9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2275 Presseschau-Absätze - Seite 95 von 228

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.05.2021 - Ideen

Die taz bringt heute ein Buchbeilage. Hier wird die französische Feministin Manon Garcia interviewt, Autorin von "Wir werden nicht unterwürfig geboren. Wie das Patriarchat das Leben von Frauen bestimmt". Das Patriarchat ist für sie strukturell, sagt sie im Gespräch mit Nina Rossmann. Eine Frau könne nicht sagen "Ich definiere mich als Person, nicht als Frau": "Das ist wie zu sagen: 'Ich gehöre keiner gesellschaftlichen Klasse an.' Simone de Beauvoir würde das als eine Form von Unaufrichtigkeit beschreiben. Als Frau denkt man nachts allein in der Metro darüber nach, dass man vergewaltigt werden könnte. Ein Heteromann macht sich darüber keine Gedanken. Man kann nicht so tun, als ob das eigene Frausein keine Auswirkungen darauf hat, wer man ist."

Der amerikanische Historiker A. Dirk Moses gehört zu den schärfsten Kritikern eines angeblichen Kults der Singularität des Holocaust, der gerade in Deutschland obsessiv gepflegt werde. Bei geschichtedergegenwart.ch bringt er einen langen Essay unter dem Titel "Der Katechismus der Deutschen" dazu. Rührung empfindet er allein für die Chefs der mächtigsten deutschen Kulturinstitutionen, die sich in der "Initiative GG 5.3 Weltoffenheit" (unsere Resümee) für die Zulassung von BDS-Positionen stark machten: "Obwohl viele der Beteiligten Gegner des BDS sind, denken sie, dass man deshalb nicht um seinen Arbeitsplatz oder die Teilnahme am öffentlichen Leben fürchten müssen sollte. Aus demselben Grund unterstützen einige von ihnen auch die Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus. Letztere tritt den erschreckenden Auswirkungen der IHRA Definition entgegen, für die sich die israelische Regierung stark macht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.05.2021 - Ideen

Die säkulare Grüne Hannah Wettig erzählt bei hpd.de, was ihr passierte, als sie auf einem Parteitag der Grünen in Berlin vorschlug, den Begriff der "Nicht-Religiösen" in Programmpapieren durch "Religionsfreie" zu ersetzen. Eine Sprecherin der Grünen beschied sie: "Religion und Glauben (oder Nicht-Glauben) gehören zum unverfügbaren Kern unserer Identität wie Haar- und Hautfarbe, wie Geschlecht und sexuelle Identität." Wettig kann es nicht fassen: "Religion soll also unverfügbarer Kern unserer Identität wie Hautfarbe sein. Religion ist also so etwas wie das, was man früher 'Rasse' genannt hat. Susanna Kahlefeld essenzialisiert Identitäten. Sie stellt Religion in eine Reihe von Zuschreibungen, die als naturgegeben gelten, die unveränderlich sind. Das ist dieselbe Logik, die Deutschsein als Kern unserer Identität behauptet - wie es die Identitären tun, eine rechte, völkische Bewegung, die in Deutschland, Österreich, Frankreich und Italien aktiv ist. Diese Überhöhung der Religion als unangreifbare Identität ist nicht Bestandteil der verschiedenen Theorien, auf denen die Identitätspolitik fußt. Aber diese Theorien sind dafür offen. Und Muslime, insbesondere Islamistinnen wie auch Christinnen nutzen das, um Kritik abzuwehren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.05.2021 - Ideen

In der NZZ sucht Robert Misik einen Weg, Anhänger und Gegner linker Identitätspolitik miteinander zu versöhnen: Lassen sich denn soziale Gerechtigkeit und gesellschaftliche Anerkennung wirklich trennen? "Die sozialistischen Bewegungen waren auch die Vorkämpfer der Frauenemanzipation. Sie waren Vorkämpfer einer gesellschaftlichen Liberalität, und wer das vergessen hat, soll sich nur einen Augenblick daran erinnern, wie Gustav Mahler, damals des Kaisers Hofopern-Direktor, 1907 für Victor Adler, den Anführer der Sozialisten, in den Wahlkampf zog. Zugleich mussten besonders statusniedrige Teile der Arbeiterklasse darum kämpfen, Teil der Bewegung zu sein, wie etwa die Iren in England oder das polnischstämmige Proletariat in Deutschland oder die 'Böhmen' in der Wiener Arbeiterbewegung. Wohin man blickt, sieht man Kämpfe um Anerkennung und um die Werte einer liberalen, diskriminierungsfreien Gesellschaft, die zugleich mit sozialen Anliegen vorgebracht wurden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.05.2021 - Ideen

Die eigentliche Gewalt in der Gesellschaft geht von "rechts" aus, und sie lässt sich ausschließlich mit einem "antifaschistischen gesellschaftlichen Konsens" bekämpfen, behauptet der Publizist Max Czollek in der WOZ. Die Idee der bürgerlichen Mitte, die Gefährdungen aus mehreren Richtungen abwehren müsse, hält er für Nonsens: "Bürgerliche Mitte bedeutet auch heute meistens eine Legitimierung rechter Diskurse, die als Meinung einer vermeintlich schweigenden Mehrheit beworben wird. Nicht wahr, NZZ Deutschland? Auch 1933 ging der Widerstand gegen die Nazis nicht von bürgerlichen Kräften, sondern von Kommunistinnen, Sozialisten, Jüdinnen und Juden und einigen versprengten christlichen Gruppen aus. Nein, die bürgerliche Mitte hat und hätte den Nationalsozialismus nicht verhindert." Mehr zur Problematik des Antifaschismusbegriffs hier.
Stichwörter: Czollek, Max

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.05.2021 - Ideen

Mit Wehmut blickt Axel Honneth, Doyen der Frankfurter Schule, in der Zeit auf verpasste Gelegenheiten der Coronakrise, zum Beispiel die Chance, "endlich die gebetsmühlenartig wiederholte Formel von der Alternativlosigkeit des Marktes fallen zu lassen und mit vereinten Kräften über ganz neue, gemischte Wirtschaftsformen nachzudenken, in denen je nach Art und Dringlichkeit des Bedarfs ganz andere Methoden der effizienten Versorgung zum Einsatz kommen."

In der taz gratuliert Claus Leggewie dem Historiker und Politologen Dan Diner zum 75. Geburtstag, der in seinem jüngsten Buch "Ein anderer Krieg - Das jüdische Palästina und der Zweite Weltkrieg" historische Hintergründe des jetzigen Konflikts beleuchtet. In der Welt schreibt der Philosoph Marcus Gabriel über das Präventionsparadox-Paradox.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.05.2021 - Ideen

Marko Martin stellt in einem kleinen Essay in der Welt die Frage, warum gerade in Deutschland die Apokalyptik, verbunden mit Technikfeindlichkeit, ein so beliebtes Genre ist - und zwar sowohl bei der Rechten (Heidegger) als auch der Linken (Christa Wolf). Mit Frank Biess und dessen Buch "Republik der Angst" diagnostiziert er auf eine wider allem Anschein nicht bewältigte Vergangenheit, eine  heimliche Sehnsucht durch einen ganz eigenen Opferstatus in den Zustand der Unschuld zurückzugelangen. Mit Biess vermutet Martin, "dass ein kollektiv Unterbewusstes niemals damit fertig geworden sei, dass ein singuläres Menschheitsverbrechen ohne wirkliche Strafe geblieben ist. Da ja nicht wenige der putzmunteren Bewohner der 'Wir-sind-wieder-wer'-BRD (aber auch der 'Bau-auf-Freie-Deutsche-Jugend-bau-auf'- DDR) einst Täter und Mitläufer bei einem ganz realen Untergang gewesen sind: der nahezu völligen Vernichtung des europäischen Judentums. Folglich wurde dann ein eigener Opferstatus herbeideliriert."

Außerdem: In der NZZ erklärt die Philosophin Christine Abbt, wann ziviler Ungehorsam wirklich zivil ist, und wann nicht.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.05.2021 - Ideen

Die antirassistischen Kritiker des klassischen Altertums und seiner Wissenschaften rechnen nicht damit, dass sie von diesen längst antizipiert waren, schreibt Maximilian Haas in der Welt: "Die Vorwürfe gegen die Classics sind auch deshalb verfehlt, weil sie auf einer Verwirrung der Proportionen beruhen. Ankläger vergessen, woher die Sprache und die Begriffe stammen, die sie zu ihrer Anklage bemühen. Zur klassischen Tradition gehört nämlich seit jeher die Kritik ihrer selbst. Ist nicht auch die gegenwärtige Forderung der amerikanischen Kritiker, den klassischen Kanon sei es abzubauen, sei es an die zeitgenössischen Sensibilitäten anzupassen, Variation des alten Banns, den schon Platon über Homer als Bildungsgegenstand verhängte?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.05.2021 - Ideen

Die Demokratie ist nicht zu einer Diktatur der Mehrheit geworden, wie es Tocqueville befürchtete, eher sind es lautstarke Minderheiten, die das Potenzial haben, die Mehrheit zu terrorisieren, fürchtet Peter Graf Kielmansegg in einem Essay auf der Gegenwartsseite der FAZ. Eines der Instrumente solcher Fraktionen sei die Stgmatisierung Andersdenkender mit dem Wörtchen "rechts": "Die Formel 'gegen Rechts' hebt die Unterscheidung zwischen einem demokratiekonformen, vielleicht sogar der Demokratie bekömmlichen Konservativismus und einem demokratiefeindlichen Rechtsextremismus bewusst auf. Dass linke politische Kräfte ein Interesse daran haben, diese Grenzlinie zu verwischen, kann niemanden überraschen. Wie weit sie dabei Unterstützung finden, im Sprachgebrauch der öffentlich-rechtlichen Medien etwa, sogar der Kirchen, überrascht schon eher."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.05.2021 - Ideen

In einem Interview mit Alexandre Devecchio in der Welt ruft Peter Sloterdijk dazu auf, mit der Kritik in der Coronakrise mal ein bisschen innzuhalten: "Bevor wir die Unmenschlichkeit der Gesetzgeber anklagen, sollten wir uns darüber klar werden, dass eine große Anzahl von Personen seit mehr als einem Jahr fast übermenschliche Leistungen vollbringt, um dieses Übel einzudämmen... Wir haben heute allen Grund, uns an Dostojewski zu erinnern, der den Menschen als undankbares, zweibeiniges Tier bezeichnet. Noch nie hat es, ein Jahr nach Ausbruch einer Pandemie, ein halbes Dutzend hochwirksamer Impfstoffe gegeben - der Zeitgeist jedoch zieht es vor, sich durch den Fortschritt beleidigt zu fühlen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.05.2021 - Ideen

Nicht sehr spezifisch rechnen die beiden Politologen Wilfried von Bredow und Eckhard Jesse in der FAZ mit dem Geist des "Linksliberalismus" ab: "Heute mündet der früher erfrischende Nonkonformismus der Linksliberalen in einen neuen Konformismus. Er tritt zum Nachteil einer aufgeklärten und kritischen Öffentlichkeit nicht zuletzt in vielen Medien zutage."

Außerdem: Carolin Emcke hat den "Preis Rosa Courage" erhalten, der an Persönlichkeiten geht, die sich in besonderer Weise für die Belange von LGBTIQ-Menschen eingesetzt haben. Jan Feddersens Laudatio findet sich in dem Blog mannschaft.com.