9punkt - Die Debattenrundschau

Die angebliche Ständigkeit des Erinnerns

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.05.2025. Die Russen haben dem Leichnam der ukrainischen Journalistin Victoria Roshchyna Augen und Kehlkopf entnommen und ihn als männlichen Leichnam deklariert, bevor sie ihn an die Ukrainer zurückgaben - ein Rechercheteam von Forbidden Stories hat diese Lüge aufgedeckt, die FAZ berichtet. Die taz erklärt, warum des Massakers von Dersim nur in Deutschland gedacht werden kann. Mehrere Medien beklagen den Kulturkampf der Trump-Regierung gegen die amerikanische Linke. Aktualisiert um 11.20 Uhr: Joe Chialo tritt als Berliner Kultusenator zurück.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.05.2025 finden Sie hier

Kulturpolitik

Berlins Kultursenator Joe Chialo tritt zurück, meldet der Spiegel. Hintergund seien "die Diskussionen um und die Kritik an den weitreichenden Haushaltskürzungen für den Kulturbereich der Hauptstadt".
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Stichwörter: Chialo, Joe

Europa

Obwohl noch nicht allzu viele Details bekannt sind, bekommt das Rohstoffabkommen zwischen der amerikanischen und ukrainischen Regierung gute Presse. In der taz kommentiert  Anastasia Magasowa: "Ob es an der wundersamen Luft in Rom beim Papstbegräbnis lag oder an der Mammutarbeit der ukrainischen Diplomaten - dieses Abkommen enthält keinerlei Anzeichen dafür, dass die Ukraine für Generationen in kolonialer Sklaverei versinken wird." Und: "Die Ukrainer haben erneut gezeigt, dass sie ihre Interessen auch gegenüber einem Land wie den USA unter der Führung von Donald Trump zu verteidigen wissen." Hier der taz-Bericht von Barbara Oertel.

In der FAZ erläutern die Korrespondenten Sofia Dreisbach und Stefan Locke: "Der amerikanische Präsident sieht das Abkommen als Versprechen an seine Landsleute, Milliarden Dollar an seltenen Rohstoffen als Wiedergutmachung für geleistete Hilfe zu erhalten. Das hatte die Ukraine jedoch abgelehnt - und ist in der endgültigen Fassung auch nicht enthalten."

Die deutschen Medien haben sich bei der Berichterstattung über die Wahlen in Rumänien (mehr hier) nicht gerade mit großem Engagement hervorgetan. Sie waren bekanntlich nach dem Sieg des esoterischen Populisten Calin Georgescu bekanntlich annulliert worden - angeblich wegen russischer Einflussnahme. Michael Martens liest nun für die Medienseite der FAZ einen großen Artikel des rumänischen Autors Mircea Cartarescu, der in der Zeitschrift European Voices erschienen ist (warum so ein bestimmt subventioniertes Projekt nur über Paywall zugänglich ist, wäre eine andere Frage). Die Russen sind unschuldig, stellt sich für Martens da heraus: "Obwohl immer noch viele Details ungeklärt sind, ergibt sich knapp fünf Monate nach der Annullierung der Abstimmung ein recht klares Bild. Es ist nicht schmeichelhaft für die Bukarester Elite. Denn daraus wird deutlich, dass es zwar tatsächlich systematische Manipulationen zugunsten Georgescus auf Tiktok gab, eine maßgebliche Rolle Russlands dabei aber nicht nachweisbar ist. Die wichtigsten Manipulatoren saßen nach heutigem Kenntnisstand nämlich nicht in Moskau, sondern in Bukarest." Martens weist außerdem auf das investigative rumänische Portal Snoop hin, das gerade leider nicht zu funktionieren scheint.
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Digitalisierung

ChatGPT hat diese Woche eine neue Version veröffentlicht und gleich wieder zurückgezogen, weil die Interaktion mit den Nutzern plötzlich so unterwürfig war, erzählt im Guardian Chris Stokel-Walker, Autor des Buchs "TikTok Boom: The Inside Story of the World's Favourite App": "Der Chatbot jubelte den Leuten zu und bestätigte sie, selbst wenn sie andeuteten, dass sie ihren Hass auf andere ausdrückten. ... Die Kriecherei, mit der ChatGPT alle Fragen der Nutzer behandelte, ist ein Warnschuss für die Probleme, die noch auf die KI zukommen werden. Das Modell von OpenAI wurde - laut der durchgesickerten Systemaufforderung, die ChatGPT zu seinem fehlgeleiteten Ansatz veranlasste - so konzipiert, dass es versucht, das Nutzerverhalten zu spiegeln, um das Engagement zu erhöhen. 'Versuchen Sie, die Stimmung, den Tonfall und allgemein die Art und Weise, wie der Benutzer spricht, zu übernehmen', heißt es in der durchgesickerten Aufforderung, die das Verhalten steuert." Vielleicht, hofft Stokel-Walker, "könnte dies ein Moment sein, in dem die Nutzer erkennen, wie ihre Gedanken durch die Interaktion mit der KI beeinflusst werden können, und vielleicht beschließen, einen Schritt zurückzutreten?"

Auch Sascha Lobo (Spon) hatte Beklemmungen, als er erneut ChatGPT ausprobierte und in der Zusammenfassung ein "eigentlich vertrauliches Datum" wiederfand: "Heute ist Kern des KI-Grusels, dass man gar nicht so leicht sagen kann, welche Daten man wie und wo für eine KI freigegeben hat. Oder ob eine KI vielleicht sogar mit vermeintlich öffentlichen, tatsächlich aber nur unbeabsichtigterweise im Netz befindlichen Daten trainiert wurde. Oder ob es irgendein Sprachmodell mit dem gesetzlichen Erlaubnishorizont nicht ganz so genau nimmt. Oder irgendein im Eifer des Gefechts gegebenes KI-Zugriffsrecht doch etwas umfassender war als gedacht. Die Situation wird sich drastisch verschärfen, weil der nächste große Entwicklungsschritt, die sogenannten AI Agents, KI-Agenten also, wesentlich besser funktioniert, wenn diese personalisiert werden. Wofür sie einerseits ein umfassendes Gedächtnis benötigen und andererseits Zugriff auf möglichst viele und möglichst persönliche Daten."
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Stichwörter: ChatGPT, Tiktok

Politik

Die Frauen in Afghanistan widersetzen sich den drakonischen Verboten der Taliban und machen zum Beispiel heimliche Mädchen-Schulen auf, berichtet die FAZ-Korrespondentin Friederike Böge, die vor Ort mit Lehrerinnen gesprochen hat. Die Frauen widersetzten sich, "indem sie Freiräume ausloten und die toten Winkel des Taliban-Staates nutzen. In manchen Teilen des Landes sind die lokalen Taliban-Funktionäre weniger erpicht darauf, die Verbote durchzusetzen. In manchen Nachbarschaften schützen Bewohner die Untergrundschulen durch ihr Schweigen, in anderen mag es Denunzianten geben."
Archiv: Politik
Stichwörter: Afghanistan, Taliban

Geschichte

Cem-Odos Güler hat für die taz den Berliner Türken Kemal Karabulut getroffen, auf dessen Initiative in einem Berliner Park ein Mahnmal für die Massaker von Dersim eingeweiht werden wird. In der Provinz Tunceli (eigentlich Dersim) "brachte das Militär der Atatürk-Regierung damals Zehntausende Menschen um, mit dem Ziel, die zazasprachige und alevitische Bevölkerung in der Region auszulöschen. Die genaue Zahl der Toten ist unbekannt, Schätzungen gehen von 14.000 bis 50.000 Toten aus. Die Akten zu den blutigen Geschehnissen liegen in Archiven in Ankara unter Verschluss - verdeckt von einer türkischen Staatsideologie, die ethnische Pluralität als Gefahr für die nationale Einheit betrachtet." Das Gedenken und die wissenschaftliche Aufarbeitung werden wohl eher in Deutschland geschehen müssen, so Güler. Der Bochumer Historiker Ismail Küpeli bereitet ein Online-Portal mit Informationen und Oral-History-Zeugnissen zu Dersim vor.

Am 8. Mai jährt sich nicht nur die "Befreiung" vom Nationalsozialismus zum achtzigsten, sondern auch die berühmte Rede Richard von Weizsäckers zum vierzigsten Male. FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube leuchtet Weizsäckers Vokabel der Befreiung nicht ein: "Befreit konnten die Opfer des deutschen Krieges werden." Interessanter aber liest sich die Passage, wo Kaube auf Gegenreaktionen in der CDU zu Weizsäcker zu sprechen kommt und die zeigt, dass damals noch zur Mitte gehörte, was heute ganz rechts ist: Mehr als dreißig CDU-Abgeordnete waren der Rede von vornherein ferngeblieben. "Man sei das 'ständige Erinnern', die 'ewige Vergangenheitsbewältigung als gesellschaftliche Dauerbüßeraufgabe' leid, sie lähme das Volk (Franz Josef Strauß). Inwiefern sie das tat, wurde so wenig ausgeführt wie die angebliche Ständigkeit des Erinnerns. Alfred Dregger, der Fraktionsvorsitzende von CDU/CSU, hielt ein Jahr nach Weizsäcker am Volkstrauertag eine gezielte Gegenrede, die in die Forderung mündete, es müsse 'endlich Schluss sein mit der uns von den Siegermächten aufgezwungenen Geschichtsbetrachtung'."
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Medien

Die ukrainische Journalistin Victoria Roshchyna war von den Russen festgenommen worden, als sie jenseits der Frontlinie recherchierte. Dass sie ums Leben gekommen war, war schon länger bekannt. Die Leiche der Journalistin war "bereits am 14. Februar 2025 als mit der Nummer 757 markierter 'unidentifizierter Mann' zusammen mit 756 Körpern gefallener ukrainischer Soldaten nach Kiew überstellt", berichtet Yelizaveta Landenberger in der FAZ unter Bezug auf eine Recherche eines Medienverbunds. Roshchyna wurde durch einen Gentest identifiziert. Die Journalistin scheint vor ihrem Tod schwer gefoltert worden zu sein: "Die Gerichtsmediziner hätten auch Hinweise auf Elektroschocks festgestellt. 'Die Verletzungen wurden ihr zugefügt, als sie noch lebte'... Roshchynas Leiche weise zudem Spuren einer von russischer Seite durchgeführten Autopsie auf - Gehirn, Augäpfel und Teile des Kehlkopfs fehlen. Ein internationaler Gerichtsmediziner bestätigte, dass so womöglich Beweise für einen Tod durch Erdrosselung oder Ersticken verdeckt werden sollten." Landenberger bezieht sich auf diese Recherche in Forbidden Stories.

Stefan Kornelius, einer der klügsten Kommentatoren in der deutsche Presse (und ganz bestimmt in der SZ) wird Regierungssprecher! Die SZ meldet es "in eigener Sache". Wer am besten weiß, wie Politik funktioniert, kann eben auch ihre Sprachregelungen am besten verfechten.
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Gesellschaft

Die Trump-Regierung hat einen politischen Kulturkampf losgetreten, klagt im Interview mit Michael Hesse von der FR die Philosophin Seyla Benhabib, die derzeit vor allem die Universitäten in Gefahr sieht: "Es geht darum, progressive Werte wie Diversität, Gleichberechtigung, Inklusion zu delegitimieren. Universitäten werden gezielt attackiert, weil sie diese Werte verkörpern. Was wir erleben, ist der Versuch, die kulturelle Hegemonie progressiver Milieus zu brechen - koste es, was es wolle."

Diese Hegemonie bekämpfen die Trumpianer nicht nur in Unis: Vor allem Elon Musk hat es inzwischen auch auf die Wikipedia abgesehen, schreiben Nicolas Killian, Meike Laaff und Lisa Hegemann bei Zeit online. "Musk hetzt seit Monaten gegen die Onlineenzyklopädie, er verunglimpft sie als 'Wokepedia' und wirft ihr vor, von Linksaußen-Aktivisten kontrolliert zu sein. Und er ist nicht allein. Da ist zum Beispiel der rechtskonservative US-Thinktank 'The Heritage Foundation', der mit 'Project 2025' mehr oder weniger das Regierungsprogramm für Donald Trump geschrieben hat und der den oft unter Pseudonymen schreibenden Autorinnen und Autoren der Wikipedia indirekt droht, ihre Namen offenzulegen, wenn sie ihre 'Macht missbrauchen'. Und da ist nun auch noch Edward Martin, ein von US-Präsident Trump ernannter Staatsanwalt für den District of Columbia. In einem Brief (PDF), der vergangene Woche öffentlich wurde, unterstellt er der Wikipedia, 'Propaganda' zu verbreiten, indem sie historische Ereignisse 'umschreibe' und droht ihr mit Entzug des Gemeinnützigkeitsstatus. Die Angriffe auf die Wikipedia in den USA zeigen wie unter einem Brennglas den Kulturkampf, den die Rechten weltweit führen: Sie beschwören mit dramatischen Worten den Wert der Meinungsfreiheit - und greifen dann alle an, die nicht dasselbe darunter verstehen wie sie selbst." Da hilft nur kräftig spenden.

In der Welt beobachtet Alan Posener ebenfalls einen Kulturkampf, allerdings einen, der von links und rechts gegen die liberale Demokratie geführt wird: "Längst hat die 'woke' und 'postkoloniale' Ideologie die geisteswissenschaftlichen Fakultäten vieler Universitäten erobert und über sie Eingang in die Medien und den Kulturbetrieb gefunden. Doch die Reaktion darauf ist zunehmend nicht die Verteidigung der liberalen Demokratie, sondern die Hinwendung zur 'illiberalen Demokratie', zu 'Identitären' und Rechtspopulisten. Da der gemeinsame Antrieb der Hass auf den Globalismus ist, haben 'Woke' und 'Identitäre', Postkoloniale und Postliberale in vielen Punkten mehr Gemeinsamkeiten als Differenzen, allen voran die Verachtung des Liberalismus."
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