9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.04.2020 - Geschichte

In einem dringenden Appell an europäische Solidarität erinnert die Historikerin Ulrike von Hirschhausen im Tagesspiegel daran, wie  französische Ärzte gegen den Willen ihrer Regierung 1831 quer durch Europa reisten, um gegen die von russischen Soldaten eingeschleppte Cholera in Polen zu bekämpfen: "Das Schicksal Polen ist nicht die Sache einer Nation, sondern Sache der ganzen Menschheit: Mit dieser Botschaft wollte das 1830 in Paris gegründete französisch-polnische Komitee die Politik der europäischen Mächte umgehen, die nicht das geringste Interesse hatten, ihr Verhältnis zu Russland durch Hilfe für polnische Revolutionäre zu gefährden."

Außerdem: In der SZ nimmt der Historiker Norbert Frei die Erinnerung an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren und den Wiederaufbau Deutschlands zum Anlass, um Euro-Bonds zu fordern. Nochmalss im Tagesspiegel rät auch der Historiker Martin Sabrow zum Blick in die Geschichte - bei der Spanischen Grippe 1918 gab es in der zweiten Welle mehr Tote als in der ersten.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.04.2020 - Geschichte

Die Zeit veröffentlicht einen ersten Bericht der Forschergruppe, die in den Archiven des Vatikan überprüfen soll, was der Vatikan wann über die Judenvernichtung wusste, und wie er reagierte. Obwohl die Arbeiten der Forscher wegen der Coronakrise unterbrochen wurden, konnten sie bereits einige wichtige Details zu Tage fördern. Der Vatikan wusste bereits sehr früh, nämlich 1942, Bescheid, gab aber auf Nachfragen der amerikanischen Botschaft nur äußerst lückenhaft Auskunft. Da die Informationslage damals noch sehr dünn war, hätten die Amerikaner das Wissen des Vatikans sehr gut gebrauchen können: "Erst im weiteren Verlauf des Jahres 1942 erhielt man von der polnischen Exilregierung in London eine Dokumentensammlung, die den Massenmord an den Juden als Tatsache erkennen ließ und zu einem öffentlichen Protest der alliierten Mächte am 17. Dezember 1942 führen sollte. Der Heilige Stuhl wollte sich trotz nachhaltiger Bitten der USA diesem Protest nicht anschließen." Einige der Dokumente, die die Forscher gefunden haben, werden im Zeit-Dossier dokumentiert. Außerdem unterhält sich Evelyn Finger  mit dem zur Forschergruppe gehörenden Kirchenhistoriker Hubert Wolf, der die Attacken deutscher Intellektueller auf Pius XII auch als eine Entlastungsstrategie sieht.

Die Gedenkfeiern zum 75. Jahrestag des Siegs der Sowjetarmeen fallen wegen Corona ebenfalls aus, berichtet die Zeit-Korrespondentin Alice Bota, die zugleich schildert, wie das Bild vom Ende mit dem vom Anfang des Krieges verwoben wird: "Putin behauptet, Polen habe den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs mitzuverantworten. Oder dass die Sowjetunion notgedrungen sich auf einen Pakt mit Hitler einließ, aber erst nachdem alle anderen schon einen geschlossen hatten. Das Außenministerium findet, das Baltikum sei nicht annektiert, sondern 'angeschlossen' worden... Und die Verantwortung des sowjetischen Geheimdienstes für die Verbrechen von Katyn, für die Exekution von mehr als 20.000 polnischen Offizieren, wird in den russischen Staatsmedien zwar nicht geleugnet; aber gelegentlich erlaubt man sich die Diskussion, ob es nicht womöglich doch Hitler war."

Weitere Artikel: In der NZZ nimmt Judith Leister den 300. Geburtstag des jüdischen Schriftgelehrten Gaon von Wilna zum Anlass, um zu schildern, wie schwer sich Vilnius bis heute mit seiner jüdischen Vergangenheit tut.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.04.2020 - Geschichte

Am 24. April wird des Völkermords an den Armeniern vor 105 Jahren gedacht, an den Ronya Othmann und Cemile Sahin in ihrer taz-Kolumne erinnern. Und daran, dass auf dem Friedhof der Sehitlik-Moschee in Neukölln, die zur türkischen Religionsbehörde Ditib gehört, zwei Mitorganisatoren des Genozids liegen. Auf der Website der Moschee werden sie  als "'wichtige und bekannte Persönlichkeiten' des Friedhofs gelistet. Kein Wort darüber, welche Rolle sie beim Völkermord spielten, dafür die Notiz, dass alle drei von Armenier*innen ermordet worden sind. Auch einige türkische Interessenverbände in Deutschland (Türkische Gemeinde, Ditib, UETD) erkennen den Genozid nicht an oder drücken sich um klare Benennung. Doppelte Standards: hier Rassismus beklagen, aber selbst Genozid relativieren."

Die Deutschen sollen zum 8. Mai (nach russischer Lesart zum 9. Mai) endlich den Russen dafür danken, dass die Sowjetarmee Deutschland befreite, schreibt Götz Aly in der Berliner Zeitung: "Man mag von Präsident Putin halten, was man will, aber in diesen historischen Zusammenhängen vertritt er die Völker Russlands, die Familien, die Jungen und die Alten... Am 27. Januar 2020 hatte man ihn von der Gedenkfeier zur Befreiung von Auschwitz vorsätzlich ausgeschlossen. Und das, obwohl sowjetische Soldaten diese urdeutsche Mordstätte unter unermesslichen Opfern befreit hatten."

In der NZZ erinnert Claudia Mäder an den Bau der Bastille vor 650 Jahren: "Der politische Albtraum der Ordnung bleibt indessen nicht auf diesen einen Ort beschränkt, und er ist an keine spezifische Zeit gebunden. Wer heute in Frankreich gebüßt wird, weil er das Haus laut Ausgehformular zum Joggen verlässt, dabei aber kein ausreichend sportlich wirkendes Tenue trägt, lebt weder in einer Haftanstalt noch im absolutistischen 17. Jahrhundert. Aber er bekommt eine Ahnung von der Kontrollutopie, die in der politischen Macht auch heute grassiert."

Besprochen wird die Ausstellung "Nonnen. Starke Frauen im Mittelalter" im Landesmuseum Zürich (NZZ).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.04.2020 - Geschichte

Im taz-Interview mit Sabine am Orde betrachtet der in Münster lehrende Historiker Malte Thießen Epidemien als einen Verstärker sozialer Verhaltensweisen. Wenig überraschend also, dass Ausgrenzung und Isolation derzeit als probates Heilmittel gelten, meint er: "Selbst in Europa werden Grenzen hochgezogen. Das ist falsch. Seuchen agieren immer global - und müssen global bekämpft werden. Das erfolgreichste Beispiel sind dafür die Pocken, eine hochansteckende Krankheit, die auch in den 50er und 60er Jahren in Deutschland immer wieder aufgetreten ist. In den siebziger Jahren, mitten im Kalten Krieg, ist es gelungen, sie weltweit auszurotten. Mit Hilfe der WHO und eines koordinierten globalen Impfprogramms. Dahinter fallen wir jetzt zurück."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.04.2020 - Geschichte

Ironie der Globalisierung: Die Historikerin Elife Bicer-Deveci schreibt bei geschichtedergegenwart.ch über die Geschichte des Alkoholverbots in der Türkei und die Paradoxie, dass sich die Autoritäten in der Türkei auf den Koran berufen, während die "Forderung eines staatlichen Alkoholverbotes eigentlich aus dem Ideenkatalog der westlichen Moderne" komme: "Bis zum frühen 20. Jahrhundert beschäftigte das 'Alkoholproblem' die osmanische Öffentlichkeit .. kaum, ganz im Gegensatz zu Europa und den USA, wo Alkohol in jener Zeit als Grundübel aller sozialen Probleme hingestellt wurde. Mit dem Erstarken der internationalen Antialkoholbewegung begannen auch in der osmanischen Öffentlichkeit Diskussionen um die Schädlichkeit des Alkohols."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.04.2020 - Geschichte

Über einen anhaltenden geschichtspolitischen Streit in Weißrussland berichtet Natalia Radina  in libmod.de. Es geht um die in Bürgerinitiative entstandene Gedenkstätte in Kuropaty, wo während des Zweiten Weltkriegs Massenerschießungen durch sowjetische Truppen erfolgten. "Unterschiedlichen Informationen zufolge wurden hier zwischen 100.000 und 250.000 Menschen ermordet und verscharrt. Als 1988 die Wahrheit über die Erschießungen in Kuropaty ans Licht kam, war dies der Auslöser für den Kampf der Weißrussen um Freiheit und Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Und gerade deshalb versucht das Lukaschenka-Regime immer wieder, diesen Ort zu zerstören." Bis heute, so Radina versucht das weißrussische Regime, die mit vielen Kreuzen markierte Gedenkstätte zu sabotieren.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.04.2020 - Geschichte

Der Historiker Brendan Simms hat den vielen Hitler-Biografien, die es schon gibt, eine weitere hinzugefügt. Im taz-Interview mit Andreas Fanizadeh betont er wie auch in seinem Buch Hitlers Hassliebe gegenüber Engländern und Amerikaner. Zur aktuellen Frage um das Verhältnis der Hohenzollern zum Nationalsozialismus hält er sich bedeckt: Was heiße schon erheblicher Vorschub? "Sicherlich haben viele Hohenzollern, insbesondere der Kronprinz, ihren Einfluss zur Machtergreifung der NSDAP geltend gemacht, den Aufstieg der Nazis unterstützt. Das sehen wir auch symbolisch am Tag von Potsdam. Aber dass die Nazis ohne diese Unterstützung nicht an die Macht gekommen wären, das würde ich bezweifeln. Sicherlich haben die Hohenzollern versucht, einen erheblichen Vorschub zur Machtergreifung der Nazis zu leisten. Ob ihnen das gelang, ist aber eine andere Frage."

Weiteres: Hubertus Knabe erzählt in der NZZ die Geschichte des Häftlingsarztes  Wolfgang Dorr im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.03.2020 - Geschichte

Die DDR soll "antifaschistisch" gewesen sein? Zumindest hat der linke Antisemitsmus einen seinen Ursprünge in Ost-Berlin, schreibt Marko Martin nach Lektüre von Jeffrey Herfs Buch "Unerklärte Kriege gegen Israel" bei libmod.de: "Anders als RAF, Tupamaros und Revolutionäre Zellen, die - ähnlich wie die Studentenvereinigung des SDS - erst in Folge des Sechstagekrieges von 1967 Israel als 'faschistischen Aggressor' bezeichneten, hatte die DDR als treuer Vasall Stalins bereits seit ihrer Gründung 1949 den jüdischen Staat mit einem Vokabular bedacht, das ansonsten nur für die Verbrechen der Nazis vorgesehen war. Dank unzähliger Archivfunde kann nun Jeffrey Herf nachweisen, dass es nicht bei Agitation blieb, sondern der ostdeutsche Staat, der heute noch vielen als 'zumindest klar antinazistisch' gilt, bis 1989 Waffen und militärische Ausrüstung an die PLO und jene arabischen Staaten lieferte, die sich im Kriegszustand mit Israel befanden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.03.2020 - Geschichte

Der Holodomor, der Hungermord an meist ukrainischen Bauern, der von Stalin betrieben wurde, ist ein Schlachtfeld geschichtspolitischer Interpretationen. Der Historiker Martin Schulze Wessel betont, dass man ihn auf zwei Weisen wahrnehmen kann, "als Konsequenz des Klassenkampfs gegen die Bauern oder als Völkermord an den Ukrainern". In einem langen Essay auf der "Ereignisse und Gestalten"-Seite der FAZ will er zeigen, "dass man die Hungersnot auf beide Weisen erzählen kann. Keine der beiden Deutungstraditionen leugnet die Hungersnot und die Opferzahlen, beide beziehen ihre Plausibilität aus der Beschreibung von langfristig wirksamen Bedingungen und kurzfristigen politischen Entscheidungen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.03.2020 - Geschichte

In der NZZ blickt Constantin Eckner auf die Geschichte der Spanischen Grippe und macht auf Parallelen zur Corona-Pandemie aufmerksam. Auch damals wurden Verschwörungstheorien verbreitet: "Die New York Times berichtete davon, dass die Grippe nur die Deutschen befallen habe, und forderte kurzerhand, das Phänomen doch 'Deutsche Grippe' zu nennen. Sonst aber waren die Einträge in den Notizbüchern der Kriegsberichterstatter nutzlos, denn sowohl die Alliierten als auch die Deutschen verhängten strenge Zensurregelungen und erlaubten keine Mitteilungen über die zahlreichen Grippekranken an der Front."

Im Interview mit Marian Schaghaghi (Berliner Zeitung) erzählt die 99jährige französische Jüdin Marthe Cohn, die im Zweiten Weltkrieg für den französichen Geheimdienst arbeitete, weshalb sie sechzig Jahre lang über ihre Spionagetätigkeiten schwieg: "Wenn man für einen Geheimdienst arbeitet, unterzieht man sich automatisch einer Gehirnwäsche, damit man nie, aber auch nie über sein Tun spricht. Außerdem hatte ich keinerlei Dokumente, die bezeugten, was ich im Krieg getan hatte. Beim Geheimdienst bekommt man nun mal keine Arbeitszeugnisse."