9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.01.2025 - Gesellschaft

Hoffnung für das Jahr 2025 hat der russische Soziologe Lew Gudkow keine mehr, Russland bewege sich in Richtung Diktatur und Despotenherrschaft, sagt er im SpOn-Gespräch. Dabei sehnen sich viele Russen, auch aufgrund von hoher Inflation, Kriegsmüdigkeit und Medikamentenknappheit nach Frieden, allerdings wird laut Meinungsumfragen auch klar, was sie darunter verstehen: "Sie glauben, dass die Ukraine kapitulieren sollte. Sie sprechen von Frieden, erklären dann aber auf Nachfrage, dass das Nachbarland nicht der Nato und EU beitreten dürfe und entmilitarisiert werden müsse. Außerdem müsse die Ukraine die von Russland eroberten Gebiete aufgeben und die politische Führung austauschen." Zudem sind Äußerungen wie diese zu hören, so Gudkow: "'Ob wir nun im Recht sind oder nicht, wir müssen das bis zum Ende durchziehen, wir müssen draufhauen, siegen - mit allen Mitteln, auch mit dem Einsatz von Nuklearwaffen.' Früher haben so nur die Ultrapatrioten und Hardliner gesprochen, jetzt übernehmen andere Gruppen diese Rhetorik. Die Toleranz gegenüber einem möglichen Einsatz von Atomwaffen hat sich während des Kriegs fast verdoppelt. Von 21 bis 22 Prozent auf zuletzt 39 Prozent."

Südkorea
ist der Staat mit der niedrigsten Geburtenrate der Welt, zudem ist jeder siebte Südkoreaner Single - im Jahr 2070 könnte die Bevölkerung auf eine Zahl zwischen 44 und 32 Millionen sinken, schreibt Soonim Shin, die in der Welt skizziert, wie der der koreanische Staat mit allen Mitteln versucht, gegen den demografischen "Notstand" vorzugehen. So soll das Elterngeld etwa von umgerechnet 1000 auf 1660 Euro angehoben werden, in einigen Städten und Provinzen wird über nur symbolische Mieten für Eltern nachgedacht, in einem Stadtteil von Busan könnten Paare zur Heirat bald umgerechnet 13.200 Euro erhalten. Die Gründe für die demografische Krise sind aber nicht nur wirtschaftlicher Natur, entnimmt Soonim Shin einem 2024 erschienenen Aufsatz im International Journal of Urban Sciences. Die Autoren erinnern daran, "dass traditionellerweise das Heiraten und die Geburt von Kindern in Südkorea ganz normal waren; erst ab dem Jahr 2000 sei ein Bewusstsein dafür entstanden, dass sich der einzelne auch gegen eine Heirat und gegen Kinder entscheiden könne. Was also hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert? Die Studie, die auf einer Umfrage unter rund 15.000 jungen Erwachsenen in Südkorea aus dem Jahr 2022 basiert, kommt zu dem Ergebnis, das der Kinderwunsch stark vom allgemeinen Vertrauen in die Gesellschaft abhängt und von der Möglichkeit, sich selbst und die eigenen Ideale zu verwirklichen. Beides ist offenbar nur noch in begrenztem Maße vorhanden."

Geisteswissenschaften kommen außer Mode, muss Heike Schmoll im Leitartikel der FAZ konstatieren: "Seit 2010 haben sich die Studentenzahlen in den Geisteswissenschaften international fast halbiert. Auch in Deutschland gibt es einen erheblichen Rückgang um etwa 40 Prozent zwischen 2014 und 2023. Vor vier Jahrzehnten zählte die Germanistik noch zu den drei beliebtesten Fächern, 2023/24 taucht sie nicht einmal mehr unter den acht beliebtesten auf."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.01.2025 - Gesellschaft

In der nachtkritik fragt sich der Leipziger Theaterredakteur und Philosoph Tobias Prüwer, warum die postkoloniale Linke - und vor allem der linke Kulturbetrieb - so anfällig für Antisemitismus ist. Es liegt zum einen an der binären Weltsicht der Postkolonialen, meint er, und zum anderen an schlichtem Unwissen: "Kulturschaffende sind ihrem Selbstverständnis nach in aller Regel politisch, kennen sich aber nicht immer aus. Ihre politische Bildung beziehen aktivistische Kulturschaffende auch aus den Feedback-Schleifen der sozialen Medien. Schließlich existiert auch im Kulturbereich das Phänomen Politfluencer, die als einflussreiche Sprachrohre agieren. Da fällt es gerade im Nahost-Konflikt so leicht, sich zu positionieren, wenn man Bilder Steine werfender Jugendlicher gegen gerüstete Soldaten stellt. Oder Ereignisketten und Zusammenhänge ausblendet und einen Konflikt auf Videoschnipsel reduziert. Die Mittel, Position zu beziehen, sind leicht zu haben. Dafür reicht eine umgehängte Kufiya auf der Berlinale. Dazu kommen Herdenmentalität und Gruppendruck: Offene Briefe, Protestnoten, einseitige Parteinahmen für die palästinensischen Belange schaffen ein unmissverständliches Klima."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.12.2024 - Gesellschaft

Was ist los mit Berlin? Früher pulsierende Metropole, scheint eine lähmende Stille die Stadt zu beherrschen, stellt Simon Strauß in der FAZ fest. Sicherlich trage die Schließungen und ein "Trend zur Musealisierung" dazu bei, dass eine "lähmende Atmosphäre aus Zurückhaltung und Bedauern" die Stadt ergriffen hat. Und jetzt? "Wahrscheinlich hat diese Stadt nur eine Chance: zurück in die Zukunft. Sie muss nicht nur ihre Verwaltung reformieren, sondern auch ihre Geschichte nach vorne treiben. Darf nicht zu einem starren Standort werden, sondern muss als vitaler Raum wieder Selbstbewusstsein gewinnen. Ja, das hat etwas mit Mieten zu tun, mit Kulturförderung, aber es geht auch um Mentalität. Darum, die Küche wieder ein wenig länger aufzulassen. Nicht nur metaphorisch: Wenn schon keine Kino-Nachtvorstellungen mehr, dann zumindest Senfeier bis Mitternacht. Neugierig sein. Hoffnungen hegen. Und Erwartungen. Denn es könnte ja doch noch jemand kommen, der etwas wirklich Wichtiges zu sagen hat."

"In Deutschland kommt dem Regierungssitz keinerlei wirtschaftliche, rechtliche, religiöse oder kulturelle Bedeutung zu, die ihm einen Vorrang gegenüber anderen Städten einräumte", konstatiert Jürgen Kaube in der FAZ: "Große Klappe und was dahinter? Berlin hatte aus seiner besonderen Situation nach 1945 schon immer beschwingende Phrasen gezogen. Um 1968 konnte von Revolution in einer Stadt auch deshalb so ausgreifend geträumt werden, weil es dort gar kein Proletariat gab. Studenten, Migranten und Künstler profitierten mehr als ein halbes Jahrhundert lang von den mauernahen Quartieren. Der Mauerfall 1989 führte recht bald zur Fortsetzung Westdeutschlands auf vergrößertem Staats- und Stadtgebiet, nicht zuletzt weil auch eine Mehrheit im Osten das wollte. In Kombination mit der eigentümlichen Risikoaversion der Deutschen erfolgte so der Gang in die selbst verschuldete Tristesse. Wäre Berlin kein Regierungssitz, man könnte in der Stadt inzwischen nur noch die bevölkerungsreiche Version einer jeden Metropole erkennen."

Ein Bild des Jahres 2024 geht der im Iran geborenen Schriftstellerin Nava Ebrahimi nicht mehr aus dem Kopf, wie sie in der SZ schreibt: Nachdem das israelische Militär sieben Helfer der privaten Hilfsorganisation "World Central Kitchen" in Gaza getötet hatte, tauchte ein Foto von den blutverschmierten Pässen dreier Opfer in den sozialen Medien auf: Ein britischer, ein polnischer und ein australischer. Für Ebrahimi ist ganz klar, die Weltgemeinschaft solle sehen: "Seht her, das sind Tote mit wertvollen Pässen", meint Ebrahimi, die darin die "Asymmetrie der Welt" erkennt: "Menschen aus Staaten, die schwach oder gescheitert sind, seit Jahrzehnten im Krisenmodus, diktatorisch, aus Staaten, die Menschenrechte mit Füßen treten und ihren Angehörigen keine Lebensgrundlage bieten, diese Menschen benötigen Visa für viele Länder, die sie meist nicht erhalten oder wenn, dann nur unter hohen Auflagen - es soll um jeden Preis vermieden werden, dass sie nach Deutschland einreisen und Asyl beantragen. Sie sind, wenn sie nicht ihr Leben riskieren wollen, zur Immobilität verdammt. Ihnen verleiht der Pass keine Freiheit, ihnen nimmt er sie.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.12.2024 - Gesellschaft

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Der Holocaust-Überlebende Gidon Lev wurde auf Tik-Tok berühmt, wo er über die Naziverbrechen aufklärte. Wegen einer Flut antisemitischer Kommentare verließ er die Plattform - jetzt hat er mit seiner Co-Autorin Julie Gray ein Buch geschrieben, wie er im wochentaz-Interview mit Jonathan Guggenberger erzählt. Es geht im Gespräch auch um die Zeit nach dem 7. Oktober: "Zehn Tage, nachdem der Krieg begonnen hatte, bekam ich große Angst", berichtet Julie Gray: "Fünfmal am Tag mussten wir in den Bunker rennen und dann war da noch der Schock des 7. Oktober. Gidon aber blieb ruhig. Er sagte einfach: 'Julie, kannst du dir etwas Besseres vorstellen als das?' 'Ja, natürlich, aber ich sehe nicht, wie', sagte ich. Gidon bewahrte immer noch Ruhe und sagte zu mir: 'Das ist egal. Das Einzige, was zählt, ist, dass du es dir vorstellen kannst.' Es stimmt. Das war auch immer schon mein Problem mit Bibi, mit Netanjahu: Er ist ein Re-Visionär. Er kann sich die schlimmste Zukunft für uns alle vorstellen. Er kann sich vorstellen, wie er am besten Schaden anrichten kann oder Menschen umbringt. Aber eine Vision, wie es anders sein könnte, wie wir den Krieg und den Konflikt beenden können, hat er nicht."

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Die Historikerin Ute Frevert forscht zur Geschichte der Gefühle, in ihrem neuen Buch geht es um die Empfindungen der Deutschen gegenüber dem Grundgesetz. Im FAS-Gespräch mit Wibke Becker hebt sie hervor, warum verletzte Gefühle und das Einnehmen der "Opferrolle" heute eine beliebte Waffe im öffentlichen Diskurs darstellen: "Gefühle gelten heutzutage als Dokumente der Authentizität. Man kann zwar falsch denken, man kann aber nicht falsch fühlen. Und der Satz 'Du hast meine Gefühle verletzt' ist so ungefähr das Schlimmste, was passieren kann. Gefühle sind sakrosankt und verlangen ultimative Schonung. Jemandem ein Gefühl abzusprechen geht schon gar nicht. Denn er oder sie hat es ja schließlich, und darauf kommt es an. Im Ernst: Auch hier ist Multiperspektivität von Vorteil. Man kann das vorgebliche Opfer fragen: War das mit Absicht, dass dich jemand so verletzt hat? Warum fühlst du dich gerade davon so gekränkt? Welches war dein Anteil an der Situation, die du beschreibst? Das Problem ist nur: Der passive Opferstatus ist heute mit ganz hohen Sympathiewerten belegt, und wir bestätigen ihn gern, anstatt ihn kritisch zu befragen."

"Was die Arbeitsbeziehung angeht, könnte es sein, dass in der Bundesrepublik ein neues Zeitalter anfängt, zeitverzögert gegenüber anderen Ländern", meint der Soziologe Klaus Dörre in der wochentaz mit Blick auf das Verhältnis zwischen Gewerkschaften und Unternehmen. Von Unternehmerseite würde immer deutlicher demonstriert, dass der "soziale Kapitalismus" ausgedient habe: "Das Signal ist: Der Einfluss der Gewerkschaften ist zu groß. Es wird ähnlich wie im angelsächsischen Raum auf eine Niederwerfungsstrategie gesetzt. Viele sogenannte Experten empfehlen das: Der gewerkschaftliche Einfluss muss geschmälert werden. Das beruht auf kollektiver Amnesie. In der Krise 2007 bis 2009 hat sich gezeigt, dass das Ansteigen der Arbeitslosigkeit nur verhindert wurde, weil Betriebsräte und Gewerkschaften Instrumente wie Langzeit-Kurzarbeit in den Unternehmen durchgesetzt haben. Da waren alle voll des Lobes über Gewerkschaften."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.12.2024 - Gesellschaft

Religion kann einen auch in ihrer Negation verrückt machen, schreibt Hamed Abdel-Samad in einer Reflexion über den Fall Taleb al-Abdulmohsen im Focus: "Radikale Religiosität bringt oft radikale Formen des Atheismus hervor." Die Freiheit, die der Westen bietet, ist nicht leicht zu verkraften: "Nicht nur religiöse Muslime können nach ihrer Ankunft im Westen in eine Identitätskrise geraten. Auch säkulare Menschen aus dem islamischen Kulturkreis erleben nach der Migration oft soziale Isolation und moralische Desorientierung. Auch ich habe Ägypten vor 29 Jahren verlassen, um hier in Freiheit zu leben, aber für diese Freiheit hatte ich weder eine Gebrauchsanweisung noch einen Führerschein. Ich hatte weder ein Navigationssystem noch ein klares Ziel. Und so wird die Freiheit für viele eher zum Fluch als zum Segen. Erst nach Jahren habe ich begriffen, dass Deutschland mir die Freiheit nicht schuldet, sondern dass ich sie mir selbst verdienen muss."

Der Mörder von Magdeburg passte in kein Raster und war deshalb schwer greifbar für die Sicherheitsbehörden, erinnert Mona Jaeger in der FAZ. Nun wird darüber diskutiert, wie man das künftig verhindern könnte: "Der FDP-Innenpolitiker Konstantin Kuhle hält Änderungen bei den Sicherheitsbehörden für notwendig. Kuhle sprach am Montag im Deutschlandfunk von einer "sehr starken Versäulung" in den Behörden. Die Raster dort passten auf Täter, die bestimmte islamistische, rechtsextreme oder linksextreme Motive haben. Es gebe in den Behörden aber eine 'Ohnmacht', wie mit Menschen umgegangen werden soll, die über Jahre wirr Gewaltdrohungen äußerten und etwa psychische Probleme hätten. Deren Zahl sei aber durchaus groß, sagte Kuhle. Derzeit fielen sie durchs Netz."

Nicht nur die Behörden, auch die Zivilgesellschaft hat versagt, ruft uns Roman Bucheli in Bezug auf den Anschlag in Magdeburg in der NZZ zu. Zwar war der Täter den Behörden bekannt, seine psychischen Problemen aber für alle Welt einsehbar. "Das alles macht aus einem eher unauffälligen Bürger selbstverständlich noch keinen potenziellen Attentäter. Doch in seinem Umfeld wird es Leute gegeben haben, die seine allmähliche Radikalisierung bemerkt haben müssen. Im August dieses Jahres postete er auf X: 'Wenn Deutschland Krieg will, werden wir ihn haben. Wenn Deutschland uns töten will, werden wir sie abschlachten, sterben oder mit Stolz ins Gefängnis gehen.' Taleb A. hatte den Eintrag auf Arabisch geschrieben. Jemand muss es trotzdem gesehen und gelesen haben."

In der Welt (und in seinem Blog) ist Thomas Schmid erzürnt über das Verhalten vieler Politiker, nach Anschlägen wie Magdeburg, direkt zum Schauplatz zu eilen und sich dort zu inszenieren. "Früher galt es als erhebend und bedeutend, wenn ein General, ein Kanzler oder gar der Kaiser der Witwe eines im Krieg Getöteten mit ihrem Besuch Reverenz erwiesen. Doch die Zeiten sind lange vorbei, in denen die Herrscher bei Begegnungen mit dem einfachen Volk dieses aufwerteten und für einen Moment lang an der Sphäre der gottgewollten Macht teilhaben ließen. Heute, in einer demokratischen Bürgergesellschaft, wäre das nur noch peinlich." Außerdem überdeckten diese Auftritte das Leid der Angehörigen. 

Taleb al-A. hat sich sozial engagiert, für andere Menschen eingesetzt und trotzdem hat er gemordet, schreibt der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer in SZ. Seine Kränkung lasse sich vor allem auf sein Helfersyndrom zurückführen, welches vor allem auf seiner Arbeit nicht anerkannt worden sein soll. "Wer darauf fixiert ist, immer der Gebende, der Überlegene zu sein, wer anderen hilft, aber seine eigenen Bedürfnisse nach Wärme und Nähe weder zulassen noch leben kann, wird es in der fremden Kultur ebenso schwer haben wie in der eigenen. (...) Ein narzisstisch gestörter Helfer kann keine Schwäche akzeptieren und in keiner Rivalität verlieren. So scheint es von makabrer Folgerichtigkeit, dass der Retter zum Mörder wird und der Abtrünnige den Weg einschlägt, den islamistische Fanatiker vorgegeben haben."

Der Radikalismusforscher Hans Goldenbaum, der den Täter am ehesten dem Rechtsextremismus zuordnet (unser Resümee), fasst in der taz zusammen, wie die rechte Szene auf die komplexe Hintergrundgeschichte reagiert: "Es wird versucht, das komplett zu leugnen. Der Täter sei doch ein Islamist, der habe sich nur verstellt. Eigentlich habe er Dschihad gemacht. Dann werden die Gewaltaufrufe gegen Deutsche aus dem Kontext gerissen und der Satz, dass Deutschland Islamisierung betreibe, wird einfach weggelassen. Oder es heißt, er sei eigentlich ein Linker, weil er das in einem Interview mit einem rechtsextremen Medium gesagt hat. Aber diese Äußerung ist auch nicht sonderlich überraschend. Dass Rechte sich als die eigentlichen Antifaschisten bezeichnen, kennen wir etwa von Corona- oder Montagsdemos. Da gibt es derzeit wirklich eine massive Kampagne, die auch großen Einfluss haben wird, einfach weil die AfD sie mitträgt."

Nach den USA scheint Tech-Milliardär Elon Musk nun Deutschland für eine politische Einflussnahme ins Auge gefasst zu haben: Nach dem Magdeburg-Attentat hetzte er auf Twitter gegen die Bundesregierung und sympathisierte mit der AfD. Navid Kermani warnt in der Zeit vor Figuren wie Musk, dem entfesselten Kapitalismus in Person: "Noch ist es Zeit, sich zu wehren, in Deutschland genau gesagt bis zur übernächsten Wahl, also voraussichtlich 2029. Und das bedeutet: den Staat, dessen Souverän wir alle sind, so zu stärken, dass er seinen grundlegenden Aufgaben wieder nachkommen kann - ob durch die Neuaufnahme von Schulden oder den Abbau jener Ausgaben, die nicht zwingend notwendig sind. Erschwerend im Wettbewerb gegen den Egoismus, der ausschließlich den Profit in der Gegenwart sieht, ist, dass die soziale Marktwirtschaft die nachfolgenden Generationen und ebenso die vier Milliarden Ärmsten mitdenken muss. Ihr Vorteil aber liegt in der Demokratie, solange es sie noch gibt: Für die übergroße Mehrheit jener, die nicht zu den Reichsten gehören, ist die soziale Marktwirtschaft von materiellem Vorteil. Gut ausgestattete Krankenhäuser für alle, saubere Züge auch jenseits der Hauptrouten, soziale Absicherung, bezahlbare Bildung, Geld für die Kultur kommen in den Visionen von Elon Musk nicht vor."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.12.2024 - Gesellschaft

In Frankreich gab es in der letzten Woche zwei wichtige Prozesse, den Prozess um die Vergewaltigungen Gisèle Pelicots und den Prozess zum Mord an Samuel Paty, der Interesse erregte. Auch hier sind die Urteile gefallen. Der eigentliche Täter war von der Polizei erschossen worden, aber er agierte in einem ganzen Netzwerk, das ihn aufstachelte. Einige der Mitverschwörer haben lange Strafen bekommen. Bei der Urteilsverkündung kam es zu Tumult, die Töchter eines der Angeklagten pöbelten die Schwester von Samuel Paty, Mickaëlle, an. Die Le-Point-Autorin Emilie Frèche saß neben Mickaëlle und erzählt die Szene: "Die Ordnungskräfte sind zu uns gekommen. Wir halten uns immer noch an den Händen und drehen uns nicht um. Wir registrieren die Wut in unserem Rücken und spüren die extreme Anspannung im Raum, auch in den Blicken der Polizisten in kugelsicheren Westen. 'Wir werden Sie durch eine Seitentür hinausführen', sagt man uns. Mickaëlle steht auf und zieht mich mit sich. Die Tür befindet sich fünf Meter entfernt, hinter dem Teil der Box, in dem Angeklagte Abdelhakim Sefrioui steht. Wir gehen mit klopfendem Herzen zu ihr, durchqueren einen Raum, dann einen anderen, ein Labyrinth von Gängen und bis wir von einer Wendeltreppe verschluckt werden, die uns in die Freiheit entlässt, stelle ich ungläubig fest, dass wir also herausgeschleust worden sind. Der Terror geht weiter."

Marc Zitzmann findet das Urteil im Paty-Prozess zu hart: "Die vier 'Couchkrieger' kannten den künftigen Mörder nicht persönlich und wussten nichts von seinem blutigen Vorhaben, sie hatten lediglich - wenn man so sagen kann - in einer Snapchat-Gruppe mit ihm Worte der Verblendung und des Fanatismus ausgetauscht." Es wird einen Berufungsprozess geben.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.12.2024 - Gesellschaft

Die RAF-Terroristin der letzten Generation Daniela Klette wurde vor einigen Monaten nach jahrzehntelanger Fahndung festgenommen. Ihre Weggefährten Ernst-Volker Staub und Burkhard Garweg konnte die Polizei nicht greifen. Letzterer meldet sich jetzt mit einem Schreiben, das die taz dokumentiert. Garweg hatte zuletzt eine trübsinnige Existenz auf einem "alternativen Bauwagenplatz im Stadtteil Friedrichshain" geführt. In dem Schreiben gibt er aber keine der ersehnten Auskünfte, etwa über die letzten Morde der RAF an Gerold von Braunmühl 1986, Abteilungsleiter im Auswärtigen Amt, an dem Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen, drei Jahre später, oder an Treuhandchef Detlev Rohwedder, so Konrad Litschko in der taz: "'Grüße aus der Illegalität' - so beginnt sein Schreiben. Er richtet es an seine Familie, an frühere Bekannte, an den Wagenplatz, an 'Genoss*innen'. Er holt zur Fundamentalkritik am Kapitalismus, am internationalen Rechtsruck, am Staat und dessen Sicherheitsbehörden aus. Und er appelliert an die linke Szene, wieder aktiv zu werden." Hier das Schreiben für alle Freunde dieser Art von trocken Brot.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.12.2024 - Gesellschaft

Gestern sind die Urteil im Prozess um die Vergewaltigungen Gisèle Pelicots gesprochen worden. Ihr Mann, der die Vergewaltigungen organisierte, hat zwanzig Jahre bekommen. Sämtliche anderen Vergewaltiger sind zu Strafen zwischen drei und 15 Jahren verurteilt worden. Bestimmt sind manche Männer davon gekommen, meint Simone Schmollack in der taz. "Und doch ist diesem Prozess, der wegen der Brutalität der Taten und der Skrupellosigkeit der Täter weltweit Aufmerksamkeit erregte, etwas Positives abzugewinnen: Es ist durch die breite öffentliche Debatte deutlich geworden, dass diese Massenvergewaltigung stellvertretend für viele andere Massenvergewaltigungen steht, die es - ja, davon darf man ausgehen - in jeder anderen Ecke der Welt so oder ähnlich gibt. Im Grunde hat die 2017 gestartete Kampagne, die mit dem Hashtag #MeToo verbunden ist, gerade erst richtig begonnen." Hier der taz-Bericht zum Prozess.

"Es muss sich aber zeigen, ob eine 72 Jahre alte Frau als Beispiel für jüngere Vergewaltigungsopfer taugt, die ihr Leben noch vor sich haben", gibt Michaela Wiegel in der FAZ zu bedenken. "Nicht nur Scham, auch der Wunsch, das erlittene Leid hinter sich zu lassen und einen Neuanfang zu wagen, erklärt, warum viele Strafprozesse unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Das schmälert nicht das Verdienst Gisèle Pelicots." "Gisèle Pelicot hat die Öffentlichkeit im Grunde gezwungen, hinzusehen und sich angesichts der Monstrosität der Gewalttaten ganz grundsätzliche Fragen zu stellen", ergänzt Lena Bopp im Feuilleton der FAZ - und das betrifft etwa auch das von vielen Malern variierte Motiv der "schlafenden Frau" in der Kunstgeschichte.

In der Welt macht der Philosoph Haziran Zeller auf die Fehlschlüsse von Luigi Mangione, der den CEO der US-Versicherung United Healthcare auf offener Straße ermordete, und seiner Anhänger aufmerksam: "Im juristischen Sinne war Thompson kein Mörder, auch wenn er wohl eine gewisse Verantwortung trug für (unterlassene) Handlungen, die über Umwege dazu geführt haben, dass Menschen starben. Diese Umwege bezeichnet man in der Sozialphilosophie mit dem Begriff der Vermittlung. Er zielt darauf, dass der Versicherungs-CEO keinen direkten Kontakt zu den Leidtragenden und wohl erst recht keine böse Absicht hatte, vielmehr in Strukturen eingespannt war, die größer sind als er selbst und als deren relevanteste ein betriebswirtschaftlicher Profitzwang gelten kann, der seinem Unternehmen wiederum von den ökonomischen Verhältnissen diktiert wird. Das ist das prickelnd problematische am politischen Mord: Er personalisiert die abstrakten Gewaltverhältnisse. Wer den trifft, den er als Schreibtischtäter ausmacht, meint eigentlich das System. Aber wer den Schreibtischtäter trifft, macht es sich auch ziemlich leicht. Denn das System ist nicht sein Personal. Einen Fehlschluss beging Mangione: das Persönliche mit dem Allgemeinen kurzzuschließen, wie es ihm die in der Linken popularisierte Politik der ersten Person gleichwohl empfahl."

Weitere Artikel: In der Welt schreibt der Judaist Michael Brenner zur Debatte um die Umbenennung der Kardinal-Faulhaber-Straße in München: Dort zu finden ist der erste Ort des Gedenkens an den ermordeten Ministerpräsidenten Kurt Eisner.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.12.2024 - Gesellschaft

Die Politikwissenschaftlerin Birgit Sauer hat das AfD-Programm mit Blick auf Genderthemen untersucht. Im FR-Interview kommt sie auf das "toxische Männlichkeitsbild" der AfD zu sprechen: "Sie propagiert ein Recht auf Gewalttätigkeit gegenüber Migranten. In der AfD heißt es: Weiße Männer brauchen das Notwehrrecht, damit sie ihre weißen Frauen verteidigen können gegenüber Migranten. Aber als erster Schritt werden Männer als Opfer gezeichnet. … Als Opfer von Gleichstellungspolitik, die dazu führt, dass Frauen ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen. Aber auch als Opfer von Gewaltschutzgesetzen, mit denen alle Männer diffamiert und unter Generalverdacht gestellt würden. Es geht ums Scheidungsrecht, nach dem Motto: Die Mütter nehmen den Vätern ihre Kinder weg. Oder in der Schule würden Jungs nur noch von Lehrerinnen erzogen und könnten dadurch keine männlichen Werte mehr erlernen. … Es ist von einer Homo-Lobby die Rede oder von einer Trans-Lobby. Man wird scheinbar Opfer einer 'anderen' Sexualität und kann seine heterosexuellen Bedürfnisse nicht mehr ausleben. Oder man wird Opfer von migrantisch-männlicher Sexualität."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.12.2024 - Gesellschaft

Leute, es ist "Dunkelflaute". Wenig Licht, wegen des Hochnebels, kein Wind, wegen eines Hochdruckgebiets namens "Ernst", informiert der Wirtschaftsteil der FAZ: Und "so kostete Strom, der am Donnerstag um 17 Uhr ausgeliefert wurde, am Day-Ahead-Markt 936 Euro je Megawattstunde. Auf dem Intraday-Markt, auf dem Strom noch kurzfristiger gehandelt wird, wurden am Mittwochnachmittag für eine Megawattstunde sogar 1157 Euro gezahlt. Die Preise waren damit etwa zehnmal so hoch wie üblich. Zum Vergleich: Im November wurden am Day-Ahead-Markt durchschnittlich 115 Euro gezahlt, im Oktober waren es 85 Euro."