Magazinrundschau - Archiv

Prospect

169 Presseschau-Absätze - Seite 5 von 17

Magazinrundschau vom 13.03.2012 - Prospect

Julia Lovell hat sich zwei neue chinesische Literaturmagazine mit ins Englische übersetzten Supplements angesehen: Das mit Regierungsgeldern finanzierte Pathlight (hier) und das privat getragene Chutzpah (hier). Beide bringen Kurzgeschichten chinesischer Autoren, die Lovell sehr interessant findet: "Obwohl die britischen Verlage auf Romane fixiert sind, lässt sich das Talent chinesischer Schriftsteller weit besser anhand ihrer Kurzgeschichten demonstrieren. Das heutige China ist nicht der geeignete Ort dafür, jene professionelle Hingabe zu bestärken, die für das literarische Handwerk der gelungenen langen Form nötig ist. Autoren überarbeiten ihre Texte selten; die Verleger redigieren kaum; sie sind viel zu sehr damit beschäftigt, zu bloggen, Filme zu drehen oder dem nächsten großen literarischen Trend hinterherzujagen. Die Kurzgeschichte ist die ideale literarische Form in einem Land, das so akut am Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom leidet: lang genug, um ein Sinnfragment dieses verwirrenden Landes zu erhaschen; (gewöhnlich) knapp genug, um die Autoren von melodramatischen Plotscharnieren oder schlampigen Beschreibungen abzuhalten. Will man verstehen, welches Bild sich Chinas Literaten von ihrem Land machen, so sollte man deren Kurzgeschichten lesen, nicht deren Romane. Die Zusammenstellungen von Chutzpah und Pathlight sind dafür ein guter Ausgangspunkt."

Außerdem lässt Kevin Jackson die Rezeptionsgeschichte Edgar Allan Poes unter europäischen Intellektuellen Revue passieren, die er maßgeblich dafür verantwortlich macht, dass Poe als mittelmäßiger Autor in den Rang eines Weltliteraten aufsteigen konnte.
Stichwörter: Aufsteiger, Poe, Edgar Allan

Magazinrundschau vom 06.03.2012 - Prospect

Würde Putin häufiger ins Netz schauen, würde ihm vielleicht dämmern, dass seine markigen TV-Auftritte, in denen er sich etwa mit der Schlange Kaa aus dem "Dschungelbuch" vergleicht, die ihre Opfer hypnotisiert und dann erwürgt, die prosperierende russische Satireszene überhaupt erst befeuern, findet Rachel Polonsky. Insbesondere die Theatertruppe "Citizen Poet", die einerseits klassisch auf Bühnen spielt, andererseits aber auch jeden Montag ihren YouTube-Kanal mit Videos über die aktuellen Fehlleistungen der politischen Kaste füttert (hier die Reaktion auf Putins Schlangenrhetorik), hat es der Autorin dabei angetan. Die Auswirkungen sieht man auf der Straße: "Wie die Dinge sich ändern: In diesem Winter war der beliebte Buchladen auf der Tverskayastraße in Moskau, der früher Putinporträts verkaufte, voll mit den Werken der Leute an der Spitze des Protests: Boris Akunin, der Journalist Leonid Parfyonow und die Romanautorin Ludmilla Ulitskaya. ... Im Fenster lag das Buch und die DVD von 'Citizen Poet' aus, vorne drauf Jefremow, der, verkleidet als der absurdistische Schriftsteller Daniil Kharms, anarchisch unter seinem kitterigen Hut hervorgrinst. Von Putin keine Spur."

Weiteres: Jane Shilling macht sich angesichts stapelweise angehäufter persönlicher Korrespondenz, die sie den Flammen zu überantworten denkt, Gedanken über die Unterschiede zwischen Papier- und Netzkorrespondenz. John Gray empfiehlt von Herzen John Lanchesters neuen Roman "Capital". Sam Leith fragt sich ernsthaft, ob orangefarbene Paprika es wirklich verdient haben, an der Spitze menschlicher Erfindungskraft zu stehen. Ian Irvine sammelt literarische Zeugnisse zum Schaltjahrtag. Und würde David Sedaris über die Welt herrschen, brächen gute Zeiten für Jesus Christus, unseren gepriesenen Herrn, an.

Magazinrundschau vom 20.03.2012 - Prospect

Leo Benedictus macht eine neue, starke Strömung in der englischsprachigen Gegenwartsliteratur aus: Handwerklich souverän gefertigte Romane, deren Ich-Erzähler sprachlich gehandicapt sind, wie etwa in Mark Haddons Roman "Supergute Tage oder die sonderbare Welt des Christopher Boone": Diese literarische Form bildet ihm zufolge "das Genre, das unsere Zeit definiert. ... Deren Erzähler sind auffällig machtlos, oft Kinder oder eingeschränkte Menschen; für gewöhnlich ist deren Prosa voller Fehler (oder was der Leser bis dahin für solche hielt). Sie sind, kurz gesagt, die unwahrscheinlichsten Autoren der Welt. ... Indem sich diese Romane das Leben innerhalb eines fremdartigsten Verstandes ausmalen, beuten sie das Potenzial der Literatur zum psychischen Tourismus - deren 'Killer-App' - auf gründlichere Weise aus als jede andere Art des Schreibens. Dies könnte ihren Erfolg auf Kosten anderer Formen erklären. Womöglich muss sich der Roman, als Nebenbuhler im Kampf um die öffentliche Aufmerksamkeit neben Fernsehen, Smartphones und dergleichen positioniert, genau auf das konzentrieren, was andere Medien nicht vermögen."

Außerdem: Dj Taylor porträtiert den Autor und Literaturkritiker Peter Ackroyd.

Magazinrundschau vom 31.01.2012 - Prospect

Im Determinismusstreit zwischen Geistes- und Neurowissenschaften über die Rolle des Gehirns für das Subjekt will sich Roger Scruton weder auf die eine, noch auf die andere Seite schlagen. Stattdessen schlägt er eine Synthese vor: "Die wirkliche, von Evolutionsbiologie und Neurowissenschaft aufgeworfene Frage ist nicht, ob diese Wissenschaften widerlegt werden können, sondern ob wir, was sie zu sagen haben, akzeptieren und dennoch zugleich an den Werten festhalten können, die die Moralität von uns verlangt. Von Kant und Hegel bis zu Wittgenstein und Husserl hat es Versuche gegeben, eine Philosophie der conditio humana zu entwickeln, die abseits der biologischen Wissenschaft verortet ist, ohne zu ihr im Gegensatz zu stehen. (...) Selbst wenn wir die Behauptungen der evolutionären Psychologie annehmen, bleibt das Geheimnis der conditio humana bestehen. Es lässt sich in einer einzigen Frage umfassen: Wie kann ein und dieselbe Sache als Tier erklärt und als Person verstanden werden?"

Jetzt, da Iran Uran anreichern kann, wird die Inkohärenz der iranischen Politik besonders deutlich, findet Ali Ansari. Alexandra Coghlan berichtet von Diskussionen über die ästhetische wie logistische Vereinbarkeit von elektronischer und klassischer Musik.

Magazinrundschau vom 07.02.2012 - Prospect

Pankaj Mishra würdigt die intellektuelle Biografie des 2010 gestorbenen Historikers Tony Judt anlässlich dessen letzter, postumer Buchveröffentlichung, dem Gesprächsband "Thinking the Twentieth Century" mit dem Historiker Timothy Snyder: "Wie Orwell, der einiges unternahm, um den englischen Linksliberalen ihre Scheinheiligkeit und Selbstgerechtigkeit auszutreiben, begann Judt nach dem 11. September damit, an den Verlogenheiten und dem Irrglauben der eigenen Seite zu kratzen. Sein Timing hätte kaum besser sein können. Der demonstrative Moralismus vieler seiner Kollegen war auf eine zunehmende Krise innerhalb des Liberalismus zurückzuführen. Nach 1989 seines Gegenstücks im 'Osten' beraubt, ist der Liberalismus selbstgefällig und richtungslos geworden, indem er passiv neokonservative und neoliberale Fantasien, wie man die Welt neugestalten könnte, begrüßte." Insgesamt ist ihm Judt aber nicht links genug.

Außerdem: Evan Hughes stellt das so schlichte, wie enorm erfolgreiche Weblog PostSecret samt dessen Betreiber Frank Warren vor, der dort wöchentlich eine Auswahl aus rund 1000 anonym eingeschickten, indivuell gestalteten Postkarten veröffentlicht, die ein intimes Geheimnis ihres Absenders verraten. Anita Desai schreibt über das nicht immer einfache Verhältnis als Schriftstellerin zu ihrer eigenen Familie. Und würde Garry Kasparov die Welt regieren, hätten wir bald schon alternative Energien und eine Marsstation.

Magazinrundschau vom 20.12.2011 - Prospect

Viele große amerikanische Schriftsteller wenden sich derzeit wieder der Kurzgeschichte zu, beobachtet Ruth Franklin anlässlich der Veröffentlichung zweier Anthologien und sieht damit die Form nach einer brachen Dekade neu heranreifen: "Liest man heute die ersten Ausgaben des Magazins McSweeney's aus den Jahren 1998 und 1999, in denen offenbar nichts ernst genommen wurde, so ist das wie eine Zeitreise in die irrationale Ausgelassenheit jener Jahre. Jetzt, knapp über ein Jahrzehnt später, befindet sich Amerika - und damit Amerikas Belletristik - an einem gänzlich anderen Ort. Die fortlaufend steigende Angst hierzulande weckt ein Bedürfnis nach Literatur, die sich mit 'wichtigen und moralisch aufgeladenen' Themen befasst - sowohl in der langen Form des narrativen Journalismus, als auch in den Kurzgeschichten, die man immer noch dazwischen gestreut finden kann. Wer möchte auch schon nach einer Fotostrecke aus Abu Ghraib oder einem investigativen Artikel über Gefängnisse des CIA auf eine weitere, unbekümmerte Fingerübung in Ironie stoßen? Die Experimentalisten der 90er Jahre waren für das folgende Jahrzehnt ganz einfach nicht gewappnet."

Weiteres: Rachel Aspden trifft in Ägypten die koptische Christin Samia, die skeptisch abwartend in die Zukunft ihres Landes blickt (und schon jetzt nur zwei Drittel des Lohns ihrer muslimischen Kollegen verdient). James Maxintyre verbringt die Nacht im Londoner Occupy-Camp vor St. Paul's.

Magazinrundschau vom 22.11.2011 - Prospect

Das Verhältnis zwischen Computerspielen und Filmen ist asymmetrisch, wenn nicht parasitär, schreibt Tom Chatfield: Man lobt Spiele für ihre cinematischen Qualitäten und verteufelt Filme, die sich den Computerspielen annähern, von trashigen Videospielverfilmungen ganz zu schweigen. Und dennoch sieht Chatfield in der Raumästhetik neuerer Filme wie "Tim & Struppi" oder "Avatar" unter dem Stichwort "digital world-building" eine gerade auch für das Kino fruchtbare ästhetische Allianz heraufdämmern: "Denn was passiert, wenn man, statt einfach nur ein visuelles Echo zu produzieren, versucht, den Film mit den wirklichen emotionalen und ästhetischen Qualitäten einer Spielerfahrung zu tränken: Die gesteigerte Erkundungs- und Handlungsfreiheit, die einen umströmt, wenn man auf eine gut gestaltete, virtuelle Welt stößt."

Weiteres: Gavin Kelly und James Plunkett liefern Hintergründe, warum selbst im Fall von wirtschaftlichem Wachstum mit keinem Zuwachs an Lebensqualität für die breite Masse zu rechnen ist. Ann Widdecombe würde zu guten, altmodischen Zeiten zurückkehren, würde sie die Welt regieren. Abgedruckt ist außerdem "The Redemption of Galen Pike", eine gerade mit dem V.S. Pritchett Memorial Prize ausgezeichnete Kurzgeschichte von Carys Davies.

Magazinrundschau vom 25.10.2011 - Prospect

Unter Russen fand sich der Schriftsteller Edward Docx auf Jasnaja Poljana, Leo Tolstois einstigem Landhaus, das heute das Tolstoi-Museum beherbergt, anlässlich der jährlichen Vergabe der Jasnaja-Poljana-Literaturpreise wieder. Dabei floss nicht nur der Wodka in Strömen, mit der anwesenden russischen Literaturprominenz wurde auch viel diskutiert statt nur geklatscht, wie das offenbar bei vergleichbaren britischen Veranstaltungen der Fall ist. Schnell dämmerte dem Autor, woher dieser Substanzunterschied rühren könnte: "In Britannien sind wir demokratisch privilegiert. Das bedeutet, unsere Schriftsteller neigen dazu, weniger von 'Belang' zu sein, denn, um es ganz schlicht zu sagen, es gibt grundsätzlich weniger, für das man politisch kämpfen müsste. Die meisten unserer Schreiber geben den Entrechteten keine Stimme, weil im Vergleich zu Russland die meisten Leute in Britannien, nunja, nicht entrechtet sind. Im Gegenzug sind die besten der russischen Romanautoren keine vorrangigen Unterhalter (obwohl sie dies schon auch sind), sondern ebenso politische Analytiker, Revolutionäre, Erklärer, Protestierer, 'Soldaten' wie Igor Malyshew es ausdrückt. Sie nehmen ihre Arbeit ernster, weil es ernstere Angelegenheit gibt, mit denen man es aufnehmen muss. Und weil der Roman - nicht die Zeitung, Theater, Film oder Fernsehen - in Russland immer schon der beste Ort war, um das Unsagbare zu sagen."

Weiteres: Geoffrey Robertson berichtet von der britischen Diskussion um die Pressefreiheit nach dem Abhörskandal der News of the World. Steven Pinker, schärfster Kritiker aller Kulturpessimisten und zuletzt wegen seiner Thesen zur steten Gewaltabnahme im Lauf der Menschheitsgeschichte umstritten, erläutert seine ersten Amtshandlungen, wäre er der Herrscher der Welt. Warum Europa über das polnische Wahlergebnis von Anfang Oktober erleichtert sein sollte, erläutert Anne Applebaum.

Magazinrundschau vom 06.09.2011 - Prospect

Wie Bilder zu Ikonen werden: darüber hat der Kunsthistoriker Martin Kemp ein Buch geschrieben. Der etwas provozierende Titel lautet "From Christ to Coke: How Image Becomes Icon". Nicht an der Provokation als solcher stört sich Roger Scruton in seiner Besprechung. Diesen allzu erweiterten Begriff des Ikonischen findet er dennoch problematisch, aus analytischen Gründen. Man vergleiche, meint er, die "Mona Lisa" (eine wahre Ikone) und das Coke-Logo des Titels: "Man erkennt den Unterschied daran, dass die 'Mona Lisa', anders als die Coke-Flasche, geschändet werden kann. In der Tat wurde sie geschändet: von Marcel Duchamp, der sie im Scherz mit einem Schnauzer und einem Bart geschmückt hat. Nur was 'geweiht' ist, kann geschändet werden, und wenngleich die 'Mona Lisa' kein liturgisches Objekt ist, so ist sie in unseren Gefühlen doch geweiht. Ihr Bild siedelt in einem höheren Bereich. Sogar wenn das Gemälde zerstört würde, bliebe das Bild in diesem Bereich doch lebendig, neben der Venus von Botticelli und dem David des Michelangelo, als ein 'Punkt, an dem sich die Zeit und die Zeitlosigkeit kreuzen'. Nichts davon lässt oder ließe sich über die Coke-Flasche sagen."

Magazinrundschau vom 13.09.2011 - Prospect

Die Brontes sind zurück - und zwar im Kino. Gleich zwei große Neuverfilmungen gibt es in diesem Jahr. Da ist zum einen Cary Fukanagas Version von Charlotte Brontes "Jane Eyre", zum anderen Andrea Arnolds gerade in Venedig gezeigte Fassung von Emily Brontes "Wuthering Heights" mit einem schwarzen Heathcliff. Für kein Wunder hält Matthew Sweet die neue Bronte-Aktualität in den gegenwärtigen härteren Zeiten, denn die Schwestern taugen, anders als Jane Austen, kaum für nostalgisch-kuschelige Zugriffe: "Mit der Ausnahme von 'Shirley' - dem einen Roman von Charlotte, den keiner liest - ist das Werk der Brontes mehr an leidenschaftlichen Individuen als an Gesamtbildern der Gesellschaft interessiert, in denen diese sich bewegen. 'Jane Eyre' und 'Wuthering Heights' weigern sich, die Art Sozialpanorama zu sein, auf die Eliot, Dickens oder Gaskell abzielten. Die Bücher der Brontes dagegen sind rauh, gefährlich, individualistisch, unkontrollierbar - und die Familie, die sie hervorgebracht hat, teilt manche dieser Eigenschaften."