9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.03.2020 - Geschichte

Für die FR schreibt Arno Widmann eine kleine Kulturgeschichte der Seuchen: Er erinnert unter anderem an den die Pocken auslösenden Variolavirus, der in der Weltgeschichte immer wieder ganze Bevölkerungen auslöschte: "Nicht mit ihren überlegenen Kriegstechniken und Waffen rotteten die Spanier - so lauten manche natürlich mit größter Vorsicht zu betrachtende Schätzungen - bis zu 90 Prozent der Bevölkerung Lateinamerikas aus, sondern mit ihrem Verbündeten, dem Variolavirus, dem die Immunsysteme der Indianer nichts entgegenzusetzen hatten. Als die Eroberer das merkten, verschenkten sie verseuchte Wolldecken. Sie setzten sie, lange bevor es das Wort gab, als biologische Waffen ein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.03.2020 - Geschichte

Rainer Bieling erinnert in seinem Blog an die Ausstellung "Ungesühnte Nazijustiz", die vor sechzig Jahren von dem Studenten Reinhard Strecker initiiert und in der Galerie Springer gezeigt wurde und die vom SPD-geführten Westberliner Senat unter Willy Brandt heftigst bekämpft wurde - natürlich mit dem Argument, die Ausstellung sei DDR-gesteuert: "Tatsächlich bestätigte Generalbundesanwalt Max Güde bereits 1960 die Echtheit aller einhundert Fälle von 'Ungesühnter Nazijustiz'. Die Umdeutung dieser 'antifaschistischen Aufklärungsarbeit' (SPD 2015) als 'Agitation zugunsten sowjetzonaler Stellen' (SPD 1960) erwies sich schon zu ihrer Zeit als haltlos. Sie stigmatisierte den Initiator jedoch nachhaltig, was auch deshalb leicht möglich war, weil die DDR-Propaganda die 'Ungesühnte Nazijustiz' politisch instrumentalisierte, erst recht in den Jahren nach dem Mauerbau, nicht zuletzt mit dem 'Braunbuch: Kriegs- und Naziverbrecher in der Bundesrepublik' von 1965. Heute, da Deutschland nicht mehr zwei verfeindete Establishments hat, sondern nur noch ein sich einiges, liegen Instrumentalisierung der einen und Stigmatisierung der anderen in einer Hand."

Wir erleben zwar kein zweites Weimar, schreibt der Historiker und Antisemitismusforscher Wolfgang Benz im Tagesspiegel, dennoch erinnert er mit Blick auf die Beleidigungen gegen Renate Künast oder Sawsan Chebli (unsere Resümees), die per Gerichtsbeschluss als Meinungsäußerungen gelten, an den Fall des einstigen Reichsfinanzministers Matthias Erzberger, der vor hundert Jahren gerichtlich gegen den Rechtspopulisten Karl Helfferich vorging, als dieser ihn in einer Artikelserie mit dem Titel "Fort mit Erzberger!" beleidigte: "Helfferich war wegen der monströsen Beleidigung zwar der Angeklagte, aber das Gericht drehte den Spieß um. Eine lächerliche Geldstrafe war formaljuristisch geboten, der Beleidigte verließ jedoch als Vernichteter den Gerichtssaal. Die Hassbotschaft wurde unmittelbar verstanden, und das macht die historische Reminiszenz aktuell. Noch während des Prozesses schoss ein Verhetzter nach der Lektüre der Beleidigungen auf Erzberger und verletzte ihn schwer. Dass der Politiker in Folgeprozessen rehabilitiert wurde, nützte ihm nichts. Im August 1921, kurz vor seiner Rückkehr in die Politik, wurde er zum zweiten Mal Opfer eines Mordanschlags von Rechtsterroristen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.03.2020 - Geschichte

Mitglieder der Jugendorganisation der Partei Die Linke haben eine Dresdner Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Bombardierung mit Gebrüll und Feuerwerk gestört, Transparente mit der Aufschrift "Deutsche Täter*innen sind keine Opfer!" wurden enthüllt, schreibt Dankwart Guratzsch in der Welt: "Für die anstehenden Gedenkveranstaltungen in anderen Städten ist das kein gutes Vorzeichen. Die bisher von den Parteien der Mitte beachtete Äquidistanz zum linken und rechten Rand wird auch in der Medienberichterstattung immer öfter durchbrochen. Das hatte sich schon im Vorfeld des Dresdner Eklats gezeigt, als etwa der Spiegel den Dresdnern unterstellte, einem 'Opfermythos' zu huldigen, wenn sie auf den Gräbern ihrer Angehörigen Kränze niederlegen." Guratzsch fordert deshalb ein Luftkriegsmuseum.

Der Vatikan öffnet die Archive Pius XII., dessen zwiespältige Politik gegenüber den Nazis nun genauer untersucht werden kann. Vatikan-Medien haben die Öffnung gleich mit einer Propaganda-Offensive über Pius' segensreiches Wirken begleitet, berichtet Matthias Rüb in der FAZ: "Das umfassende vatikanische Eigenlob für Pius XII. hat am Dienstag Roms Oberrabbiner Riccardo Di Segni heftig kritisiert. Die zur Sensation aufgebauschten 'schnellen Schlussfolgerungen' bezeichnete Di Segni gegenüber italienischen Medien als 'verdächtig'. Sie könnten für den Vatikan leicht'"zum Bumerang werden', wenn unabhängige Forscher später ihre Ergebnisse vorlegten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.03.2020 - Geschichte

Kein gutes Haar lässt der junge Historiker Niklas Weber in der SZ an seinem ebenfalls noch recht jungen Kollegen Benjamin Hasselhorn, der bei der Bundestagsanhörung zu den Hohenzollern und den Nazis von der CDU berufen worden war und besonders bei der CDU-Abgeordneten Elisabeth Motschmann (geborene Elisabeth Charlotte Baronesse von Düsterlohe) auf Begeisterung stieß. Weber rechnet Hasselhorn der neuen Rechten zu und kritisiert seinen  Begriff der "konservativen Revolution", den er sich bei Armin Mohler geholt habe und der vor allem dazu diene, den Konservatismus vom Nationalsozialismus abzusetzen: "Das unkritische Beharren auf Mohlers Begriff und seine Operationalisierung - sowie die streckenweise grotesken Versuche einer Rehabilitierung von Kaiser und Kaiserreich in zwei seiner anderen Bücher - müssen im Zusammenhang neurechter Geschichts- und Begriffspolitik verstanden werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.02.2020 - Geschichte

In der SZ liest Lothar Müller aus gegebenem Anlass noch einmal Daniel Defoes Journal über die Pest in London 1665. Dabei lässt sich sehr schön nachverfolgen, meint Müller, wie die Pest anfangs noch als Geißel Gottes gedeutet wird, eine Erklärung, die dann abgelöst wird von moderner Nachrichtentechnologie: "'Foreign news' und 'domestic news' durchdrangen einander. Die Nachrichten von Seuchen verbanden beide Sphären. In ihnen verdichtete sich ein Grundelement moderner Gegenwartserfahrung, in der die Zeitgenossenschaft zugleich Raumgenossenschaft ist. Der wichtigste Effekt dieser Konstellation ist, dass moderne Gesellschaften von Seuchen schon nachhaltig erfasst werden, wenn die physischen Infektionsketten sie noch gar nicht erreicht haben. Die Nachrichtenzirkulation bestimmt - nicht erst im Internetzeitalter, sondern schon in Defoes 'Print 2.0'- Welt -, wann Präventionsmaßnahmen beginnen. Im Idealfall bewirkt sie, dass die Quarantäne-Verordnung in London schon in Kraft tritt, bevor das in Marseille ausgelaufene Schiff die Themse erreicht hat."

In der taz wenden sich Stephan Lehnstaedt und Kamil Majchrzak gegen eine europäische Geschichtspolitik, die eine gemeinsame Leidensgeschichte des Kontinent unter dem Totalitarismus postuliert. Einst von Dissidenten stark gemacht, diene heute die Totalitarismustheorie vor allem osteuropäischen Regierungen: "Eine Geschichtsgemeinschaft unter diesem Paradigma verzerrt jedoch die unterschiedlichen Erfahrungen der Verfolgung und Erinnerung an die deutsche Besatzungsherrschaft in Nord-, Ost-, Süd- und Westeuropa. Außerdem banalisiert sie die singulären deutschen Menschheitsverbrechen an den europäischen Juden sowie Sinti und Roma. Dies gilt insbesondere für Gesellschaften, die den deutschen Antikommunismus teilten und mit dem deutschen Antisemitismus sympathisierten."

Die finnische Schriftstellerin Sofi Oksanen erinnert sich in der FAZ an ihre Verwandtenbesuche im sowjetischen Estland, wo sie nach dem Gau von Tschernobyl bemerkte, wie jahrzehntelange Propaganda gewirkt hatte: "Bis dahin hatte ich mir eingebildet, dass die Esten trotz der jahrzehntelangen massiven Propaganda wussten, wie die Dinge wirklich lagen. Niemand glaubte den Lügen des sowjetischen Fernsehens. Aber man ließ die Kinder ukrainische Fruchtsäfte trinken, obwohl zu derselben Zeit den Apotheken schon das Jod ausgegangen war. Genau so war die Glasnost hinter dem Eisernen Vorhang. Die Perestroika."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.02.2020 - Geschichte

Darf man heute noch den Conquistador Christoph Kolumbus verehren oder den Antisemiten Martin Luther? Maximilian Zech warnt in der NZZ davor, historische Epochen nach heutigen moralischen Maßstäben zu beurteilen. Er plädiert für das Aushalten von Ambivalenzen: "Wie sinnvoll ist es wirklich, eine Person, die vor Jahrhunderten lebte, heute der Frauenfeindlichkeit, Homophobie oder religiösen Intoleranz zu zeihen? Setzte sich dieses Prinzip tatsächlich durch, wäre theoretisch eine Totalrevision der Historie in jeder neuen Generation möglich. Wer weiß: Vielleicht wird die heutige Jugend in ein paar Jahrzehnten Thomas Newcomen und James Watt für die Erfindung der Dampfmaschine verurteilen. Geschichte verkäme so zu einer reinen Projektionsfläche für die ideologischen Konflikte der Gegenwart."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.02.2020 - Geschichte

Heute vor hundert Jahren stellte sich die neu gegründete Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, die vier Tage zuvor noch Deutsche Arbeiterpartei hieß, im Münchner Hofbräuhaus vor, erinnert Arno Widmann in der FR. "Man hört immer wieder, die Weimarer Republik sei von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen. Nichts falscher als das. Deutschland gehörte zu den wenigen nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen Demokratien, die das erste Jahrzehnt überlebten. ... Der Hals wurde ihr gebrochen, als superschlaue Reaktionäre glaubten, die Nationalsozialisten am Nasenring durch die Arena führen zu können. Davor hatte es noch eine Weltwirtschaftskrise gegeben. Die Nazis haben im Jahr 1933 die Macht nicht ergriffen. Sie ist ihnen zu Füßen gelegt worden. Von denen, die die Demokratie seit 1930 schon untergraben hatten."

Wie clever die Nazis dabei vorgingen, geschickt linke und rechte Elemente nutzend, beschreibt in der NZZ der Historiker Hans-Ulrich Thamer: "Die Begriffe 'national' und 'sozialistisch' sollten nach dem Willen Hitlers und seiner Entourage im Parteinamen zusammen erscheinen, um durch die Verbindung von politisch Gegensätzlichem Aufmerksamkeit zu erzeugen, um zu provozieren, um den Gegnern Anhänger und Themen zu entwinden. ... In der neuen Parteifahne, der Hakenkreuzfahne, wurden Elemente der Tradition und der Revolution verbunden. Erinnerte doch Schwarz-Weiß-Rot an die alten Reichsfarben, der dominierende rote Grund nahm hingegen Anleihe bei den Farben der revolutionären Arbeiterbewegung; das Hakenkreuz stammte aus dem völkisch-antisemitischen Symbolhaushalt und war in München bis dahin von der völkischen Thule-Gesellschaft, einer Keimzelle der DAP, verwendet worden. Hitler verstand es als Symbol für den Kampf und den Sieg des 'arischen Menschen': Es sollte den Anhängern immer wieder das Kernelement der NS-Ideologie vor Augen führen - den 'Rassenantisemitismus'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.02.2020 - Geschichte

Ambros Waibel unterhält sich in der taz mit Antonio Scurati über dessen großen Mussolini-Roman "M. Der Sohn des Jahrhunderts", der nur Teil 1 einer Trilogie sein soll und in Italien bereits 21 Auflagen erreicht hat. Natürlich zieht Scurati auch Parallelen zu Italien heute und dem Rechtspopulismus. Und er warnt vor Vereinfachungen, etwa im Blick auf die Kollaboration der Eliten: "Die italienischen Industriellen hatten zu Beginn ... kein großes Vertrauen in Mussolini. Zu exzentrisch, zu radikal. Mehr Anerkennung bekam der Faschismus erst, als seine Schlägertrupps sich mit dem reaktionärsten Teil der Eliten, mit den Großgrundbesitzern verbündeten und durch Terror die Errungenschaften der sozialistischen Bewegung unter den Landarbeitern zerstörten. Aber auch da warteten die anderen zumeist noch ab. Der fortschrittliche Teil der Industrie verbündete sich erst mit dem Machthaber Mussolini, nicht mit dem Parteiführer."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.02.2020 - Geschichte

Die AfD hat einen Antrag im Bundesamt eingereicht, um die deutsche Kolonialzeit "kulturpolitisch differenziert aufzuarbeiten". Die "gewinnbringenden Errungenschaften" der deutschen Kolonialzeit sollen herausgestellt werden, mit Blick auf den Kolonialkrieg gegen die Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika soll nicht mehr von Völkermord gesprochen werden. In der FR zerlegt der Politikwissenschaftler Aram Ziai den Antrag in seine Einzelteile: Er weist nach, dass es an dem Tatbestand des Genozid unter Historikern keinen Zweifel gibt und weist daraufhin, dass die Abschaffung der Sklaverei etwa durch Zwangsarbeit ersetzt wurde: "Zum Ausbau der Infrastruktur in Form der Eisenbahn ist zu sagen, dass sie durch Zwangsarbeit der Afrikaner selbst erfolgte und sie dem Zweck der effektiveren Ressourcenausbeutung der Kolonien diente sowie dem Transport von Truppen an die Front oder von Kriegsgefangenen in die Konzentrationslager - zum Beispiel im Rahmen des Völkermords in Deutsch-Südwestafrika. Wie dies zu den 'gewinnbringenden Seiten' für die Kolonisierten zu zählen ist, bleibt unklar."

Das World Holocaust Forum in Yad Vashem im Januar erwies sich als "Kulisse für eine zynische Instrumentalisierung der Shoah", ärgern sich der Historiker Moshe Zimmermann und der ehemalige israelische Botschafter Shimon Stein auf Zeit Online: "Es war nicht das erste Mal, dass Yad Vashem faktische Ungenauigkeiten zugelassen hat, für die sich die Gedenkstätte später entschuldigen musste. Nicht nur, dass der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro nach einem Besuch von Yad Vashem im vergangenen Jahr die NSDAP als linke (weil eben sozialistische) Partei bezeichnete, ohne auf der Stelle zu Rede gestellt zu werden. Bereits im Jahr 2018 hatte die polnische Regierung wegen der Beschriftung eines Fotos im Yad-Vashem-Museum protestiert, auf dem 'SS und polnische Polizisten im Ghetto Łódź' zu lesen gewesen war. Als hätte Łódź nicht im sogenannten Warthegau gelegen, also einem Teil des 'Großdeutschen Reichs', in dem es keine polnischen Polizisten mehr geben konnte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.02.2020 - Geschichte

Weiter geht's mit der späten Korrektur an den Ehren der Benennung. An der Charité sollen Wege nicht mehr nach dem Nazi Karl Bonhoeffer (nicht zu verwechseln mit seinem Sohn Dietrich) benannt werden, berichtet Susanne Memarnia in der taz: "Weit prominenter ist der Fall Ferdinand Sauerbruch, seit der Weimarer Zeit Deutschlands bekanntester Chirurg und allseits verehrter 'Halbgott in Weiß'. Ein Mythos, der bis heute durch Arztfilme und Serien (zuletzt: 'Charité') gepflegt wird und eine andere Seite Sauerbruchs ziemlich vernachlässigt: seine zutiefst deutschnationale Überzeugung, die ihn ab 1933 mehrfach zu öffentlichen Bekenntnissen für den Nationalsozialismus und seinen 'Führer' getrieben hat."