Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.08.2025. Viele historische Themen heute: Die FAZ erzählt die Geschichte von Polen in der Wehrmacht - eine Ausstellung zum Thema sorgt in Polen für Debatten. Die taz blickt auf den begeisterten Beitrag der Österreicher zum düstersten Kapitel. "Religionskritik in Deutschland endet dort, wo es um den Islam geht", konstatiert Güner Yasemin Balci in der Welt. Alle machen "Druck auf Israel". Warum macht eigentlich keiner Druck auf die Hamas, fragt Thomas Stern im Perlentaucher in einer Replik auf den Öffentlichen Brief von 200 Fernsehprominenten.
In Polen sorgt die Danziger Ausstellung "Unsere Jungs" für große Aufregung, berichtet Stefan Locke in der FAZ. Hintergrund: "Nach Deutschlands Überfall auf Polen am 1. September 1939 wurden Danzig und das bisher zum polnischen Korridor gehörende Gebiet, das nun Westpreußen hieß, ins Deutsche Reich eingegliedert. Von den dort lebenden Menschen - rund 1,5 Millionen Polen und 850.000 Deutsche - sollten sich möglichst viele 'in die deutsche Volksgemeinschaft einreihen'." Wer sich als Pole bekannte, dem drohte Schlimmstes, vor allem, wenn er den Eliten angehörte. "Die Entscheidung, ob sie sich als 'deutsch' bekennen, schoben viele Bewohner hinaus. Doch die neuen Machthaber machten Druck. Sie luden die Menschen immer wieder vor und drohten mit Konsequenzen, sollten sie sich weiterhin weigern, sich zum Deutschtum zu bekennen. Das konnte Zwangsarbeit, Trennung von der Familie oder Einweisung ins Konzentrationslager bedeuten." Wer als junger Mann unter diesem Druck für die Staatsbürgerschaft war, dem drohte der Einzug in die Wehrmacht. Insgesamt sollen bis zu 450.000 polnische Staatsbürger in der Hitler-Armee gedient haben.
Florian Bayer erzählt in einer längeren Reportage für die taz, wie schwer sich die Österreicher immer noch mit ihrer Nazi-Vergangenheit tun. Zwar gibt es Geschichtsinitiativen, etwa in Braunau, wo Hitlers Geburtshaus steht, aber die FPÖ bremst, wo sie kann. "Offene Fragen gibt es auch in Wien. Nach jahrzehntelangen Debatten eröffnete 2018 das 'Haus der Geschichte Österreich' (Website) in einem Trakt der Wiener Hofburg. Zu seinen Schwerpunkten zählen Austrofaschismus und Nationalsozialismus, aber auch die Aufarbeitung im Nachkriegsösterreich. Das Museum ist sorgfältig kuratiert und deckt eine klaffende Lücke ab. Aufgrund fehlenden Platzes und Budgets ist es bis dato aber stark in seiner Arbeit eingeschränkt. Das Haus soll demnächst vom Heldenplatz ins nahegelegene Museumsquartier umziehen - eine Entscheidung, die unter Historikern umstritten ist... Nicht wenige fordern, ein solches Museum müsse am Heldenplatz bleiben - jenem Ort, an dem Hitler nach dem 'Anschluss' von Hunderttausenden euphorisch empfangen wurde."
Screenshot des Posts von "bundeskultur" bei Instagram,der Post wurde offenbar kommentarlos gelöscht. Via Bluesky.Klaus Hillenbrand weist ebenfalls in der taz auf eine ziemliche Peinlichkeit aus dem Hause Weimer hin. Der Kulturstaatsminister hat auf Instagram an den Warschauer Aufstand erinnert. Bebildert wurde der Post allerdings mit einem Foto aus dem Kontext des Aufstands im Warschauer Ghetto: "Weimers Behörde hat aber nicht nur zwei historisch höchst wichtige Ereignisse in der polnischen und jüdischen Geschichte vertauscht. Es hat auch Nazi-Propaganda verbreitet, ohne diese in einen Kontext zu setzen. Das Bild von den Zivilisten mit erhobenen Händen stammt nämlich nicht von einem unabhängigen Reporter. Die gab es damals gar nicht. Es ist vielmehr Teil des sogenannten Stroop-Reports, benannt nach dem Warschauer SS- und Polizeiführer Jürgen Stroop. Der war für die Unterdrückung des Aufstands verantwortlich und stellte ein Album über dessen Niederschlagung mit den entsprechenden Fotos zusammen. Das bedeutet: Dieses Foto ist ein Bild aus der Täterperspektive. Es zeigt die Opfer so, wie es sich die deutsche NS-Propaganda wünscht."
Und Irina Scherbakowa von Memorial vergleicht in ihrer taz-Kolumne Putins Säuberungen mit denen Stalins: "Mit der Verschärfung der Repressionen und dem Ausbau des Sicherheitsapparates verschwand die Ambivalenz des Putin-Regimes. Es begann sich immer mehr als eine Art postmoderner Kopie des Stalinismus darzustellen. Die Debatte kam auf: Wo stehen wir, ist es noch 1934 oder bereits 1937?"
In der Welt konstatieren der russische Oppositionelle Garri Kasparow und der frühere Außenminister Litauens Gabrielius Landsbergis den "Niedergang Europas" angesichts der sich selbst eingestandenen Machtlosigkeit, mit der man sich den USA hingibt. Europa müsse vor allem aufrüsten, um wieder ein eigener Machtfaktor zu werden. "Das Friedensprojekt kann nur überleben, wenn der Frieden verteidigt wird. Das Zeitalter der Friedensdividende ist vorbei. Es muss eine neue Ära beginnen, in der Europa für sich selbst und seine Verbündeten eintritt. (...) Europa muss deshalb Instrumente entwickeln zur Verteidigung der Werte, für die die EU steht. Es muss sich von einer friedliebenden Gemeinschaft zu einer Institution wandeln, die auf reale Gewaltandrohungen reagieren und jenen standhalten kann, die ihren Untergang wünschen."
Jens Schneider besucht für die SZ den Putin-freundlichen Verleger der Berliner Zeitung, Holger Friedrich, in dessen Villa am Wannsee und möchte herausfinden, welche der vielen Vorwürfe - Russlandfreund, Autokratenfreund, fragwürdige Methoden als Verleger (unsere Resümees) - um Friedrich stimmen oder nicht. Friedrich lobt in dieser recht zahmen Homestory zum Beispiel China in den höchsten Tönen, denn "auch hier spricht er fasziniert von Apps und Entwicklungen, die er gern in Deutschland hätte. Dass es sich auch dort um ein autokratisches System handelt, spielt in der Erzählung keine Rolle. Er nimmt es zur Kenntnis, mehr nicht."
Im FR-Interview mit Michael Hesse bekräftigt der Holocaust-HistorikerOmer Bartov seine Einschätzung, dass bestimmte Handlungen des israelischen Militärs im Gaza-Streifen als Genozid zu werten sind. Sollte der Internationale Gerichtshof irgendwann zu dieser Einschätzung kommen, so Bartov, hätte das eine gewaltige Wirkung. "Nicht nur juristisch - etwa im Hinblick auf mögliche Haftbefehle des Internationalen Strafgerichtshofs. Sondern auch symbolisch und historisch: Ein Land, das Genozid begangen hat, trägt diesen Makel über Generationen hinweg. Nicht nur seine politischen Führer - die gesamte Gesellschaft wird in Mitleidenschaft gezogen. Ich fürchte, genau das droht Israel: ein Makel, der sich nicht mehr auslöschen lässt." Außerdem fordert Bartov, dass Staaten wie Deutschland und die USA die Unterstützung für Israels Militär einstellen.
Im Tagesspiegel fordert der israelische SchriftstellerAssaf Gavron mehr Druck der deutschen Politik und Zivilgesellschaft auf die Regierung Netanjahu.
200 Prominente aus Kunst und Fernsehen haben Bundeskanzler Merz in einem offenen Brief aufgefordert, seinen ganzen Mut zusammenzunehmen und Israel zu hindern, "Millionen von unschuldigen Menschen auf brutalste Weise kollektiv zu bestrafen" (unser Resümee). Im Perlentaucherdenkt der Autor Thomas Stern über den Aufruf nach: "Wie immer bei Briefen dieser Art ist aufschlussreich, was alles nicht gefordert wird. Beispielsweise irgendeine Form von politischem Druck auf die Hamas, um beispielsweise ihre Waffen niederzulegen (was für sie ja rein theoretisch möglich wäre, da es - man muss das gelegentlich in Erinnerung rufen - im Widerspruch zu keinem Naturgesetz steht) oder einfach nur, ganz banal, die Geiseln freizulassen; oder, wenn Konzessionen gegenüber Juden zu viel verlangt wären oder für die Unterzeichner nicht von Interesse sind, dann vielleicht auch nur, nicht mehr ohne militärische Uniformen zu kämpfen, keine Hilfslieferungen zu stehlen, nicht das Feuer auf Menschen zu eröffnen..."
Aufsehen erregt hat diese Wutrede der Journalistin Sarah Maria Sander gegen die 200 "Kulturschaffenden".
La Repubblica überschrieb ihr Grossman-Interview (unser Resümee) mit "Es ist ein Genozid. Es zerreißt mir das Herz, aber ich muss es sagen." Leider lässt sich diese konkrete Aussage im Interview nicht finden, schreibt Roman Bucheli in der NZZ. Dort steht nämlich: "'Und jetzt muss ich mit unfassbarem Schmerz und gebrochenem Herzen festhalten, was vor meinen Augen geschieht. 'Genozid'.' Da steht kein Doppelpunkt vor dem entscheidenden Wort. Und dieses setzt Grossman in Anführungszeichen. Das hat etwas zu bedeuten. (...) Fest steht jedoch: Es gibt kein 'ist' zwischen 'was vor meinen Augen geschieht' und dem Wort 'Genozid'. Die Anführungszeichen könnten so viel besagen wie: Es ist nicht mein Wort."
Dass das demokratische Establishment so lange an Joe Biden festgehalten hat, hat uns Donald Trump beschert, ist sich der HistorikerTimothy Garton Ash in der SZ sicher. Die Demokraten sollten deshalb aus ihren Fehlern lernen und die junge Garde dran lassen. "Hört einfach auf die Menschen, die ihr vertreten sollt. Die Tragödie an der Geschichte ist, dass die Demokraten sehr viele junge talentierte Menschen in ihren Reihen haben", Ash nennt hier unter anderem Gavin Newsom und auch den New Yorker-Shootingsstar Zohran Mamdani - "Die Demokraten können wahrscheinlich bei den Zwischenwahlen im kommenden Jahr das Repräsentantenhaus mit ein paar frischen Gesichtern zurückgewinnen - und indem sie sich auf die bereits sichtbaren negativen Folgen von Trump für die Arbeiter- und Mittelschicht konzentrieren."
Frauke Steffens beleuchtet für die FAZ Diskussionen in der jüdischen Community von New York über den Gazakrieg. Jon Stewart und Peter Beinart zählt sie zu den gemäßigt linken New Yorker Juden, die sich von Israel abwenden. Mit Überraschung konstatiert sie, dass viele New Yorker Juden den propalästinensischen Bürgermeisterkandidaten Zohran Mamdani unterstützen. Sie bezieht sich auf einen Artikel Ezra Kleins in der New York Times, der versucht das Phänomen zu erklären: "Viele Menschen hätten vor einem Jahr noch abgewunken, wenn für Israels Vorgehen in Gaza das Wort 'Genozid' gefallen sei - nun werde es in immer weiteren Kreisen akzeptiert, auch unter Juden, stellt Klein fest. Liberale amerikanische Juden hätten ihre Loyalität zu Israel stets mit dem Verweis auf eine Zweistaatenlösung rechtfertigen können, ein hoffnungsvolles Irgendwann, das nun zerstört sei."
Armin LaschetsTwitter-Post (unser Resümee) mit der Frage: Warum werden in Deutschland nicht die Bilder der deutschen Geiseln in der Gewalt der Hamas an Flughäfen oder Rathäusern gezeigt, hat Aufsehen erregt. Michael Hanfeld greift ihn in der FAZ auf: "Itay Chen, Tamir Nimrodi, Alon Ohel, Shay Levinson, Tamir Adar, Gali Berman, Ziv Berman und Rom Braslavski sind ihre Namen. Rom Braslavski hat die Terrorgruppe Hamas am Wochenende neben dem verschleppten Evjatar David in einem Video vorgeführt. Sie wurden gezwungen, ihre eigenen Gräber zu schaufeln."
"Religionskritik in Deutschland endet dort, wo es um den Islam geht", konstatiert die Journalistin und Integrationsbeauftragte von Neukölln Güner Yasemin Balci, die vor Kurzem das Buch "Heimatland" veröffentlicht hat, im Welt-Interview mit Marc Reichwein. Man habe zu lange religiöse Verbände wie Ditib als seriöse Gesprächspartner angesehen. Jetzt müsse man die eigenen liberalen Werte verteidigen. "Wir werden gewisse Menschen nicht davon überzeugen, unsere Werte zu leben. (...) Und alle, die das nicht wollen, haben ein Recht, hier zu leben in bestimmten Grenzen, die wir sehr klar setzen und vielleicht noch enger ziehen müssen. Ich plädiere für Zero Tolerance gegen die Feinde unserer freien Gesellschaft. Ich nenne sie 'Feinde', weil ich nicht der Meinung bin, dass ich einen Neonazi, Salafisten oder Trotzkisten davon überzeuge, die freiheitlich-demokratische Grundordnung zu feiern. Falls er durch Selbsterkenntnis auf diesen Pfad kommt, freue ich mich trotzdem."
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