Magazinrundschau - Archiv

Tygodnik Powszechny

72 Presseschau-Absätze - Seite 4 von 8

Magazinrundschau vom 26.05.2009 - Tygodnik Powszechny

Wer Dorota Maslowskas "Schneeweiß und Russenrot" gelesen hat, weiß, wie schwierig eine Verfilmung des Buches sein muss. Xawery Zulawski, Sohn des Filmemachers Andrzej Zulawski, hat es trotzdem gewagt. Der Film "Wojna polsko-ruska" lief letzte Woche in den polnischen Kinos an, und der Regisseur erzählt: "Wenn ich einen Film machen soll, nehme ich mich zuerst der Kostüme, Dekoration an, denke lange über die Personen nach, erfinde ihre Geschichte. Im Fall des Starken [eine Person im Roman] hat diese Arbeit bereits Dorota Maslowska gemacht, und das auf wunderbare Weise. Ich habe ihr Buch nur fürs Kino adaptiert."

Sehr lesenswert die 24-seitige Beilage zur Warschauer Buchmesse. Darin u.a.: Georges Didi-Hubermans "Bilder trotz allem" berührt, wie schon Jonathan Littell und Giorgio Agamben, deren Bücher letztens auch ins Polnische übersetzt wurden, die Frage, ob sich etwas Originelles über den Holocaust sagen lässt, schreibt Tomasz Szerszen. "Die Malerei ist ein Ausdruck der Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies", ist eine Quintessenz der Gespräche zwischen dem Literaturhistoriker Zbigniew Podgorzec und dem Maler Jerzy Nowosielski, die nun in Buchform erscheinen. "In kaum einem Buch wird heutzutage so offen und gleichzeitig ohne Beschönigung über Religion gesprochen, wie hier", lobt Jacek Maj. Sehr beeindruckt zeigt man sich auch von Wassili Grossmans "Leben und Schicksal": "Einer der größten Romane des letzten Jahrhunderts. In philosophischer Hinsicht vergleichbar mit den Werken Arendts und Poppers, in künstlerischer verbindet er die epische Methode Tolstois, die existenzielle Vorstellungskraft Dostojewskis und die heroische Knappheit Tschechows" (hier eine Leseprobe).

Magazinrundschau vom 12.05.2009 - Tygodnik Powszechny

Man mag es kaum glauben, aber mit "Wino Truskawkowe" (Erdbeerwein) hat Regisseur Dariusz Jablonski die erste Verfilmung (hier der Trailer) eines Buches von Andrzej Stasiuk ("Galizische Geschichten") vorgelegt. Michal Walkiewicz ist erleichtert - auf weit verbreiterte Stereotype einer idyllischen Provinz, die den Versuchungen der Großen Welt Stand hält, wurde verzichtet. "Jablonski ist es gelungen, die Atmosphäre der galizischen Provinz einzufangen, und sie gleichzeitig in einen entwirklichten Raum zu versetzen. Er hatte auch keine Angst, mit Stasiuk in Dialog zu treten - ihn etwas zu zähmen, zu erhellen, etwas von der tragikomischen Konvention des tschechischen Kinos einzubringen".

Außerdem: Elzbieta Sawicka ist begeistert von der Baseler Ausstellung "Vincent van Gogh zwischen Erde und Himmel. Die Landschaften". Und Jakub Puchalski erinnert an das Händel-Jahr, das in Polen erst spät gefeiert wird, und weiß noch, dass seine ersten Händel-Platten aus der DDR stammten.

Magazinrundschau vom 21.04.2009 - Tygodnik Powszechny

Ein Schwerpunktthema der aktuellen Ausgabe ist der Zustand der polnischen Sprache. Für den Literaturkritiker Piotr Sliwinski tragen die Medien durch eine vorgebliche Jugendlichkeit und Lockerheit zu einer Vulgarisierung der Sprache bei. Zugleich liege das Problem tiefer: "Die Sprache wurde zum Ausdrucksmittel eines Tiefpunkts an gegenseitigem Vertrauen. Wir trauen anderen weder Kompetenz noch guten Willen zu. Wir glauben auch nicht mehr an die Möglichkeit der Verständigung durch Sprache. Verständigen - nein, demütigen - ja."

Während die Sprachwissenschaftlerin Krystyna Waszakowa im Gespräch mit dem Magazin zu beschwichtigen versucht - in der historischen Perspektive ist die gegenwärtige Invasion von Anglizismen nichts Außergewöhnliches, und Hauptsache, das Polnische bleibt eine lebendige Sprache - macht sich der Schriftsteller Eustachy Rylski doch Sorgen: "In der öffentlich gesprochenen Sprache irritiert mich prinzipiell nur eines, das dafür aber sehr - es geht um die Betonung. In vielen Sprachen, zum Beispiel im Russischen, ist sie etwas Grundlegendes, im Polnischen wird sie ignoriert. Ich kriege Zahnschmerzen, wenn ich Vorleser, Ansager und Journalisten höre - alles Leute, die vom Polnischsprechen leben. Die Betonung ist die Seele der Sprache. Eine falsche Betonung beraubt die Sprache ihrer Natur, ihrer Gestalt."

Marcin Wicha porträtiert Feliks Topolski - den "wohl berühmtesten der vergessenen Künstler". Zwanzig Jahre nach seinem Tod wurde sein Monumentalgemälde "Memoir of the Century" im früheren Atelier am Londoner Waterloo-Bahnhof restauriert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. (Hier ein englischsprachiger Blogeintrag zu diesem Thema). Obwohl Topolskis Rang in der Geschichte der Zeichnung wichtig ist, konstatiert Wicha: "Heute kann man sein Gemälde kaum als große Kunst anerkennen. Was bleibt, ist die Geschichte eines Mannes der ein Dreivierteljahrhundert lang den Bleistift nicht aus der Hand gelegt hat, zeitlebens Karriere machte und dabei wohl ziemlich viel Spaß hatte."
Stichwörter: Waterloo, Zeichnung

Magazinrundschau vom 07.04.2009 - Tygodnik Powszechny

Der Literaturhistoriker Henryk Markiewicz ist überfordert: Niemand komme mit dem Lesen und Rezipieren der Fachpublikationen hinterher, US-amerikanische Moden in der Methodologie kommen und gehen, bevor sich jemand mit ihnen eingehend beschäftigen könne, und die Öffentlichkeit scheine es sowieso nicht zu interessieren: "In den letzten Jahrzehnten ging die Rolle des Buchs und der literarischen Kultur für das soziale Prestige zurück. Wenige glauben wissen zu müssen, welche wichtige Neuerscheinungen es gibt, und es gibt seit längerem keine, die die Aufmerksamkeit der Polonistik, geschweige denn der ganzen Geisteswissenschaften, auf sich ziehen würden."

Kaum zu glauben, dass die Aufnahmestation für Immigranten auf Ellis Island noch mit keiner polnischen Publikation gewürdigt wurde - beginnt Michal Olszewskis Besprechung. Die Reporterin und Schriftstellerin Malgorzata Szejnert hat dem Nadelöhr, durch das auch ungefähr 2,5 Millionen Polen gegangen sind, das Buch "Wyspa klucz" (Insel der Schlüssel) gewidmet. (Einen Auszug druckte letzte Woche die Gazeta Wyborcza ab). "Die Exklusivität der USA wird von der Autorin offen angesprochen, und man kann diese Bilder der Erniedrigung mit späteren europäischen Methoden der Eugenik und Rassenhygiene in Verbindung bringen - die Teilung in Menschen und Untermenschen ist auf Ellis Island deutlich. Gibt es aber überhaupt gerechte Methoden der Selektion von Einwanderern? (...) Die neuzeitliche Geschichte kennt keine Länder, die ihre Tore weit öffnen würden. Überall gibt es Beamte, die die Schlüssel in der Hand halten. Von der Insel mit Blick auf Manhattan zum polnisch-ukrainischen Grenzübergang in Medyka ist es nicht so weit."

Magazinrundschau vom 31.03.2009 - Tygodnik Powszechny

Im Interview mit der polnischen Wochenzeitung sagt der französische Philosoph Jean-Luc Marion über sein Fach: "Philosophie ist verantwortlich für alles, was nicht heißt, dass sie die direkte Verantwortung für die eine oder andere Einzelfrage ist. Sie antwortet nicht auf Detailfragen oder Bedürfnisse - dafür gibt es die Wissenschaft, Technik oder Kultur. Philosophie ist eine Öffnung, sie öffnet den Raum für alle anderen Fragen". Außerdem geht es um die Frage, ob Gott existiert: "Gott existiert, aber was folgt daraus, wenn doch die Kaffeetasse vor mir auch existiert? Ich glaube an Gott nicht deswegen, weil er existiert, sondern weil Gott Gott ist. Man kann nicht an alles glauben, was existiert!"
Stichwörter: Wissenschaft

Magazinrundschau vom 25.11.2008 - Tygodnik Powszechny

"Die polnischen Stadtoberhäupter mögen ausländische Juden sehr. Schlimmer ist es, einen Juden vor Ort zu haben - tot oder lebendig". Elzbieta Jaskiewicz beschreibt, wie im ostpolnischen Städtchen Bilgoraj bei Bauarbeiten Überreste eines alten jüdischen Friedhofs gefunden wurden. Obwohl Denkmäler der Grabkultur dokumentiert sind, und seit einigen Jahren eine "Stiftung zum Schutz des Jüdischen Erbes" (FODZ) in Polen arbeitet, tut sich die lokale Verwaltung oft schwer, die Erinnerung an jüdische Geschichte vor bedrohte Investitionen zu stellen. "Die Friedhofsfrage ist ein moralisches Problem, darin sind sich alle einig. Nur dass nicht alle den Lösungsvorschlägen zustimmen. 'Wenn polnische Gräber in Wilna oder Lemberg umgepflügt würden, würde ich mich auch aufregen. Nur werden diese entweder von der polnischen Minderheit oder unserer Regierung gepflegt', sagt der Bürgermeister. 'Diese Denkart: Wir geben den Juden den Friedhof zurück, und sie pflegen ihn oder zahlen noch dafür, muss sich ändern. In Polen gibt es 9 jüdische Gemeinden und 1.200 Friedhöfe, von den Massengräbern des Holocaust ganz zu schweigen', entgegnet eine Vertreterin von FODZ."

Nur online nachzulesen: Letzte Woche starb einer der bekanntesten polnischen Comiczeichner Janusz Christa (hier ein englisches Porträt). Mit der Serie der Abenteuer von "Kajko und Kokosz" schuf er den polnischen Asterix, schreibt Marcin Turkot. Obwohl der Autor die Realität eines slawischen Dorfes darstellt, das sich der Eroberung durch Raubritter (die "eine Mischung zwischen Kreuzrittern und der kommunistischen Miliz" darstellen) widersetzt, sind Anknüpfungen an die sozialistische Realität kaum übersehbar. "Es verwundert, dass die Zensoren eine so offene Parodie des Systems zugelassen haben. Vielleicht haben sie den Comic, als etwas für Kinder und nur für Kinder geschaffenes, ignoriert. Vielleicht haben sie ihn nicht einmal gelesen", schreibt Turkot. Ein Beispiel: die Raubritter haben sich verpflichtet, die Bauzeit einer Kriegsmaschine um 100 Prozent zu kürzen, und haben die Verpflichtung um 200 Prozent überschritten.

Magazinrundschau vom 11.11.2008 - Tygodnik Powszechny

Anita Piotrowska und Agnieszka Sabor sprechen mit der Regisseurin Jolanta Dylewska über ihren Dokumentarfilm "Po-lin", in dem, dank Amateuraufnahmen von Besuchen amerikanischer Juden in den Shtetls der Zwischenkriegszeit, die Welt der polnischen Juden lebendig wird (mehr Informationen und der Trailer - leider bislang alles nur auf Polnisch). "Ein wiederkehrendes Motiv in diesen Filmen hat mich berührt: die Menschen nähern sich der Kamera und schauen ins Objektiv, so wie man einer vertrauten Person in die Augen schaut. Ihr Blick wird somit zu uns übertragen. Ich glaube, es ist ein emotionaler Wert dieser Filme, dass der heutige Betrachter mit jenen Menschen kommunizieren kann. Das zog mich am meisten an - mehr noch als die Tatsache, dass die Filme Synagogen dokumentieren, die es heute nicht mehr gibt", sagt Dylewska.

Außerdem erinnert Andrzej Rostocki daran, wie unglaublich populär der kürzlich verstorbene amerikanische Schriftsteller William Wharton in Polen war (Gesamtauflage zwei Millionen!): Er war der "wichtigste Therapeut" der Transformationszeit, meint Rostocki. Andrzej Franaszek berichtet gerührt von den "Geburtstagsfeiern" zu Ehren des vor zehn Jahren verstorbenen Dichters Zbigniew Herbert in Krakau.
Stichwörter: Herbert, Zbigniew, Krakau

Magazinrundschau vom 28.10.2008 - Tygodnik Powszechny

Patrycja Bukalska berichtet über die tschechische Diskussion um Kundera: "Die Diskussion läuft weiter: über die Aktivitäten des Instituts (Ustr), über die Glaubwürdigkeit der Akten, über ihre Interpretation (manche fragen, ob sie nicht zu eindeutig ist). Die oppositionelle Sozialdemokratie will wieder die Abschaffung des Instituts fordern - solange die Konservativen regieren, gibt es dafür keine Chancen". (Ein Auszug aus Bukalskas Artikel hier)

Außerdem: Anita Piotrowska feiert die Filme "Luz silenciosa" von Carlos Reygada und "Ostrow" (mehr dazu hier) von Pawel Lungin: "Braucht heute noch jemand Filme, die nach der Qualität des geistigen Erlebens fragen? Solche kontemplativen, Aufmerksamkeit fordernde Filme entstehen im fernen Mexiko und nahen Russland. Wir aber, eine Nation, die sich für religiös hält, bevorzugen brave Hagiographien." Und in der dreimonatlichen Bücherbeilage wird die Veröffentlichung der polnischen Übersetzung von Virgina Woolfs letztem Roman "Zwischen den Akten" angekündigt. Die Übersetzerin Magda Heysel spricht im Interview von der schwierigen Arbeit an dem Buch, freut sich aber, dass die Lücken in der Rezeption der Schriftstellerin langsam geschlossen werden. (Woolfs frühe Texte und literarische Kritiken sind in Polen weitgehend unbekannt).

Magazinrundschau vom 16.09.2008 - Tygodnik Powszechny

Eine achtseitige Sonderbeilage ist dem Krakauer Festival "Sacrum Profanum" gewidmet, dessen diesjährigen Schwerpunkt die deutsche Musik des 20. Jahrhunderts darstellt. Darin: ein Interview mit Ute Lemper, ein Porträt von Karlheinz Stockhausen, ein Hintergrundartikel zu deutscher elektronischer Musik - neben Stockhausens Werken bildet ein "Kraftwerk"-Konzern den Höhepunkt des Festivals - und einer zu den Beziehungen zwischen Musik und Theater. Den programmatischen Artikel liefert aber Daniel Cichy ab, der die deutsche Nachkriegsmusik kurz als "ästhetisch fortschrittlich, technisch makellos und mit philosophischem Hintergrund" subsumiert.

Die Titelgeschichte (nur im Print) ist der Danziger Werft gewidmet, die ein weiteres Mal in ihrer jüngsten Geschichte - diesmal wegen unerlaubter öffentlicher Subventionen, wie die Europäische Kommission entschieden hat - kurz vor dem Bankrott steht.

Magazinrundschau vom 26.08.2008 - Tygodnik Powszechny

Die Titelgeschichte der polnischen Wochenzeitung ist dem ökologischen Gewissen der katholischen Kirche gewidmet. Noch 1989 hatten polnische Geistliche eine Art Anleitung zum Umweltschutz für Gläubige vorbereitet, nur war die Sache damals einfach. "Die Umwelt zerstörten DIE. Staatliche Fabriken verpesteten das Wasser und die Luft, und selbst wenn konkrete Menschen ihre Abwässer in den Fluss leiteten, dann nur, weil DIE keine Kanalisation gebaut hatten", erinnert sich Juliusz Braun. "Plötzlich, als wir anfingen, einen souveränen Staat zu bauen, stellte sich heraus, dass der Umweltschutz plötzlich in der gleichen politischen Schublade gelandet war wie Abtreibung, Euthanasie und Homoehen. Für viele konservative Publizisten gehört es seitdem zum Kanon, Umweltaktivisten zu verhöhnen. Kein Wunder also, dass viele Pfarrer schon beim Wort 'Ökologie' Sturm läuten." Nach fast zwanzig Jahren Pause, und mit Johannes Paul II. deutlichem Bekenntnis zur Natur wäre es an der Zeit, dass die polnische Kirche sich wieder beim Umweltschutz zu Wort meldet, findet Braun.

Natürlich wurde in Polen viel über den Jahrestag des Einmarschs in der Tschechoslowakei 1968 berichtet. Andrzej Krawczyk erinnert sich aus diesem Anlass an das "Manifest der zweitausend Worte" des Ludvik Vaculik, das für viele zu radikal war und angeblich die Entscheidung zum sowjetischen Einmarsch mitverursacht hat. "Es war der Versuch", so Krawczyk, "ideologische Inhalte allgemeinverständlich auszudrücken. Aber auch mehr: Der Versuch, das Programm der Parteireformer auf Bereiche auszuweiten, die für den durchschnittlichen Tschechen und Slowaken wichtig waren, aber selbst von den edelsten Vertreter der Reformbewegung in der KPC kaum beachtet wurden."