eindruck, gerade in politischen Kreisen werde Sprache machiavellistisch manipuliert. Tony Blair sei dafür das beste Beispiel: "In seiner jüngsten Rede sagte er: 'Ich kann mich entschuldigen' (für die Mehrdeutigkeiten in der Irak-Krise), und die Zeitungen berichteten am nächsten Morgen beides: Dass er sich entschuldigt hatte und dass er sich nicht entschuldigt hatte." Es gehe eben um die Art des Sprachgebrauchs, und nicht um hochfahrende Korrektheit, wie im Falle eines Oxford-Dekans, der auf den grammatikalischen Fauxpas eines Besuchers hin sagte: 'Ich bin hocherfreut zu sehen, dass Sie in Oxford angekommen sind. Dasselbe gilt jedoch nicht für das Verb to contact.' "

Weitere Artikel: Ben Lewis überlegt, warum die Malerei, obwohl sie schon seit 120 Jahren für tot erklärt wird, immer noch lebt und gegenwärtig sogar in neuer Blüte steht. John Hemming berichtet, wie sich die in Brasilien lebenden eingeborenen Stämme nach ihrer Kontaktierung durch die Außenwelt verändert haben und dass sie sich mit großem Geschick für ihre eigenen Rechte einsetzen. Wouter Bos plädiert dafür, den Mord an Theo van Gogh nicht als Scheitern von Integration zu deuten, sondern als die niederländische Version des 11. Septembers. Beth Breeze vergleicht amerikanisches und britisches Wohltätigkeitswesen. Und schließlich wettert Michael Lind gegen den Snobismus der amerikanischen Demokraten, die allen Ernstes glauben, sie könnten Wahlen gewinnen, indem sie sich über die in den Vorstädten - glücklich - lebende amerikanische Mitte hinwegsetzen.

Magazinrundschau vom 23.11.2004 - Prospect

Im Gespräch mit dem ehemaligen polnischen Verteidigungsminister Radek Sikorski äußert sich ein siegeszufriedener Paul Wolfowitz zur Bedeutung der Bush-Wiederwahl und versucht, seine - vornehmlich europäischen - Widersacher in Widersprüche zu verstricken: "Der Widerspruch besteht doch darin zu behaupten, die Tatsache, dass man den Menschen erlaubt, ihr Regime frei zu wählen, bedeute, ihnen unsere Vorstellungen aufzuzwingen. Es gab da einen wundervollen Moment bei einer Konferenz über die arabische Welt hier in Washington. Jemand sagte, es sei arrogant von uns, der arabischen Welt unsere Werte aufzuzwingen, und ein Araber stand auf und antwortete, es sei arrogant zu sagen, dies seien unsere Werte, weil sie doch universelle Werte seien."

In seinen Notizen aus der Londoner U-Bahn widmet sich Dan Kuper den Selbstmördern und wundert sich, warum der Todessprung vor den einfahrenden Zug so beliebt ist. So verlässlich wie allgemein angenommen sei diese Art des Selbstmordes nämlich keineswegs, ganz zu schweigen davon, dass man dabei die oft völlig traumatisierten U-Bahn-Fahrer vergesse. Doch "nicht alle Springer sind rücksichtslos. In einer Londoner U-Bahn-Station wurde ein Mann dabei beobachtet, wie er einen Umschlag auf dem Bahnsteig hinterließ, bevor er sich vor einen Zug stürzte. Als Leute den Umschlag öffneten, fanden sie eine 20-Pfund-Note und ein Stück Papier, auf dem zu lesen war: 'Sagen Sie dem Fahrer, es tut mir Leid. Das ist für ihn - für einen Drink.' "

Weitere Artikel: "Ich befehle Euch nicht, zu kämpfen. Ich befehle Euch zu sterben." Auch solche geflügelten Worte sind es, die Atatürk zum türkischen Nationalhelden gemacht haben. Jonny Dymond nähert sich dem Kult um den vergötterten Säkularisten. Andrew Brown rammt das neue Flaggschiff der britischen Regierung in Sachen Schulpolitik. Private Schulträger sollen in den sogenannten "academies" bessere Erziehungsbedingungen gewährleisten. Doch was tun, wenn die Schulträger - wie im englischen Conisbrough - beabsichtigen, Kreationismus zu lehren? Julian Evans gratuliert Christopher Booker zu seinem Buch "The Seven Basic Plots" und plädiert für eine Rückkehr zur narrativen Kultur. Und Simon Schaffer war in Cragside (mehr hier) zu Besuch und erklärt, was das Haus, das als erstes auf der Welt mit elektrischem Licht erleuchtet wurde, so revolutionär macht.

Magazinrundschau vom 25.10.2004 - Prospect

Das zurzeit innovativste Kino kommt aus Asien, schwärmt Mark Cousins, der bei der Vorführung von Wong Kar Wais "2046" Cannes noch nicht einmal bemerkte, dass er die ganze Zeit über stand. So etwas, überlegt Cousins, vermag nur der Zauber einer ungewöhnlichen Ästhetik: "Als ich dieses Jahr in Cannes die asiatischen Filme sah, bekam ich eine Vorstellung davon, wie es 1951 oder 1954 in Venedig gewesen sein muss. Die schiere Anmut der fünfzig Jahre alten Vorreiterfilme war irgendwie feminin und ganz sicher zart, reich, weich und distanziert. Jedes einzelne Werk der jüngsten asiatischen Filmwelle ist reich verziert, wie ein Wandteppich, mit besonderem Augenmerk auf Detail, visuelle Oberfläche, Farbe und Muster, und zentriert auf eine Frau oder feminisierte Männer."

Weitere Artikel: Anand Menon, dem die Europhilen genauso suspekt sind wie die Euroskeptiker, warnt die Briten davor, sich weiterhin bei der Verabschiedung der EU-Verfassung zu zieren, zumal sie diese auf so entscheidende Weise mitgeprägt haben, dass es zu einer Ablehnung gar keinen Anlass gebe. Ratlos steht Mark Irving vor Yoshio Taniguchis neuem MoMA-Gebäude: Es begeistert ihn, doch wirkt sein schwarzer Marmor auf ihn wie ein Grabmal der Moderne. Katharine Quarmby macht deutlich, wie düster die Zukunftsaussichten britischer Pflegekinder sind: Fast die Hälfte geht den direkten Weg vom Heim ins Gefängnis. Bartle Bull erklärt, was nur wenigen außerhalb des Iraks bewusst ist: Nach 500 Jahren sunnitischer Herrschaft kommt die Machtübernahme durch die Gemeinschaft der Shia einer historischen Wende gleich. Und Annabel Freyberg nimmt die nicht immer nachvollziehbare Spendenpolitik des britischen Heritage Lottery Fund, der seine Gelder aus den landesweiten Lottoeinnahmen bezieht, in Augenschein.
Stichwörter: Irak, Moma, Venedig, Wandteppiche, Marmor

Magazinrundschau vom 27.09.2004 - Prospect

Was ist dran an dem Begriff der Rasse? Rein genetisch gesehen, erklärt der Biologe Richard Dawkins in einem Artikel, der in gekürzter Form den Inhalt seines Buches "The Ancestor's Tale" wiedergibt, unterscheiden sich die verschiedenen menschlichen Rassen weitaus weniger voneinander als verschiedene Individuen. Doch bedeutet das, der Begriff der Rasse habe ausgedient, sei irrelevant und ohne jede Aussagekraft? Nein, lautet Dawkins' klare Antwort. Im Gegenteil: Gerade die Tatsache, dass sich die geringfügigen genetischen Unterschiede zwischen den Rassen hauptsächlich in hochsichtbaren Äußerlichkeiten niederschlagen, weise darauf hin, wie kulturbestimmt die menschliche Spezies ist und wie wichtig es ist, die Angehörigen der eigenen Kultur erkennen zu können. Es sei daher Unsinn, so zu tun, als sähe man keine Unterschiede zwischen den Rassen, wie ein amüsanter Vorfall, der sich bei einer wissenschaftlichen Tagung zugetragen hat, deutlich mache. "Zu Beginn der Tagung bat der Vorsitzende jeden von den Teilnehmern sich vorzustellen. Der Afrikaner - der einzige Schwarze - trug eine rote Krawatte. Er beendete seine kurze Rede mit den Worten: 'Sie können sich leicht merken, wer ich bin. Ich bin der mit der roten Krawatte.'" Einen Auszug aus "The Ancestor's Tale" hat der Guardian veröffentlicht.

Wie konnte sich der chinesische Kommunismus nach den studentischen Unruhen und ihrer blutigen Niederschlagung auf dem Platz des Himmlischen Friedens halten? Anhand ihrer einjährigen Umerziehung beim Militär erzählt die jetzt in den USA lebende Chinesin Yiyun Li, wie sie begriff, dass man im unterdrückten China nur ein Recht auf "den Reißverschluss im Mund" hat, und darauf, sich nicht aufzulehnen.

Weitere Artikel: Nadine Meisner huldigt dem "Vater des englischen Balletts" Frederick Ashton und befürchtet, dass ihm aufgrund seines lyrisch-fließenden Stils kein Nachleben beschieden ist. Zweimal Innerbritisches: Wird Gordon Brown 2008 Premierminister? Verschiedene Bewunderer und Kritiker machen sich ans Spekulieren. Robin Harris fordert mehr Zugkraft von rechts bei den Tories. Schließlich wirft Ben Lewis einen kritischen Blick auf den Handel mit der Kunst und schließt missmutig: "Der Markt für zeitgenössische Kunst ist eine selbsterfüllende Prophezeiung, bei der Marktwert und Kulturwert miteinander verschmolzen sind."

Magazinrundschau vom 30.08.2004 - Prospect

Äußerst unterhaltsam ist das Tagebuch, das Erik Tarloff während des großen Bostoner Parteitages geführt hat, der die Demokraten auf John Kerry einschwören sollte. Tarloff kennt jede Menge Insider und führt Buch über jede Rede und jedes Gerücht, vor allem aber über jedes Essen. Zum Beispiel das mit dem zynischen Journalisten-Freund, dessen Name nicht genannt wird und der Tarloff von den katastrophalen Schwierigkeiten mit Kerrys Abschlussrede erzählt: "Du hast doch Reden für Clinton geschrieben", sagt mein Freund jetzt, "also weißt du, was passiert, wenn ein Kandidat sich zurückzieht um sich zu besinnen und seine urinnersten Gedanken zu Papier zu bringen. Es passiert - NICHTS! Genau das passiert! Nichts! Nicht ein brauchbares Wort! Kerry spricht morgen Abend und sie sind kaum weiter gekommen als 'Meine demokratischen Freunde!'"

Weitere Artikel: Matt Cavanagh wirft Paul Seabright vor, in seinem Buch "The Company of Strangers" die Geschichte des Liberalismus als Geschichte der Menschheit darzustellen und den Nutzen von Autorität zu verkennen. Anlässlich der Londoner Aufführung von David Hares neuem Stück "Stuff Happens", das als Rückkehr des politischen Dramas gefeiert wird, gibt Michael Coveney zu bedenken, dass das Drama grundsätzlich politisch ist. Andrew Adonis schreibt einen späten und hymnischen Nachruf auf die Labour-Legende Roy Jenkins. Ein Jahr nach dem Bombenanschlag auf das UN-Quartier in Bagdad nennt Alexander Casella den von Gerald Walzer (der nicht gerade als Freund des beim Attentat umgekommenen Sonderbeauftragten Sergio Vieira de Mello gilt) vorgelegten Untersuchungsbericht eine unverschämte Farce. Und Julian Evans ruft uns Graham Greenes in Vergessenheit geratenes, "konkretes" Schreibethos ins Gedächtnis.

Magazinrundschau vom 26.07.2004 - Prospect

Früher war alles besser, findet John Lloyd ("What the Media are Doing to Our Politics"). Da hieß es vonseiten der Journaille noch respektvoll: "Gibt es etwas, was Sie uns sagen möchten, Herr Premierminister?". Jetzt gelte das Motto des ehemaligen Sunday-Times-Herausgebers Harry Evans: "Frag dich immer, während du einen Politiker interviewst: 'Warum lügt das Schwein mich an?'" Doch gerade diese Verachtung sei es, die an der "Abwärtsspirale des modernen Medienkrieges" Schuld sei: "Politiker und andere hohe Tiere sprechen ausweichend oder gar nicht um sich vor sich vor Schmähungen der Medien zu schützen. Dieses Ausweichen fördert dann den journalistischen Drang der Aufdeckung und Anklage (manchmal sogar im öffentlichen Interesse), der wiederum zu noch zwanghafterem Ausweichen der politischen Klasse führt."

Was man nicht alles für eine Predigt tut, wenn man ein ehrgeiziger junger weißer Priester in Afrika ist, liest sich in Damon Galguts Kurzgeschichte "An African Sermon".

Weitere Artikel: Für Anatol Lieven steht fest, dass die Bush-Regierung, solange sie fortfährt, in den Paradigmen des Kalten Krieges zu denken, nicht in der Lage sein wird, eine adäquate Antwort auf nichtstaatlichen Terror zu finden. David B. Green fragt sich, was aus dem großen Historiker Benny Morris und der israelischen Linken geworden ist, und ob die depressive Resignation jener Israelis, die in den Palästinensern keinen wirklichen Verhandlungspartner zu haben glauben, nicht zu selbstgerecht ist. Es ist soweit, raunt Philip Ball, amerikanische Wissenschaftler haben aus nichts Leben geschaffen. Und das hat Konsequenzen. Und schließlich wundert sich Jonathon Keats, wie David Foster Wallace es schafft, nicht nur ein grottenschlechter Schriftsteller zu sein - wie sein jüngster Erzählband "Oblivion" erneut bezeuge -, sondern sogar eine Art Dr. Mengele der amerikanischen Literatur, und dabei trotzdem einer der besten Essayisten überhaupt.