Vom Nachttisch geräumt

Der Mensch ist ein Abendländler

Von Arno Widmann
20.11.2018. Und Europa ist immer noch der Nabel der Welt - jedenfalls für das neue "Handbuch der Menschenkenntnis".

Menschenkenntnis ist auch im Berlin des Jahres 2018 offenbar vor allem eine europäisch-amerikanische Errungenschaft. Ich weiß, es ist langweilig, angesichts jeder neuen Zitatenzusammenstellung aus dem von mir ansonsten so geschätzten Verlagshaus Galiani darauf hinzuweisen, dass der kleine asiatische Wurmfortsatz Europa immer noch als der Nabel der Welt erscheint, jedenfalls als der Ort, von dem aus sich am besten über den Menschen räsonieren lässt. Vor fünf Jahren erschien "Nichts als der Mensch: Beobachtungen und Spekulationen aus 2500 Jahren", in diesem Jahr ist das "Handbuch der Menschenkenntnis - Mutmaßungen aus 2500 Jahren."

Es beginnt mit Homer und endet mit Alexandra Kedves. Der Schwerpunkt der Auswahl liegt auf den vergangenen zweihundert Jahren. Die Hälfte aller Autoren veröffentlichte in jenen Jahren. Nehmen wir noch einmal den Titel, dann stellen wir fest: im ersten Jahrtausend gab es neun Autoren. Drei von ihnen waren Nicht-Europäer, nimmt man die Sache streng heutig und zählt Augustin, Galen und Paulus nicht zu den Europäern, waren zwei Drittel der Autoren Nicht-Europäer. Im zweiten Jahrtausend tummeln sich 69 Autoren. Vier von ihnen sind Nicht-Europäer: Avicenna, Nizamulmulk, Rumi und Sen. Von den 26 Autoren des dritten Jahrtausends ist nur der syrische Autor Khaled Khalifa Nicht-Europäer.

Sehr interessant ist auch ein Blick auf den weiblichen Beitrag zur Menschenkenntnis. Im ersten Jahrtausend keine einzige Frau. In den darauf folgenden zweitausend Jahren habe ich vierzehn gezählt. Darunter drei Autorinnen, die sich 1998 auf sehr amüsierte, amüsante Weise über "Das 1. Jahrhundert der Klitoris" auslassen.

Nun ja, jetzt wäre die Gelegenheit, von den Mängeln des Buches zu seinen Qualitäten überzugehen. Es macht Appetit. Aber das war schon die Haupteigenschaft des Vorgängerbandes.

Handbuch der Menschenkenntnis  - Mutmaßungen aus 2500 Jahren, hrsg. von Georg Brunold, 416 Seiten, 39 Euro.

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