Die
CDU mit der AfD in einen Topf zu werfen, wie es viele Demonstranten in den vergangenen Tage getan haben, ist falsch und
total kontraproduktiv, findet Sascha Lobo bei
Spon. "Die toxische Erzählung, es gäbe eigentlich keinen Unterschied zwischen AfD und Union, kann sich in öffentlichen Debatten leicht verselbstständigen und schließlich bei manchen Menschen eine
Scheu verringern, rechtsextrem zu wählen. Weil ja, wie manche Linke behaupten,
eh kein Unterschied bestehe. Dabei ist wichtig zu erkennen, dass eine begriffliche Verschiebung in Deutschland die Diskussion erschwert. Wenn man die Debatte präzise und ernsthaft führen möchte, ist das
Gegenteil von links nicht etwa rechts - sondern
konservativ. Das lässt sich leicht belegen. Es stehen sich nach Selbstbezeichnung meist Linke und Konservative gegenüber. Wer von sich selbst als 'rechts' spricht, gehört nur selten noch zu den Konservativen, weil in 'rechts' viel zu viel 'rechtsradikal' mitschwingt." Die Konservativen haben "schon vor längerer Zeit die
Gleichwertigkeit aller Menschen als Basis einer liberalen Demokratie akzeptiert und inzwischen verinnerlicht", meint Lobo. Das sollte man anerkennen, sonst beschädigt man die Demokratie, die man doch verteidigen will, meint Lobo.
In der
taz sieht Lukas Franke den
Faschismus in Deutschland wachsen, woran auch die Demonstrationen nichts ändern würden, "sie werden das Problem nicht an der Wurzel packen.
Wohlstandschauvinismus und Weiter-so sind keine Option. Es braucht eine Erzählung, die Zukunftsängste übersetzt in Herausforderungen, die zu schaffen sind."
Die
Linke braucht einen Plan, meint auch der Journalist Vincent Bevins, der im
Interview mit der
taz über sein Buch
"If We Burn" spricht, das die
Protestbewegungen der 2010er-
Jahre untersucht. Viele dieser Bewegungen - in Nordafrika, der Türkei oder Lateinamerika - blieben erfolglos oder schlimmer, wandelten sich in rechte Bewegungen, weil die Aktivisten keine Vorstellung von der Zeit danach hatten: "Ich hörte solche Sätze von vielen Menschen, nicht nur in Brasilien. Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens, wie ich schon sagte, glaubten viele Linke, dass Massenproteste
automatisch positiven Wandel bringen. Zweitens glaubten viele nicht an ihren eigenen Erfolg. Die Protestbewegung in Ägypten hoffte, viele Menschen auf die Straße zu bekommen, auf eine starke Reaktion gegen Polizeigewalt. Aber sie waren nicht darauf vorbereitet, die Hauptstadt zu übernehmen. In Brasilien wollten sie die Erhöhung der Busfahrpreise rückgängig machen, aber sie rechneten nicht mit so einer massiven Explosion auf der Straße. Was wir davon lernen können: Man braucht nicht unbedingt einen strikten Plan, an den man sich dogmatisch halten muss. Es wird viele Unberechenbarkeiten im Laufe des Prozesses geben. Man braucht aber eine
generelle Vorstellung davon, was man erreichen will und wie man dort hinkommt. Außerdem benötigt man demokratische Organisationen, die flexibel genug sind, um auf unvorhersehbare Ereignisse reagieren zu können.