Magazinrundschau - Archiv

Prospect

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Magazinrundschau vom 20.09.2011 - Prospect

Tpyisch neurussisch, aber dann auch wieder nicht, scheint das große Projekt der Wiederherstellung der St. Petersburger Insel "Neu-Holland". Einst berühmt für ihre großen Speicher, verfiel dieser Teil der Stadt seit dem 19. Jahrhundert. Ein erster Plan zur Wiederherstellung unter Leitung von Sir Norman Foster scheiterte, jetzt aber hat ausgerechnet der Oligarch Roman Abramowitsch tief in die Portokasse gegriffen und spendiert rund 300 Millionen Euro, nicht zuletzt, um der Kunst eine Stätte zu bieten. Shaun Walker hat sich vor Ort umgesehen: "Im Juli wurde Neu-Holland das erste Mal in Teilen wieder für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Der Hauptteil mit den Speichern ist noch geschlossen, aber es gibt bereits einige vorläufige Ausstellungen und eine begrünte Fläche zum Spielen oder Herumhängen. Ein Restaurant und ein Cafe haben in einem früheren Gefängnis eröffnet, einem dreistöckigen Gebäude in Form eines Schwimmreifens. Fünfzehntausend Besucher wollten das am Eröffnungswochenende sehen. Nicht in erster Linie Touristen, sondern Petersburger, die unbedingt einen ersten Blick darauf werfen wollten. Tausende hinterließen auf Postkarten ihre Meinung zu den acht zur Auswahl stehenden Entwürfen für den Neuaufbau der Insel."

Magazinrundschau vom 16.08.2011 - Prospect

Jetzt endlich bewiesen: Die Postmoderne ist vorbei. Muss so sein, denn das Victoria & Albert Museum veranstaltet eine große Retrospektive: "Postmodernism: Style and Subversion 1970-1990". Zwar eröffnet die Ausstellung erst im September ihre Pforten. Der Schriftsteller Edward Docx ergreift jedoch gerne die Gelegenheit zu äußerst ausführlichem Abgesang und Ausblick - auf ein neues Zeitalter der Authentizität. "Wir wünschen uns, erlöst zu werden von der Rohheit unseres Konsums, dem Schwindel unserer Rechthaberei, dem Gewimmel der Unsicherheiten, auf denen die sozialen Netzwerke gebaut sind und von denen sie leben. Wir sehnen uns nach der Rückkehr zum faszinierenden Narrativ der Kennerschaft. Wenn das Problem der Postmoderne darin bestand, dass ihr die Moderne gesagt hatte, was sie tun soll, dann ist das Problem der aktuellen Generation das entgegengesetzte: Niemand hat uns gesagt, was wir tun sollen."

Magazinrundschau vom 19.07.2011 - Prospect

Etwas tut sich in der britischen Opernwelt. Den Laurence Olivier Award für die beste Neuproduktion gewann eine Inszenierung von Puccinis "La Boheme" der kleinen Kompanie OperaUpClose. Michael Coveney hat sie besucht und dabei das folgende erlebt: "Die Vermischung von Darstellern und Besuchern war dabei Prinzip. Der zweite Akt von 'La Boheme', in dem Musetta Beleidigungen mit ihrem mal-ja-mal-nein-Freund Marcello und einem älteren Bewunderer austauscht, findet statt in einem Cafe. Das Publikum befand sich während der ersten Pause bei dieser Aufführung in der Bar des King's Head-Theaters. Plötzlich begann jedoch die Barfrau zu singen, dann auch ein paar unter den den Besuchern; der Rest der Sänger war über den alten viktorianischen Barraum verteilt. Von draußen blickten Passanten amüsiert und verblüfft zu uns rein. Der zweite Akt lief so auf faszinierende Weise ab, bevor wir uns für den Rest der Oper zurück ins schäbige Innere des Theaters begaben."
Stichwörter: La Boheme, Opernwelt

Magazinrundschau vom 07.06.2011 - Prospect

Die Schriftstellerin Lionel Shriver ist, wie sie in einem leidenschaftlichen Artikel bekennt, dem Tennis verfallen. Sie nutzt jede Gelegenheit zum Trainieren und Spielen. Was das Einzigartige an diesem Sport ist, versucht sie so zu erklären: "In seinen Grundzügen ist Tennis auf erhabene Weise einfach, und der Laie hat guten Grund, sich erst einmal entgeistert zu fragen, was so großartig daran sein soll, eine unter Luftdruck gesetzte Kugel wiederholt über ein Netz zu schlagen. Allerdings ist das manipulierende Einwirken auf einen Tennisball mit dem Schläger eine schauderhaft subtile und suchterzeugend schwierige Sache... Es ist im übrigen fabelhaft, dass man etwas dermaßen hart prügeln darf, wieder und wieder, und nicht verhaftet wird dafür. Das Klang des Balls beim Aufprall auf die Saiten bietet dieselbe perkussive Befriedigung wie das Ploppen eines Steins in einen Teich, das Aufsprengen einer Erbsenhülse oder das Einschnappen der Teile eines neuen Druckers, wenn das Plastik dabei nicht bricht."
Stichwörter: Shriver, Lionel, Plastik, Tennis

Magazinrundschau vom 14.06.2011 - Prospect

Fast zehn Jahre nach dem 11. September lässt Adam Kirsch die seitdem erschienene amerikanische Literatur zum Thema - von Don DeLillos "Falling Man" bis John Updikes "Terrorist" - Revue passieren und zeigt sich mit keinem der Bücher zufrieden. Schuld, meint er, sei die typisch "amerikanische Direktheit" in der Herangehensweise. Einige Autorinnen und Autoren widersprechen gleich unter dem Artikel, Siri Hustvedt etwa, und auch Stephen Merrill Block, der eine viel einfachere Erklärung hat: "Um die Tragödie vom 11. September zu verstehen, brauchen wir keine Fiktion. Die Medienberichterstattung von den Ereignissen war auf zuvor unerhörte Weise umfassend und intim; an jenem Tag sahen wir alle die Türme und die Körper fallen... Wenn Autoren das geteilte öffentliche Trauma in ihren fiktionalen Werken zu reimaginieren versuchen, kann einem das schnell etwas pervers vorkommen, als wollten sie den Vorrang ihres eigenen Intellekts im Angesicht einer Tragödie behaupten, die wir alle gemeinsam erlebten."

Magazinrundschau vom 21.06.2011 - Prospect

Erstmals überhaupt widmet die Tate in London der kurzlebigen britischen Kunstbewegung der Vortizisten eine große Ausstellung. Richard Cork hat sie besucht und erläutert ein paar Kontexte: "Die Bewegung war inspiriert von der Erfindungskraft und Energie, die Großbritannien zum Schmeltziegel der industriellen Revolution gemacht hatten. Die Vortizisten stellten die Welt des Maschinenzeitalters in den Kern ihrer Arbeiten. Wie die Futuristen glaubten sie, dass eine neue Kunst in einem noch jungen Jahrhundert die dramatischen Veränderungen ihrer Zeit spiegeln sollte. Anders als die Futuristen betrachteten sie die moderne Existenz nicht mit jubilatorischem Enthusiasmus. Ein typisches vortizistisches Gemädle wie Wyndham Lewis' 'The Crowd' zeichnet sich aus durch eine klare, schnittscharfe Lebendigkeit und heitere Farben. Jedoch blickt es mit sehr kritischem Blick auf die neuen Fähigkeiten der mechanischen Welt. Entmenschlichung ist ein zentrales Thema."
Stichwörter: Maschinenzeitalter

Magazinrundschau vom 03.05.2011 - Prospect

Auf die Frage, was er täte, könnte er die Welt regieren, hat der Historiker Niall Ferguson, der selbst, wie er erklärt, nicht einmal seinen Hund kommandieren wollte und konnte, eine recht bestechende Antwort: "Ich würde meine Macht für die Dauer von höchstens einer Woche nutzen, um alle traditionellen Herrschaftssysteme auszumerzen und veraltete Hierarchiemodelle durch Netzwerke zu ersetzen. Ich begänne mit der Absetzung aller Autokraten und gäbe ihren ehemaligen Untertanen eine einfache Verfassung nach dem Modell derjenigen der Vereinigten Staaten. Ich würde dann auf einen Schlag alle sich herrschaftlich gebärdenden Wirtschaftsführer der Weltwirtschaft auf einen Schlag in den Ruhestand schicken und ihre Macht an Exekutivkommittees übergeben - ich wäre im übrigen versucht, mir als ersten Michael O'Leary von Ryanair vorzuknöpfen. Jetzt mögen Sie sagen, dies sei ein Rezept für Anarchie. Aber nein - da die Herrschaft des Rechts die eine Form der Herrschaft ist, die ich beibehalten würden... Und es gäbe noch genug Raum für Führung - eine ganz andere Sache als Herrschaft."

In einem weiteren Artikel sieht Anthony Lloyd nach drei Wochen in der libyschen Rebellenhochburg Bengasi die Revolutionsbewegung nicht nur unter militärischem Druck, sondern auch aufgrund ihrer inneren Heterogenität kurz vor der Implosion.

Magazinrundschau vom 10.05.2011 - Prospect

Voller Vorfreude blickt Sam Leith auf die (inzwischen erhältliche) Fortsetzung des Videospiel-Klassikers "Portal" - und erklärt noch einmal, warum dieses Spiel ohne jeden falschen Kunstanspruch doch einzigartig ist. Das hat mit dem Experimentalcharakter der Wurmlöcher, durch die die Heldin teleportiert wird, zu tun. Mehr noch aber mit einem Charakter, der gar keinen Körper hat, nur eine Stimme ist: "GLaDOS schmollt und schimpft, droht und schmeichelt. Sie verspricht, dass du, wenn du mit deiner Arbeit an den Experimenten fertig bist, auf einer Party, zu der all deine Freunde geladen sind, zur Belohnung einen Kuchen erhältst... Aber je länger die Honigstimme des Computers dich durch das Labyrinth der Testzonen lockt, desto klarer wird, dass GLaDOS nicht einfach passiv-agressiv ist, sondern ganz und gar verrückt. Von wegen Kuchen - sie plant dich zu ermorden, indem sie dich in einen Feuersee stößt. Und wenn du diesem Schicksal entgehst, findest du dich in den düsteren Backstage-Zonen des Gebäudes, wo du auf Graffiti stößt, die vermutlich von deinen Vorgängern stammen. Ein wiederkehrendes Graffito lautet: 'Der Kuchen ist eine Lüge.' Das hat längst ein Eigenleben außerhalb des Videospiels gewonnen und ist zu einem Internet-Slogan geworden..., ein Allzweck-Hinweis auf die Verlogenheit von neuen Diäten, neoliberalen Trickle-Down-Ökonomen und den Versprechungen der Religion. Das ist das Grandioseste an Portal: Es ist nicht nur ein Spiel, sondern eine Weltanschauung."
Stichwörter: Graffiti, Labyrinth, Videospiele

Magazinrundschau vom 22.03.2011 - Prospect

David Goodhart berichtet von seiner jüngsten Reise in ein derzeit recht weit im Abseits der Weltaufmerksamkeit stehendes Land: Georgien. Dort tut sich, wie er versichert, Erstaunliches. Die Kämpfe mit Russland sind beigelegt, der international heftig umstrittene Präsident Micheil Saakaschwili legt ein gewaltiges Reformtempo vor: "Die junge Elite Georgiens hatte die Texte des ökonomischen und politischen Liberalismus studiert und glaubte, anders als wir blasierte Westler, noch an die Macht der Idee zur Veränderung der Gesellschaft. Das georgische Experiment hat auch Sympathisanten aus dem Ausland angezogen, etwa Raphael Glucksmann, den Sohn des Ex-Marxisten Andre Glucksmann. Und man kann die Faszination schon verstehen. Das ist ein Ort, an dem man Dinge umsetzen kann, seien es große Experimente wie die flat tax oder kleinere wie die Rekrutierung von 10.000 Englischlehrern aus dem Ausland (so dass Englisch statt Russisch nun die zweite Sprache Georgiens wird) oder die Verteilung von Gratis-Laptops an alle Schüler. Aber die Elite von Tiflis ist auch eine spannende Mischung aus Idealismus und Zynismus. Sie wissen, dass Politik in der Demokratie manchmal ein schmutziges Spiel ist und dass ihr Präsident es brillant beherrscht. Darin liegt auch ein Problem. Trotz seiner Leistungen wird Georgien von den offiziellen Stellen im Westen - Regierungen, NGOs etc - mit Argwohn betrachtet. Nach London zurückgekehrt, traf ich zufällig einen hochrangigen britischen Geheimdienstmann, der mich, als ich ihm von meiner Reise erzählte, nur mit hochgezogener Braue fragte: 'Na, haben Sie die volle Propaganda-Dosis bekommen?'"

Magazinrundschau vom 18.01.2011 - Prospect

Prospect hat von einer Gruppe von ExpertInnen eine Liste der zehn wichtigsten Persönlichkeiten für die digitale Zukunft zusammenstellen lassen. WWW-Erfinder Tim Berners-Lee auf Platz eins ist keine Überraschung, über den Aca-Fan Henry Jenkins auf Platz drei darf man sich freuen. Und was Jiang Zemin auf Platz acht zu suchen hat, begreift man nach ein wenig Nachdenken auch: "Die Bedeutung des Internets wächst stetig, ebenso die Fragen von Zensur und virtueller Kriegsführung. Und wenige Individuen haben auf diesem Feld mehr Einfluss gehabt als der frühere chinesische Premier Jiang Zemin, der als Präsident Chinas zwischen 1993 und 2003 die Einrichtung der 'großen Firewall' überwachte, die heute das raffinierteste System der Online-Überwachung, -Regulierung, -Infiltration und -Kriegsführung ist. Wer die Natur des modernen Netzes verstehen will, muss diese Kräfte verstehen - wie sie entstanden sind und wie sie ausgeübt werden."