9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.08.2015 - Kulturpolitik

Sehr kategorisch geht Friederike Fless vom Deutschen Archäologischen Institut in der FAZ mit all jenen Kunsthändlern ins Gericht, die gegen das geplante Kulturgutschutzgesetz protestieren. Und sie trifft den Kunsthandel in einer weichen Flanke, beim Handel mit Raubgut: "Es geht bei dem Gesetzentwurf also nicht darum, den "Kunsthandel mit dem illegalen Markt mit Objekten aus Raubgrabungen" gleichzusetzen, sondern Klarheit zu schaffen, wann eigentlich legaler und illegaler Handel vorliegen, nicht zuletzt, damit auch die Käufer eine Chance bekommen, den illegalen Markt überhaupt zu erkennen, um nicht ein Teil dieses illegalen Handels zu werden. Das ist grundlegender Verbraucherschutz."

Die israelische Kulturministerin Miri Regev (Likud) droht Filmemachern und Theaterregisseuren mit Streichung von Subventionen bei politischem Missfallen ihrer Projekte, berichtet Susanne Knaul in der taz. Nun sehen sich die Künstler in der Kneifzange zwischen linken Antisemiten und der israelischen Regierung: "Das Dilemma der israelischen Filmemacher wächst wegen der antiisraelischen Boykottkampagne. Miri Regevs radikaler Kampf gegen die ihr unbequemen Kulturschaffenden bedrängt die Filmschaffenden von rechts und die Bewegung für "Boykott, Kapitalabzug und Sanktionen" (kurz: BDS) von links. Während des Filmfestivals von Locarno zum Beispiel unterzeichnete Jean-Luc Godard einen Boykottaufruf gegen Israel."

Das Museum für Zeitgeschichte in Moskau ist renoviert worden, berichtet Julian Hans in der SZ: "Gleich im ersten Raum, dem "Saal der russischen Staatssymbole" begrüßt jetzt Wladimir Putin die Besucher. Ein großer Bildschirm zeigt seine letzte Rede an die Nation in Endlosschleife. Daneben dreht sich in einem großen Glaskasten, von etlichen Halogenlämpchen angestrahlt, der Füllfederhalter, mit dem Putin den Vertrag über den Anschluss der Krim an die Russische Föderation unterschrieben hat."

Nach den Peripetien um die Sammlung Gurlitt fängt nun auch die Sammlung Bührle an, sich mit dem Ursprung einiger ihrer einst doch recht günstig erworbenen Schätze auseinanderzusetzen, berichtet Thomas Ribi in der NZZ.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.08.2015 - Kulturpolitik

Der Schweizer Archäologe Rolf A. Stucky kannte Khaled Asaad, den Chefarchäologen in Palmyra, persönlich. In einem schönen Nachruf in der NZZ vermutet er hinter al-Asads brutaler Hinrichtung durch den IS das reine Beutemachen: "Er allein besaß die Schlüsselgewalt über die Grabanlagen. Wer das Glück hatte, sie mit ihm zu besuchen, wird die Begehung der Stätten des Jenseits niemals vergessen. Diese Kenntnis wurde ihm jetzt zum tödlichen Verhängnis: Nach Meldungen internationaler Medien hatte er die beweglichen Schätze des Museums in nur ihm bekannte unterirdische Grabkammern transportieren lassen, um sie vor unerlaubtem Zugriff zu schützen. Nachdem der sogenannte Islamische Staat Palmyra im Mai dieses Jahres eingenommen und eine Schar jugendlicher Soldaten der Regierungstruppen auf der Bühne des antiken Theaters geköpft hatte, blieb der einundachtzigjährige Khaled al-As"ad dennoch in der Stadt, um die Sicherheit der Kunstwerke zu überwachen."

Der Ermordung Asaads folgten Zerstörungen von Bauwerken. Andreas Kilb kommentiert in der FAZ: "Mit der Sprengung des Baal-Schamin-Tempels in Palmyra ist ein Baustein aus der historischen Überlieferung herausgebrochen worden, der genauso wichtig war wie die vor zwölf Jahren von den Taliban zerstörten Buddha-Statuen von Bamiyan. Und wie in Bamiyan ging es dabei um ein Kunstwerk, in dem sich das verkörperte, was den Islamisten am meisten verhasst ist: die Versöhnung der Religionen im Zeichen der Zivilisation."

In der SZ berichtet Sonja Zekri ausführlich über die Zerstörungen und zitiert einen erbosten Wiener Archäologen Andreas Schmidt-Colinet: "Die Region blutet aus. Der Antikenhandel - betrieben, so vermutet Schmidt-Colinet, von allen Parteien - finanziert den Konflikt auf lange Sicht. "Im Internet können Sie palmyrenische Reliefs bestellen", giftet Schmidt-Colinet, "die Lieferzeit dauert drei bis vier Wochen.""

Rüdiger Schaper weiß übrigens im Tagesspiegel: "Baal Schamin war einer der Hauptgötter von Palmyra. Ein Himmelsgott mit den Attributen Blitz und Adler, eine östliche Variante des griechischen Zeus. Früheste Quellen, in denen Baal-Shamin erwähnt wird, gehen zurück ins zweite Jahrtausend vor Christus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.08.2015 - Kulturpolitik

In einer lesenswerten Analyse fasst Stefan Weiss im Standard die sehr eigentümliche Geschichte der Kulturpolitik in Österreich nach dem Krieg zusammen, die sich am besten in den Worten des Politologen Michael Wimmer wiedergeben lässt: "Das Wesentlichste war und ist, dass Österreich eine kulturelle Infrastruktur erhalten muss, die ursprünglich für eine mitteleuropäische Großmacht und nicht für einen Kleinstaat hergestellt wurde."
Stichwörter: Österreich

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.08.2015 - Kulturpolitik

Der Archäologe Andreas Schmidt-Colinet erinnert in der FAZ an den von IS-Milizen geköpften Khaled Asaad, der sein Ansprechpartner bei Grabungen in Palmyra war und die Forschung auch organisatorisch erst ermöglichte: "Er sorgte dafür, dass morgens um 5.30 Uhr 80 zuverlässige Arbeiter auf der Grabung standen und ein bei den Arbeitern anerkannter vertrauenswürdiger Vorarbeiter, der alte Haji Saleh, zur Verfügung stand - bei diesem heiklen Unterfangen musste jede Familie in Palmyra entsprechend berücksichtigt werden. Er kümmerte sich darum, dass bei 40 Grad im Schatten jederzeit auf der Grabungsstätte im Gräbertal weitab von der Stadt für alle genügend Trinkwasser vorhanden war, zu den Teepausen Zelte zur Verfügung standen und ein zuverlässiger Wächter angeheuert wurde."

Weiteres: In der FAZ resümiert ein verzweifelter Niklas Maak immer absurdere Weiterungen bei der Realiserung der Einheitswippe vor der Berliner Stadtschlossattrappe.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.08.2015 - Kulturpolitik

Der Mord an dem Archäologen Khaled Asaad ist eine programmatische Tat, schreibt Berthold Seewald in der Welt: "Er erhob seine Stimme gegen das zynische Kalkül der Terroristen, zum einen mit der Zerstörung von Antiken die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, zum anderen mit dem schwunghaften Handel mit ihnen ihren Krieg zu finanzieren. Längst gilt der Schwarzhandel mit antiken Kunstwerken als wichtigste Finanzierungsquelle des IS-Terrors und kann sich mit dem Drogenhandel messen. Nur der Handel mit Menschen ist lukrativer."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.08.2015 - Kulturpolitik

Den informativsten Nachruf über Khalid al-Asaad, den bekanntesten Archäologen aus Palmyra, der von den IS-Milizen öffentlich enthauptet wurde, schreibt Ben Hubbard in der New York Times: "Wie viele syrische Professionelle war Asaad ein Mirtglied der herrschenden Baath-Partei. Das half ihm sicher, den Job zu bekommen, den er über jahrzehnte ausübte, aber seine intime Kenntnis der Stätte machte ihn für ausländische Forscher unentbehrlich. "Jeder, der in Palmyra forschen wollte, musste über Khalid al-Asaad gehen, sagt Amr al-Azm, ein syischer Professor der Geschcihte und Anthropologie des nahen Ostens an der Shawnee State University in Ohio. "Er war Mister Palmyra.""

Italiens Kulturminister Dario Franceschini besetzt den Chefposten der Uffizien erstmals mit einem Ausländer, dem Deutschen Eike Schmid, und verfährt bei anderen Museen ähnlich, um dem Bürokratismus dieser Instutionen etwas entgegenzusetzen, berichtet Regina Kerner in der FR. Der Widerstand der alten Mandarine ist groß: "Nicht wenige Kritiker werfen Franceschini vor, er wolle die Museen in Disneylands verwandeln. Andere bemängeln, er sei zu ausländerfreundlich. Der Kunsthistoriker Tomaso Montanari meckerte, die Liste der neuen Direktoren sei mittelmäßig, wirklich herausragende internationale Fachleute hätten sich gar nicht beworben." Einen Einwand lässt Kerner allerdings gelten: Mit der Geldknappheit werden auch die deutschen Chefs zu kämpfen haben.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.08.2015 - Kulturpolitik

Nach der taz fürchtet jetzt auch Thomas Brock in der NZZ um das Nationalmuseum von Bosnien-Herzegowina. Seit 2011 ist es für Besucher geschlossen; Pförtner, Gärtner, Wissenschaftler arbeiten seitdem ohne Gehalt: "Die Museums-Vizedirektorin Marica Filipovic ortet das Problem maßgeblich in der bosnischen Kulturpolitik: Man habe geklagt, um zu klären, wer für das Museum eigentlich verantwortlich sei, sagt die Ethnologin, ein Urteil stehe aus. Dem Museum fehle eine rechtliche Grundlage, denn das Abkommen von Dayton habe die Kulturhoheit auf die Landesregierungen, die Entitäten, übertragen und so auch die kulturelle Teilung des Landes zementiert... Offiziell, so Filipovic, gehe es um die Finanzierung, tatsächlich aber sei das Museum politisch nicht gewollt."

In der SZ fragt Jens Bisky, ob man zur Belebung des Berliner Kulturforums wirklich einen gigantischen Masterplan braucht, oder ob es nicht auch einfach ein bisschen Seele täte: "Inmitten der großartigen Kultureinrichtungen gibt es derzeit nur einen urbanen Ort: einen Imbiss mit ein paar Plastikstühlen. Dort trifft man ständig Leute, hier können sie ausruhen, Zeitung lesen, trinken, auf ihre Taschentelefone starren, flirten, meckern - was Städter eben so tun."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.08.2015 - Kulturpolitik

Im FR-Interview mit Arno Widmann erklärt Gereon Sievernich, Direktor des Berliner Martin-Gropius-Baus, sein einfaches, aber schlagendes Konzept: "Wir fügen die Welt, die draußen auseinanderfliegt und die sonst streng geteilt in Spartenmuseen ausgestellt wird, hier wieder zusammen. Ich meine, wir sind eine Art virtuelles Universalmuseum... Nichts, was menschliche Kreativität betrifft, ist mir fremd. Das wird eine sehr beeindruckende Ausstellung werden. Sie führt zurück an die Anfänge menschlicher Kunstausübung. Ich kann hier im Gropius-Bau zehntausend Jahre menschlicher Schöpferkraft zeigen. Wunderbar! Ein herrlicher Job!"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.08.2015 - Kulturpolitik

Im Protest von Georg Baselitz, Gerhard Richter und anderen Künstlern am geplanten Kulturgutschutzgesetz (mehr hier) zeigt sich, wie sich das Mäzenatentum in den letzten Jahren verändert hat, schreibt Brigitte Werneburg in der taz. Weil es ihnen heute nicht mehr um ein Geschenk an die Allgemeinheit im Sinne der Kunst geht, sondern um die Wertsteigerung ihrer Dauerleihgaben, seien heutige Mäzene vor allem "Anlagestrategen": "Als solchen muss ihnen ein Kulturgutschutzgesetz, das eine kulturelle Solidargemeinschaft kennt, unverständlich bleiben. Was freilich an der Tatsache nichts ändert, dass dieses Gesetz keinen Sammler und keinen Künstler auch nur kratzen müsste, gäbe es eine echte mäzenatische Kultur in Deutschland und ginge es den Sammlern und Künstlern nicht um Steuernachlässe und Renditen, sondern um die Allgemeinheit."

Im Tagesspiegel berichtet Christiane Peitz, dass Archäologen im Zuge der Novelle des Kulturgutschutzgesetzes eine bessere Dokumentation von importierten Objekten fordern. Und Experten fordern eine Prüfung der von den Ländern geführten Listen mit national wertvollen Kulturgütern, melden, ebenfalls im Tagesspiegel, Angie Pohlers und Alexandra Belopolsky.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.08.2015 - Kulturpolitik

Im Gespräch mit Jens Bisky (SZ) verteidigt Hermann Parzinger den Begriff des "shared heritage" gegen Mark Siemons" Kritik in der gestrigen FAZ (unser Resümee) und das Humboldt-Forum gegen den Vorwurf des Kolonialismus: "Es gibt keine einzige Rückforderung, die von staatlicher Stelle vorgetragen wird. Gäbe es sie, würden wir sie prüfen. Unsere Museen sind ja keine Trophäen-Sammlungen voller Raub- und Beutekunst, wie oft unterstellt wird. Als Universalmuseum bietet die Gesamtheit der Sammlungen der Stiftung vielmehr einzigartige Möglichkeiten, die gesamte Welt zu betrachten. Der transparente Umgang mit der Herkunft der Bestände gehört zur Präsentation dazu."