9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.09.2016 - Geschichte

Wie kompliziert der Blick auf die Geschichte in Gegenden wie dem ehemaligen Ostgalizien - der heutigen Westukraine - ist, beschrieb Natan Sznaider in einem Essay für den Tagesspiegel am Sonntag. Die Frage ist für ihn, an was man sich eigentlich erinnert, wenn man die Synagoge von Lemberg nun zum Gedenkort macht: "In den ethnischen gemischten Ortschaften gab es die zum Tode verdammten und diejenigen, die ihre Leben unter Besatzung weiterlebten. Aber da die meisten Juden nach dem Krieg entweder ermordet waren oder diese Orte verließen, ist die Erinnerung an diese Zeit mit ihnen gegangen. Und die nachfolgende sowjetische Besatzung hat dann alle Erinnerung dem historischen Materialismus und dem antifaschistischen Kampf untergeordnet. Und als die Ukraine 1991 unabhängig wurde, blieb nur noch das Ressentiment gegen den Westen, seine Privilegierung des Holocaust und seine Ignoranz stalinistischer Verbrechen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.09.2016 - Geschichte

"Weltreiche zerstieben nicht - wie in 'Star Wars' - in einer großen Explosion. Sie siechen dahin. Wie wir Menschen", mahnt der Historiker Peter Frankopan im Gespräch mit Arno Widmann in der FR: "Europa ist nicht mehr der Hort von Macht, Reichtum und Möglichkeiten. Auch die USA stehen zurück hinter dem, was gerade in den Ländern der alten Seidenstraßen, auch in China und Indien und Russland wieder ersteht. Wir müssen uns für diesen Raum interessieren, in dem bald 80 Prozent der Weltbevölkerung leben. Was dort falsch läuft, bringt uns in Gefahr. ... Eurozentrismus ist selbstmörderisch. Der Kampf um Ressourcen findet, das zeigt uns die Geschichte, entweder als Eroberungsfeldzug oder als Kooperation statt. Im Großen und Ganzen fährt man besser mit Kooperation - das lehrt die Geschichte der Seidenstraßen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.09.2016 - Geschichte

Dass die Rumänen sich 1916 entschieden, an der Seite der Alliierten in den Krieg eingriff, war eine ziemlich knappe Entscheidung. König Karl I. und eine kleine germanophile Minderheit unter den Eliten wollte sich ursprünglich Deutschland anschließen, lernt Markus Bauer (NZZ) aus einem neuen Buch des Historikers Lucian Boia, "Germanofilii" (deutsch bei Frank & Timme). Es kam aber anders: "Der Monarch hatte wohl unterschätzt, dass ein Großteil der rumänischen Eliten frankophil war, in Frankreich studiert hatte, Französisch als internationale Verkehrssprache nutzte sowie aus Frankreich eine Reihe von Einrichtungen als Vorbild für den jungen Nationalstaat zum Vorbild genommen hatte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.09.2016 - Geschichte

In der Berliner Zeitung erinnert Götz Aly daran, wie deutsche Soldaten im Zweiten Weltkrieg systematisch russische Kriegsgefangene sterben ließen, wie es u.a. der polnische Arzt Dr. Zygmunt Klukowski beobachtete: "Anfangs waren es besonders viele: Zwischen September 1941 und Januar 1942 verhungerten und erfroren monatlich etwa 400.000 sowjetische Gefangene. Man schweigt darüber. Warum nur? Die Lebensmittel, die mit den von Klukowski geschilderten mörderischen Methoden eingespart wurden, kamen deutschen Soldaten, Müttern und deren arischen Wonneproppen zugute. Im Sinne transparenter Politik verkündete Hermann Göring im Radio: 'Wenn in diesem Krieg gehungert wird, dann hungern andere!'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.09.2016 - Geschichte

Die Historikerin Anna Hajkova fordert in der taz eine "queere Geschichte des Holocaust ". Auch die weibliche Perspektive gehört für sie dazu: "Primo Levi und Liana Millu, zwei italienische jüdische Auschwitz-Überlebende, schrieben kurz nach dem Krieg ihre Erinnerungsbücher. Levis Text wurde über die Zeit zum wohl wichtigsten Zeugnis des Holocaust, neben Elie Wiesel oder Tadeusz Borowski. Millus 'Rauch über Birkenau' erschien in deutscher Übersetzung erst 1998 und erfuhr dann auch die verdiente Anerkennung. Aber bis heute wird ihr Buch, wie auch Charlotte Delbos, als Dokument einer weiblichen Erfahrung gelesen, während Levis Werk als universal gültige, nicht geschlechtlich markierte Geschichte rezipiert wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.09.2016 - Geschichte

In der SZ erinnert Gustav Seibt an die Kulturkämpfe, die Deutschland, Frankreich und Italien im 19. Jahrhundert gegen die Katholische Kirche austrugen und in denen sich heute die Muslime in Europa wiederfänden, ohne dass sie recht wüssten, wie ihnen geschieht. Er gibt sie allerdings verloren: "Es war, so fassen es heute Historiker kühl zusammen, ein Feldzug des Liberalismus, der seine eigenen Grundsätze in Frage stellte, weil der Gegner angeblich so illiberal und zurückgeblieben war. Letzteres stimmte übrigens durchaus. Im langwierigen Aufbauprozess moderner säkularer Staaten seit der Französischen Revolution hat sich die katholische Kirche als hemmende, feindliche Macht betätigt. Die Liste moderner Irrtümer etwa, die Papst Pius IX. 1866 veröffentlichte, übertrifft an Schärfe alle Fatwas heutiger Ayatollahs gegen Meinungs- und Religionsfreiheit. In Italien war der Kampf sogar kriegerisch, denn die Einigung dieses Landes konnte nur um den Preis der Abschaffung des Kirchenstaats gelingen."

Auf ZeitOnline rekapituliert Felix Stephan den ewigen, von Manuel Valls wieder entfachten Streit um die Marianne und ihre Brüste.

Litauen verändert sich, beobachtet Judith Leister, die sehr angetan über das Gedenken in den Kleinstädten Birzai, Moletai und Scheduva berichtet. Dort erinnerten Veranstaltungen an die von Litauern verübten Massaker an Juden vor 75 Jahren: "Drei Tage vor der Veranstaltung hat Marius Ivaskevicius einen weiteren Text unter dem Titel 'Ich bin kein Jude' veröffentlicht, in dem er beschreibt, dass das Schicksal seiner jüdischen Nachbarn, ihr spurloses Verschwinden, ihn nicht mehr loslässt. Dieser berührende Text und der gesellschaftliche Druck, den er erzeugte, sollen auch der Grund dafür gewesen sein, dass die litauische Präsidentin Grybauskaite das neue Denkmal kurzfristig und quasi inoffiziell vor der eigentlichen Veranstaltung besuchte. Vor einer Handvoll Journalisten sagte sie anschließend, dass die Litauer sich gerade veränderten, alte Stereotype überwänden, offener und toleranter würden und bereiter, sich für menschliche Werte einzusetzen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.09.2016 - Geschichte

Für die NZZ hat sich Ronald D. Gerste im neu eröffneten National Museum of African American History and Culture in Washington umgeschaut. Dem Museum, das die Leidensgeschichte der Sklaverei bis zur Bewegung Black Lives Matter erzählt, wünscht er ehrliche, differenzierte Kuratoren, die aller political correctness zum Trotz auch mit Details umgehen, "die unbequem sind und nicht ins große Narrativ passen. Wird man beispielsweise den Namen von Anthony Johnson finden, werden die Besucher über sein Leben etwas erfahren? Johnson war im eigentlichen Sinne ein Pionier. Er prosperierte um die Mitte des 17. Jahrhunderts dank seiner Tabakplantage und gilt als der erste Besitzer einer größeren Zahl von Sklaven auf dem späteren Staatsgebiet der USA. Sein ursprüngliches Heimatland war Angola. Der erste Sklavenhalter war schwarz."

Vor fünfzig Jahren wurde der islamistische Theoretiker Sayyid Qutb von den Schergen des Nasser-Regimes, das ihn zuvor folterte, exekutiert. Für Antoine Hasday in Slate.fr ist Qutb der Gründungsvater des Dschihadismus, dessen Prinzipien er in mehreren Büchern formuliert hat: "Als erstes stellt er fest, dass die politischen Regimes in den muslimischen Ländern, ob demokratisch oder nicht, illegitim sind und das Volk in 'Dschahiliya" halten (islamischer Begriff, der 'Zustand der Ignoranz' bedeutet). Er schlägt eine Avantgarde nach dem Vorbild der Gefährten des Propheten vor, die diese illegitimen Institutionen durch Gewalt und Dschihad zerstört. Diese Wahl ist die Eigenheit des Dschihadismus in der islamistischen Galaxie. Die 'islamischen' Parteien bejahen die Beteiligung an Wahlen, um das System von innen zu verändern. Die 'quietistischen' Salafisten lehnen politische Aktion ab. Die Dschihadisten wollen einen gewalttätigen Aufstand."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.08.2016 - Geschichte

Anlässlich der Diskussion um den Doppelpass wirft der Historiker Michael Sommer in der FAZ einen Blick auf den Umgang von Griechen und Römern mit der doppelten Staatsbürgerschaft.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.08.2016 - Geschichte

Gerhard Gnauck berichtet in der FAZ, dass sich Litauen daran macht, die eigene Beteiligung an der Ermordung der Juden aufzuarbeiten. Heute wird erstmals des Massakers von Moleytai gedacht, bei dem vor fünfundsiebzig Jahren, am 29. August 1941, zwei Drittel der Einwohner von Litauern erschossen wurden: "Dieses Ereignis ist für Litauen ein Meilenstein. Zumal es zusammenfällt mit der Debatte um ein Buch der Journalistin Ruta Vanagaiteÿ: 'Die Unsrigen'. Es handelt von den 'ganz gewöhnlichen Leuten, Zehntausenden von Litauern', so die Autorin, die sich daran beteiligten, unter deutscher Besatzung Juden zu töten. Die Autorin stieß auch auf einen Beteiligten in der eigenen Familie: 'Mein Großvater wurde beschuldigt, eine Liste von Juden zusammengestellt zu haben, als die Nazis kamen.'"

Weiteres: Der Deutschlandfunk brachte am Samstag eine bemerkenswerte Lange Nacht über das besetzte Warschau, in der Martin Sander von Alltag und Widerstand unter der deutschen Besatzung erzählt. Im Freitag bespricht Ricarda Bethke das RBB-Hörspiel zu Victor Klemperers Analyse der nationalsozialistischen Sprache "LTI? Notizbuch eines Philologen".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.08.2016 - Geschichte

Ein nun gefundener letzter Brief Ludwigs II. stellt klar, dass der König sehr wohl um die Verschwörung hinsichtlich seiner Absetzung wusste, berichtet Berthold Seewald in der Welt. Zweifel an der geistigen Gesundheit Ludwigs hat er dennoch: "Paranoia, also Verfolgungswahn und Wahngedanken, können sowohl bei Psychosen wie etwa der Schizophrenie auftreten als auch Teil einer schweren Depression sein. Diese verläuft - wie auch andere psychische Erkrankungen - in der Regel in Schüben. Sie können schleichend beginnen - aber auch ganz plötzlich. Dazwischen kann es dem Patienten durchaus gut gehen. Ganz ähnlich ist es bei Psychosen: Auch hier gibt es Phasen, in denen der Betroffene 'verrückt' zu sein scheint, und Phasen, in denen er fast symptomfrei ist und normal am Alltag teilnehmen kann."