Magazinrundschau - Archiv

Prospect

169 Presseschau-Absätze - Seite 8 von 17

Magazinrundschau vom 01.06.2010 - Prospect

Zum Start des neuen Kinofilms erklärt Laurie Penny aus feministischer Perspektive, was Männer in der Welt von "Sex and the City" bedeuten. Sie erklärt aber auch, dass Männer sich das ansehen sollten, um zu begreifen, wie es Frauen umgekehrt bei den meisten anderen Hollywoodprodukten ergeht: "'Sex and the City' tut so, als übte es freche Opposition gegen Männermacht und stellt dabei keine Sekunde lang die Prämissen des Patriarchats in Frage. Es beschwört eine Dynamik, in der Männer zugleich der Feind und das Objekt der Begierde sind, in der jedwede Interaktion, die Frauen mit dem anderen Geschlecht haben, von einer rein-weiblichen Freundinnen-Gang streng reguliert wird. Das Franchise vermittelt überdies den Eindruck, dass nur reiche, attraktive, weiße und mächtige Frauen im Krieg der Geschlechter obsiegen können - und nur, indem sie die schlimmsten Aspekte der oberflächlichen patriarchalen Verdinglichung imitieren. Armer Mr. Big. Es ist nicht leicht, ein Phallussymbol zu sein... Big ist eine patriarchale Hülse ohne die mindeste emotionale Tiefe, ein leerer Inbegriff dessen, was Frauen an mächtigen Männern hassens- und begehrenswert finden sollen. Stellen Sie sich einmal vor, Sie müssten Ihn ihren Freunden vorstellen. Das wäre, als hätte man eine Freundin, die Titti heißt."

Recht geistreich verreißt Alexander Linklater die Autobiografie "Hitch 22" des von ihm eigentlich sehr geschätzten politischen Intellektuellen Christopher Hitchens. Andeutungsweise interessant werde es nur, wo sich das Buch in der Nähe dessen bewegt, was Hitchens in Essays schon besser gesagt hat. Ansonsten aber: "Jetzt, wo er das Licht auf sich selbst richtet, kommt man sich vor wie in der Gegenwart eines halbnackten alten Colonels, der in seiner Garderobe vor sich hin plappert. Seine Prosa mäandert ziellos vor sich hin."

Magazinrundschau vom 08.06.2010 - Prospect

In einer großen Abrechnung mit der gegenwärtigen Kunstwelt erklärt Ben Lewis, dass die Kunst in eine dem Rokoko vergleichbare Spät- und Schwächephase eingetreten ist. Er nennt zunehmende Formelhaftigkeit, Plagiate, Narzissmus von Künstlersubjekten als Kennzeichen. Und eine Verengung der Affektwelt auf schieres Sentiment: "Die minimalistische ebenso wie die Konzeptkunst zielten ursprünglich auf die Erweiterung dessen, was ein Kunstgegenstand sein kann: Sie wollten die skulpturalen und piktorialen Konventionen überwinden und die visuelle Wahrnehmung als ganze erforschen... Ihre Nachfolger wenden dieselben Verfahren nur noch für sentimentale Zwecke an. Wie die ländlichen Szenen des Rokoko, vermitteln Damien Hirsts monochrome Schmetterlingsgemälde eine Ästhetik des Hübschen und des Frivolen... Tracey Emins Abgüsse von Kinderhandschuhen und -mänteln, Takashi Murakamis süße japanische Cartoon-Charaktere und Jeff Koons' riesige Ballonhunde funktionieren im selben tauäugigen Register wie Bouguereaus Bilder von Kindern, die von ihren Müttern genährt und von Engeln umsorgt werden. Das soll ja gar nicht unbedingt heißen, dass diese Kunstwerke 'schlecht' sind - so wenig wie die Gemälde von Bouguereau und Boucher - aber sie sind reiner Kitsch."

Magazinrundschau vom 18.05.2010 - Prospect

In Großbritannien gibt es heute schon im Schnitt eine Überwachungskamera pro zwölf Personen. Über neue technologische Entwicklungen auf dem Gebiet informiert Philip Hunter. Zukunftsmusik sind noch die Pläne, Menschen an ihrem aus DNA-Proben extrapolierten Äußeren auf Bildern zu erkennen. Anderes ist schon einsatzbereit: "Man kann heute Vorfälle bereits entdecken, während sie geschehen - und sogar davor. Forscher der Reading University haben eine Software für Überwachungskameras entwickelt, die zum Beispiel ein abgestelltes Paket identifiziert und die Person, die es zurücklässt, weiterverfolgt, so lange sie noch in Kamerareichweite ist. Diese Systeme nutzen Technologien, die vor zwanzig Jahren zunächst für Alarmanlagen erfunden wurden, und so programmiert sind, dass sie zwischen unterschiedlichen Bewegungsformen unterscheiden und so jene, die als ungewöhnlich definiert werden, erkennen können - also zum Beispiel das Deponieren eines Gegenstands, der dann für einen bestimmten Zeitraum unbewegt bleibt; oder häufige Toilettenbesuche während eines Flugs. Mit letzterem hätte man möglicherweise den Detroit-Bomber erwischen können, noch bevor er seinen Attentatsversuch begann."

Außerdem: Einigermaßen schockiert zeigt sich Peter Popham beim Anblick der Ausgrabungsstätten Pompeji und Herculaneum. In einem gut recherchierten Artikel schildert er die Zustände hinter und vor den Kulissen: "Als Pompeji und Herculaneum 1997 auf die Unesco-Welterbeliste kamen, schrieben die zuständigen Inspektoren, dass die Stätte 'ein vollständiges und lebendiges Bild der Gesellschaft und des Alltagsleben zu einem spezifischen Zeitpunkt der Vergangenheit' böten, 'der auf der ganzen Welten ohne Parallele ist.' Heute jedoch sind die Städte so heruntergekommen, dass man sich nur schwerlich noch vorstellen kann, was in diesen Ruinen einst geschah. Hunde streichen übers Gelände und kacken, wohin sie wollen. Die große Mehrzahl der Häuser ist so stark verfallen, dass keiner sie mehr betreten darf. Zerbrochene Zäune und Schilder zeugen von Erstarrung und Indifferenz."
Stichwörter: Detroit, Pompeji, Herculaneum

Magazinrundschau vom 09.03.2010 - Prospect

Der Romanautor Jonathan Safran Foer hat ein Sachbuch geschrieben, in dem er ohne Fanatismus die fleischproduzierende Industrie geißelt ("Eatin Animals", Auszug als pdf-Dokument). Nur den Kopf schütteln kann er im Interview über Vorwürfe, er sei da in erster Linie sentimental: "Sentimentalität bedeutet, dass unsere Gefühle uns stärker beeinflussen als unser Hirn und unser Verstand. Aber es ist doch eine schlichte Auseinandersetzung mit Tatsachen, wenn ich sage: 'Ich will nichts essen, das bei der Produktion die Umwelt massiv schädigt' und 'Ich will nichts essen, für dessen Produktion Tiere auf eine Weise misshandelt werden, auf die ich meinen Hund niemals misshandeln würde'. Das ist nicht sentimental, das ist nur die Haltung eines anständigen Menschen. Ich habe nicht den Wunsch, ein Huhn zu mir ins Bett kriechen zu lassen, ich möchte nur nicht, dass es nicht behandelt wird wie ein Holzklotz. Seltsam sind doch die sentimentalen Linien, die wir ziehen. Einen Hund so, ein Schwein aber anders zu behandeln, das ist sentimental. Und ich habe nie eine gute - rationale - Erklärung dafür bekommen, außer: 'Das haben wir immer schon so gemacht.'" Auf der Website zum Buch bekennen bereits Tausende, sie seien aufgrund des Buchs Veganer geworden.

Magazinrundschau vom 13.04.2010 - Prospect

Sex, und sei es in der krudesten Form, ruft auch in britischen Theater nur noch Schulterzucken hervor. Das Ende der Zensur oder der Selbstzensur bedeutet das, wie John Nathan in einem Artikel berichtet, noch lange nicht. Nur die tabuisierten Gegenstände haben sich zeitgeistgemäß verändert. Der Dramatiker Richard Bean hat mehrfach erlebt, was die Theater zu fürchten gelernt haben: "Seine erste einschlägige Erfahrung machte Bean 2006, während der muslimischen Proteste gegen die dänischen Mohammedkarikaturen. Sein Stück 'Up on the Roof' wurde gerade im Theater von Hull Truck geprobt. Es spielt in einem Gefängnis, in dem es zu einem Aufstand kommt. Das Stück - in dem Jesus Christus auftritt - enthielt zwei oder drei Verweise auf Mohammed. 'Das war gar nichts Änstößiges', sagt er. 'Das Theater hatte einfach nur eine Scheißangst. Bradford [wo viele Muslime leben] ist nur eine halbe Stunde entfernt. Ich liebe Hull Truck. Es ist meine Heimatstadt. Ich wollte mich nicht mit ihnen anlegen. Es war kein wichtiger Bestandteil des Stücks.' Und dann fügt er in einem Ton, der ein wenig beschämt klingt, hinzu: 'Also habe ich es verändert.'"

Magazinrundschau vom 02.02.2010 - Prospect

Martin Amis, ein mit einem nicht jedermann verständlichen Selbstbewusstsein gesegneter Autor, erklärt im Interview, dass ihm Literatur, die kein Vergnügen bereitet, gestohlen bleiben kann: "Also Coetzee, zum Beispiel. Sein ganzer Stil ist darauf ausgerichtet, dem Leser absolut keinen Spaß zu bereiten.... Ich habe eines seiner Bücher gelesen und wusste gleich, der hat kein Talent. Die Verweigerung des Lustprinzips hat viele Anhänger. Aber ich bin ganz dem Vergnügen verpflichtet... Wenn mir etwas keine Lust bereitet, dann interessiert es mich nicht. Ich meine, schauen Sie sich doch um: Dickens, George Eliot, Jane Austen, Smollet, Fielding, die sind alle lustig. Alle Guten sind lustig. Richardson nicht - und er taugt auch nichts. Dostojewski ist lustig: Der Doppelgänger, das ist zum Brüllen. Tolstoi ist lustig, weil er einfach so wunderbar wahr und rein ist. Gogol, lustig. Flaubert, lustig. Dickens. Alle Guten sind lustig."

Magazinrundschau vom 09.02.2010 - Prospect

Auf der Website data.gov.uk veröffentlicht die britische Regierung öffentlich erhobene Daten - zur Lektüre und Nutzung für jedermann. Es handelt sich dabei ausschließlich um nicht-persönliche, also datenschutzrechtlich unbedenkliche Informationen über Sachen wie, so die Website, "Listen von Schulen, Kriminalitätsraten oder die Leistung von Stadträten". Rund einen Monat nach dem Launch der Seite findet man bereits Apps über Parkmöglichkeiten und ähnliche Dinge. Prospect erzählt in der Titelgeschichte (leider bislang nicht online), wie es zu dieser weltweit bisher einzigartigen Transparenzmaßnahme kam. Der entscheidende Berater dabei war Tim Berners-Lee, wichtigste Gründungsfigur des World Wide Web. Ein Interview, das Prospect mit ihm geführt hat, ist online. Er erklärt darin: "Was die Leute am Internet verblüfft, ist die Tatsache, dass man nie weiß, wie das, was man online stellt, am Ende benutzt wird... Das Phänomen der Serendipität, der Unvorhersehbarkeit also... Bei Daten war das bislang oft nicht so, denn Daten an und für sich sind erst einmal eine verzweifelt langweilige Sache. Wenn man Daten aber auswertet und zusammenstellt, dann kann man zu gewaltigen neuen Einsichten gelangen; deshalb war es nicht so schwer, den Regierenden den Nutzen einer Veröffentlichung zum allgemeinen Gebrauch deutlich zu machen."

Magazinrundschau vom 23.02.2010 - Prospect

Ben Lewis glaubt, den kommenden großen Star des Kunstmarkts entdeckt zu haben: den argentinischen Maler Guillermo Kuitca. (Bilder bei Google) Warum er ihn für die Zukunft der Malerei hält, erklärt er so: "Diese Arbeiten werden ziemlich sicher als Muster für den zukünftigen Kurs der Malerei aufgefasst werden - und aus mehreren Gründen... Nicht nur, weil ihm die Verbindung von großformatigem Zeichnen und Malen gelingt; auch nicht nur, weil er, wie Andreas Gursky in seinen Fotografien, einen sehr zeitgenössischen Sinn für die Maße der organisierten menschlichen Aktivität an den Tag legt. Der Schlüssel liegt darin, dass er zwei entgegengesetzte Traditionen zusammenführt und die Malerei zurückwendet auf etwas, das sie sehr gut konnte - Symbolismus und Allegorie -, aber mit den Motiven und Lektionen der Konzeptkunst. Er nimmt, wie ein guter Konzeptkünstler, existierende wissenschaftliche Formen visueller Darstellung und behandelt sie wie ein altmodischer Maler, nicht nur mit seiner anziehenden Farbgebung und Pinselarbeit, sondern indem er die ikonischen Botschaften seiner Gegenstände herausarbeitet."

Magazinrundschau vom 19.01.2010 - Prospect

In Großbritannien ist die islamistische Gruppe Islam4UK verboten worden. Eine falsche Entscheidung, meint Shiv Malik, und nicht nur, weil Islam4UK kaum noch Einfluss hatte im Land: "Mit ihrer Strategie der 'Prävention' hat die Regierung entschieden, bestimmte Einstellungen anderen offiziell vorzuziehen: den moderaten gegenüber dem radikalen Islam. Mit enormen finanziellen Mitteln unterstützen sie Gruppen wie die Stiftungen Quilliam und Lokahi, damit sie auf 'unserer' Seite kämpfen. Der Bann gegen Islam4UK sendet eine beunruhigende Botschaft, die Regeln betreffend: In dieser Schlacht werden wir unsere Freunde unterstützen, aber wir werden auch unsere Feinde einsperren, weil sie Ideen vertreten, die uns nicht gefallen... Das klingt nach einer Diktatur. Sollte die britische Regierung so weitermachen ... würde das eine gewaltige Erosion von Freiheit und Demokratie bedeuten. Die Regeln des Spiels wären dann in der Tat andere."
Stichwörter: Radikaler Islam

Magazinrundschau vom 05.01.2010 - Prospect

In einer ziemlich Großbritannien-zentrierten Liste geht es um die über- und die unterschätzten Künstler, Ereignisse etc. des Jahrs 2009. Ben Lewis, der Kunstkritiker von Prospect, bricht darin - unter "Überschätzt" - sein Schweigen über Damien Hirsts viel verrissene "Blue Paintings"-Austellung: "Die anderen Kritiker waren noch viel zu großzügig. Das waren die schlechtesten Gemälde, die jemals in einer öffentlichen Galerie ausgestellt worden sind, und sie waren ein Abschiedsbrief zum Suizid eines Künstlers. Mit ihren witzlos gemalten Schädeln, Schmetterlingen und Blumen waren sie das tragische öffentliche Eingeständnis der Verarmung nicht nur der Fantasie dieses Künstlers, sondern der Fantasie unserer ganzen Kultur während des letzten Jahrzehnts."

In der "Unterschätzt"-Liste macht der Historiker Timothy Garton Ash ein deutsches Monument aus: "Wo war er, der Riese von Oggersheim, bei all den Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag von 1989? Alt, krank, nach einem Schlaganfall an den Rollstuhl gebunden, kompromittiert durch einen Parteispendenskandal, brutal beiseitegeschoben von Angela Merkel: er bekam nicht, was er verdient hat. Denn es war Helmut Kohl, der die Chance zur deutschen Wiedervereinigung ergriff. Von all den großen Akteuren des Jahrs 1989 war er derjenige, der sich das ambitionierteste strategische Ziel gesetzt hat - und reüssierte."