Vor einigen Tagen macht die Meldung die Runde, dass
Jürgen Habermas einen Preis noch nicht bekommen hatte, den mit 225.000 Euro "
Sheikh Zayed Book Award", der ihm Ende des Monats übergeben werden sollte. Nun hat es sich Habermas aber anders überlegt und hat den Buchpreis aus Abu Dhabi
abgelehnt, berichtet Dietmar Pieper (nicht online) im
Spiegel: "In seiner kurzen Begründung teilt Habermas mit, dass er 'eine falsche Entscheidung' getroffen habe, als er den 'Sheikh Zayed Book Award' zunächst akzeptierte. 'Die sehr enge Verbindung der Institution, die diese Preise in Abu Dhabi vergibt, mit dem
dort bestehenden politischen System habe ich mir nicht hinreichend klar gemacht.'" Dass Habermas den Preis ursprünglich hatte annehmen wollen, hatte Piper am Tag zuvor im Spielgel
kritisiert: "Die demokratischen Regeln, die dem Aufklärer Habermas heilig sind, werden dort systematisch missachtet."
Der Publizist und Soziologe Andreas Kemper
betont in der
taz, dass der "
Klassismus"-Begriff, der heute benutzt wird, um den sozialen Gegensatz mit den Diskriminierungsmodellen der neumodischen kulturalistischen Linken kompatibel zu machen, uralt sei. Im Englischen sei er schon
im 19. Jahrhundert verwendet worden. Mit dem Begriff belegt Kemper heute Phänomene wie Ungleichbehandlung von Arbeiterkindern trotz
gleicher Befähigung: "Bei gleicher Lesekompetenz und den gleichen kognitiven Fähigkeiten erhalten Kinder aus privilegierten Elternhäusern gegenüber denen aus der Arbeiterklasse 3,37-mal so oft eine
Gymnasialempfehlung. 2001 betrug dieser Bevorteilungsfaktor noch 2,63. Die strukturelle Benachteiligung von Arbeiter*innenkindern nimmt nicht ab, sie wächst. Die Ungerechtigkeiten beginnen mit der Geburt und setzen sich über Kitas, Grundschulen und weiterführende Schulen fort." Kemper bezieht sich kritisch auf einen
FAZ-Artikel Isabell Opperbecks zum Thema, die dem Begriff mangelnde Trennschärfe vorwarf.
In einem epischen Text auf
Zeit online schildert Fabian Wolff sein Leiden als Jude in Deutschland, besonders sein Leiden als
linker Jude, der den BDS unterstützen möchte oder auch nicht - als Teil der jüdischen Pluralität. Dem BDS - und damit auch jüdischen Israelkritikern - Antisemitismus zu unterstellen, findet er nicht nur abstrus und verletzend, sondern oft auch
rassistisch: "Es ist kein Zufall, dass der Kampf gegen BDS seit 2015 noch aggressiver geführt wird. Und es ist auch kein Zufall, dass er oft Frauen, Jüdinnen*Juden und People of Color zum Ziel hat. Die
Schimäre des '
importierten Antisemitismus' ist ein willkommener Vorwand, um
sublimierten Rassismus auszuleben. Menschen aus Einwandererfamilien gerade aus dem arabischen und afrikanischen Raum und muslimische und muslimisch gelesene Menschen müssen in Deutschland immer erst einmal beweisen, dass sie keine Antisemit*innen sind, und gelten ansonsten als Gefährder*innen. Ihre eigene historische Erfahrung hat in deutscher Erinnerungskultur keinen Platz. Und Palästinenser*innen müssen buchstäblich
ihre Identität und Geschichte verleugnen, um auch nur am Rande des Diskurses stattfinden zu dürfen, und werden selbst dann noch regelmäßig einfach
qua Existenz mit dem Antisemitismusvorwurf belegt."
Wolffs Text kreist, wie so viele Texte der Linken heute, fast ausschließlich um sich selbst, um die
eigene Position in der deutschen Gesellschaft, die er als zutiefst antisemitisch und rassistisch wahrnimmt. Wer hier so gar nicht vorkommt - oder nur am Rande - sind die
Palästinenser, um die es doch eigentlich bei BDS gehen sollte. Deren Situation beschreibt ein kurzer Kommentar von Alexandra Föderl-Schmid auf der Meinungsseite der
SZ: Die Palästinenser durften seit 15 Jahren nicht mehr wählen, und auch jetzt hat
Mahmud Abbas unter einem Vorwand die
Wahlen abgesagt: "Abbas zeigt selbstherrlich einmal mehr, dass es ihm nur um Machterhalt geht. Er ist ein
arabischer Potentat, dessen Clique seit Jahren auch vom Geld der EU profitiert. Insbesondere junge Palästinenser kritisieren die überall gegenwärtige Korruption, das brutale Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen Demonstranten und Journalisten. Sie machen für ihre Lage nicht mehr nur die israelische Besatzung, sondern auch
ihre entrückte Führungsriege verantwortlich - zu Recht. Denn die palästinensische Führung raubt ihnen jede Hoffnung auf eine bessere Zukunft."
Rassismus gibt es auch gegen Weiße - wenn sie
Osteuropäer sind,
erklärt auf
Zeit online der Migrationsforscher
Jannis Panagiotidis. Er meint damit "tiefsitzende, weit zurückgehende Vorurteile, rassistische Stereotype gegen vermeintlich
rückständige Slawen, die sich auch übrigens nicht nur gegen Russen richten, sondern auch gegen Polen. Ich denke da an die Witze über Polen, die Autos klauen.
Antislawismus hat mit rassistischen und kulturrassistischen Vorurteilen gegenüber Slawen zu tun. Slawen sollten der NS-Ideologie zufolge eine minderwertige Rasse sein, der Osten wurde als vermeintlich rückständiger, barbarischer Raum vorverurteilt."
Weiteres: In der
NZZ verteidigt der Historiker
Dominik Geppert einen wohlwollenderen Blick auf das deutsche Kaiserreich, wie ihn die (von ihm nicht genannte)
Hedwig Richter vertritt.