9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Ideen

2275 Presseschau-Absätze - Seite 94 von 228

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.06.2021 - Ideen

Ist das Wort "Globalisten", das von Hans-Georg Maaßen benutzt wurde, stets als antisemitisch zu lesen, wie Luisa Neubauer von Fridays for Future kürzlich im Fernsehen behauptete? Im Interview mit der Welt findet das der kanadische Historiker Quinn Slobodian, dessen Buch "Globalisten. Das Ende der Imperien und die Geburt  des  Neoliberalismus" 2019 erschien, diese Argumentation etwas kurz gesprungen: "Wenn Neubauers Vorwurf auf den Versuch hinausläuft, Maaßen wegen seiner Verwendung eines Wortes allein zu diskreditieren, ist das keine starke Form der Kritik. Eher total schwach." Sein Buch, sagt er, kam "in einem interessanten Moment heraus, in dem sich Leute auf der  (markt-)liberalen  Rechten wieder der Nation  zuwandten. Ein gutes Beispiel ist die deutsche Hayek-Gesellschaft, wo die Entscheidung "AfD oder FDP" zuerst zum Austritt der Vorsitzenden Karen Horn und später von vielen FDP-Mitgliedern   wie Christian Lindner geführt hat. Anscheinend gibt es mittlerweile Hayek-Adepten, die sich auf eigentümliche Art und Weise als Antiglobalisten sehen. Und Maaßen ist ganz offensichtlich einer von ihnen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.06.2021 - Ideen

In der Welt kann Zelda Biller, Tochter von Maxim, nicht verstehen, warum auch einige linke Juden die Einzigartigkeit des Holocaust in Frage stellen wollen und die BDS-Bewegung unterstützen. Damit die Meinungsfreiheit stärken zu wollen, wie etwa Fabian Wolff kürzlich in der Zeit (unser Resümee), findet sie naiv, "weil sie nicht begreifen, dass theoretisch, also wenn morgen plötzlich die wichtigsten BDS-Prediger die Welt beherrschen und alle ihre aktuell noch extra vage gehaltenen, eigentlich aber sehr durchschaubaren Ziele durchsetzen würden, es kein jüdisches Israel mehr geben würde. Oder sie wissen es ganz genau, denken aber eigentlich sowieso, dass ein mehrheitlich arabischer Staat genial wäre, weil dann die Palästinenser keinen Grund mehr hätten, die Juden zu hassen, alle in Frieden zusammenleben könnten und die Juden in diesem Staat als jüdische Minderheit endlich wieder zu den guten, unterdrückten Völkern der Erde gehören würden. Dass das so natürlich nicht ablaufen wird, zumindest nicht, bis wir in einer friedlichen antisemitismusfreien Disney-Welt leben, verstehen Leute wie Fabian Wolff nicht, und tun den Juden, die das ziemlich gut verstehen, deshalb nicht gerade einen Gefallen, wenn sie den Deutschen vorwerfen, durch ihre angebliche Holocaust-Neurose blind zu Israel zustehen und Antisemitismus nicht von angemessener Kritik an der Politik Netanjahus unterscheiden zu können."

Das Blog newfascismsyllabus.com setzt seine Debatte zur Durchsetzung von A. Dirk Moses' "Katechismus" weiter fort. Der Holocaust-Historiker Alon Confino, Mitunterzeichner der "Jerusalem Declaration", stimmt Moses zu und ergänzt, dass es sich im Grunde nicht um eine Debatte über die "Singularität" des Holocaust handelt, sondern um eine Debatte über Israel. Die Singularität infrage zu stellen, bedeutet Israel infrage zu stellen - was Confono gutheißt. Dass in Deutschland noch weithin "geglaubt" zu werden scheint, dass der Holocaust ein singuläres Ereignis war, scheinen die doch weithin in Amerika und im Kontext der heute angesagten Codes lehrenden Professoren als ein Hindernis zu empfinden: "Der Wert von Moses' Intervention... liegt darin zu zeigen, wie Erinnerung an den Holocaust in Deutschland, die wir mit Werten wie Menschlichkeit und Gerechtigkeit assoziieren, zu einem legitimierenden Schutzschild und einer Rechtfertigung für die Diskriminierung von Palästinensern durch israelische Juden geworden ist. Das ist meiner Meinung nach das dringendste und wichtigste Problem der deutschen Vergangenheitsbewältigung in diesen Tagen."

Der Historiker Helmut Walser Smith, einer der Autoren der Debatte in newfascismsyllabus.com, hat in einem Leserkommentar in Perlentaucher angemerkt, dass unsere Presseschau einige Beiträge zur Debatte (unter anderem seinen eigenen) übersehen hat - wir haben die Debatte, die schon seit einigen Tagen an dem für uns eher abgelegenen Ort läuft, nicht sofort entdeckt, versprechen aber nachzulesen!

Es gibt wirklich völlig unterschiedliche Bedeutungen des Worts "Singularität". Der Autor Matthias Pfeffer spricht in einem Vortrag, den die Welt abdruckt, von der "Singularitätstheorie" in der "kalifornischen Ideologie". Dahinter verbirgt sich "die Überzeugung, dass die digitale Technik aufgrund der ihr innewohnenden, angeblich exponenziellen Entwicklung zwangsläufig eine Superintelligenz hervorbringen wird, die dem Menschen in jeder denkbaren Hinsicht überlegen ist." Für Pfeffer eine äußerst fragwürdige Lehre: Der Mensch wird darin "zum Datenzwischenwirt auf dem unbarmherzigen Weg der Evolution, die mit der Superintelligenz eine neue, überlegene Spezies hervorbringt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.06.2021 - Ideen

Das Blog newfascismsyllabus.com setzt seine intensive Debatte zur Polemik von A. Dirk Moses über eine angebliche deutsche Gedenkreligion (unsere Resümees), die das deutsche Publikum zu höheren postkolonialen Einsichten unfähig mache, fort. Der Historiker Johannes von Moltke gibt eine Menge Hinweise auf weitere Reaktionen (unter anderem ein Tweet von Patrick Bahners). Und er nimmt Moses' Schärfe in Schutz. Er habe ja nur einen Konservatismus des deutschen Feuilletons reagiert, das Mbembe und Co. nicht wie heute allgemein üblich durchgewunken hat. Unter anderem spielt er auch auf Thomas Schmids' Text über Michel Rothberg an: "Man braucht nur die ersten Zeilen von Schmids böser Kritik zu lesen - wo er in einer Mischung aus Spott und ironischer Selbstironie nostalgisch an die Allgegenwart des 'Sarotti-Mohrs' erinnert -, um zu erkennen, wie sehr die Reaktion von dem Wunsch getrieben ist, zu einem Status quo ante der 'jungen Bundesrepublik' zurückzukehren, in der Schmid offenbar aufgewachsen ist. Zwar räumt er ein, dass der Kolonialismus ein blinder Fleck in der deutschen Erinnerungslandschaft bleibt, aber die Hundepfeife ist so laut ertönt, als hätte er mit ein paar Zeilen über den demografischen Wandel angesichts der verstärkten Migration eröffnet."

Gerade heute bräuchte es einen Denker wie Georg Lukacs, der "links wie rechts verpönt ist", schreibt der Dramaturg Bernd Stegemann zum fünfzigsten Todestag des ungarischen Philosophen in der Welt und rät vor allem der Linken zur Lektüre: "Die große Verwirrung, in der sich das linke Denken und die linke Politik heute befinden, wären für ihn ein weiterer Beweis für die zerstörerische Kraft des Kapitalismus gewesen. Der Aufschwung der Identitätspolitik und das gleichzeitige Abwickeln der Klassenpolitik hätten wohl seine finstersten Prognosen über den Verlauf der Geschichte überboten. Dabei wäre es ihm nicht schwergefallen herauszuarbeiten, wie vielfältig der Nutzen für das Kapital ist, wenn der Streit über Identitätsfragen die politischen Widersprüche bestimmt. Gerade eine solche Analyse fehlt der heutigen Linken, und so verirrt sie sich immer weiter in den Empörungsspiralen der Skandalmacherei. Lukács' ernüchternde Erkenntnis wäre wohl gewesen, dass nichts besser dem Fortbestehen des schlechten Ganzen dient als eine permanente Skandalisierung der kleinsten Differenzen. Die Agenda der woken Aktivisten und identitätspolitischen Publizisten wäre unter seinem scharfen Blick zu dem geworden, was sie ist: die beste, da raffinierteste Verteidigung der Klassengesellschaft." In der FAZ bespricht Dieter Thomä einige Neuerscheinungen mit eher unbekannten Lukacs-Texten (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Der Soziologe Steffen Mau versucht im taz-Gespräch mit Edith Kresta einen abgeklärten Blick auf das Thema Identitätspolitik zu werfen: "Ich halte das für ein Übergangsphänomen einer Gesellschaft mit pluralen Anerkennungsansprüchen. Das ist etwas, mit dem wir erst einmal leben müssen. Es gibt eine erhöhte Sensibilisierung für Themen, die wir bislang ausgeblendet oder sogar tabuisiert haben. Dazu gehört eine größere Sichtbarkeit von marginalisierten Gruppen, die berechtigte Anliegen in die Mitte der Gesellschaft hineintragen, und ein Bewusstsein darüber, dass Diversität nicht etwas ist, was sich aus dem politischen Raum heraushalten lässt, weil wir sagen, wir sind doch alle gleich oder alle haben die gleichen grundgesetzlichen Rechte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.06.2021 - Ideen

Das Hufeisen existiert doch, zumindest in Frankreich, wo es immer wieder kräftig ausschlägt. Das lernt der Politologe Felix Heidenreich in der Zeit aus dem Buch "La grande confusion" von Philippe Corcuff, der die französischen Debatten der letzten Jahre auseinanderfieselt und auf beiden Seiten die selbe verwirrte Weltsicht feststellt, "die aus einer diffusen Kritik am 'System' besteht (ohne zu spezifizieren, was genau dieses System ist), die manichäisch zwischen Gut und Böse unterscheidet und in identitären Kategorien zwischen 'dem Volk' und den Eliten unterscheidet. 'Die Medien' und 'der Neoliberalismus' werden dann zur Adresse tendenziell verschwörungstheoretischer Anschuldigungen... Es ist in der Tat erschreckend, zu lesen, wie Corcuff nachweist, wie sehr sich links- und rechtsradikale Diskurse strukturell ähneln. Wie stark die Linke in ihrer Kritik am ehemaligen Rothschild-Mitarbeiter Emmanuel Macron antisemitische Stereotype bedient, ist vielsagend."

In geschichtedergegenwart.ch hatte sich der postkolonialistische Historiker A. Dirk Moses über den "Katechismus der Deutschen" lustig gemacht, der darin bestehe, dass die Deutschen an die Singularität des Holocaust "glauben" (unser Resümee). Um diesen Text entsteht eine Debatte, die die Feuilletons noch nicht zur Kenntnis genommen haben. Bereits gestern erklärte der britische Historiker Neil Gregor seine Zustimmung (unser Resümee). In dem Blog newfascismsyllabus.com bekennt nun der in San Diego lehrende deutsche Historiker Frank Biess ("Republik der Angst") unter dem Titel "Confessions of an Ex-Believer", ebenfalls einmal an den von Moses beklagten Katechismus geglaubt zu haben. Das war in den Achtzigern. Auch wenn es kaum zu glauben sei, sei die "Erinnerung an den Holocaust damals ein ganz und gar linkes Projekt" gewesen. Heute kann er es nicht mehr fassen, dass er in diesem Ausmaß verblendet war und stimmt "Moses vollkommen zu, wenn er den intellektuellen Nutzen der langjährigen Debatte über die Verbindung zwischen Kolonialismus und Holocaust hervorhebt. Die Herausforderung besteht darin, zu zeigen, wie das, was Charles Maier 'die beiden Narrative moralischer Gräuel im 20. Jahrhundert' nannte - Imperialismus und Völkermord -, tatsächlich immer miteinander verbunden waren. Das wirklich 'Singuläre' ist hier die deutsche Reaktion auf eine Debatte, die in der internationalen Wissenschaft seit Jahrzehnten fest etabliert ist."

Die mit dem altmodischen Titel "Faschismus" operierende Seite organisiert eine ganze Debatte über Moses' Position der Holocaustrelativierung. Zuerst publizierte der Historiker Udi Greenberg vom Dartmouth College unter dem flapsigen Titel "Does Holocaust Memory Still Matter?": "Kommentatoren haben Deutschlands Erinnerungspolitik mit endlosem Lob überschüttet, aber A. Dirk Moses bietet in seinem provokanten Essay eine weit weniger blauäugige Einschätzung. Der intensive Fokus des Landes auf das Holocaust-Gedenken mag Menschen wie mich trösten, behauptet er, aber er geht auf Kosten anderer, insbesondere der Menschen in Afrika und im Nahen Osten. Im Gegensatz zu den Juden genießen die Angehörigen dieser Gruppen keine Anerkennung ihres kollektiven historischen Leidens."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.06.2021 - Ideen

Neulich polemisierte der australische Historiker A. Dirk Moses, einer der führenden Autoren postkolonialer Holocausttheorien, bei geschichtedergegenwart.ch scharf gegen einen angeblichen "Katechismus der Deutschen", der darin bestehe, den Holocaust für singulär zu halten (unser Resümee). Das Argument, dass ein bestimmter Blick auf den Holocaust inzwischen eine deutsche Spezialmarotte sei, wurde ja schon im Papier der "Initiative GG 5.3 Weltoffenheit" vorgebracht, deren Autoren - höchste Kulturfunktionäre - Moses darum zu "Häretikern" adelt. Schuld ist für die postkoloniale Fraktion nicht Deutschland, sondern der "Westen", die Juden stehen somit in einer viel längeren Reihe von Opfern. Heute stimmt der britische Deutschland-Historiker Neil Gregor Moses mit wenigen Einschränkungen zu: "Die Idee, dass der Nationalsozialismus einen Moment des 'Bruchs' mit der europäischen 'Zivilisation' darstelle, schien mir immer auf einer Reihe von eher zweifelhaften Vorstellungen darüber zu beruhen, worin die europäische Geschichte vor 1933 bestand: Weit davon entfernt, einen Bruch mit dieser Geschichte darzustellen, schien er mir vielmehr immer ein machtvolles Destillat einiger ihrer unangenehmsten Traditionen zu sein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.06.2021 - Ideen

Vehement spricht sich Claus Leggewie im Tagesspiegel gegen die "Hufeisentheorie" aus, eine, wie er meint, Vulgarisierung antitotalitären Denkens, die behauptet, dass rinks und lechts sich tendenziell berühren. Das kann gar nicht sein, so Leggewie, denn wer etwa antisemitisch ist, ist ja nicht "links": "Einer der widerlichsten Anschläge auf jüdische Einrichtungen in der jüngeren Geschichte war der auf die Jüdische Gemeinde am 9. November (!) 1969 durch die Tupamaros West-Berlin, in den der SDS-Kommunarde Dieter Kunzelmann verwickelt gewesen sein soll. Das Datum der Reichspogromnacht war bewusst gewählt. Kunzelmann ließ verlauten, die Deutschen sollten ihren 'Judenknax' loswerden und sich für die Sache der Palästinenser aussprechen. Ein Beleg für die Hufeisentheorie? Eher der Beweis, dass Kunzelmann den Anspruch, links zu sein, weit verfehlte."

Im Zeit online Blog 10 nach 8 ist die Bildungswissenschaftlerin Caroline Assad entsetzt über das schwarz-weiß-Denken, das sich in den sozialen Medien zum Nahostkonflikt zeigt: "In Deutschland leben im Moment viele liberale arabische Wissenschaftler*innen, Autor*innen und Künstler*innen, sie schreiben, sie diskutieren, sie leisten Bildungsarbeit. Viele dieser Menschen wären eigentlich für jede Form der politischen Bildung, die sich mit muslimischem oder arabischem Antisemitismus auseinandersetzen will, für jeden ehrlichen Austausch über den Nahostkonflikt und für jede echte Bemühung um jüdisch-arabische Koexistenz ein unschätzbarer Gewinn. Sie scheinen nicht auf dem Radar der deutschen Politik zu sein. Es gibt aber auch eine wirklich gute Nachricht: Sehr viele Menschen scheinen nicht auf den Segen der Regierung und der Politik zu warten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.05.2021 - Ideen

Die "Jerusalem Declaration on Antisemitismus" dient für den Politologen Lars Rensmann geradezu dazu, aktuelle Formen des Antisemitismus von eben diesem Vorwurf freizusprechen. Selbst extreme Formen der "Israelkritik" gelten ihr als "nicht per se" antisemitisch, schreibt Rensmann in belltower.de, dem Magazin der Amadeu-Antonio-Stiftung: "Dass der 'Zionismus' wie der Nationalsozialismus sei; dass es sich bei dem jüdischen Staat um einen einzigartigen Fall von 'Siedlerkolonialismus' und 'Apartheid' handele; dass an den jüdischen Staat Maßstäbe angelegt werden, die für kein anderes politisches Gemeinwesen geltend gemacht werden; dass der jüdische Staat zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer eliminiert beziehungsweise 'vom Fluss bis zum Meer' 'befreit' werden soll-wovon, wenn nicht von Juden? - all das soll nun, so wünschen es die Verfasser:innen der 'Erklärung', nicht mehr 'per se' als antisemitisch gelten, obwohl es von der überwältigenden Mehrheit von Juden genau so verstanden wird-als antisemitisch."

Den Vorwurf des Eurozentrismus gegen die Aufklärung findet Susan Neiman geradezu schwachsinnig, wie sie in einer in der FAZ abgedruckten Preisrede darlegt: "Die Aufklärung hat die Kritik am Eurozentrismus ja erst erfunden. Sie empfahl den Europäern, von anderen Völkern zu lernen, und hat ihre Kritik europäischer Zustände oft gerade aus der Perspektive anderer Kulturen formuliert. So benutzte Montesquieu fiktionalisierte Perser, um die Pariser Gesellschaft zu persiflieren, Diderot stellte Tahiti gegen patriarchalische europäische Sitten, Voltaires schärfste Kritiken an der Kirche wurden wahlweise in den Mund eines chinesischen Kaisers oder eines indigenen südamerikanischen Priesters gelegt."

In der NZZ blickt der Ideenhistoriker Jürgen Große fast schon mitleidig auf die Gründer des Humboldt Forums, die er grenzenlos naiv und unbedarft findet: "Die neuen Schlossherren verzichten explizit auf eine eigene Erzählung, beanspruchen aber auch keine alles integrierende Masterperspektive. Die vergrößerte Bundesrepublik hofft sich als ehrlicher Makler im endlosen Spiel der 'Narrative' gleichsam unsichtbar zu machen. Das verspricht Unangreifbarkeit. Angreifbar nämlich wäre eine singuläre, unvermeidlich einseitige Erzählung, etwa als nationalgeschichtliche Selbstdarstellung. Dennoch könnte gerade sie auf dem Weg der Verneinung wieder ins Spiel kommen. Nationales Kulturgut: Wäre dies nicht genau dasjenige, was in der Bundesrepublik Deutschland nach Entfernung aller Raubkunstobjekte übrig bleiben dürfte?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.05.2021 - Ideen

In der taz schreiben Axel Honneth und Rüdiger Dannemann zum 50. Todestag von Georg Lukács, dem "einzigen Marxisten, der zugleich ein Philosoph von Weltrang war". Honneth erinnert vor allem daran, wie Lukács der kommunistischen Partei Ungarns beitrat und sich der Sache zur Arbeiterklasse verschrieb: "Die Abhandlungen, in denen er in den folgenden Jahren diesen intellektuellen Stellungswechsel gerechtfertigt hat, gehören zum Besten, was die Geschichte des Marxismus an theoretischen Leistungen hervorgebracht hat: In dem Aufsatzband 'Taktik und Ethik' wird mit ungeheurem Rigorismus die moralische Frage aufgeworfen, welche ethischen Prinzipien den Kampf für die Errichtung einer proletarischen Diktatur legitimieren könnten, im Zentrum der legendären Aufsatzsammlung 'Geschichte und Klassenbewusstsein' steht mit der Abhandlung zur Verdinglichung eine Studie, welche die kühl-berechnende Lebensform der Moderne auf die Verhaltenszwänge des kapitalistischen Warentauschs zurückführt und das Proletariat als Retter aus der allgemeinen Lebensnot präsentiert. Ohne diesen einen abgründig-spekulativen Aufsatz, der den Deutschen Idealismus mit gedanklichen Elementen von Marx, Simmel und Weber verknüpft, hätte es, so darf man vermuten, keinen westlichen Marxismus, ja keine Frankfurter Schule gegeben - trotz aller Kritik, die Adorno später an Lukács geübt hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.05.2021 - Ideen

Allerorten wird während der Pandemie nach Solidarität gerufen - zuletzt bei der Impfstoffverteilung: Erst die Alten oder doch die Jungen? Und was ist mit ärmeren Ländern? Dabei gibt es eine in ihrer Dialektik begründete Schattenseite der Solidarität, schreibt der Politikwissenschaftler Rainer Forst in der FR: "Es ist sicher kein Naturgesetz, aber ein Phänomen, das in sozialen Gemeinschaften oft anzutreffen ist, dass, je intensiver die Solidaranforderung wird, die Gemeinschaft, die da gerade zusammenrückt, enger wird und sich nach außen abschottet. Sie beäugt sich wechselseitig streng, ob sich alle an die Abmachung halten: Kontraktion nach innen. Zudem besteht eine Tendenz zur Kontraktion gegenüber außen, da man geneigt ist, die Grenzen der Solidaritätsgemeinschaft entlang der Familie, der Nation (die als große Familie reethnisiert wird) oder anderer Identitätsgruppen zu ziehen, so dass ein Außen geschaffen wird, das auch (quasi als Außen im Inneren) Mitbürger und Mitbürgerinnen ausgrenzt (mit einem guten Schuss Xenophobie), andere Länder und ihre Nöte ignoriert, offen oder insgeheim nationalen Egoismus praktiziert und die Gefahr am liebsten im Fremden verkörpert sieht." Äh gut, aber wird in Flugzeugen nicht gepredigt, dass man zuerst seine Sauerstoffmaske aufsetzen soll, bevor man anderen hilft?

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.05.2021 - Ideen

Wir befinden uns noch immer auf dem Weg in die Postdemokratie, sagt der britische Politikwissenschaftler und Soziologe Colin Crouch (aktuelles Buch: "Postdemokratie revisited") im FR-Gespräch mit Michael Hesse: "Die Hauptursache für die Krise der Demokratien war die Globalisierung der Wirtschaft, nicht der Neoliberalismus, der aber immer noch die vorherrschende Ideologie darstellt. Er ist erst eine Folge der Globalisierung, da er sich die Schwächung der Nationalstaaten zunutze gemacht hat. Durch die Lobbytätigkeit großer Konzerne war eine deregulierte Wirtschaft entstanden. Die Konzerne konnten es sich leisten, alle anderen Gesellschaftsgruppen zu ignorieren. Die Globalisierung hat die Wirtschaft mit ihren Entscheidungskompetenzen folglich weit von der Einflussmöglichkeit nationaler Demokratien entfernt. Die Folgen waren dramatisch, denn das zog den Verfall der großen Parteien nach sich. Ihre Verwurzelung in der Gesellschaft ist dadurch über die Jahre immer schwächer geworden."

Außerdem: In der NZZ ärgern sich der Kunsthistoriker Jörg Scheller und der Soziologe Marcel Schütz über den inflationären Gebrauch des Begriffs "Struktur": "Auf dieser Grundlage ist es etwa möglich, Menschen, die sich niemals rassistisch geäußert haben und die Rassismus explizit ablehnen, als Teilhaber einer rassistischen Struktur zu klassifizieren. Sie sind rassistisch, so die Annahme, weil die sie tragende Struktur rassistisch ist. Umgekehrt kann ein Mensch, der keine konkrete Benachteiligung erfahren hat, als Opfer einer diskriminierenden Struktur klassifiziert werden."