Magazinrundschau - Archiv

Prospect

169 Presseschau-Absätze - Seite 13 von 17

Magazinrundschau vom 28.03.2006 - Prospect

Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit können Frauen in den westlichen Gesellschaften jeder Beschäftigung und Karriere nachgehen, die ihnen gefällt, konstatiert Alison Wolf, für die das - bei allen Vorteilen - auch das Ende der Schwesternschaft bedeutet: "In der Vergangenheit teilten Frauen aller Klassen, aller Gesellschaften ein Leben, dessen Zentrum explizite weibliche Belange waren. Heute kann man nicht mehr allgemein über Frauen sprechen. Stattdessen teilen sie sich in zwei Gruppen. Eine Minderheit gut ausgebildeter Frauen macht Karriere. Eine Mehrheit hat meist Teilzeit-Jobs, um Geld zu verdienen. Für erstere bedeutet es kaum noch einen Nachteil eine Frau zu sein. Wenn sie qualifiziert sind und bereit, Zeit zu investieren, können sie sich wie jeder Mann hocharbeiten." Wolf sieht diese Revolution jedoch nicht nur positiv, denn sie hat "enorme Auswirkungen auf öffentliche Dienste und ehrenamtliche Arbeit. Sie hat Veränderungen - der Verfall der Religion, die Glorifizierung der Selbstverwirklichung - in unserer Gesellschaft verfestigt, die unser Verhalten und unsere Werte beeinflussen. Willkommen zum Ende des 'weiblichen Altruismus'."

In einem Essay erklärt der kanadische Theoretiker Michael Ignatieff, warum kein Weg aus dem Dilemma um Sicherheit und Menschenrechte daran vorbeiführt, Folter und verschärfte Vernehmungen weiterhin zu ächten. Selbst in Fällen, wo es darum geht, Menschenleben vor der vielzitierten tickenden Bombe zu retten: "In diesem Fall ließe auch ein klares Verbot einem gewissenhaften Beamten keine andere Wahl, als dem Verbot zuwiderzuhandeln. Doch sollte selbst ein Agent, der in dem guten Glauben gehandelt hat, Menschenleben zu retten, vor Gericht gestellt werden, wie es Israels Oberstes Gericht empfohlen hat. Beim Prozess wird sich die zur Verteidigung vorgebrachte Notwendigkeit strafmildernd auswirken können, doch darf sie nicht zu einem Freispruch führen. Dies ist die einzige Lösung, die ich sehe."

Weitere Artikel: Mark Kitto berichtet, wie sein Shanghaier Stadtmagazin Ish nach sieben Jahren einfach von den Behörden dichtgemacht wurde ("Es ist illegal. Sie dürfen das nicht. Niemand kann ein Magazin ohne Erlaubnis herausbringen"). Und Nick Crowe erklärt, wie Malis kürzlich verstorbener Musiker Ali Farka Toure den Mississippi Blues auf afrikanische Ursprünge zurückführte.

Magazinrundschau vom 28.02.2006 - Prospect

Aatish Taseer hat einige Monate im Umfeld der Abu Nour Universität in Damaskus verbracht, wo vor allem ausländischen Studenten über den Islam unterrichtet werden. In zahlreichen Unterhaltungen mit nicht-arabischen jungen Leuten versucht Taseer in Erfahrung zu bringen, welchen Reiz der Islam auf sie ausübt. Nach einem Gespräch mit dem jungen Norweger Even, der ihm erklärt, dass "es bei uns im Westen immerzu um Rechte geht", und dass im westlichen Hedonismus "der Gedanke an Grenzen in Vergessenheit gerät", trifft Taseer auf den Führer Nadir, für den Syriens eigentliche Geschichte mit dem Islam beginnt, eine für das allumfassende Wesen des Islam symptomatische Behauptung. Denn "wenn du den Islam hast, brauchst du nichts weiter. 'Sollte ich ein einziges Ding finden', sagte Nadir, 'ein Ding, das der Koran nicht abdeckt, werde ich dem Glauben abschwören.' Doch Nadir konnte dieses eine Ding nie finden, einfach weil der Islam allem als Quelle dient. Im Gegensatz zu Even, fühlte ich allmählich, dass diese Begrenzung, und nicht der westliche Hedonismus, das eigentliche Problem ist."

Weitere Artikel: Der Journalist Kamran Nazeer und die Herausgeberin des muslimischen Lifestyle-Magazins Emel, Sarah Joseph, sind sich zutiefst uneins darüber, wie Muslime mit den Mohammed-Karikaturen umgehen sollen. Der Realismus in der Literatur, erklärt ein feuriger James Wood, ist weder eine Epoche noch ein Genre, und schon gar nicht lächerlich, wie eitle, postmoderne Theoretiker uns weismachen wollen, sondern der grundlegende Impuls des Erzählens. Edward Skidelsky beschreibt den Einfluss von Leo Strauss auf die amerikanischen Neocons: "Seine wichtigste Hinterlassenschaft war die Wiederbelebung einer moralischen Sprache. Er schrieb robustes, klassisches Englisch, gespickt mit Beiwörtern wie 'ehrenhaft', 'vornehm', 'geldgierig' oder "vulgär'. Ein Wort, das er nicht gebraucht hat, war 'böse'." Geoffrey Wheatcroft wendet sich dem Idol seiner Jugend zu - dem Oxforder Geschichtsprofessor AJP Taylor - und muss ihn, nachdem er ihn auf Herz und Nieren geprüft hat, als geistige Jugendsünde verbuchen. Robin Harris sieht den neuen Tory-Chef David Cameron in einer Zwickmühle zwischen Parteireform und Basisverprellung.

Magazinrundschau vom 31.01.2006 - Prospect

Zukünftig sollen die Londoner auch in der U-Bahn mit dem Handy telefonieren können, stöhnt William Davies, der in seinem Essay den Versuch unternimmt, der "digitalen Überschwänglichkeit" eine soziale Vision entgegenzusetzen. Warum traurig sein über den Handy-Empfang in der U-Bahn? Weil "technologische Engpässe mitunter zur notwendigen Bedingung sozialer Interaktion oder wertvoller einsamer Momente geworden sind" und weil sie das für die Gemeinschaft lebenswichtige Gefühl der gegenseitigen Abhängigkeit und der Unausweichlichkeit sozialer Beziehungen bewahren." Daher gelte es, solche technologischen Engpässe nicht auszumerzen, sondern zu erhalten. So zum Beispiel die altmodischen Postämter, die nicht "trotz der Unbequemlichkeit von Warteschlangen und Bürokraten von Wert sind, sondern gerade aus ebendiesen Gründen". Um dies angemessen zu würdigen, brauchen wir laut Davies "eine Ethik der Unbequemlichkeit".

Weitere Artikel: Im Aufmacher beschäftigt sich Chakravarthi Ram-Prasad mit dem bedauerlicherweise tiefen Graben, der zwischen westlicher und östlicher Philosophie verläuft, und erörtert ausführlich, wie sich die westliche, die indische und die chinesische Philosophie-Traditionen zueinander verhalten - unter anderem, was das philosophische Selbstverständnis und die Kategorie der Person angeht. Mit unverhohlener Melancholie berichten Alexander Linklater und Robert Drummond über den Fall der 17-jährigen, mit seltener Schönheit gesegneten Nia, die an Schizophrenie erkrankte und durch medikamentöse Behandlung nicht von ihrer Pathologie befreit wurde, sondern nur ihre Schönheit einbüßte. Alastair Crooke erklärt, inwiefern der Aufstieg der palästinensischen Hamas zur wählbaren politischen Partei als gutes Omen für eine Einigung mit Israel zu werten ist. Als alter Fußballfan ist Simon Kuper ein bisschen enttäuscht, dass der langjährige Arsenal-Spieler Patrick Vieira in seiner Autobiografie ("Vieira: My Autobiography") kaum aus dem fußballtechnischen und -taktischen Nähkästchen plaudert. Und schließlich spricht Duncan Fallowell auf charmant-direkte Art mit dem Töpfer und Transvestiten Grayson Perry - über Männlichkeit, sexuelle Praktiken, Schuldgefühle und Englischsein.

Magazinrundschau vom 27.12.2005 - Prospect

Robert Skidelsky, Ökonom und Keynes-Biograf, ist nach China gereist und hat Harbin besucht, eine Stadt in der Mandschurei. Seine Familie hat dort früher gewohnt, erzählt Sidelsky. Sie war "eine der führenden jüdisch-russischen Familien im Fernen Osten", der 1916 Immobilien, Industrieanlagen und Minen in Ostsibirien und Abholzrechte für 3.000 Quadratkilometer Wald in Russland und der Mandschurei gehörten. In der Mandschurei erwarb die Familie außerdem eine Konzession für den Abbau von Kohle in der größten Mine des Landes. "Die Firma lieferte Kohle an die chinesische Eisenbahn und exportierte Holz nach London und New York. In verschiedenen Büchern, die sich mit Russlands Ostexpansion befassen, wird die Familie als 'Oligarchen' des Nahen Ostens bezeichnet. Wie mir mein Gastgeber Lanxin Xiang erzählt, hat in der Mandschurei jeder schon von der berühmten Xie Jie Si Familie gehört - Skidelsky auf Mandarin." Auf seiner Reise besucht Sidelsky auch das Haus seiner Familie, heute ein Erholungsheim für Veteranen der Volksarmee. "Ich traf einige dieser Alten, die auf weißen Sofas in einem prächtigen Raum saßen. Als ich vom Direktor als der 'frühere Besitzer' vorgestellt werde, begrüßen sie mich warm. Ein 'Veteran' dankt mir sehr höflich dafür, dass ich sie mein Haus benutzen lasse. Ich verkneife es mir zu sagen, dass sie es nicht mit meiner Erlaubnis tun."

Noam Chomsky, kürzlich zum berühmtesten Intellektuellen der Welt gekürt, erklärt Oliver Kamm kurzerhand zum Wadenbeißer, nachdem dieser ihm in der letzten Ausgabe "ein in besonderem Maße unehrliches Handhaben von Quellenmaterial" vorgeworfen hatte. "Man darf sich fragen, ob Kamm mit dem für ihn üblichen 'amoralischen Gleichmut' reagieren würde, hätte al Quaida eine vergleichbare Tat (die Rede ist von den US-Bombenangriffe auf den Sudan) in einem Land verübt, wo die Menschen etwas wert sind."

Weitere Artikel: Alun Anderson spricht mit John Krebs, dem ehemaligen Chef der britischen Food Standards Agency, über Transparenz, Emotionen und was es bedeutet, die Interessen der Verbraucher zu vertreten. Tom Porteus besucht die Heilquelle im iranischen Jamkaran, die zur Pilgerstätte für all jene wurde, die an die baldige Rückkehr des - weltumspannende Gerechtigkeit bringenden - Imam zamam glauben, und fragt sich, ob die iranische Liberalisierung mit der Wahl Mahmud Ahmadinedschads zum Präsidenten ihr Todesurteil ereilt hat. Jean Seaton schreibt über die wundervolle Farbe Schwarz und die Schwierigkeit, Trauer zu zeigen, seit es zur Alltagsfarbe geworden ist. Michael Coveney versucht zu verstehen, warum es der 1960 voller Zuversicht gegründeten Royal Shakespeare Company jetzt so schlecht geht.

Magazinrundschau vom 25.10.2005 - Prospect

Michael Coveney beklagt in einem langen Essay den schleichenden Niedergang der Theaterkritik. Wer hätte es heute noch verdient, einen solchen Brief zu bekommen wie ihn Orson Welles an den jungen Kenneth Tynan schrieb, um ihn von der Schauspielerei fernzuhalten und zur Kritikerlaufbahn zu ermutigen? "Sie, mit ihrer schönen Fähigkeit zur schneidenden Meinung, werden an der Front benötigt? Sie wissen, wie man jubelt, Sie haben keine Angst davor, zu buhen, Sie sind hörbar (gelinde ausgedrückt), und unmissverständlich verliebt." Schuld an der traurigen Situation treffe dabei vor allem die Herausgeber der Tagespresse: "Große Kritiker sind seltene Vögel. Seltene Vögel brauchen jedoch eine ihnen wohlgesonnene Umgebung, und die Zoodirektoren sind nicht mehr auf der Suche nach solch speziellen - und spezialisierten - Arten von Gefieder."

Die Leser von Prospect und Foreign Policies haben sich entschieden: Weltberühmtester Intellektueller ist - mit Abstand - Noam Chomsky. Prospect reagiert dialektisch: Während Robin Blackburn Chomskys Talent zur fundierten Vereinfachung von Wissenschaft und Politik rühmt, sieht Oliver Kamm darin nur eine pathologische Manipulation von Fakten. (Die vollständigen Ergebnisse der Wahl sind hier einzusehen.)

Weitere Artikel: Rory Stewart, ehemaliger Gouverneur zweier Provinzen im Südirak, klärt uns über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der drei islamistischen Parteien auf und macht aus seiner Enttäuschung über die politische Entwicklung im Irak keinen Hehl. Was für die asiatischen Tiger galt, gilt auch für Afrika, behauptet Matthew Lockwood: Nicht finanzielle Hilfe ist entscheidend für das Vorankommen eines Entwicklungslandes, sondern ein funktionierender Staat. Soziale Mobilität ist zwar in aller Munde, doch was genau, fragt John Goldthorpe, ist darunter zu verstehen? Zweierlei, wie Goldthorpe anhand des Modells von "Schumpeters Hotel" deutlich macht.

Magazinrundschau vom 27.09.2005 - Prospect

Prospect feiert mit dieser Ausgabe seinen zehnten Geburtstag und stellt aus diesem Anlass eine Liste der hundert wichtigsten Intellektuellen der Welt auf: 38 kommen aus den USA, 14 aus Großbritannien, vier aus Deutschland. David Herman stellt dabei fest, dass Europa - mit Ausnahme der gut vertretenen Briten - "Amerikas intellektuell arme Verwandte" geworden zu sein scheint. Zur Liste der Nominierten und zur Abstimmung geht es hier.

Michael Lind bedauert, dass die Figur des humanistisch gebildeten Mandarins in den westlichen Gesellschaften zunehmend in Verruf gerät, und übt sich in deren Verteidigung. Denn nur ein modernes Mandarinentum könne der vielfach prophezeiten Entwicklung der Demokratie zur Mobokratie Einhalt gebieten. "Der Mandarin ist ein Sündenbock für sämtliche größeren Kräfte der zeitgenösischen Gesellschaft." Er "ist ein Amateur für den Professionalisten, ein Statist für den Verfechter der Willensfreiheit, ein Elitist für den Populisten und ein Heide für den Gläubigen. Was könnte es Schlimmeres geben als eine Gesellschaft, die von solchen Menschen geführt wird?" Für Lind steht die Antwort außer Zweifel: Die Mobokratie.

Weitere Artikel: Richard Dawkins empört sich über die laxe Behandlung der Droge Geriniol, die vorbehaltlos an Kinder verabreicht wird und zu schweren halluzinatorischen Zuständen führen kann. Nur, dass hier der Teufel des Anagramms am Werk ist. Denn gemeint ist schlicht und ergreifend das Opium des Volkes: die Religion. Richard Jenkyns denkt auf unterhaltsame Weise über das Wesen der Kinder- und Jugendliteratur damals und heute nach und rät den Kulturhistorikern und anderen Sterblichen, den Geist der Zeit in Kinderbüchern zu suchen. Und schließlich geht Michael Cross der Frage auf den Grund, warum die von der britischen Regierung beauftragten IT-Projekte einen so starken Hang zum Scheitern haben.

Magazinrundschau vom 30.08.2005 - Prospect

"Sie ist für uns hier, in den Vereinigten Staaten, eine unerschöpfliche Quelle der Faszination: die scheinbar ungetrübte Gleichgültigkeit, die der Rest der Welt der Kurzgeschichte entgegenbringt. Sogar die Franzosen, die ihre Romane kurz mögen, sehen das bei ihren Erzählungen anders. Wie kann man England und Europa im Allgemeinen dazu bringen, die Kurzgeschichte zu lieben und dadurch viele Literatur-Zeitschriften und neue Autoren zu fördern? Es gibt ein Diktum, das wir in den Vereinigten Staaten exportieren, und wir glauben, dass es in diesem Fall genauso gut funktionieren wird wie in allen anderen Fällen auch schon. Hier ist es: Ihr müsst die Kurzgeschichte lieben, und ihr müsst eine Vielfalt an eigenen vierteljährlichen Literatur-Zeitschriften gründen, oder wir bombadieren Euch und Euer Volk, fallen in Euren Ländereien ein und schicken Söldner um Eure Widerstandskämpfer zu bezwingen. Unseren Freunden gegenüber nennen wir das Feldzug. Dem Rest der Welt werden wir sagen, es sei eine Befreiung." Prospect nimmt David Eggers' Drohung ernst und schreibt nun den "National Short Story Preis" aus. (Ein internationaler Preis wäre der Verbreitung der Kurzgeschichte allerdings förderlicher!)

Weitere Artikel: David Goodhart spricht mit Roger Smith, dem Chef der nichtstaatlichen Menschenrechts-Organisation "Justice" über die Verabschiedung des "Human Rights Act" durch das britische Parlament. Wird damit eine willkommene Kontrolle des "demokratischen Absolutismus" erreicht werden oder sind der nationalen Sicherheitspolitik damit die Hände gebunden? Lisa Randall blickt hoffnungsvoll in das Jahr 2007, wenn eine hochenergetische Kollision im Himmel über Genf einige der Rätsel unseres Universums lösen könnte. Parag Khanna sieht - wenn auch zerbrechliche - Anzeichen für eine Annäherung von Indien und Pakistan. Geoffrey Wheatcroft singt einen traurigen Abgesang auf den Cricket als britischen Volkssport. Und Carlo Gebler sucht so lange einen verschwundenen Freund, bis er sich fragen muss, warum.

Magazinrundschau vom 02.08.2005 - Prospect

Hans Kundnani bilanziert die Generation Rot-Grün. "Im Rückblick wird klar, dass die 68er in den Jahrzehnten vor 1998 über den größten Einfluss verfügten. Sie werden immer mit der Liberalisierung der deutschen Gesellschaft in Zusammenhang gebracht werden, der Konfrontation mit der Nazivergangenheit, dem Aufkommen der ökologischen Politik und der Verbreitung von postnationalen, postindustriellen Werten. Die Jahre in der Regierung erscheinen im Vergleich wie ein Antiklimax."

Exklusiv im Web erinnert die niederländische Abgeordnete und Menschenrechtlerin Ayaan Hirsi Ali ("Ich klage an") daran, an wem sich die muslimischen Terroristen orientieren. "Mohammed selbst konstruierte das Haus des Islam, indem er militärische Taktiken anwendete, die Massenmord, Folter, gezielte Tötungen, Lügen und die wahllose Zerstörung von Produktivgütern einschlossen." Ali rät zu einer Neueinschätzung des Religionsgründers. "Diese Vorschläge lassen viele Menschen im Westen zusammenzucken. Viele glauben, dass die Kritik an einer heiligen Figur kein höfliches Verhalten ist, irgendwie unangebracht. Dieser kulturelle Relativismus verrät die Grundwerte, auf denen unsere offene Gesellschaft aufgebaut ist. Wir sollten uns niemals selbst zensieren."

Ruaridh Nicoll erzählt in seinem Porträt des kubanischen Nationalballetts die schöne Geschichte, wie bei einer Vorführung in Havanna der Plattenspieler seinen Geist aufgab, Alihaydee Carreno und Leonardo Reale (mehr) aber einfach weitermachten. "Die Schönheit dieser beiden, die allein tanzten auf einer leeren Bühne, begleitet nur von dem leisen Atmen von sechzehnhundert Leuten, ließ die Zeit still stehen."

Weiteres: Schwerpunkt ist der Islam in England. Ehsan Masood hofft, dass die Attentate die von konservativen Südostasiaten dominierte britische Variante offener und moderner werden lassen. Aatish Taseer porträtiert einen fünfundzwanzigjährigen Gotteskrieger aus Manchester, der britische Muslime für Afghanistan rekrutierte. Passend zum hiesigen Prozess gegen Holger Pfahls fordert Joe Roeber ein Ende der staatlich betriebenen Korruption im Waffengeschäft. Ebenfalls nur im Web spekuliert Michael Axworthy, dass die Wahl des konservativen Mahmoud Ahmadinejad zum iranischen Präsidenten den Niedergang des religiösen Establishments einleiten könnte. Und Matthew Reisz fragt sich in einer Besprechung einiger Bücher, ob die große literarische Tradition des Londoner East End am Ende ist.

Magazinrundschau vom 28.06.2005 - Prospect

"Die Verfassung ist tot - Lang lebe die Verfassung!" Auch nachdem Franzosen und Niederländer mit "Nein" gestimmt haben, sieht der amerikanische Politologe Andrew Moravcsik das europäische Projekt keineswegs als gescheitert an. "Weit entfernt, den Niedergang der EU zu demonstrieren, zeigt sich ihre Stabilität und Legitimation in der Krise. Der zentrale Irrtum der Gestalter der EU-Verfassung ist stilistischer und symbolischer Art, nicht substantieller. Die Verfassung enthält eine Reihe bescheidener Reformen, wie sie von den meisten Europäern bevorzugt werden. Jedoch haben die europäischen Politiker das pragmatische Konstrukt selbst gekippt, indem sie die Reformen zur großen Vorlage für konstitutionelle Veränderungen und eine Demokratisierung der EU aufgeputzt haben."

Larry Siedentop, Gisela Stuart, John Kay, Sunder Katwala, Charles Grant, Philippe Legrain und Michael Maclay sehen das skeptischer. (Schade, dass nur amerikanische und britische Autoren nach ihrer Meinung gefragt wurden.) Fast alle betonen übrigens, wieviel sozialer Großbritannien ist als Frankreich oder Deutschland. "Schneller auf als jedes andere Land in Europa baut Großbritannien gerade seinen Wohlfahrtsstaat auf, der zum Teil auf dem skandinavischen Modell basiert", schreibt etwa Moravcsik.

Weitere Artikel: David Rieff hinterfragt das politische Bewusstsein der großen Spenden- und Hilfsorganisationen am konkreten Beispiel der Hungersnot-Katastrophe in Äthiopien Mitte der achtziger Jahre. Jonathan Power, der zwanzig Jahre lang als Freiwilliger am sozialistischen Aufbau in Tansania mitgewirkt hat und dem Land schließlich verbittert den Rücken kehrte, berichtet 21 Jahre später von seiner Rückkehr in das Land, in dem sich gleichzeitig nichts und alles geändert zu haben scheint. Und Jonathan Heawood verteidigt die neue BBC-Comedy-Serie "The Thick of It" (in der sich ein unglückseliger Minister und sein nutzloser und manipulativer Mitarbeiterstab Sandkastenkämpfe liefern) gegen Anschuldigungen, sie stellte die politische Realität der britischen Regierung verzerrt und klischeehaft dar.

Nur im Print: das ehemalige Tory- und jetztige Labour-Mitglied Robert Jackson erklärt in einem Brief an Dear Angela Merkel, warum Großbritannien und Deutschland so ein feines Team sein könnten.

Magazinrundschau vom 24.05.2005 - Prospect

Ist die Zeit der ikonischen Gebäude wie Norman Fosters Salzgurke in London oder Frank Gehrys Guggenheim-Museum in Bilbao schon wieder vorüber? Die beiden Architekturkritiker Deyan Sudjic und Charles Jencks diskutieren die Frage in einem langen Briefwechsel. Jencks argumentiert, dass die repräsentativen Bauten den vakanten Platz des Glaubens einnehmen. "Der Niedergang der Religion ist ein Schlüsselmoment in der Verehrung der Ikonen, aber genauso wichtig ist der Niedergang aller Ideologien und gemeinsamen Werte. 'Schwacher Glaube' charakterisiert die globale Kultur. Der schwache Glaube resultiert im Bereich der Kunst darin, meint Arthur Danto, dass 'alles Kunst sein kann'. Auf die Architektur trifft die Analogie zu: alles kann ein ikonisches Gebäude sein. Denken sie an das Prada-Haus in Tokyo, ein 60 Millionen Dollar schwerer Plastik-'Kristall' zum Einkaufen, oder Selfridges in Birmingham, das sich an die 'Titten und Ärsche' derer anlehnt, die drinnen Kleidung anprobieren. Letzteres ist gleich neben einer Kirche, die es überragt, ein treffliches Symbol für die Art undf Wesie, in der Sexy-Shopping die Religion ersetzt hat."

Linda Colley gratuliert Anatol Lieven zu seiner Analyse des amerikanischen Nationalismus in "America Right or Wrong?". Für Lieven drohe "die Hyperaktivität und der Nationalismus der USA, den Status quo zu zerstören, statt ihn zu konsolidieren. Insofern vergleicht er das gegenwärtige Amerika mit Großbritannien und Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg. Damals fühlten diese beiden europäischen Reiche sich ihrer Macht unsicher, bedroht und benachteiligt. Daraus folgte, dass sie diese Unsicherheit auf eine Art und Weise überkompensierten, die sich als zerstörerisch - für sich selbst und für andere - erwies."

Weitere Artikel: Angesichts des Booms, den biologistische Erklärungen von vermeintlich geschlechterspezifischen Fähigkeiten derzeit erfahren, macht Natasha Walter deutlich, wie selektiv mit den Ergebnissen aus der Geschlechterforschung umgegangen wird, und schlägt sich auf die Seite der Kultur: "Wenn wir Menschen irgendetwas von Geburt an sind, dann von Geburt an anpassungsfähig." Daniel Johnson zeichnet nach, warum sich das Schachspiel während des Kalten Krieges einer so großen Beliebtheit erfreute und selbst zum Austragungsort des ideologischen Wettstreits wurde. Bartle Bull berichtet, wie Muktada al-Sadrs Shia-Rebellen ihre ersten Schritte auf demokratischem Boden wagen. Und Fintan O'Toole erfreut sich an John Banvilles Maler-Roman "The Sea" sowie an seiner Art, vor den "alten klirrenden Knochen" des Irischseins zu fliehen, die ihn erst recht zum Iren macht.