Magazinrundschau - Archiv

Prospect

169 Presseschau-Absätze - Seite 15 von 17

Magazinrundschau vom 28.06.2004 - Prospect

Wer zieht in den Elysee-Palast? Tim King liefert ein sehr interessantes Porträt des französischen Wirtschaftsministers Nicolas Sarkozy, der weder aus einer politischen Dynastie noch aus der ENA-Elite-Kaderschmiede kommt, und doch als heißer Kandidat für die französische Präsidentschaft gilt. "Mit 49 ist er bereit, den höchsten Job zumindest anzuvisieren. Nur dass der Mann, der Frankreich regiert, nicht will, dass er Präsident wird. Und diese Geschichte beherrscht die politischen Kolumnen in Frankreich, so wie Blair gegen Brown die in Großbritannien beherrscht - mit dem Unterschied, dass die Auseinandersetzung in Großbritannien nicht offen ausgetragen wird. Chirac hält ein Referendum über die Europäische Verfassung für überflüssig; Sarkozy, ein amtierender Minister, verkündet, dass ein solches Referendum unabdingbar ist. Chirac ist gewillt, der Türkei die Tür in die EU zu öffnen; Sarkozy schließt sie entschieden. 'Sie haben die gelbe Linie übertreten', warnte ihn der Präsident in einem von der Zeitung Le Canard Enchaine zitierten Gespräch. Darauf Sarkozy: 'Chirac hat noch nicht einmal bemerkt, dass die gelben Straßenlinien seit zehn Jahren weiß sind. Er gehört zu einer anderen Generation.'"

Prospect hat die Top 100 der britischen Intellektuellen ermittelt, und David Herman wertet die Gesamttendenzen aus. Die Verlierer der letzten zehn Jahre: Theoretiker, Linke, Emigrierte, Ökonomen, Philosophen und Theologen. Die Gewinner: Historiker und politische Essayisten. Insgesamt sind sie "sehr mittleren Alters, sehr männlich und sehr weiß". Wer sich die Liste und deren Kriterien (Was ist britisch? Was ist ein Intellektueller?) ansehen möchte, kann dies hier tun.

Weitere Artikel: Ist die Evolution vorbei? Gabrielle Walker hat sich erkundigt nach den vielleicht katastrophalen Folgen unseres zivilisierten und überbehüteten Lebenswandels. Michael Lind behauptet, dass auch 9 Milliarden Erdbewohner auf der Erde gut leben können, und das, ohne die Umwelt zu verkrüppeln. Jonathan Power hat den indischen Premierminister Manmohan Singh getroffen und blickt frohgemut in Indiens Zukunft. Und Jo Tatchell macht uns mit einer neuen literarischen Gattung bekannt, der Diktatoren-Literatur und ihrem aktuellen Aushängeschild Saddam Hussein.

Magazinrundschau vom 01.06.2004 - Prospect

Niall Ferguson wittert die große Chance des Euro, zur weltweiten Reservewährung zu werden. Was dies bedeuten würde, hat de Gaulle 1965 anhand des Dollars, der damaligen (und heutigen) Reservewährung, erklärt - und kritisiert: "Die Vereinbarung, die dem Dollar ein transzendenter Wert als internationale Währung verleiht, hat seine ursprüngliche Daseinsberechtigung verloren. (?) Die Tatsache, dass viele Staaten Dollars akzeptieren, um Amerikas Zahlungsdefizite aufzuwiegen, hat es den USA ermöglicht, sich bei fremden Ländern gratis zu verschulden. In der Tat zahlen sie die Länder, denen sie etwas schulden, in Dollar aus - und Dollarnoten können sie so viele drucken, wie es ihnen beliebt. (?) Diese einseitige Vergünstigung, die Amerika zugebilligt wurde, hat die Vorstellung hervorgerufen, dass der Dollar ein unparteiisches Tauschmittel darstellt, wo es eigentlich ein auf einen einzigen Staat zugeschnittenes Kreditmittel ist." Ausführlich erklärt Ferguson, inwiefern der Euro dem Dollar bald den Rang ablaufen könnte. Aber - "ob das so wichtig ist? Darauf können Sie Gift nehmen."

Weitere Artikel: Der Prinz von Wales hat traditionnell keine festgelegten Aufgaben, und meistens sucht er sich auch keine und wartet auf das Königsein, erläutert Tristram Hunt. Prinz Charles allerdings ist da anders: Ohne einer politischen Richtung verpflichtet zu sein, engagiert er sich politisch - doch auf eher rückwärtig-esoterisch-angehauchte Weise und somit nicht immer zur Freude aller Beteiligten. David Herman denkt darüber nach, warum die neue Art der Geschichtsschreibung dermaßen blutrünstig und gewaltlastig ist. "Könnten Sie die BBC leiten?" Politjournalist David Dimbledy hat zwar den Posten des BBC-Chefs nicht bekommen, doch gibt er Michael Grade, dem neuen Chef, seine Einschätzung der Lage mit auf den Weg. Wie Deyan Sudjic berichtet, wird das schottische Parlamentsgebäude in Edinburgh mehr und mehr zur Finanzkatastrophe (anstatt ursprünglich 40 Millionen Pfund wird es wohl über 400 Millionen kosten). Soviel zu den Kosten - der Wert des von Enric Miralles ersonnenen Meisterwerks sei dagegen unschätzbar. Und schließlich erklärt Jason Burke alles, was man über Al-Quaida wissen muss.

Magazinrundschau vom 03.05.2004 - Prospect

Am Beispiel von George Szirtes' und Miklas Vajdas Anthologie ungarischer Literatur ("Leopard V: an island of sound") zeigt Julian Evans, welche Kraft die EU aus ihren neuen Literaturen beziehen kann: "Die Geschichten aus Ungarn und aus Zentraleuropa überhaupt mögen uns seltsam erscheinen. Ihre Geschichte, ihr Temperament, ihre fiktionale Ästhetik scheinen einer ganz eigenen Landschaft zu entstammen. Ihre Ästhetik ist jedoch die der Entdeckung, des Eintauchens in das Unbekannte - und so gesehen ist dies unser Ur-Europa, das Europa, das uns einst aussandte, unsere Möglichkeiten zu erforschen und alles zu wagen. Vor ein paar Jahren fragte ich Peter Esterhazy (...), wozu Romane seiner Meinung nach gut seien. Er antwortete, sie besäßen 'eine bodenlose Neugier, herauszufinden...' Er hielt inne, stockte kurz, wedelte mit dem Armen, bevor er die richtigen Worte fand, '...was zum Teufel all das bedeutet!'"

Der Liberalismus ist keineswegs erst 300 Jahre alt, behauptet Paul Seabright, sondern hat schon vor 10.000 Jahren mit dem Beginn der Sesshaftigkeit und der Landwirtschaft eingesetzt - in dem Moment nämlich als Fremde begannen, miteinander Handel zu betreiben.

"Gute Zäune machen gute Nachbarn." Sehr spannend liest sich Eamonn Fingletons Artikel über die japanisch-chinesische Allianz. Denn was von außen nach gepflegter Erbfeindschaft aussieht, könne bestenfalls als geschickte Hassinszenierung gelten, die darüber hinwegtäuschen soll, wie eng das Bündnis beider Partner längst geworden ist.

Weitere Artikel: James Fergusson erzählt die ernüchternde Geschichte eines nach Großbritannien ausgewanderten Afghanen, der fälschlicherweise der Vergewaltigung angeklagt wurde. Philip Hunter erklärt, welch grandiose Zukunftsperspektiven die künstliche Photosynthese eröffnet. Im Aufmacher unterhalten sich Lord Falconer und fünf führende politische Kommentatoren (Robert Hazel, Anthony Barnett, Geoffrey Howe, Ferdinand Mount und Vernon Bogdanor) über die zweite Phase der von der Labour-Regierung in die Wege geleiteten Verfassungsreform.

Magazinrundschau vom 29.03.2004 - Prospect

"Meine Eltern dachten, ich wäre autistisch, dabei konnte ich bloß nicht verstehen, was an Unterhaltungen so spannend sein soll." Kamran Nazeer ist mittlerweile Schriftsteller und schildert, wie er gelernt hat, die Kunst der Konversation zu schätzen. "Ich erinnere mich daran, wie ich mit meinen Freunden zusammensaß, und sie aufhörten meine Freunde zu sein. Die Art, wie sie ihre Hände bewegten, veränderte sich. Die Art, wie sie sprachen, veränderte sich. Sie offenbarten plötzlich ein Wissen, das von fantastisch schillernder Art war. Genau das war es, was mich früher gereizt hatte. Genau diese, durch die Unterhaltung entstehenden Veränderungen waren es, die ich als Unechtheit identifiziert hatte. Doch dann begriff ich. Unechtheit machte Spaß. Es war nichts Unmoralisches dabei, wenn man versuchte, Leute zu unterhalten. Es machte einen nicht schwach. Und es stellte sich heraus, dass ich wusste, wie es geht. Eine Unterhaltung war ein Spiel, genau wie die Spiele, die ich mir als Kind immer ausgedacht hatte. Und es spielte keine Rolle, dass ich 'autistisch' war. Sobald ich verstanden hatte, dass ich an einem Spiel teinahm, kamen die Worter leichter. Sie hatten einen Grund zu kommen."

Was würde Mahatma Gandhi zu Osama Bin Laden sagen? Bhikhu Parekh, Professor für Politische Philosophie, hat einen Briefwechsel zwischen den beiden inszeniert. "Lieber Osama, ... Du scheinst zu glauben, dass der Islam perfekt ist. Doch alle Religionen enthalten sowohl Wahrheiten als auch Fehler ..."

Weitere Artikel: In der Rassismus-Kontroverse verteidigt sich David Goodhart auf sehr einnehmende Weise gegen Vorwürfe, die sein jüngster Essay über das Spannungsverhältnis zwischen kultureller Vielfalt und gesellschaftlicher Kohesion hervorgerufen hat (einige Reaktionen auf Goodharts Artikel hier und hier und hier). Dan O'Brien rekapituliert Werdegang und Abgang des abgewählten Jose Maria Aznar. Annabel Freyberg stellt den daheimgebliebenen Briten den British Council vor, der sich in ihren Augen kulturell wirklich verdient macht. Und schließlich schätzt Philip Collins David Marquands Vorschläge zu einer Reform des öffentlichen Lebens ("Decline of the Public") als zu naiv ein.

Nur im Print zu lesen: John R. Bradley fragt, wie sich Al-Dschasira angesichts der Extremismus-Vorwürfe verhalten wird.

Magazinrundschau vom 01.03.2004 - Prospect

Nick Crowe, früher Drummer der Rockband Gay Dad (mehr), rollt 25 Jahre Rap-Geschichte auf und stellt verärgert fest, dass nach so vielversprechenden Anfängen jetzt aus allen Ecken nur noch "keep it real" zu hören ist. "Kratz ein bisschen am Lack, und es erscheinen die Worte 'don't change'." Experimentiert werde sowieso nicht mehr - wie man unschwer an der Sturzflut ideenloser Sample-Alben feststellen könne. Aber Gott sei Dank gibt es ja noch Eminem, denn "Eminem hat Bewegung in die Themen und die Rassengrenzen des HipHop gebracht. Deshalb ist der Vergleich mit Elvis vielleicht gar nicht so schlecht. Nach Eminem gibt es kein Zurück mehr."

Hassan M. Fatah, der nach dem Sturz Saddams aus dem britischen Exil in sein Heimatland Irak zurückkehrte, um dort die Tageszeitung Iraq Today zu gründen, schreibt über die Schwierigkeiten, mit denen er und seine Kollegen zu kämpfen hatten, und die wichtige Lektion, die er von seinen irakischen Reportern gelernt hat, als seinem Blatt der Bankrott drohte: "An diesem Dezember-Morgen erklärten sie uns den Fehler in unserer Strategie. Wir in der Chefetage hatten versucht, alles allein zu machen. Monatelang hatten sie uns zugeschaut, wie wir uns abmühten, und geschwiegen, weil sie sich außen vor fühlten. Doch als ich die Besprechung eröffnete, flossen die Ideen nur so. (...) Und so schmiedeten wir einen Plan - ihren Plan. Wir kürzten die Anzeigen- und Verkaufspreise drastisch. Aus einer eurozentrischen machten wir eine iraki-zentrische Firma." Und das, so Fatah, sollten sich auch die Besatzungsmächte zu Herzen nehmen.

Alles weitere dreht sich um die USA und ihre Außenpolitik: "Was wäre, wenn Al Gore nicht nur die amerikanische Präsidentschaftswahl gewonnen hätte, sondern auch Präsident geworden wäre?, fragt Joshua Kurlantzick und die Antwort lautet sinngemäß: "Dasselbe in hellgrün, aber mit Stil". Ruy Teixera tröstet US-Demokraten und Europäer mit Prognosen, die langfristig auf eine Abkehr von der republikanischen Partei hinweisen. Anatol Lieven warnt vor dem wiederbelebten "Jacksonschen Nationalismus", der seine Wurzeln im weißen Süden des 18. Jahrhunderts habe. Und schließlich, auch eine Art Außenpolitik: Oliver Morton, Autor von "Mapping Mars" (hier geht's zu seinem Mars-blog), erklärt, warum Bushs Entscheidung, 2020 auf den Mond zurückzukehren das Ende der bemannten US-Raumfahrt bedeuten könnte.

Magazinrundschau vom 26.01.2004 - Prospect

Von wegen down under: War früher Australien ein literarisches Nirgendwo, so lehrt es jetzt die einst übermächtige englische Literatur das Fürchten, meint Kate Kellaway und stellt die australische Literatur und deren Obsessionen vor: "Die Landschaft ist die wichtigste Figur in der australischen Fiktion - und Australien ist kein Land für Miniaturisten. Es wird beherrscht von männlichen Schriftstellern mit großen Ideen." Doch etwas hat überlebt vom alten Minderwertigkeitsdenken, etwa wenn australische Professoren Shakespeare wie ein "unscheinbares Mauerblümchen" behandeln, das auf einer "viel verwegeneren und einschlägigeren australischen Party" in der Ecke steht. "Dieser defensive Zug findet sich auch im Schreiben selbst wieder. Insbesondere Tim Winton schreckt - in seinen Figuren - vor allem zurück, was als preziös, anmaßend oder protzig, kurz als eine literarisch verkehrte Vornehmtuerei ausgelegt werden könnte. Dabei steht viel auf dem Spiel, nämlich das für die australische Literatur zentrale Bedürfnis, den Unterschied zwischen Unauthentizität und Kunst festzulegen."

Weitere Artikel: John Lloyd porträtiert den Star-Journalisten und BBC-Kriegsberichterstatter Martin Bell, der mit seiner Vision des modernen Journalismus (keine Polemik, dafür wirklichen Bezug) weniger gute Journalisten auf die schiefe Bahn der Objektivitätsverachtung gebracht hat. In einem sehr ausgewogenen Artikel beurteilt Melanie Phillips die Lage in Israel und bestreitet, dass der israelischen Besatzung ideologische Motive zugrunde liegen: "Es gibt einen wirksameren Grund für Israels Widerstreben, sich zurückzuziehen: Angst." Lewis Page war elf Jahre bei der British Navy und steigt jetzt aus, weil er nicht länger für einen rückschrittlichen Arbeitgeber arbeiten will, der seiner unzeitgemäßen Liebe zu Fregatten und Zerstörern nicht abschwören kann. Azeem Azhar singt ein Loblied auf Open-Source-Technologien, die Microsoft und anderen Monopolisten auf den Leib rücken. Und David Goodhart fragt, ob Wohlfahrtssystem und soziale Vielfalt vereinbar sind.

Eine Kostprobe der oben genannten australischen Literatur ist leider nur im Print zu lesen: Tim Wintons Kurzgeschichte "Cockleshell".

Magazinrundschau vom 22.12.2003 - Prospect

Englische Magazine wetzen in dieser Woche die steife Oberlippe an Frankreich (das sie freilich völlig ignoriert).

Wer in Frankreich die Korruption ausrotten will, der muss Frankreich gleich mit ausrotten, lautet Tim Kings Fazit in einem ausführlichen und umfassenden Artikel über die großen Korruptionsverfahren der letzten Jahre, mit denen sich die norwegisch-stämmige Chef-Anklägerin Eva Joly nicht nur bei der französischen Elite unbeliebt gemacht hat: " 'Das ist Frankreich, Madame!' Der Anwalt lachte, als er sah, dass Eva Joly zunehmend schockierter schaute über das, was nach und nach im Justizpalast herauskam, 'Sie wollten Frankreich verändern! Und das ist unmöglich.' Sein Lachen war ansteckend - auch sie musste lachen. Bis ihr Tränen die Wangen herunterliefen."

Auf Prophezeiungen, die USA würden sich in einen Gottesstaat verwandeln, reagiert Alan Wolfe leicht verägert und versucht, die christlich-konservative Mentalität in Amerika ins rechte Licht zu rücken: Seltsam ist sie, soviel steht fest, aber sie ist viel amerikanischer als etwa christlich oder konservativ. Wie könnte es sonst zu religiösen Diät-Büchern kommen, mit Titeln wie "Slim for Him" (Schlank für Ihn), die den Begriff des Wohlgefallens scheinbar wörtlich genommen haben?

Weitere Artikel: Die jüdische Dramaturgin Samantha Ellis ist gespannt auf Weihnachten, das sie dieses Jahr mit einer muslimisch-jüdischen Freundin feiert. Chris Stephen entwirft ein bewunderndes Porträt vom erst 37-jährigen Oligarchen und Tycoon Roman Abramowitsch (Bild), der überraschenderweise immer noch zu den Freunden des Kremls zählt. Oliver Morton schreibt sehr unterhaltsam über eine riesige geowissenschaftliche Tagung, die unlängst mehr als 11.000 Wissenschaftler in Nizza versammelte. Und zuletzt: Michael Fabers Erzählung über Don, dem der glücklichste Moment seines Lebens kurz bevorsteht.

Nur im Print zu lesen: David Herman fordert eine starke Fernseh-Kritik und Ziba Norman denkt über David Kellys Religion nach.

Magazinrundschau vom 24.11.2003 - Prospect

Zum 40. Todestag von John F. Kennedy veröffentlicht Scott Busby Auszüge aus dem Tagebuch seines Vaters Horace Busby, der jahrelang Lyndon B. Johnsons engster Berater war. "In dieser Zeit kam ich eines Nachts nach Hause, wo meine Frau gerade die Dallas Morning News las. Mary V reichte mir die Titelseite. 'Lies das', sagte sie, 'Da hat jemand den Verstand verloren.' Es war ein Artikel, in dem angekündigt wurde, dass Kennedy bei seinem Besuch in Dallas in einem offenen Wagen von Love Field zum Festbankett fahren würde. 'Ich kann nicht glauben, dass deine Freunde vom Geheimdienst das zulassen', sagte sie. Ich war völlig ihrer Meinung."

Wenn D.B.C. Pierre tatsächlich 23 Jahre seines Lebens in Texas verbracht hat, dann zuhause vor dem Fernseher, wettert Michael Lind gegen den diesjährigen Gewinner des Booker Prize und seine Texas-Satire "Vernon God Little". Erstens könne kein Satiriker der Welt mit der amerikanischen Realität mithalten und zweitens habe dieser Mann nicht die blasseste Ahnung von Texas. Wovon er allerdings Ahnung hat, so Lind, ist, wie man unter dem Aushängeschild des satirischen Muts die Klischees der politischen Korrektheit bedient: "Pierre ist ein Konformist, der es vermeidet, die Empfindlichkeit der snobistischen, transatlantischen, liberalen Linken herauszufordern. Politisch inkorrekt zu sein heißt heutzutage, Schwarze als Wassermelonen liebende und Geister fürchtende Idioten darzustellen, Ost-Asiaten als hasenzähnige Brillenträger, die "Ah, so" sagen und Iren als "Faith and begorrah!"-rufende Untermenschen." Aber schön, dass der Booker jetzt auch solche Bücher auszeichnet, meint Lind und plant bereits die - absehbar ebenfalls preisgekrönte - Rache: "Die Insel der Schwachköpfe".

Weitere Artikel: Julia Magnet, nach eigener Aussage Krankenhaus-Expertin, war in einem Londoner Krankenhaus Schwadronen von Krankenschwestern ausgesetzt, die ihr immer nur ein und dieselbe Frage stellten: "Wie schlimm sind die Schmerzen auf einer Skala von 1 bis 10?" Anlass genug, über den offensichtlichen Wandel in der Pflege-Philosophie nachzudenken - in einem sehr lesenswerten Artikel. Amy Chua deckt auf, warum wirtschaftlich dominante ethnische Minderheiten den größten sozialen Sprengstoff darstellen. David Owen, der von 1977 bis 1979 britischer Außenminister war, empfiehlt Tony Blair, die Außenpolitik nicht zur Chefsache zu erklären und sie wieder in die Hände des Außenministeriums zu übergeben.

Nicht die Statistiken, die Geschichten sind es, die den Sport ausmachen, glaubt der britische Läufer Christopher Chataway und erzählt sein mittlerweile legendäres Rennen gegen den Sowjetrussen Wladimir Kuts, in dem - sagte man damals - der Kapitalismus den Kommunismus schlug.

Leider nur im Print zu lesen ist das Albert-Camus-Porträt von Paul Barker.

Magazinrundschau vom 27.10.2003 - Prospect

Peking ist die größte Baustelle der Welt. Jedoch nicht als zentralisiertes, womöglich ideologisch linientreues Bauvorhaben, sondern als wahrhaftig chaotische Bauexplosion, die der Architekturkritiker Deyan Sudjic in liebevoller Faszination beschreibt. Die Stadt wächst in immer neuen konzentrischen Ringen, die sie aussehen lassen wie eine "Dartscheibe", ganze Viertel schießen aus dem Boden, in einem Rausch des Neuen, der keinerlei Interesse daran zeigt, "eine Spur der jüngsten Vergangenheit zu bewahren". Fossile sind unerwünscht: "Bei einer Besichtigungstour auf einem Bauplatz zeigte der Entwickler auf einen verblassten Slogan, der auf eins der Lagerhäuser aus Backstein gemalt war, die früher die Anlage überragten: 'Lang lebe die Partei.' Der Abriss ist für nächste Woche geplant."

Weitere Artikel: Die Nachrufe auf den palästinensischen Intellektuellen Edward Said haben gezeigt, wie sehr sich die Geister an ihm scheiden. Jenseits von "Heiligenverehrung" und Nichtigkeitserklärungen versucht sich David Herman an einem Nachruf mit Balance. Colin McGinn rekonstruiert, was aus ihm einen Philosophen machte, und findet dabei heraus, wie ähnlich sich Philosophie und Sport sind. Soll es die EU zukünftig als Pauschalangebot oder "a la carte" geben? Dieser Frage widmen sich eine Reihe von Experten - darunter Charles Grant, Roger Liddle und Gilles Andreani - im Streitgespräch (den vorläufigen Entwurf der europäischen Verfassung kann man hier im pdf-Format herunterladen). Und schließlich berichtet Graham Bowley über Schein und Sein der jüngsten und vielleicht letzten britischen Volkszählung.

Nur im Print zu lesen: Mark Cousins denkt nach über Kinofilme ohne Dialoge.

Magazinrundschau vom 29.09.2003 - Prospect

Viele Sprachen sterben aus. Doch es entstehen auch Neue. Jonathon Keats und Pico Iyer (mehr hiermachen uns mit Spanglish und Indlish bekannt. Letzteres klinge, als wäre es "von einem Gottesmann und einem schelmischen Schuljungen erfunden worden, die mit Lewis Carroll an ihrer Seite gelobt hätten, V.S. Naipaul auf den Kopf zu stellen." Das liest sich dann folgendermaßen auf Indiens Straßen: "An einem Häuserblock wurde den Vorbeigehenden empfohlen: 'Kein Parken für Außenseiter. Wenn für schuldig befunden, werden mit extremer Voreingenommenheit alle Reifen der Luft entleert.' Ein an einem verfallenden Dickensschen Pfarrhaus angebrachtes Schild kündigte an: 'Jogisches Gelächter ist multi-dimensional.' Daneben prangte zwischen zwei Postern mit Kinostars ein Plakat: 'Dunkle Gläser machen dich für die Polizei anziehend.' Vielleicht stammten all diese Spruchbände ja von einem stolzen Absolventen eines Kurses, der in einer Zeitung beworben wurde: 'Wir machen dich zum Big Boss in englischer Konversation. Hypnotisiere alle mit deinen höchst beeindruckenden Gesprächen. Exklusive Kurse für Exporthändler und Business-Tycoons.' " Es sei eben genau so, wie es eine Figur aus Hanif Kureishis "Schwarzem Album" sage: "Sie haben uns die Sprache gegeben. Aber nur wir wissen, wie man sie gebraucht." Liest man ein Schild an der Sicherheitskontrolle des Flughafens von Neu Delhi, wird man dem wohl gerne zustimmen: "Be Like Venus: Unarmed."

Weitere Artikel: Natürlich ist es für Außenstehende leicht, der UNO mit Zynismus zu begegnen, meint David Rieff und warnt die UNO davor, ihr moralisches Selbstverständnis mit unentschlossener Neutralität zu verwechseln. Charles Grant hat zwei Bücher gelesen, die zu verstehen versuchen, warum Tony Blair in den Irak-Krieg eingewilligt hat - und die dabei zu gegensätzlichen Schlüssen kommen. Was genau war noch mal der Unterschied zwischen Tony Blair und Gordon Brown?, fragt Steve Richards und räumt mit dem Klischee auf, in diesem kuriosen Regierungs-Gespann treffe Old Labour auf New Labour. Sie haben vier Beine, einen langen Schwanz, scharfe Zähne, und wie Vanora Bennett zu berichten weiß, es gibt davon 60 Millionen, so viele wie Großbritannien Einwohner hat: Ratten. Schließlich porträtiert Boyd Tonkin zwei große Theoretiker: den lauten Terry Eagleton (der deshalb nicht gleich subversiv ist) und den stillen Frank Kermode (der deshalb nicht gleich konservativ ist).

Nur im Print zu lesen: ein Porträt von Bernard-Henri Levy und ein Interview mit Karl Marx.