9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.05.2021 - Ideen

Yevgen Bruckmann und Moritz Meier, zwei jüdische Studenten russischer Herkunft, antworten in der taz ziemlich böse auf den vielfach gefeierten Zeit-online-Essay von Fabian Wolff. Wolff hatte darin Position für Achille Mbembe und den Intendantenaufruf ("Initiative GG 5.3 Weltoffenheit") bezogen (unser Resümee). Wie die Intendanten will er BDS "nicht per se" als antisemitisch sehen und verteidigt Mbembe, der von jüdischem Denken beeinflusst sei: "So verblüfft es nicht, dass der Verweis Mbembes auf die jüdischen Philosoph:innen, die ihn geprägt hätten, für Wolff ein ausreichendes Alibi bedeutet: Er selbst baut doch in weiten Teilen auf der Argumentation des durchschnittlichen deutschen Antisemiten auf, dass 'einige meiner besten Freunde Juden sind', in seinem Fall sogar er selbst. Es sind meist diese jüdischen Freund:innen, die Israel als kolonialistisches Projekt bezeichnen, denn 'meine Perspektive ist das nicht', wie Wolff sich schnell zu distanzieren weiß, aber wer wäre er denn, würde er ihnen die Form ihres Jüdischseins diktieren wollen."

Viele Konservative und Liberale sorgen sich um den Verlust von Freiheiten, die auch nach der Pandemie nicht vollumfänglich restauriert werden könnten. Auf Zeit online zuckt Thomas Assheuer angesichts der "panischen" Beschwerden die Schultern. Gut möglich, meint er. Und? "Die demokratischen Freiheiten gibt es hoffentlich bald zurück, kaum aber die alte Freiheit im Umgang mit der zivilisatorisch beschädigten Natur. Denn die ausgeplünderte Natur, wenn man so lyrisch reden will, hat das Duldungsabkommen mit der entgrenzten liberalen Freiheit aufgekündigt - sie rebelliert und weigert sich, die Zuwachsgesellschaften bis in alle Ewigkeit mit ihren Gratisgaben zu beliefern. Was man verharmlosend Klimakrise nennt, beendet den himmlischen, im langen fünfzehnten Jahrhundert entstanden Traum vom friedlichen Zusammenspiel aus Natur und Kultur, aus göttlicher Materie und menschlicher Technik. ... Vielleicht denkt man lieber über eine Freiheit nach, die heute ihre selbstzerstörerische Praxis begrenzt, damit sie morgen noch die freie Wahl hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.05.2021 - Ideen

Christan Geyer antwortet in der FAZ auf einen Artikel zweier Rechtsprofessoren im Verfassungsblog zum Klimaurteil des Bundesverfassungsgerichts. Die Autoren fragen, ob es nun ein "Grundrecht auf Generationengerechtigkeit" gebe. Geyer lehnt das ab: "Ein solches Grundrecht, so versteht man die Richter, kann es aus rechtssystematischen Gründen nicht geben, da künftige Generationen als solche vor Gericht nicht als Kläger auftreten können, wie jene dies befugt sind zu tun, die 'gegenwärtig, selbst und unmittelbar' (Erster Senat) in ihren Freiheitsrechten betroffen sind und diese auch 'intertemporal', also in zeitlicher Erstreckung, geltend machen können."

In der Welt protestieren die Wirtschaftsphilosophen Michael Esfeld und Philip Kovce heftig gegen eine Politik der "staatlichen  Zwangsbeglückung" - egal ob bei der Terrorbekämpfung, dem Klimawandel oder der Coronabekämpfung -, die die Freiheiten einzelner einschränkt. "Die freie Entfaltung der Persönlichkeit scheint kaum mehr ein Grundrecht, vielmehr ein Bedrohungsszenario zu sein, das nur Terroristen, Klimasünder, Virenschleudern kennt, denen das Handwerk gelegt werden muss. Um das zu tun und dafür zu sorgen, dass der freie, allzu freie Mensch seiner Verantwortung für das einzig Wahre, Schöne und Gute gerecht wird, treten mediale Moralapostel, akademische Besserwisser und politische Sittenwächter auf den Plan. Sie meinen, uns anleiten und überwachen zu müssen, damit wir von der Freiheit korrekt Gebrauch machen."

Auch der Soziologe Sighard Neckel kennt diesen Groll gut, der vor allem jetzt in der Pandemie blüht, wie er im Interview mit der FR erklärt: "Gerade in bürgerlichen Kreisen ist ein Groll auf den Staat gewachsen, der einem jetzt dauernd Vorschriften macht. Das ist man hier nicht gewohnt. Regierungspolitik erfuhr man meist zum eigenen Vorteil, und ansonsten wollte man in seinem Privatleben in Ruhe gelassen werden. Entsprechend geht es dem bürgerlichen Milieu auf den Wecker, dass der Staat sich jetzt überall einmischt. In Kreisen von Rechtsanwälten, Ärzten, Steuerberatern, Universitätsprofessoren und Unternehmern wird das sehr offen kommuniziert. In anderen Milieus hingegen gehörte die Einmischung des Staates schon immer zur Lebensrealität. Jetzt grollt das Bürgertum, weil es sich genauso behandelt sieht wie die Sozialschichten unten."

Viel retweetet wird ein Artikel der jüdischen Studentin Pamela Paresky in dem Magazin Sapir, die erzählt, was sie in einem Reader der Uni, wo sie gerade anfängt zu studieren, alles über "Mikroaggressionen" lernte: "Ich erschauere, als ich lese, dass es eine Mikroagression ist zu sagen, 'es gibt nur eine Rasse, die menschliche Rasse'. Das sagt meine Großmutter immer. Ihr Vater, der mehrere Konzentrationslager überlebte, hatte das auch immer gesagt. Sie sind keine Rassisten. Aber laut dieser Liste ist es ja eine Mikroaggession zu sagen, dass man kein Rassist sei. Ich frage mich, ob es auch als Mikroaggression gilt, seinen Antisemitismus zu leugnen. Ich suche nach  in der Liste nach Mikroaggressionen gegen Juden. Aber da ist keine."

In der NZZ überlegt der Philosoph Gernot Böhme, welche Auswirkung die Digitalisierung auf unsere Lesekompetenz hat. Sozialwissenschaftler, die unter Lesen vor allem Informationsaufnahme verstehen, helfen nicht, die Veränderungen zu begreifen, meint er und erklärt mit Gottlob Frege, Kant, Bühler und Bergson, warum richtiges Lesen immer hermeneutisch-kompetentes Lesen ist: "Es kann durchaus Texte geben, deren Zweck allein in der Mitteilung von Sachverhalten besteht. Texte, an denen die Lesekunst der Hermeneutik entwickelt wurde, etwa die Bibel, philosophische und literarische Texte gehen weit darüber hinaus. Es geht da beim Lesen nicht nur darum, Sachverhalte festzustellen. Es geht um das Verstehen von Sinn."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.05.2021 - Ideen

Die deutsche Politik hat in den letzten Jahren zwar ein gewisses Bewusstsein für untergründig fortlebende Strömungen des Antisemitismus entwickelt, aber noch weiß man zu wenig über sie, beobachtet der Historiker Peter Longerich, der in seinem neuen Buch über Antisemitismus als eine "deutsche Geschichte" schreibt, in der FAZ: "Wenn man nach den tieferen Ursachen für die Zählebigkeit des Antisemitismus fragt, dann greift die Erklärung, dass gerade in Krisenzeiten Sündenböcke gesucht werden und die Juden eben seit jeher in diese Rolle gedrängt wurden, zu kurz. Die Frage 'Warum immer die Juden?' muss vielmehr auf die Verfassung der Mehrheit zielen, die über einen langen historischen Zeitraum immer die gleiche Minderheit abwertet und sich von ihr abhebt."

Geopolitiker Herfried Münkler hat neulich in der NZZ die Idee universeller Werte verabschiedet und die Welt in Münklersche Räume unterteilt, die sich in Ruhe lassen sollten (unser Resümee). Sollte jemand in einem nicht westlichen Raum eine Vorliebe für Demokratie entwickeln, hat er laut Münkler leider Pech gehabt - der Ukraine bescheidet er etwa, dass sie sich mit Putin arrangieren solle. Richard Herzinger ist in seinem Blog nicht einverstanden: "Der Kardinalfehler in Münklers Vorstellung von einer kommenden neuen Weltordnung besteht in der impliziten Annahme, die antidemokratischen Mächte würden sich damit begnügen, ihre eigenen 'Räume' zu beherrschen, nachdem sie dort erst einmal ihre eigenen 'Normstrukturen' durchgesetzt haben. Die wirklichen Verhältnisse zeigen jedoch ein ganz anderes Bild. Mit Cyberattacken und Desinformationskriegsoperationen zielt Putins Russland darauf, die liberalen Demokratien in ihrem Inneren zu zerstören, und auch Peking strebt verschärft nach Kontrolle über die internen Schaltstellen der westlichen Gesellschaften."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.05.2021 - Ideen

So mancher hat sich im Laufe der Pandemie gefragt, warum nicht schneller mehr Impfstoff produziert werden kann. Einige wollen die Impfstoffhersteller gar enteignen oder ihre Patente freigeben. So denkt auch das Berliner Künstlerkollektiv Peng!, das die Webseite "Leake den Biontech Impfstoff!" gegründet hat (die inzwischen wieder abgeschaltet wurde), berichten Catrin Lorch und Alex Rühle in der SZ in einem von drei Artikeln zum Thema. "Der Aufruf an die Biontech-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter in Mainz und Marburg, Firmengeheimnisse preiszugeben, steht in einer Reihe von Aktionen, die sich gegen Techkonzerne, Energieunternehmen, die europäische Flüchtlingspolitik oder toxische Social-Media-Praktiken richten. Es geht Peng! weniger darum, ästhetische Kategorien zu erweitern. Vielmehr wollen sie mit kreativen Mitteln Einfluss auf die politische Wirklichkeit nehmen", in der der Impfstoff auf der Welt äußerst ungleichmäßig verteilt ist.

Wenn die Welt nur so einfach wäre, seufzt Werner Bartens angesichts der Peng!-Aktion in der SZ. "Mit der Gebrauchsanweisung für die Herstellung von mRNA-Vakzin verhält es sich nicht wie mit Großmutters Donauwelle, deren Rezept nur bei Chefkoch.de hochgeladen werden muss, damit alle Welt sie nachbacken kann. Produktion und Abfüllung sind aufwendig. Zudem sind etliche Ausgangssubstanzen knapp. Doch selbst wenn diese Hindernisse überwunden werden, ist es alles andere als trivial, die Herstellung von überschaubaren Mengen im Labor auf einen industriellen Maßstab hochzufahren." Das dauere mindestens neun Monate, wenn nicht Jahre, versichert Bartens.

Juristisch wäre es durchaus möglich, Zwangslizenzen zu erteilen, nur nützt das nichts, meint auch Wolfgang Janisch. "Per Zwangslizenz erhielte ein Unternehmen nur Zugriff auf das, was im Patentregister stehe. Also kein Know-how und keine klinischen Daten. Dies legt eher nahe, nicht auf Zwang, sondern auf die Kooperation der Unternehmen zu setzen, die ohnehin sehr ausgeprägt ist - zumindest bisher."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.05.2021 - Ideen

Im Interview mit der SZ spricht der afroamerikanische Publizist Thomas Chatterton Williams über die Rassismus-Debatte in den USA und in Europa, die er puritanisch, um nicht zu sagen religiös findet. Und schlimmer, so Williams, der an Martin Luther Kings Ideal einer farbenblinden Gesellschaft festhalten will: Die progressive Antirassismus-Bewegung "beginnt, dieselben Ansichten zu spiegeln, die auch wahre Rassisten haben, womit ich Rechtsextreme meine, also Menschen, deren gesamtes Weltbild auf der Existenz verschiedener 'Rassen' aufbaut. Nun soll man neuerdings auch von der progressiven Linken aus race für das wichtigste Identitätsmerkmal eines Menschen halten, für das eine Detail, von dem alles abhängt. Das ist rassistisches Denken. Martin Luther King, dessen Position ich als liberal bezeichnen möchte, wollte die Unterschiede zwischen Schwarzen und Weißen auflösen und überwinden, wollte Toleranz und individuelle Freiheit stärken."

John McWhorter, ein anderer Dissident des Antirassismus, erzählt in der New York Times eine Etymologie des Wortes "Nigger", das er tatsächlich in den Spalten dieser Zeitung hinschreiben darf (einige Monate nachdem ein Redakteur gefeuert wurde, weil er das "N-Wort" in einer Diskussion mit Studenten über eben dieses Wort ausgesprochen hatte, unsere Resümees). Der Text ist eine Übernahme aus einem neuen Essayband McWhorters. Das Wort habe noch 2002 ein Buch des afroamerikanischen Rechtswissenschaftlers Randall Kennedy betitelt. Heute ist es selbst in der Kontextualisierung tabu. Nur ein Jahr nach Kennedys Buch "soll ein Mitarbeiter der medizinischen Fakultät der Universität von Virginia gesagt haben: 'Ich kann nicht glauben, dass es in der heutigen Zeit eine Sportmannschaft in der Hauptstadt unserer Nation gibt, die 'Redskins' heißt. Das ist für Natives genauso abwertend wie es ein Team namens 'Nigger' für Schwarze wäre." Der Leiter der 'National Association for the Advancement of Colored People' (NAACP), Julian Bond, schlug vor, diese Person solle ein obligatorisches Sensibilitätstraining absolvieren, und sagte, sein Bauchgefühl sei, dass die Person es verdiene, einfach gefeuert zu werden. Die Idee war, dass das Wort unaussprechlich war, unabhängig vom Kontext. Ein heutiger Mitarbeiters würde das Wort nicht mehr auf diese Weise verwenden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.05.2021 - Ideen

Vor einigen Tagen macht die Meldung die Runde, dass Jürgen Habermas einen Preis noch nicht bekommen hatte, den mit 225.000 Euro "Sheikh Zayed Book Award", der ihm Ende des Monats übergeben werden sollte. Nun hat es sich Habermas aber anders überlegt und hat den Buchpreis aus Abu Dhabi abgelehnt, berichtet Dietmar Pieper (nicht online) im Spiegel: "In seiner kurzen Begründung teilt Habermas mit, dass er 'eine falsche Entscheidung' getroffen habe, als er den 'Sheikh Zayed Book Award' zunächst akzeptierte. 'Die sehr enge Verbindung der Institution, die diese Preise in Abu Dhabi vergibt, mit dem dort bestehenden politischen System habe ich mir nicht hinreichend klar gemacht.'" Dass Habermas den Preis ursprünglich hatte annehmen wollen, hatte Piper am Tag zuvor im Spielgel kritisiert: "Die demokratischen Regeln, die dem Aufklärer Habermas heilig sind, werden dort systematisch missachtet."

Der Publizist und Soziologe Andreas Kemper betont in der taz, dass der "Klassismus"-Begriff, der heute benutzt wird, um den sozialen Gegensatz mit den Diskriminierungsmodellen der neumodischen kulturalistischen Linken kompatibel zu machen, uralt sei. Im Englischen sei er schon im 19. Jahrhundert verwendet worden. Mit dem Begriff belegt Kemper heute Phänomene wie Ungleichbehandlung von Arbeiterkindern trotz gleicher Befähigung: "Bei gleicher Lesekompetenz und den gleichen kognitiven Fähigkeiten erhalten Kinder aus privilegierten Elternhäusern gegenüber denen aus der Arbeiterklasse 3,37-mal so oft eine Gymnasialempfehlung. 2001 betrug dieser Bevorteilungsfaktor noch 2,63. Die strukturelle Benachteiligung von Arbeiter*innenkindern nimmt nicht ab, sie wächst. Die Ungerechtigkeiten beginnen mit der Geburt und setzen sich über Kitas, Grundschulen und weiterführende Schulen fort." Kemper bezieht sich kritisch auf einen FAZ-Artikel Isabell Opperbecks  zum Thema, die dem Begriff mangelnde Trennschärfe vorwarf.

In einem epischen Text auf Zeit online schildert Fabian Wolff sein Leiden als Jude in Deutschland, besonders sein Leiden als linker Jude, der den BDS unterstützen möchte oder auch nicht - als Teil der jüdischen Pluralität. Dem BDS - und damit auch jüdischen Israelkritikern - Antisemitismus zu unterstellen, findet er nicht nur abstrus und verletzend, sondern oft auch rassistisch: "Es ist kein Zufall, dass der Kampf gegen BDS seit 2015 noch aggressiver geführt wird. Und es ist auch kein Zufall, dass er oft Frauen, Jüdinnen*Juden und People of Color zum Ziel hat. Die Schimäre des 'importierten Antisemitismus' ist ein willkommener Vorwand, um sublimierten Rassismus auszuleben. Menschen aus Einwandererfamilien gerade aus dem arabischen und afrikanischen Raum und muslimische und muslimisch gelesene Menschen müssen in Deutschland immer erst einmal beweisen, dass sie keine Antisemit*innen sind, und gelten ansonsten als Gefährder*innen. Ihre eigene historische Erfahrung hat in deutscher Erinnerungskultur keinen Platz. Und Palästinenser*innen müssen buchstäblich ihre Identität und Geschichte verleugnen, um auch nur am Rande des Diskurses stattfinden zu dürfen, und werden selbst dann noch regelmäßig einfach qua Existenz mit dem Antisemitismusvorwurf belegt."

Wolffs Text kreist, wie so viele Texte der Linken heute, fast ausschließlich um sich selbst, um die eigene Position in der deutschen Gesellschaft, die er als zutiefst antisemitisch und rassistisch wahrnimmt. Wer hier so gar nicht vorkommt - oder nur am Rande - sind die Palästinenser, um die es doch eigentlich bei BDS gehen sollte. Deren Situation beschreibt ein kurzer Kommentar von Alexandra Föderl-Schmid auf der Meinungsseite der SZ: Die Palästinenser durften seit 15 Jahren nicht mehr wählen, und auch jetzt hat Mahmud Abbas unter einem Vorwand die Wahlen abgesagt: "Abbas zeigt selbstherrlich einmal mehr, dass es ihm nur um Machterhalt geht. Er ist ein arabischer Potentat, dessen Clique seit Jahren auch vom Geld der EU profitiert. Insbesondere junge Palästinenser kritisieren die überall gegenwärtige Korruption, das brutale Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen Demonstranten und Journalisten. Sie machen für ihre Lage nicht mehr nur die israelische Besatzung, sondern auch ihre entrückte Führungsriege verantwortlich - zu Recht. Denn die palästinensische Führung raubt ihnen jede Hoffnung auf eine bessere Zukunft."

Rassismus gibt es auch gegen Weiße - wenn sie Osteuropäer sind, erklärt auf Zeit online der Migrationsforscher Jannis Panagiotidis. Er meint damit "tiefsitzende, weit zurückgehende Vorurteile, rassistische Stereotype gegen vermeintlich rückständige Slawen, die sich auch übrigens nicht nur gegen Russen richten, sondern auch gegen Polen. Ich denke da an die Witze über Polen, die Autos klauen. Antislawismus hat mit rassistischen und kulturrassistischen Vorurteilen gegenüber Slawen zu tun. Slawen sollten der NS-Ideologie zufolge eine minderwertige Rasse sein, der Osten wurde als vermeintlich rückständiger, barbarischer Raum vorverurteilt."

Weiteres: In der NZZ verteidigt der Historiker Dominik Geppert einen wohlwollenderen Blick auf das deutsche Kaiserreich, wie ihn die (von ihm nicht genannte) Hedwig Richter vertritt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.04.2021 - Ideen

Die Maskenpflicht auch nach den Lockerungen beizubehalten, findet Giorgio Agamben in einem recht kruden Text in der NZZ "radikal unpolitisch". Das Gesicht sei der Ort der Politik: "Wenn ein Land beschließt, auf das eigene Gesicht zu verzichten, die Gesichter seiner Bürger überall mit Masken zu bedecken, hat dieses Land also jede politische Dimension aus sich getilgt. In diesem leeren Raum, jederzeit einer unbegrenzten Kontrolle unterworfen, bewegen sich nun voneinander isolierte Individuen, die das unmittelbare, wahrnehmbare Fundament ihrer Gemeinschaft verloren haben und nur noch Nachrichten austauschen können, gerichtet an einen gesichtslosen Namen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.04.2021 - Ideen

Die Erinnerung an den Holocaust wird aus unterschiedlichen Richtungen relativiert, einerseits vom postkolonialen Denken, das den Holocaust im Namen einer vermeintlich übergreifenden Unheilsgeschichte einkassieren will (mehr hier), aber auch von der Historikerin Hedwig Richter und Bernd Ulrich, die neulich in der Zeit behaupteten, Deutschland stehle sich mit der "Sonderwegs"-Behauptung aus aktueller Verantwortung (unser Resümee). Die beiden Historiker Riccardo Bavaj und Martina Steber finden das in der taz absurd. Die aktuellen geschichtspolitischen Streitigkeiten betreffen für sie den Westen insgesamt: "Diesseits wie jenseits des Atlantiks ähneln sich inzwischen die Frontlinien der Ideenkämpfe um den Westen. Heute geht es weniger um den Abstand zwischen Deutschland und dem Westen als vielmehr um eine Statusbestimmung des Westens selbst."

Außerdem: Julia Spinola resümiert für die NZZ ein Symposion über Wagner und Marx am Deutschen Historischen Museum in Berlin.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.04.2021 - Ideen

In der Welt nimmt der Psychologe und Islamismus-Experte Ahmed Mansour die Methodik des politischen Islams in den Blick, der seine religiösen Vorschriften in modische Rhetorik verpacke. So werde das Verbot von Kinderehen flugs umdefiniert in einen rassistischen Akt, der die Sexualität junger Muslime einschränke: "Die Vertreter des politischen Islam präsentieren sich als die Vernünftigen, die an Lösungen interessiert sind und die Gesellschaft einen wollen. Dabei versuchen sie aber, die Deutungshoheit für bestimmte Begriffe zu bekommen, um ihr Ziel, die Errichtung islamistischer Herrschaftsordnungen auf der Grundlage von Koran und Sunna, zu erreichen. Ihre Gegner schalten sie durch den Vorwurf der Islamophobie oder des antimuslimischen Rassismus aus. Es geht ihnen darum zu spalten, es geht um das Wir und das Ihr, um den angeblichen Kampf der Gesellschaft gegen den Islam und gegen die Muslime. Es geht um die Instrumentalisierung der Opferrolle, um für sich mehr Freiräume zu bekommen und um Kritiker einzuschüchtern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.04.2021 - Ideen

Zu welch pfäffischer Prosa die neumodische Linke auch immer wieder fähig ist, zeigt Judith Butler in ihrer Time-Kolumne. Dort rät sie, "starre Formen von Individualität abzubauen, um die Welt bewohnbar zu machen". Die Coronakrise vereine uns in unsem universalen Bedürfnis zu atmen, sie trägt für Butler somit zu einer planetarischen Entgrenzung bei, und mit Achille Mbembe fordert sie "ein tiefes Einatmen für die Welt als Gegensatz zur Isolation". Denn "eine bewohnbare Welt für uns Menschen hängt von einer blühenden Erde ab, in deren Zentrum nicht der Mensch steht. Wir wehren uns gegen Umweltgifte nicht nur, damit wir Menschen leben und atmen können, ohne Angst zu haben, vergiftet zu werden, sondern auch, weil das Wasser und die Luft ein Leben haben müssen, das nicht auf unser eigenes zentriert ist."

Entgrenzung allerorten. Eine Welt, in der sich die Menschen mehrheitlich als Frauen und Männer verstehen, ist für taz-Autor Ingo Arend, der nochmal über Sarah Wagenknechts klassisch linke Einwände gegen die neumodische Linke nachdenkt, eine Welt, in der die Machtstrukturen noch nicht aufgebrochen sind: "Wenn Wagenknecht jetzt davon spricht, dass die Mehrzahl der Menschen sich 'immer noch als Mann und Frau' versteht, beruft sie sich auf eine verstaubte Spießermoral. Fast wundert es einen, dass sie nicht auch noch vor 'Sodomiten' gewarnt hat. Mit ihrer Wortwahl befestigt sie auch die Machtverhältnisse, auf denen diese Rollenverteilung in der Regel fußt."

In der SZ beklagt Eva Illouz, die die "Jerusalemer Erklärung" (unsere Resümees) mit unterzeichnet hat, dass Kritiker dieser Erklärung jeden Israelkritiker zum Antisemiten erklären und damit jede Kritik an Israel unmöglich machen würden: Vielen Israelkritikern "kann man vorwerfen, sich a priori auf die Seite der Schwachen, der Palästinenser, zu schlagen, sich zu weigern, die israelischen Opfer durch terroristische Anschläge in diesem Konflikt zu sehen, man kann ihnen vorwerfen, die realen Gefahren zu ignorieren, die die Existenz Israels täglich bedrohen. Auch wollen sie Israel moralische Normen vorschreiben, die ihnen bei anderen Ländern offenbar weit weniger wichtig sind. Aber wie fragwürdig und schlecht informiert solche Meinungen auch sein mögen - sie unterscheiden sich zutiefst vom Antisemitismus, der den Juden und Israel dämonischen Einfluss zuschreibt und sie vernichten will. Solche klassisch antisemitischen Positionen werden eher von Rechten wie Trumps Anhängern vertreten, die jedoch von rechtsgerichteten jüdischen Organisationen enthusiastisch unterstützt werden, sei es in den USA oder in Israel."

Auch Islamisten beschweren sich gerne darüber, dass sie ausgegrenzt und verfolgt werden und proklamieren, dass sie eigentlich die neuen Juden sind. Dabei erhalten sie viel Unterstützung von Wissenschaftlern wie Wolfgang Benz, kritisiert in der NZZ Lucien Scherrer, der u.a. den Fall des österreichischen Politologen Farid Hafez aufspießt: Dessen Wohnung war nach einer österreichischen Durchsuchungsaktion gegen mutmaßliche Unterstützer der Hamas und der Muslimbrüder ebenfalls durchsucht worden. Danach "veröffentlichte er auf der Website der amerikanischen Georgetown University einen Text mit dem Titel 'Xinjiang und Kristallnacht in Österreich'. Wie der Titel ankündigt, vergleicht der Wissenschafter die Polizeiaktion nicht nur mit der Verfolgung der Uiguren in China, sondern auch mit der Reichspogromnacht vom 9. November 1938, in deren Zuge die Nazis Hunderte Juden ermordeten und 30 000 in Konzentrationslager deportierten, wo weiter gemordet und gefoltert wurde. Während sich die Universität Salzburg von ihrem Mitarbeiter und dessen 'inakzeptablen Aussagen' distanzierte, formierte sich nach dem Skandal ein internationales Unterstützungskomitee, das 'Komitee Hafez' (mit dabei: Wolfgang Benz und zahlreiche Universitätsprofessoren)."

Außerdem: Für hpd.de liest Armin Pfahl-Traughber das neue Buch "Postdemokratie revisited" des Sozialwissenschaftlers Colin Crouch. In der NZZ denkt Marc Tribelhorn darüber nach, warum der Begriff der Resilienz plötzlich so wichtig geworden ist