Magazinrundschau - Archiv

Prospect

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Magazinrundschau vom 25.01.2011 - Prospect

In einem Denkstück zur Aktualität des Marxismus plädiert James Purnell auf nicht sonderlich originelle Weise für die Erneuerung der Sozialdemokratie. Interessanter ist seine Deutung der Finanzkrise, die er keineswegs als Krise des Kapitalismus per se begreift: "Die jüngste Kreditkrise war keine Krise des Kapitalismus; sie war eine Krise der westlichen Finanzmärkte. Dem Kapitalismus geht es bestens in China, Indien, Brasilien und Deutschland. Außerdem war der Totalitarismus eine genauso wichtige Ursache der Krise wie der Kapitalismus. Es war das Demokratiedefizit in China und anderswo, das die Ersparnisschwemme verursachte, die als Tornado durch den US-Eigentumsmarkt jagte. Wäre China eine Demokratie, könnten die Arbeiter ihren gerechten Anteil an ihrer Produktivität einfordern; der chinesische Konsum würde steigen und die Sparquote würde fallen. Wäre das von Singapur bis Dubai genauso, dann hätte es diese gewaltige Cash-Menge gar nicht gegeben, die die westlichen Banken in die von den subprime-gestützten Phantom-Finanzguthaben eingespeist und so die Krise ausgelöst haben."

Magazinrundschau vom 30.11.2010 - Prospect

David Goodhart erklärt den Briten Buch und Debatte von und über Thilo Sarrazin und kommt dann zu folgendem Schluss: "Sarrazins Dickköpfigkeit ist ein willkommener Gegensatz zum Wunschdenken der 68er Generation. Der ehemalige Finanzminister Berlins, der aussieht wie ein Soldat des Kaisers, ist ein Mitglied der unbequemen Truppe. Man kann sich vorstellen, dass er beim Abendessen in liberalen Kreisen Berlins einigen Ärger auslöst. Die meisten seiner Argumente sind weitsichtig und durchdacht, aber er konnte der Versuchung nicht widerstehen, mit Aussagen über Intelligenz und die Natur der Unterklasse zu provozieren. Dass das Buch trotz der Provokationen so einflussreich ist, zeigt an, dass Deutschland einen wichtigen Schritt nach vorne gemacht hat - nicht nur, weil es die Fehler der vergangenen Immigrationspolitik zugibt, sondern auch, weil der breite Graben zwischen Volksmeinung und politischer Klasse überbrückt wurde, was einen deutschen Haider verhindert."

Magazinrundschau vom 26.10.2010 - Prospect

Tom Chatfield denkt in einem sehr instruktiven, kritischen, aber nicht kulturpessimistischen Artikel über die strukturellen Veränderungen nach, die die Digitalisierung des Buchmarkts mit sich bringt. Er unterhält sich mit Autorinnen und Autoren, er erklärt, warum die Genre-Literatur der Gewinner der Umwälzungen ist und erst recht sein wird und er erläutert, warum die Prinzipien des Verlagswesens in näherer Zukunft auf den Kopf gestellt werden dürften: "Es war im Verlagswesen stets so - wie übrigens beim Kino auch -, dass eine kleine Zahl von Hits den Großteil der Einnahmen bringt und es den Produzenten so möglich macht, auf den Erfolg zukünftiger Produktionen zu wetten. Was aber, wenn dieses Glücksspiel um den Erfolg nicht mehr nötig wäre? Die Basis des Verlagswesens liegt darin, dass der Verleger den Zugang zu einer knappen, wertvollen Ressource kontrolliert - dem Druck. Digitale Medienmodelle jedoch, bei denen die Kosten der Veröffentlichung und Reproduktion fast bei Null liegen, funktionieren tendenziell genau umgekehrt: Das Material wird erst publiziert, dann beginnt der Auswahlprozess unter den Lesern. So wichtig die traditionellen Modelle der kennerschaftlichen Auswahl scheinen: Man kommt kaum umhin, sich hier eine Logik etablieren zu sehen, die auf anderen Feldern schon durchgesetzt ist. Wirf so viel Material wie nur möglich vors Publikum und lass sie selbst entscheiden. Und versuche dann, sobald sich etwas wie ein Hit abzeichnet, den Erfolg rücksichtslos zu maximieren."

Magazinrundschau vom 09.11.2010 - Prospect

In die Geheimnisse des "Gelddruckens" als Wirtschaftsförderungsprinzip weiht Faisal Islam ein. Zu den interessanteren Informationen des spannenden Artikels gehört es allerdings, dass nicht nur der Laie, sondern auch die Experten eigentlich keine wirkliche Ahnung haben, was die Methode der von ihnen so genannten "Quantitativen Entlastung" (QE) tatsächlich auf den Märkten bewirkt. Es kommen Seltsamkeiten dazu wie die Tatsache, dass die Bank von England mit dem neu gedruckten Geld ihre eigenen Staatsschulden aufkaufte: "Der Mechanismus, mit dem die Bank von England Staatsschulden erwarb, war verwickelt, und zwar aus organisatorischen wie rechtlichen Gründen. Das Büro für Schuldenmanagement (Debt Management Office, DMO), ein Arm des Finanzministeriums, verkaufte Morgen für Morgen britische Staatsanleihen im Wert von vielen Milliarden an die internationalen Märkte. Und am Nachmittag kaufte, knapp 400 Meter weiter, die Bank in einer Rückwärtsauktion Milliarden ähnlicher Staatsschulden auf. Nach EU-Gesetzgebung wäre es verboten gewesen, dass das DMO und die Bank von England miteinander Handel treiben. Also trat der Londoner Finanzmarkt dazwischen und machte mehr als ein Jahr lang seinen Profit auf beiden Seiten dieses bizarren monetären Karussellwesens."

Magazinrundschau vom 16.11.2010 - Prospect

In einem "Brief aus dem Iran" schildert Christopher de Bellaigue die spektakulären Erfolge, die der im Besitz von Rupert Murdoch befindliche, aus Dubai sendende Satellitensender Farsi 1 im Iran feiert. Die politische Widerstandskraft scheint ermüdet, man fiebert, so de Bellaigue, lieber mit den die Grenzen der Züchtigkeit berührenden, aber nie überschreitenden Figuren der Soap Operas aus Dubai: "Das Phänomen 'Farsi 1' ist ein Symptom der Enttäuschung, die die verwestliche Mittelschicht, also die hauptsächlichen Unterstützer von Moussavi, erfasst hat... Seine Anhänger sind sich uneins und das Minimalziel - Ahmadinedschad aus dem Amt zu entfernen - ist spektakulär gescheitert. Das hat zum Teil mit den Repressionen des Regimes zu tun, aber eher banale Probleme sind auch ein Grund. Ein Taxifahrer in Teheran erzählte mir neulich, dass seine Teilnahme an den Protesten ihn in seinen Mietzahlungen weit zurückgeworfen hat. Jetzt macht er Überstunden. Kurz gesagt: Die Iraner der Mittelschicht, die nach Jahren der Entpolitisierung, sich plötzlich und dramatisch wieder engagieren, haben jetzt wieder abgeschaltet. Amir Mohebbian, ein konservativer Politexperte, der eine neue politische Bewegung zu starten versucht, erklärte mir ganz beglückt: 'Letztes Jahr war alles Moussavi. Heute reden alle nur noch über Salvador", den spektakulär gebauten Helden der Soap "Body of Desire" (Kostprobe bei Youtube).

Magazinrundschau vom 12.10.2010 - Prospect

Mit den diffizilen ethischen Problemen der sogenannten Trolleyology macht uns David Edmonds in einem ausführlichen Artikel vertraut. Es geht dabei um sehr grundsätzliche Fragen von Leben und Tod, die auch Entscheidungen etwa zur Gesundheitspolitik berühren. Ausgedacht haben sich die Zwickmühle, um die es dabei geht, die in der vergangenen Woche verstorbene Philosophin Filippa Foot und ihre MIT-Kollegin Judith Jarvis Thomson. Edmonds erläutert die beiden zentralen Beispiele: "Im sogenannten 'Abstellgleis'-Problem rast ein außer Kontrolle geratener Lastenwagen (engl. 'trolley') - oder ein Zug - auf fünf Menschen auf einem Gleis zu, die dem sicheren Tod ins Auge sehen. Sie stehen daneben und könnten, indem Sie eine Weiche umlegen, den Zug auf das Abstellgleis lenken und so die Leben dieser Menschen retten. Allerdings ist an dieses Gleis ein anderer Mann gekettet, der durch diese Umlenkung getötet würde. Würden Sie die Weiche umlegen? Im 'Dicker-Mann-Problem' rast derselbe Zug wiederum auf die fünf Leute zu. Diesmal sind Sie auf einer Fußgängerbrücke über den Gleisen. Neben Ihnen steht ein dicker Mann. Wenn Sie ihn auf die Gleise stoßen, würde seine Körpermasse den Wagen zum Stoppen bringen - ihn würde das Manöver aber töten. Stoßen Sie ihn? Jede Studie zu den Problemen führt zu dem Ergebnis, dass die Leute sagen, sie würden den Abstellgleis-Mann opfern, nicht aber den dicken Mann, den sie stoßen müssten. Worin aber liegt die relevante ethische Unterscheidung zwischen den beiden? Genau um diese Frage dreht sich eben die florierende akademische Mini-Industrie namens 'trolleology'."
Stichwörter: Gesundheitspolitik

Magazinrundschau vom 28.09.2010 - Prospect

Schwerpunkt dieser Ausgabe ist das Scheitern des Multikulturalismus. Der Autor Lindsay Johns hat überhaupt keine Lust mehr mit Leuten zu streiten, die behaupten, "Schwarze könnten sich nicht in Büchern wiederfinden, die vor 2000 Jahren von einer Handvoll toter weißer Autoren geschrieben wurden, oder dass Maya Angelou besser sei als Shakespeare. Damit verleugnen sie unser gemeinsames Menschsein über die rassischen Unterschiede hinweg. Tote weiße Männer, die Säulen des westlichen Kanons, bleiben äußerst relevant für schwarze Menschen im 21. Jahrhundert, weil ihr Anliegen universal ist."

Auch Einwanderern hat der Multikulturalismus mit seinem Festhalten an angeblich authentischen kulturellen Identitäten nichts gebracht, meint der Autor Mike Phillips. Das sind Theorien über Volkszugehörigkeit aus dem 19. Jahrhundert! "Ironischerweise wurde das das Label 'Rasse', das in den letzten Jahrzehnten verpönt war, durch das Wort 'Kultur' ersetzt, um als Surrogat für all die vertrauten alten Ansichten zu dienen. Personen wie der frühere Bürgermeister von London, Ken Livingston, entschieden, dass der Multikulturalismus die politische Strategie sei, um alle Probleme der Identität von Einwanderern und Briten zu lösen. Aber Multikulturalismus bot unterschiedlichen Leuten verschiedene Bedeutungen an. Sogar die rechten und rassistischen Parteien, überzeugte Gegner dessen, was sie als 'Vermischung der Rassen' bezeichnen würden, erkennen die Vorteile des multikulturellen Arrangements, in dem jede 'Kultur' ihre Exklusivität hinter verschiedenen sozialen und politischen Barrieren pflegt."

Der französische Filmregisseur Gaspard Noe hat für seinen Film "Enter the void" ganz schön was einstecken müssen. Andere Kritiker wieder halten der Film für ein Meisterwerk. Aus der Perspektive (point of view, POV) eines sterbenden Drogenhändlers fliegt Noes Kamera endlos über Tokio, seine Nachtclubs und Sexhotels. Im Interview erklärt Noe: "Einige hatten Angst, dass das Publikum nicht verstehen würde, dass der POV der Kamera der POV des Geistes von Oscar ist, obwohl ich dachte, das sei evident. Es ist schon so oft erzählt worden, dass sich der Geist, wenn man stirbt, vom Körper löst und man über der Welt fliegt, die man verlassen hat. Ich dachte, die Zuschauer verstehen das. Wenn man die Kamera über den Lebenden fliegen sieht, weiß man, das ist ein Geist. [...] Die Charaktere sind nicht cool, sie sind nicht heroisch oder antiheroisch, sie sind einfach komplexe menschliche Wesen mit guten und schlechten Seiten. Oscar ist der größte Verlierer, den man sich vorstellen kann, und das hat viele Leute gestört."

Magazinrundschau vom 21.09.2010 - Prospect

Michael Coveney hat das "immersive Theater" der Performance-Truppe You Me Bum Bum Train erlebt: 200 Theaterleute, die 1 Zuschauer betreuen! Coveney fand das ganze - anders als andere - nicht nur "trivial", sondern auch "auf niedriger Stufe faschistisch". Wovon er spricht? Davon: "Kürzlich besuchte ich ein verlassenes Elektrizitätswerk in Bethnal Green, East London und gab meine Besitztümer und meine Jacke dabei am Eingang ab. Meine Schuhe wurden mit Klebeband an den Socken befestigt; man setzte mich in einen Rollstuhl; schob mich durch Schwingtüren und schimpfte auf mich ein wegen der schlechten Verfassung einer American-Football-Mannschaft. Zwei Sekunden später war ich in einer Umkleide und hielt eine Anfeuerungsrede für mich finster anblickende fünfzehn Muskelprotze mit Gesichtsbemalung und Footballhelmen. Das war aber nur der Anfang. In den nächsten vierzig Minuten schob man mich rücklings in einen Tunnel für einen MRI-Scan, ich geriet auf dem Weg über ein Sushi-Restaurant und ein Lager für verlorene Gepäckstücke (immer noch auf dem Rücken) unter den Unterboden eines Autos und dann in eine Reparaturwerkstatt, wo ich erklären sollte, warum das Auto noch nicht fertig ist."
Stichwörter: Socken, Immersives Theater

Magazinrundschau vom 27.07.2010 - Prospect

Peter Jukes hat ein langes Porträt des sozialdemokratisch-linken Historikers, vom Zionisten zum Anti-Zionisten gewandelten Juden und nach seiner ALS-Erkrankung inzwischen komplett gelähmten, seitdem aber fast noch öffentlicheren Intellektuellen Tony Judt verfasst. Es beruht unter anderem auf einem E-Mail-Interview aus diesem Jahr, das ebenfalls komplett nachzulesen und hoch interessant ist. Neben vielen anderen Dingen geht es darin auch um die Rolle des öffentlichen Intellektuellen. Judt erklärt: "Paradoxerweise sind öffentliche Intellektuelle dann am besten, wenn sie ein Fundament in einer spezifischen Sprache, Kultur und Debatte haben. So war Camus Franzose, Habermas ist Deutscher, Sen ist Bengale und Orwell war zutiefst Englisch. Das machte ihre grenzüberschreitenden Unternehmungen plausibel, ganz genauso wie Havel oder Michnik ihre street credibility der Herkunft als mutige Dissidenten an einem sehr spezifischen Ort und zu einer spezifischen Zeit hatten. Das Gegenteil ist der lächerliche Slavoj Zizek: ein 'globaler' öffentlicher Intellektueller, der deshalb nirgendwo und zu gar keinem Thema von besonderem Interesse ist. Wenn er die Zukunft des öffentlichen Intellektuellen ist, dann gibt es keine."

Magazinrundschau vom 29.06.2010 - Prospect

Evgeni Morozov (Blog) bespricht die Buchfassung von Nicholas Carrs berüchtigtem "Macht Google uns blöd?"-Artikel, Titel: "The Shallows" (dt. "Die Flachgebiete"). Zwar findet er viele Befürchtungen Carrs, dass die technischen Neuerungen des Internetzeitalters uns neurologisch deformieren, eher kurzschlüssig und deterministisch. Probleme aber sieht auch Morozov in aktuellen Tendenzen des Mitmachnetzes, er zählt etwa auf: "die Erosion von Privatheit; der Triumph des kollektiven Geists über das Invidiuum; die um sich greifende Personalisierung und Anpassung des Netzes an den jeweiligen Nutzer, die Förderung des Narzissmus und die sich verschlimmernde Abhängigkeit von der Technologie". Und auch einen weiteren Punkt hält er für oft übersehen: "Es ist nicht klar, wie die Leute in einem solchen, auf sie zugeschnittenen kollektivistischen Umfeld noch unabhängigen Geschmack entwickeln sollen. Film- und Restaurantkritik werden bereits von automatisierten Einzeilen-Besprechungen aus dem Internet beiseite gedrängt. Die anspruchsvolle Literaturkritik scheint sich gerade zu verabschieden - was bleiben, sind die anonymen Kritiker bei Amazon. Überhaupt hat man die Auswirkungen des Internets auf Kritiker und Intellektuelle bisher wenig erforscht - dabei haben solche Fragen weitreichende Folgen für das soziale und das politische Leben."
Stichwörter: Amazon, Narzissmus