9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.08.2016 - Geschichte

Bis heute gibt es im Russischen kein Pendant für den Begriff "Vergangenheitsbewältigung", schreibt Ulrich M. Schmid in der NZZ. Symptomatisch für die dringend ausstehende Aufarbeitung des Gulag, die meist schon im Ansatz scheitert, wie Schmid anhand einer Schul-Broschüre über die "verbecherische Gewaltherrschaft" zeigt: "Experten kamen zu einem negativen Ergebnis: Das vorgesehene Schulprogramm beeinträchtige 'die Bereitschaft der Schüler zur Selbstaufopferung' und 'propagiere den Vorrang der individuellen Interessen vor den gesellschaftlichen oder staatlichen'. So werde ein 'aggressives Verhältnis' der Schüler zum Staat gefördert. Dies widerspreche dem gültigen 'föderalen staatlichen Bildungsstandard', der 'die Wertschätzung der staatlichen Geschichte und die Förderung eines Gefühls der Verantwortung und Pflicht gegenüber der Heimat' als pädagogische Ziele definiere."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.08.2016 - Geschichte

In Bulgarien wurde eine vermutlich 5000 Jahre alte Tonplatte mit Symbolen gefunden, die als Beleg dafür gelten könnte, dass die Ur-Schrift aus Europa stammt, berichtet Matthias Heine in der Welt.
Stichwörter: Bulgarien, Schriftsystem

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.08.2016 - Geschichte

Der Historiker Ernst Nolte ist gestorben. Lorenz Jäger vermittelt in der FAZ einen ganz guten Eindruck davon, wo Nolte und seine Theorien herkamen. Über den Historikerstreit 1986 verliert er dagegen kaum mehr als ein Sätzchen. Auf Spon steuert Michael Sontheimer das Thema direkt an und ordnet Nolte als eindeutig rechts ein. In der Welt resümiert Berthold Seewald: "Mit seinen alternativen Entwürfen ist er gescheitert. Aber als 'Geschichtsdenker', als der er sich selbst sah, hat er ein Exempel statuiert, an dem wir uns noch lange die Zähne ausbeißen werden." Weitere Nachrufe von Johannes Willms in der SZ, Arno Widmann in der FR, Bernhard Schulz im Tagesspiegel, Detlef Claussen in der taz, Christoph Jahr in der NZZ.

In der NZZ erinnert Andreas Rüesch an den Augustputsch in Russland 1991 und zieht eine ernüchternde Bilanz: Die Demokratie konnte in Russland keine Wurzeln schlagen. "Das düstere Fazit lautet, dass die russischen Bürger vor 25 Jahren mehr politischen Pluralismus, Versammlungsfreiheit und Pressevielfalt genossen, als sie dies heute tun. Doch damit nicht genug: Die Putschisten erscheinen heute keineswegs mehr als große Verlierer. Die meisten erfuhren noch zu Lebzeiten eine völlige juristische und politische Rehabilitierung. Gewiss, die Sowjetunion konnten sie nicht wiedererwecken. Aber ihre autoritäre Weltsicht ist heute nicht verpönt, sondern Teil der Staatsideologie." In der taz diagnostiziert Klaus-Helge Donath: "Die Erinnerung schwindet. Umfragen zufolge kann nur die Hälfte der Bürger das Geschehen noch zuordnen."

Außerdem: Barbara Möller besucht für die Welt das "Objekt 74" an der Spree, in dem die Stasi RAF-Terroristen der zweiten Generation eine Verschnaufpause bot.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.08.2016 - Geschichte

In einem bleibt der europäische Interesse der Briten wach: wenn es um Nazis geht. Die Guardian-Journalistin Kate Connolly interviewt Brunhilde Pomsel, die 105-jährige Sekretärin des Propagandaministerers Joseph Goebbels, der gerade ein auf dem Münchner Filmfest präsentierter Dokumentarfilm gewidmet wurde: "'Wenn ich den Film sehe, ist es wichtig für mich, dies Spiegelbild zu sehen, das mir zeigt, was ich falsch gemacht habe', sagt sie. 'Aber wirklich. Ich habe in Goebbels' Büro nur getippt.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.08.2016 - Geschichte

Konnte man in Nazideutschland wirklich nichts gegen die Ermordung der Juden tun? Götz Aly erinnert in der Berliner Zeitung an den Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen, der mit drei Predigten im August 1941 quasi im Alleingang die Euthanasiemorde stoppte. "Weil Galen die Euthanasieverbrechen öffentlich und detailliert anprangerte, entzog er der Bevölkerung und auch seinen Kirchgängern die Möglichkeit des Wegsehens, des klammheimlichen Einverständnisses mit der 'Aktion Gnadentod'. Deshalb forderte Goebbels zwei Tage nach der dritten Predigt nicht etwa den Kopf Galens ('im Augenblick kaum tragbar'), sondern das vorläufige Ende der Euthanasiemorde, weil man in dieser 'kritischen Periode des Krieges allen Zündstoff aus dem Volke fernhalten' müsse."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.08.2016 - Geschichte

In der NZZ erinnert Ronald D. Gerste an Amerikas ersten Sniper Charles Whitman, der 1966 vom Turm der University of Texas 16 Menschen tötete.
Stichwörter: 1966, Texas

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.07.2016 - Geschichte

Rolf Stucky veröffentlicht in der NZZ einen Auszug aus Anna Webers Tagebuch über eine Reise von Chur mit der Gotthardbahn nach Lugano 1882.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.07.2016 - Geschichte

Das polnische Parlament hat die von ukrainischen Nationalisten begangenen Massaker in Wol­hynien im Jahr 1943 als Genozid bezeichnet und den 11. Juli zum Gedenktag erklärt, schreibt Bernhard Clasen in der taz. Bei dem Massaker im Nordwesten der heutigen Urkaine wurden hunderttausend Menschen umbebracht. Seit der Erklärung des polnischen Parlaments herrsche ein eisiger Ton zwischen den beiden Ländern. "Zahlreiche ukrainische Politiker waren in den letzten Monaten in dem sich zuspitzenden Konflikt mit dem polnischen Nachbarn um Ausgleich bemüht. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko legte bei seinem Besuch in Polen am 8. Juli mit einem gebeugten Knie vor einem Denkmal für die Opfer der Massaker in Wolhynien Blumen nieder. " Zugleich aber würden die die ukrainischen Nationalisten bis heute weiter verehrt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.07.2016 - Geschichte

In der NZZ denkt Markus Bauer über das Niemandsland nach, in dem sich auch heute noch Flüchtlinge aufhalten - das Land zwischen zwei Grenzen. Er zitiert u.a. die Schriftstellerin Renée Brand, die 1940 die Lage einer Gruppe Deportierter aus Nazideutschland beschrieb: "Dieses Stück Landschaft zwischen den zu Staatsgrenzen geronnenen Fronten wird zum Verwahrort. Seine strikte Reduktion entspricht dem Status der Menschen. Der Lastwagenfahrer, der sie hinbrachte, verabschiedete sich mit den Worten: 'So. Nun seid ihr draußen.' Diese entscheidende Ausgangssituation für das Geschehen hebt die Autorin typografisch hervor: 'Jetzt seid ihr draußen, sagte er, und daran haben wir uns im weiteren Verlauf auch zu halten. Diese Menschen also werden von nun an außerhalb leben. Das Feld liegt AUSSERHALB.'"
Stichwörter: Flüchtlinge, Niemandsland, Seide

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.07.2016 - Geschichte

Die Bundesregierung erkennt endlich den Völkermord an den Herero und Nama an. Sie hat den Begriff gebraucht und führt in Namibia Gespräche, wenn auch nicht mit den Volksgruppen selbst, schreibt Ilona Eveleens in der taz. Der Afrikaforscher Jürgen Zimmerer hat zu den Völkermorden an den Herero, an den Armeniern und zum Holocaust geforscht. Eine Verbindung zwischen den drei gebe es, aber keine kausale, sagt er im Gespräch mit tazler Felix Hackenbruch: "Der Holocaust war keine unausweichliche Folge des Völkermords an den Herero. An allen drei Verbrechen war aber das deutsche Militär beteiligt: als ausführender Akteur in Afrika, als Verbündeter des Osmanischen Reichs und als Wegbereiter im Vernichtungskrieg im Osten im Zweiten Weltkrieg. Die Logik der Beherrschung war immer gleich, nämlich Kon­trolle von 'Raum' durch 'Rasse' und durch die Ersetzung einer Bevölkerung durch eine andere."

Gerade mal acht bis zehn Personen kamen regelmäßig zu seinem Gottesdienst, erzählt Richard Schröder, ehemals Pfarrer in der DDR, im Gespräch mit Raoul Löbbert und Merle Schmalenbach in der Zeit. Er erinnert sich an den Druck durch die Partei, friedliche Proteste und geistige Verführung. Auf die Frage, ob eine ostdeutsch-christliche Sozialisation zum Erfolg prädestiniere, antwortet er: "Das Anderssein prädestiniert im Rahmen der Freiheit für Erfolg. Wer anders ist und gelernt hat, sich auch gegen Druck durchzusetzen, macht oft Karriere."

Besprochen werden eine Ausstellung kleiner tragbarer Uhren aus dem Genf der frühen Neuzeit im Historischen Museum Basel (NZZ) und die Ausstellung "Die Vermessung des Unmenschen. Zur Ästhetik des Rassismus" mit Exponaten aus der Sammlung des Ethnologen Bernhard Struck (1899 - 1971) in der Kunsthalle im Lipsiusbau in Dresden ("Er war, und diese Kontinuität beunruhigt uns heute vielleicht am meisten, nicht einfach ein Nazi, er betrieb seinen wissenschaftlichen Rassismus von der Weimarer Republik durch das Dritte Reich hindurch bis in die DDR, wo er bis 1969 an der Uni Jena lehrte", schreibt Marc Reichwein in der Welt).