Der Kampf um die
Antisemitismusdefinitionen geht weiter. In der
taz, in der es einst auch Stimmen gab, die gegen linken Antisemitismus einstanden, wird jene Fraktion stärker, die die Antisemitismusdefinition der "
Jerusalemer Erklärung" stärken will, die Israelhass als "nicht per se" antisemitisch ansieht. Nun
präsentiert Stefan Reinecke in der
taz einen Bericht des israelischen Journalisten Itay Mashiach (hier als pdf-
Dokument), der die "Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus" (
RIAS) angreift. Sie beruft sich wiederum auf die IHRA-Definition und wendet laut Reinecke einen so "weiten" Antisemitismusbegriff an, dass sich
auch Linke gemeint fühlen könnten. Die Zahlen und Berichte der RIAS werden von Politikern zu Handlungskriterien gemacht, so Reinecke: "RIAS rubriziere Ereignisse als antisemitisch, ohne den
Kontext zu beleuchten. RIAS beruft sich auf die IHRA-Definition, der KritikerInnen vorwerfen, Antisemitismus zu vage zu bestimmen und es der israelischen Regierung zu ermöglichen, Kritik an ihrer Politik pauschal als antisemitisch abzuwehren. RIAS vervielfältige, so die Studie, die Schwäche der IHRA-Definition, weil es auch die in der IHRA-Definition geforderte '
Berücksichtigung des Gesamtkontexts' ignoriere."
"
Kontextualisierung" wurde auch direkt nach dem 7. Oktober gefordert (unser
Resümee) und wird fleißig weiter betrieben. In der
Jüdischen Allgemeinen greift Michael Thaidigsmann einige Stilblüten auf, die jüngst nach dem Mord an einem jüdischen Paar in Washington produziert worden - der Täter gehört zur "propalästinensischen" Szene. Nach dem Mord hieß es etwa im
Deutschlandfunk: "Wieder einmal müssen Menschen für
Taten der israelischen Regierung sterben." Schon vorher hatte Dunja Ramadan bei
Spiegel online an die Adresse der deutschen Regierung gefordert: "Schluss mit dem
deutschen Rumgedruckse." Und Fabian Huber fordert im
Stern, man solle in Deutschland "frei vom
Würgegriff der Kollektivschuld über das israelische Unrecht in Gaza sprechen". Auch
Spiegel-Kolumnist Thomas Fischer, der Israel und Deutschland viele wertvolle Tips gibt, spießt Thaidigsmann auf - alle Links in seinem Artikel.
Messerattacken sind ein Lieblingsthema der extremen Rechten. Darum
erzählt Gilda Sahebi in der
taz die Geschichte des
Muhammad Al Muhammad (die eigentlich der
Spiegel recherchiert hatte): "Als am frühen Freitagabend eine 39-jährige Frau am vollen Hamburger Hauptbahnhof anfing, wahllos um sich zu stechen, ging der 19-jährige Syrer dazwischen und hielt die Attentäterin möglicherweise davon ab, noch mehr Menschen zu verletzen oder gar zu töten. Al Muhammad sagte gegenüber dem
Spiegel, dass viele Menschen plötzlich in eine Richtung gerannt seien, er aber nicht. 'Ich habe mich entschieden, in die andere Richtung zu rennen und
die Frau zu stoppen.' Ein Tschetschene hat ihr ins Knie getreten, Muhammad warf sich auf sie, bis die Polizei die Frau festnehmen konnte."
Weitere Artikel: Mara Delius prüft in der
Welt nochmal die Vorwürfe Deborah Feldmans gegen den Chefreakteur der
Jüdischen Allgemeinen,
Philipp Peyman Engel (unsere
Resümees) und befindet auf deren Haltlosigkeit.