9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

2749 Presseschau-Absätze - Seite 22 von 275

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.06.2025 - Gesellschaft

Es gibt in Deutschland "keine Mehrheit für eine rechtsradikale Regierung", erklärt Manfred Güllner vom Meinungsforschungsinstituts Forsa im Interview mit der Zeit. Vorausgesetzt, die demokratischen Parteien arbeiten zusammen: "Es gibt unter den Wahlberechtigten generell eine relativ große Konsenserwartung - gerade auch für die Zuwanderungspolitik. Das zeigte schon unsere erste Untersuchung zur Migrationsfrage 1986. Damals waren viele Türken nach Deutschland gekommen, die DDR schleuste systematisch Asylsuchende aus Asien und Afrika in die Bundesrepublik. Das förderte die Ausländerfeindlichkeit, sodass sich 64 Prozent für eine Einschränkung oder Abschaffung und nur 32 für eine Beibehaltung des Asylrechts aussprachen. Erwartet wurden aber keine drastischen Einschränkungen, sondern pragmatische Maßnahmen, um die Asylzahlen überschaubar zu halten. Heute ist der Anteil derer, die das Asylrecht in seiner jetzigen Form aufrechterhalten wollen, mit 54 Prozent deutlich größer als vor fast 40 Jahren. Der Staat soll zwar gegen die illegale Migration vorgehen, aber im Konsens der demokratischen Parteien, nicht durch drastische und juristisch umstrittene Maßnahmen."

Warum ist jeder gleich ein Trump-Epigone, wenn er die Einwanderung beschränken will, fragte gestern in der Welt der Blogger Airen. Da gibt es doch einige Unterschiede, meint er. "Ohnehin bewegt sich die Migrationsbewegung nach Deutschland längst in einer anderen Größenordnung. 2022 ließen die Vereinigten Staaten gerade einmal 25.000 Flüchtlinge ins Land. Deutschland, mit einem Viertel der Einwohnerzahl, gewährte im selben Jahr fünfmal so vielen Menschen offiziell Asyl - rechnet man alle Antragsteller mit ein, lag die Zahl sogar beim Zehnfachen. Bei den Abschiebungen ist es umgekehrt: Über 270.000 Migranten wurden 2023 aus den USA ausgewiesen, Deutschland schaffte es 2024 gerade einmal auf rund 20.000. Dies, wohlgemerkt, waren die Zahlen unter Joe Biden - jenem Präsidenten, dem Donald Trump im Wahlkampf eine 'open door' Politik anzudichten versuchte. Dass in Deutschland das Thema Migration den Wahlkampf dominierte, ist angesichts solcher Zahlen keine Hysterie, sondern die unausweichliche Folge jahrelanger Versäumnisse."

In Berlin wurden von Linksextremen einige Dutzend Amazon-Autos in Brand gesteckt. Tagesspiegel-Autor Thomas Loy kann die Dummheit dieser Szene nicht fassen: "Am blödesten finden die politischen Brandstifter den Amazon-Tower, also das neue Hochhaus an der Warschauer Brücke, in das die Berliner Amazon-Belegschaft einzieht... Bei der Eröffnung des Towers haben Demonstranten am Montag vor der 'Amazonisierung Berlins' gewarnt. Was soll das denn sein? Wird unsere Hauptstadt demnächst schön verpackt in alle Welt verschickt? Egal, klingt halt gut, der Slogan. Und linke Demos gehören inzwischen zur Stadtfolklore. Manche haben ja auch ein berechtigtes Anliegen. Vor einigen Jahren haben Kreuzberger (Links)-Patrioten schon Google aus dem Kiez gemobbt. Scheint dem Konzern nicht wirklich geschadet zu haben. Dafür aber Berlin."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.06.2025 - Gesellschaft

Auch in Israel und unter Juden gibt es bekanntlich Rechtsextremisten. Leon Holly stellt in der taz die Gruppe Betar Deutschland vor: "Betar Deutschland ist der neue Ableger einer Organisation, die 1923 im lettischen Riga von Ze'ev Jabotinsky gegründet wurde, dem wohl bekanntesten Vordenker der rechten revisionistischen Strömung des Zionismus. ... Nimrod Flaschenberg weist auf einen noch extremeren ideologischen Einfluss hin. Flaschenberg ist Israeli, engagiert sich in seiner Heimat in der linken Chadasch-Partei und lebt in Berlin, wo er Proteste gegen den Krieg in Gaza organisiert. Er sieht bei Betar Gemeinsamkeiten mit dem Rabbi Meir Kahane, einem jüdisch-amerikanischen Rassisten, der 1968 in den USA die Jewish Defense League gründete. 'Der Kahanismus wollte Juden gegen andere Minderheiten verteidigen', sagt Flaschenberg der taz. Bei Betar gebe es eine Mischung aus zionistischem Nationalismus, aggressiver Männlichkeit, Alt-Right-Motiven aus den USA und sogar 'einigen sehr düsteren völkisch-deutschen Elementen'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.06.2025 - Gesellschaft

Erstmals thematisiert die New York Times unter dem Titel "Antisemitismus ist ein dringendes Problem - zu viele Menschen suchen Ausflüchte" auch linken Antisemitismus. Ein ausführliches Editorial geht auch auf die  jüngsten Anschläge ein: "Nachdem ein Amokläufer 2018 in der Synagoge 'Tree of Life' in Pittsburgh elf Menschen ermordet hatte, stellten Beobachter zu Recht fest, dass er sich unter anderem durch rassistische rechte Social-Media-Kanäle radikalisiert hatte. Bei einigen Anschlägen der letzten Zeit war ein ähnliches Phänomen zu beobachten, diesmal jedoch mit Angreifern, die sich der Sprache der Linken bedienten. Der Mann, der in Colorado Demonstranten anzündete, rief 'Free Palestine!' und (etwas seltsam) 'End Zionist!'. Der Mann, der wegen der Ermordung der jungen israelischen Botschaftsangestellten in Washington im vergangenen Monat angeklagt ist, wird verdächtigt, ein Online-Manifest mit dem Titel 'Eskaliert für Gaza, bringt den Krieg nach Hause' veröffentlicht zu haben. Seine Anhänger haben seitdem eine Petition veröffentlicht, die unter anderem die Forderung 'Globalisiert die Intifada' enthält. Die dämonisierende, delegitimierende Rhetorik der Rechten trägt eine Mitverantwortung für das Massaker von Pittsburgh; die dämonisierende, delegitimierende Rhetorik der Linken trägt eine Mitverantwortung für die jüngsten Anschläge."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.06.2025 - Gesellschaft

Höchst unterhaltsam und faszinierend liest sich eine Geschichte des ehemaligen Chinakorrespondenten der taz, Felix Lee, über seinen eigenen Vater: "Mein Vater hat das China-Geschäft von VW mit aufgebaut", sagt Lee knapp. Und führt dann aus, wie das geschah. Sein Vater, "in jungen Jahren vor Maos Kommunisten nach Taiwan geflohen", arbeitete 1978 als einziger Chinese im VW-Werk von Wolfsburg. Eines Tages stand eine Delegation aus der Volksrepublik vor der Tür, und er war der einzige, der übersetzen konnte. Lees Vater, ein Ingenieur, ermunterte die VW-Manager, in China zu investieren. "Bei einem der nächsten Besuche ist es ein Mitarbeiter der VW-Finanzabteilung, der sich skeptisch zeigt. Sie haben sich in der Abteilung Chinas wirtschaftliche Kennzahlen angeschaut. Der Durchschnittslohn eines städtischen Angestellten liegt damals bei umgerechnet 100 D-Mark im Jahr - nach heutigen Maßstäben wären das 100 Euro. Selbst wenn jemand sein Leben lang arbeite, ohne zu essen und Miete zu zahlen, könne er sich keinen VW leisten, rechnet er vor. Ob China sich überhaupt Autos leisten könne, geschweige denn eine ganze Fabrik? Ohne die Frage zu übersetzen, antwortet ihm mein Vater. China sei zwar arm, aber zugleich sehr groß. Allein für den Taximarkt und die Parteikader würde sich für VW der Bau eines Werks schon lohnen." Und dann hatte VW rasenden Erfolg - und nun rasenden Misserfolg - in China.
Stichwörter: China, Volkswagen

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.06.2025 - Gesellschaft

Ein halbes Jahr ist es her, dass der Berliner Grünen-Bundestagsabgeordnete Stefan Gelbhaar wegen #MeToo-Vorwürfen auf seine Kandidatur zur Wiederwahl verzichten musste. Die Partei beauftragte einen internen Untersuchungsausschuss, der jetzt Ergebnisse vorlegte. "Befrieden werden die Papiere aber wohl weder die parteiinterne Debatte um den Fall Gelbhaar noch die um den allgemeinen Umgang mit Belästigungsvorwürfen", vermutet Tobias Schulze in der taz. "Denn erstens liefert der Bericht keine endgültige Aufklärung im konkreten Fall. Zweitens bleibt zunächst offen, welche strukturellen Konsequenzen die Grünen für die Zukunft ziehen. Die Kommission macht dazu zwar umfangreiche Anregungen. Der Vorstand will als Konsequenz daraus aber zunächst eine weitere Arbeitsgruppe einrichten, die 'konkrete Umsetzungsvorschläge' erarbeitet."

Eine Reportergruppe des Spiegel hat den parteiinternen Bericht der Grünen gelesen, der immerhin zu einem klaren und für die Partei recht peinlichen Befund kommt: "Den Frauen, die sie als Organisatorinnen der Meldungen erkannt haben wollen, sei es .. 'nicht vorrangig' um die Einleitung eines Ombudsverfahrens mit der Ziel der Wiederherstellung eines respektvollen, von Wertschätzung und Vertrauen getragenen Umgangs untereinander gegangen, 'sondern um die Instrumentalisierung eines solchen Verfahrens für parteipolitische Zwecke'." Kritik an Gelbhaar bleibt in der Partei bestehen. Die NDR-Mediensendung "Zapp" hat vor einigen Wochen eine Dokumentation zum Fall vorgelegt, die alles tut, um Gelbhaar schlecht aussehen zu lassen. Die SZ hatte eine epische Recherche gebracht.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.06.2025 - Gesellschaft

In der FAZ stellt Thomas Thiel eine Studie des Islamtheologen Mouhanad Khorchide von der Universität Münster vor, die belegt, "dass ein Fünftel der hierzulande lebenden rund 5,5 Millionen Muslime mit Migrationshintergrund ein Kränkungsgefühl habe, das sie emotional anfällig für radikale Ansichten mache". Anfällig heißt nicht, dass sie tatsächlich radikal würden, betonte Khorchide bei der Vorstellung der Studie. Er "warb für Fördermaßnahmen, die das Bild der Gesellschaft zum Positiven verändern. Er nahm dafür die Moscheegemeinden in die Pflicht. Die Mitautorin Sarah Demmrich fügte hinzu, die meisten Muslime hierzulande hätten ohnehin ein positives Bild der Gesellschaft. 85 Prozent befürworteten die Demokratie, 73 Prozent wollten sich integrieren. Schön wäre es gewesen, dies anhand der Studie nachvollziehen zu können. Die will man aber erst im August veröffentlichen. Bis dahin werden Medienvertreter mit Häppchen abgespeist, was angesichts des brisanten Themas nicht gerade zur Deradikalisierung beiträgt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.06.2025 - Gesellschaft

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Die Einsamkeit in der Gesellschaft nimmt zu, erklärt die Soziologin Claudia Neu in der SZ, befragt von Peter Laudenbach. In ihrem Buch untersucht Neu den Zusammenhang zwischen Einsamkeit und Rechtspopulismus: "Einsame Menschen sind auf der Suche nach Anschluss, nach Kontakt und Gemeinschaft. Sie erleben vielleicht, dass der Versuch, auf andere zuzugehen, nicht auf Resonanz stößt. Das sind schmerzhafte Erfahrungen der Abwertung. Um das zu kompensieren und sich selbst aufzuwerten und zu stabilisieren, können einsame Menschen dazu neigen, ihrerseits andere abzuwerten. Dieser Zusammenhang ist zum Beispiel in der Mitte-Studie empirisch gut untersucht worden. Rechtsextreme und Rechtspopulisten machen nicht nur Gemeinschaftsangebote, sie machen auch Aufwertungsangebote: Du gehörst zur stolzen völkischen Gemeinschaft und kannst andere, die nicht dazugehören, verachten. Das kann für Menschen, die unter Einsamkeit leiden, sehr attraktiv sein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.06.2025 - Gesellschaft

Alle, die das fünfeinhalbstündige Tennismatch von Carlos Alcaraz und Jannik Sinner in Roland-Garros gesehen haben, sind sich einig: Es war eines der großartigesten Spiele in der Geschichte dieses Sports, und überdies waren die Spieler äußerst fair und konzedierten einander strittige Punkte. Matthias Alexander singt in der FAZ auch eine kleine Hymne auf einen bekannte Figur am Rande: "Wie sich die Kommentatoren Matthias Stach und Boris Becker entspannt die Bälle zuspielten, kontrastierte auf das Schönste mit dem Geschehen auf dem Platz. Die Übertragung des Spiels auf Eurosport geriet zu einem fünfeinhalbstündigen Glanzstück des Sportfernsehens. Die beiden informierten über taktische Feinheiten in einer auch für den Laien verständlichen Sprache. Sie ließen aussagekräftige Statistiken zum richtigen Zeitpunkt einblenden. Sie zeigten ein feines Gespür für jene Augenblicke, in denen sich das Momentum im Spiel wieder einmal verschob."

Hier nur ein kleiner Ballwechsel:

Stichwörter: Tennis, Becker, Boris

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.06.2025 - Gesellschaft

Auf den Seiten der antiisraelischen Organisation Amnesty International rufen eine Reihe deutscher Prominenter, darunter Sandra Hüller, Luisa Neubauer, Fatih Akin, Axel Prahl, Aleida Assmann, die Foroutans, Bjarne Mädel und Harald Welzer die Bundesregierung zu Maßnahmen gegen Israel auf. Wie viele israelkritische Akteure sahen die Autoren die Gefahr eines Völkermords bereits in den Tagen unmittelbar nach dem 7.Oktober gegeben, noch bevor Israel überhaupt agiert hatte - und als sei dies Israel gewissermaßen eingeschrieben: "International renommierte Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen warnen bereits seit dem 15. Oktober 2023 vor einem möglichen Genozid - und zwar auf Basis dokumentierter höchstgerichtlich fixierter Aussagen der israelischen Regierung und Armeeführung. Seitdem hat sich die Katastrophe vor den Augen der Weltöffentlichkeit und der deutschen Politik immer weiter verschärft. Die Verantwortung, trotz dieser eindringlichen Warnungen nicht den völkerrechtlichen Verpflichtungen zur Verhinderung eines Völkermordes nachgekommen zu sein, wiegt schwer." Die eigentliche genozidale Tat in dem Kontext, die Pogrome vom 7.Oktober, wird dagegen zu "Kriegsverbrechen des 7. Oktober 2023" herabgestuft. Die historische Schuld der Deutschen gegenüber den Juden führe zu einer besonderen Verantwortung für das Recht des palästinensischen Volkes auf Selbstbestimmung.


Die israelische Armee hat die Leichen der Geiseln Gadi und Judi Weinstein-Haggai gefunden und konnte sie repatriieren, berichtet Serena Bilanceri in der taz: "Gadi Haggai war zum Zeitpunkt des Todes 72 Jahre alt, Judi Weinstein-Haggai 70. Der Kibbuz Nir Oz schreibt, das Ehepaar habe vier Kinder und sieben Enkelkinder. Gadi sei ein aufgeweckter Mann gewesen sowie ein talentierter Blechbläser. Im Alter von drei Jahren habe er mit der Musik angefangen. Er ernährte sich vegan und hatte eine Leidenschaft für die Natur, das Kochen und den Sport. Judi Weinstein-Haggai war Englischlehrerin, spezialisiert auf Kindern mit Förderbedarf und Aufmerksamkeitsdefiziten."

Der Antisemitismus hat sich unterdessen eingepegelt, wenn auch auf einem seit dem 7.Oktober sehr viel höheren Niveau, konstatiert Ronen Steinke im Leitartikel der SZ und er nennt zwei Taten, die hierzulande kaum wahrgenommen wurden: "In den USA werden Juden, die in einer Fußgängerzone an die armen Hamas-Geiseln erinnern, von einem Mann mit einem Flammenwerfer attackiert, so geschehen am Sonntag. In Deutschland sticht ein Mann auf einen Besucher des Holocaust-Mahnmals in Berlin ein, sein Ziel nach eigenen Angaben: 'Juden töten'. So geschehen im Februar."

In Israel ist alles politisch, schreibt Richard C. Schneider in der NZZ, selbst die Wahl des Supermarkts, vom Militärdienst ganz zu schweigen: "Die Armee ist der Ort, wo politische Identitäten geschmiedet oder intensiviert werden. In welcher Einheit man dient, wird zur politischen Visitenkarte. Ebenso wie die Weigerung des ultraorthodoxen Sektors, Militärdienst zu leisten. Auch das ist eine politische Aussage, die von den meisten israelischen Regierungen bislang hingenommen wurde, weil man die Frommen als Koalitionspartner brauchte. Diese Verweigerungshaltung schürt nun die Wut der Dienenden in diesem nicht enden wollenden Krieg noch mehr als sonst und spiegelt die tiefe Zerrissenheit der israelischen Gesellschaft. ... Europa, das aus seinem Dornröschenschlaf derzeit brutal erwacht, sollte genau hinschauen, wie die Menschen in Israel mit dem schwankenden Boden unter ihren Füßen umzugehen versuchen. Es könnte, im Guten wie im Schlechten, der Blueprint für die Zukunft des alten Kontinents werden."

In The Diasporist stimmt die österreichische Autorin Eva Menasse eine lange Klagearie darüber an, dass deutsche Feuilletons Deborah Feldmans Attacke gegen Philipp Peyman Engel, den Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen kritisiert haben. Feldman hatte behauptet, Engel sei nicht jüdisch, weil Angehörige seiner Familie mal zum Bahaitentum übergetreten seien (unsere Resümees hier, hier und hier). Menasse findet die Sache zwar "ziemlich lächerlich", aber Engel solle sich mal nicht so haben: Er sei nämlich "einer der lautesten digitalen Radaubrüder eines so eindimensionalen wie folgenreichen Narrativs, in dem die deutschen Feuilletons mehrheitlich seit Jahren festhängen". Im Tagesspiegel wiederum fragt sich Debora Antmann, ob Feldman vielleicht unter einer false flag segelt: "Engel und seine Mutter sind beide jüdisch geboren und Deborah Feldman ist wohlgemerkt die Person, die Fabian Wolffs vollständig erlogene jüdische Identität nicht weiter dramatisch fand. Die Ironie: Weil Feldman ihre wilden Diffamierungseskapaden als linke Politikerin rahmt, spielt sie vor allem konservativen Kräften in die Hände und schadet linker Bewegung. Bin ich die einzige, die sich insgeheim fragt, ob Feldman eine False-Flag-Operation durchzieht?"

In der NZZ amüsiert sich Zelda Biller über Greta Thunbergs messianische "Freedom Flotilla Coalition", die gerade Richtung Gaza segelt. Dass sie dort voraussichtlich nie ankommen werden, wissen sie selbst, aber das ganze wirft einfach unwiderstehliche Fotos für Instagram ab: "Thunberg gibt mit zitternder Stimme Interviews im Live-Stream, in denen sie stolz erklärt, dass sie gerade ihr Leben riskiere und so schnell hintereinander Genozid, ethnische Säuberung und Besatzung sagt, dass sie sich verschluckt. Die anderen Crewmitglieder filmen sich währenddessen gegenseitig in 'I Love Gaza'-T-Shirts und fangen immer wieder an zu weinen, wenn sie von ihrer unumgänglichen Mission erzählen, den Menschen in Gaza Solidarität und Liebe zu bringen. Außerdem gibt es stündliche Updates zu bedrohlichen Situationen. In dicke Rettungswesten gehüllt erzählen die Guerillakämpfer, dass sie seit Dienstagabend immer wieder von furchteinflößenden Drohnen umsurrt werden, und fordern panisch mehr mediale Aufmerksamkeit, weil das ihr einziger Schutz vor den Israeli sei. Dabei wird ihr einziger Schutz am Ende vermutlich die sie sicher an Land begleitende israelische Küstenwache sein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.06.2025 - Gesellschaft

Integrationskurse in Deutschland sind oft ein potemkinsches Dorf, schreibt in der FAZ Lolita Deriabina, die selbst als Lehrkraft für solche Kurse in Hannover arbeitet. "Viele von uns erleben dasselbe: Teilnehmende, die zwar formell eingeschrieben sind, aber kaum anwesend; solche, die regelmäßig zu spät kommen oder früh gehen - nicht aus Not, sondern weil das System keine Grenzen setzt. Und das System ist erstaunlich duldsam. Denn solange ein Name als 'anwesend' geführt wird, fließt Geld. Erst wenn jemand nicht mehr auftaucht, endet die Finanzierung."

Es gibt in Frankreich sehr viel "Islamophobie", behauptet Marc Zitzmann in der FAZ. Auch den Regierungsbericht über die massive Einflussnahme der Muslimbrüder (unser Resümee) scheint er in diese Kategorie einzustufen: "Der Kampf gegen die 'Brüder' und ganz allgemein gegen alle Strenggläubigen, die laut offizieller Lesart 'Separatismus' und 'Entrismus' betreiben, ja im Namen einer geheimen Agenda Wühlarbeit leisten, ist das Steckenpferd der stramm Rechten, die in Frankreichs Regierung zunehmend das Sagen haben."